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Die Stimme in der Hochschullehre

Von Monika Drux

Gerade in der Lehre ist die Stimme das wichtigste Vermittlungsinstrument - Grund genug, ihr erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken, damit sie jederzeit ihre optimale Wirkung entfalten kann und vor allem nicht durch falschen Gebrauch Schaden nimmt.

Die Stimme in der Hochschullehre© juliaf - stock.xchng
Ringvorlesung in einem großen Hörsaal: Die Referentin trägt Beispiele aus der Praxis einer internationalen Wirtschaftskanzlei vor. Ihre Rhetorik ist brillant, der Vortrag gut strukturiert. Dennoch macht sich unter den Studenten der Rechtswissenschaft zunehmend Unbehagen breit. Denn die Stimme der Referentin klingt unangenehm hoch, kippt zuweilen ins Schrille. Sie selbst spürt eine zunehmende Enge und Trockenheit in ihrem Hals. Den Rest des Tages leidet sie unter Heiserkeit.

Szenenwechsel. Ein überfüllter Seminarraum am Romanischen Seminar. Der Dozent präsentiert den jungen Erstsemestern Basismodule der Neueren Französischen Literaturwissenschaft. Seine Ausführungen sind zwar interessant und anschaulich, doch leider spricht er ohne Mimik, mit monotoner, ausdrucksloser Stimme.

Auch öffnet er beim Reden kaum die Lippen, so dass einzelne Silben nur schwer verständlich sind. Deshalb findet sein Vortrag bei den Studenten nicht die Aufmerksamkeit, die er verdient hätte.

Zwei Situationen aus dem Hochschulalltag, die deutlich machen, welch entscheidende Rolle die Stimme als Vermittlungsinstrument einnimmt. Ein effizienter Stimmeinsatz, der die naturgemäß stark strapazierte Stimme des Dozenten schont, und darüber hinaus auch die Ohren der Zuhörer öffnet, könnte so aussehen: Der Dozent steht entspannt und locker aufgerichtet (mit oder ohne Mikrofon) vor seiner Zuhörerschaft, Haltung, Gestik und Mimik sind lebendig in Bewegung. Dabei trägt er seine Ausführungen mit deutlicher Artikulation vor, akzentuiert, moduliert. Seine Stimme tönt unangestrengt und selbstverständlich aus der ganzen Person, füllt mühelos den Raum. Intonation und Präsenz überzeugen vom ersten Moment an, der Wohlklang seiner Stimme schafft eine angenehme und motivierende Atmosphäre.

Stimmen wirken unbewusst

Stimmforscher wissen schon lange, dass die Stimme auf Kommunikationssituationen großen Einfluss hat. Der amerikanische Psychologe Albert Mehrabian hat beispielsweise bereits in den 1970er Jahren herausgefunden, dass die Wirkung einer vorgetragenen Botschaft zu 55 Prozent von der Körpersprache ausgeht, zu 38 Prozent von der Stimme und nur zu 7 Prozent von ihrem Inhalt. Auch wenn das nicht in dieser Gewichtung auf jede Redesituation übertragbar ist: Unbewusst reagieren wir alle auf Stimmeigenschaften und lassen uns beim Zuhören von der "Gestimmtheit" des Redners beeinflussen. Schon der römische Sprechlehrer Quintilian wusste, "dass ein mittelmäßiger Inhalt unter der Gewalt eines vollendeten Vortrags mehr Eindruck macht als der vollendetste Gedanke, bei dem der Vortrag mangelt". Und Kommunikationswissenschaftler Walter Sendlmeier von der TU Berlin betont, wie sehr die Stimme, unser wichtigstes Kommunikationsmerkmal, Aufschluss über die aktuelle Gefühlslage des Sprechenden gibt.

So lassen zum Beispiel Stress oder Nervosität die Stimme gepresster oder dünner klingen, weil sie den Atem verkürzen und einen Überdruck erzeugen, der einem sprichwörtlich "die Kehle zuschnürt": wie im Beispiel der oben erwähnten Jura-Referentin. Niedergeschlagenheit beispielsweise, oder auch mangelnde Präsenz, machen eine Stimme ausdruckslos, nehmen ihr Höhen und bremsen die lebendige Modulation. Denn die innere Stimmung wirkt sich auch auf die Haltung und die Spannung der Muskeln aus, die an der Stimmproduktion beteiligt sind.

