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Die Uni bin ich!

Von Martin Spiewak

Was der Erfolg der Freien Universität Berlin mit ihrem Präsidenten Dieter Lenzen zu tun hat.

Die Uni bin ich!© David AusserhoferProf. Dr. Dieter Lenzen, Präsident der FU Berlin
Der taubenblaue Anzug ist hochgeschlossen, darunter lugt ein blütenweißes Hemd mit Stehkragen, aber ohne Schlips hervor. So ähnlich kleideten sich früher chinesische Volksführer. Heute ist der Aufzug bei iranischen Mullahs beliebt, um sich vom westlichen Kleidungsstil abzugrenzen. Auch Dieter Lenzen fällt gern aus der Reihe. Hochgewachsen und kahlköpfig, an der einen Hand ein Siegelring: Der Präsident der Freien Universität Berlin ist eine Erscheinung, die auffällt; und kein anderer deutscher Hochschulchef versieht seinen Job so wie er.

Lenzen ist kein Gelehrter mit Amtskette, kein Moderator professoraler Befindlichkeiten. Der FU-Präsident verkörpert den neuen Typus des Hochschulmanagers; er hat keine Scheu vor der Wirtschaft und drängt in die Öffentlichkeit, er ist experimentierfreudig und durchsetzungsstark - nicht wenige sagen autoritär. Im Grunde versteht der Sohn eines Offiziers sein Amt als Kampfeinsatz: gegen die Konkurrenz in Stadt und Land, gegen vermeintliche und echte Zumutungen der Politik, für den Erfolg seiner Universität - und für sich selbst. An diesem Tag gilt es erneut, einen Sieg zu feiern. Ein strategisches Feld wurde besetzt, ein starker Partner gefunden. Forschungsministerin Annette Schavan preist seine »Pionierleistung«, Berlins Bildungssenator Zöllner nennt ihn einen »Vordenker«. Sie sind gekommen, um die Deutsche Universität für Weiterbildung zu eröffnen, eine kommerzielle FU-Tochter. Mit solcher Art berufsbegleitender Fortbildung haben bisher viele Hochschulen vergeblich versucht, Geld zu verdienen. Die FU könnte die erste sein, der es, im Verbund mit dem privaten Klett-Konzern, gelingt. Ihr Präsident strahlt und hält die launigste Rede. Dieter Lenzen, 61, Professor für Erziehungswissenschaft, seit sechs Jahren an der Spitze der größten Berliner Universität, hat in jüngster Zeit viel Grund zur Freude. Am Tag zuvor hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft ihr Förderranking veröffentlicht, den wichtigsten Gradmesser für die wissenschaftliche Potenz einer Universität. Keine andere große Universität hat einen solchen Sprung gemacht wie die FU. Bei den Geisteswissenschaften belegt sie den Spitzenplatz.

Gleichzeitig schwächelt der ewige Lokalrivale, die Humboldt-Universität (HU). Ihr Präsident, der als Hoffnungsträger angetretene Theologe Christoph Markschies, will nach nur einer Amtszeit nicht mehr weitermachen. Für die HU ist das ein schwerer Schlag. Führungslos droht sie der nächsten Runde des Exzellenzwettbewerbs entgegenzutaumeln und, wie schon beim letzten Mal, das Eliteprädikat erneut zu verpassen. Humboldt am Boden, die FU im Dauerglanz - wer hätte das prophezeit? Es war die HU, die alte Traditionshochschule Unter den Linden, die nach der Wende zur wichtigsten Universität Berlins aufsteigen sollte. Abermillionen flossen nach Berlin- Mitte, bekannte Forscher aus ganz Deutschland zog es an die HU-Seminare. »Aufbau Ost, Abbau West« lautete die Devise, nach der die Freie Universität im Westteil der Stadt regelrecht halbiert wurde: Von über 60 000 Studenten blieben 32 000, von rund 800 Professoren knapp 400. In der Rückschau kommt Lenzen der Ressourcenverlust wie ein Segen vor. Was andere Hochschulen mühsam lernen mussten -, Schwerpunkte zu setzen, Profile auszubilden - wurde der FU förmlich aufgezwungen. »Wir mussten uns auf unsere Stärken besinnen«, sagt Lenzen, Stärken wie die Geisteswissenschaften etwa oder die internationale Ausrichtung der Universität.