Stimme und Persönlichkeit

Jede Stimme besitzt eine ureigene, jedoch auch veränderbare Ausstrahlung. Allerdings sind Stimmen nicht beliebig manipulierbar. Dennoch schöpfen nicht professionell geschulte Sprecher ihr individuelles Stimmpotenzial in der Regel nur zu höchstens 40 Prozent aus. "Die meisten Leute wissen gar nicht, wie sie wirken und dass sie daran etwas verändern können", weiß auch Marita Papst Weinschenk, Vorsitzende der Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung, "dabei gilt die Stimme schon seit der Antike als Ausdruck der Persönlichkeit, so dass sich immer die Frage stellt, ob eine Stimme zur Persönlichkeit und zum Selbstbild passt oder nicht." Das Wort "Persönlichkeit" kommt von "per sonare", durch-klingen, was sich im antiken Theater offenbar auf das Sprechen des Mimen durch die Maske bezog. Schon dieser etymologische Zusammenhang verweist darauf, wie eng Stimme und Ausstrahlung verbunden sind. Ein gutes Stimmtraining ist deshalb immer ganzheitlich ausgerichtet und umfasst auch Übungen zu Haltung, Atem, Artikulation und Präsenz. Erfolgreiche Redner setzen Mimik, Gestik und Körpersprache bewusst ein, modulieren zwischen hoch und tief, laut und leise, setzen Akzente, Pausen oder ein hörbares Lächeln ein.
Die natürliche Tonlage finden

Je trainierter und bewusster ein Sprecher im Umgang mit der eigenen Stimme ist, umso gezielter und stimmschonender kann er sie einsetzen - unabhängig von innerem Befinden. Ein professioneller Stimmtrainer hilft, zunächst den individuellen Eigen-Ton zu ermitteln: die natürliche Tonlage, in der jeder zu Hause ist. Diese ist idealerweise in der Nähe der sogenannten Indifferenzlage angesiedelt. Das ist beim einen höher, beim anderen tiefer. Eine Stimme kann sich optimal entfalten, wenn sie bis zu etwa einer Quint um diese Tonlage herum angesiedelt ist. Das klingt nicht nur entspannt und ungekünstelt, sondern schont auch die Stimmlippen.

Die Stimme optimieren

Eine wohlklingende Stimme tönt voll und ausdrucksstark, wenn der für die Stimmerzeugung so elementare Atem frei strömen kann. Das wiederum erfordert eine aufrechte, entspannte Körperhaltung. Keinesfalls sollte, wie beim Blick auf ein Manuskript, der Hals im Bereich des Kehlkopfes permanent abgeknickt werden. Eine richtige und gesunde Atemführung ist also das A und O eines effizienten Stimmgebrauchs. Genauso bedeutsam sind die körpereigenen Resonanzräume. Ist die Artikulation präzise, das heißt, wird sie ohne großen Muskelaufwand mit bestmöglichem Zungenanschlag und Lippenverschluss durchgeführt, dann können auch die Resonanzräume optimal genutzt werden. Erst wenn sie zum Einsatz kommen, tönt eine Stimme unangestrengt und raumfüllend aus dem ganzen Körper. Der Wohlklang der Stimme liegt dabei in der richtigen Balance zwischen den tieferen Brust- und den höheren Kopfresonanzen.

Oft reicht es schon, sich die eigenen Fehlhaltungen bewusst zu machen, wie eine falsche Atmung, ungünstige Tonlage, mangelnde Lippenaktivität, ungünstige Intonation oder ein falscher Gebrauch der Zunge.

Individuelles Stimmtraining

Eine professionelle Stimmdiagnose gibt Auskunft darüber, welches Potenzial in einer Stimme steckt. Mithilfe individuell angepasster Stimmübungen kann die eigene Stimmqualität optimiert werden. Patentrezepte gibt es nicht. Wer jedoch regelmäßig übt und seine Stimmproduktion auf ein ganzheitliches Fundament stellt, kann schon nach etwa drei Monaten mit ersten hörbaren Erfolgsergebnissen rechnen.



Weiterführende Literatur
Waibel, J. (2000): Ich Stimme. Das Stimmhaus-Konzept für die Balance von Stimme und Persönlichkeit. Köln: Edition Humanistische Psychologie.

Amon, I. (2004): Die Macht der Stimme. Persönlichkeit durch Klang, Volumen und Dynamik. Frankfurt: Redline Wirtschaft.

Eckert, H. & Laver, J. (1994): Menschen und ihre Stimmen. Weinheim: Beltz.

Nollmeyer, O. (1998): Die eigene Stimme entfalten. München: Kösel.

Scherer, T.M. (2000): Stimme, Emotion und Psyche. Untersuchungen zur emotionalen Qualität der menschlichen Stimme. Frankfurt am Main: T.M.Scherer (Diss).

www.studio-drux.de»

Deutsche Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung e.V.

www.dgss.de» (mit Trainerlisten)


Über den Autor
Monika Drux war viele Jahre lang im In- und Ausland als Solistin für Oper und Konzert tätig. Daneben arbeitete sie auch bereits als Dozentin für Stimmbildung in den Sparten Gesang und Sprechen sowie als Atemtherapeutin. Seit 2004 betreibt sie ein eigenes Studio für Stimmbildung in Lohmar.

Aus Forschung und Lehre :: Januar 2008

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