Anfang der neunziger Jahre freilich dachten viele, das Ende der FU stünde kurz bevor. Alles sprach für Humboldt - der Name, die Lage, die Geschichte. Die Freie Universität dagegen, nach dem Krieg gegründet von den Amerikanern, in den sechziger Jahren das Epizentrum der Studentenbewegung, wurde zum Inbegriff akademischer Verwahrlosung und linker Leistungsverweigerung. Streiks lähmten den Betrieb, die Gebäude gammelten vor sich hin. Lenzen selbst erinnert sich noch gut an sein erstes Seminar, als er, aus dem biederen Münster kommend, eine Lektüreliste mit französischen Titeln verteilte. Da meldete sich ein Mitarbeiter der Hochschuldidaktik. Der Professor möge die Studenten nicht mit fremdsprachigen Texten überfordern, er müsse den Kanon überarbeiten. Lang ist das her, genau 32 Jahre. Lenzen erzählt die Geschichte gern, um den Gegensatz zur Gegenwart zu markieren. Heute darf sich die FU, anders als die HU, Exzellenzuniversität nennen. Streift man über den Campus, stößt man auf schmucke Gebäude: den mit Millionengeldern renovierten Henry- Ford-Bau, die grandiose, von Norman Foster konzipierte Bibliothek, ein neues Tagungshotel mit Faculty Club. Selbst die »Rostlaube«, einst architektonische Metapher für den Niedergang der Universität, glänzt in anderem Licht. Im Innern findet sich kaum ein Schnipsel Papier auf dem roten Teppich. Statt von Streiks oder Etatkürzungen berichten die Berliner Zeitungen nun von großen Namen, welche die FU beehren. Mit Geschick und Kalkül bindet Lenzen sie an seine Universität. Desmond Tutu erhält einen Freiheitspreis, der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk die Ehrendoktorwürde. Von diesem Semester an wird Bildungsministerin Schavan als neue Honorarprofessorin theologische Vorlesungen halten. Stets knüpft Lenzen neue Verbindungen. Industrievertreter lädt er in den Goldenen Saal, wo sie im kleinen Kreis den Erkenntnissen ausgewählter Forscher lauschen dürfen. Alle zwei Wochen lädt der Präsident Professoren und Politiker, Manager und Journalisten in seinem Privathaus zu einem Essen ein. Sein stetes Suchen nach Nähe zu den Reichen und Mächtigen ist so ausgeprägt, stößt manchem sauer auf. »Wenn man sich mit ihm unterhält, schaut er immer, ob es noch jemand Wichtigeres im Raum gibt«, erzählt ein Kenner der Berliner Wissenschaftsszene.
Nun ist die neue FU keine Schöpfung von Dieter Lenzen. Schon unter seinen Vorgängern öffnete sich die Universität nach außen, schwand die alte Abneigung der Professoren gegen Drittmittelforschung, wurde die Universitätsverfassung hierarchischer. Lenzen jedoch hat die Entwicklung zu einer straff geführten Wissensorganisation auf die Spitze getrieben. Er hat Strukturen geschaffen, die auf den Präsidenten zugeschnitten sind, lässt sich von einem Exzellenzrat aus herausgehobenen Professoren beraten. Bald nach seinem Amtsantritt installierte er weitsichtig ein Zentrum, das Wissenschaftler zu Forschungsverbünden vereint - bevor klar war, dass solche Cluster im Elitewettbewerb prämiert würden. Heute gibt es, neben der TU München, keine andere deutsche Universität, die so stark von ihrem Präsidenten geprägt ist wie die FU und ihm so viel verdankt.

Durchsetzen konnte sich Lenzen schon immer. Mit 28 Jahren wurde er zum Professor berufen, als einer der jüngsten im Land. Als Erziehungswissenschaftler gab er eine vielbändige Enzyklopädie seines Fachs heraus, so etwas braucht Autorität und einen langen Atem. Als Präsident hat er ein Gespür für gute Mitarbeiter - nur widersprechen sollten sie ihm nicht allzu oft. Dafür lobten die Gutachter im Exzellenzwettbewerb den »beeindruckenden Teamgeist« der Führungstruppe. Lenzen schaffte es, einem großen Teil der FU-Angehörigen ein neues Wirgefühl einzuimpfen. Schon bei einem seiner ersten Auftritte als Präsident erklärte er seinen Zuhörern im Audimax: »Wir sind die Besten!« Dabei appelliert er häufig unterschwellig an das Untergangstrauma der Vergangenheit: Wenn ihr mir nicht folgt, machen sie uns wieder platt. Auch Lenzen selbst scheint aus den Demütigungen von einst bis heute Kraft zu saugen: »Die Universität wurde grob behandelt. Das hat mich empört.« Heute haben viele außerhalb der FU den Eindruck, dass sich das Verhältnis umgekehrt hat: dass es die FU ist oder besser Lenzen selbst, der keine Fairness kennt. Machthungrig, berechnend, rücksichtslos - das sind die harmloseren Zuschreibungen, die folgen, wenn man in Berliner Wissenschaftskreisen seinen Namen erwähnt. Lenzen kämpfte an vorderster Front gegen die Einstein- Stif tung von Bildungssenator Zöllner. Die Charité, die vor sechs Jahren die Medizinfakultäten von FU und HU vereinte, möchte er am liebsten wieder zerschlagen. Auf den Vorwurf, er lasse sich nicht einbinden, mache Deals zulasten Dritter, entgegnet Lenzen, er sei als Präsident nur der FU verantwortlich und sonst niemandem. Und: »Ich wundere mich immer wieder, wie viel Angst Wissenschaftler vor Politikern haben.« Er jedenfalls hat sie nicht.

Gefährlich könnte ihm zurzeit ohnehin nur der Widerstand im eigenen Haus werden. Damit ist nicht jener »Dieter Lenzen Fanclub - Fanclub of Excellence« gemeint, in dem sich Studenten im Internet über den Präsidenten lustig machen. Vielmehr regt sich auch unter Professoren zunehmend Kritik. Nicht wenige fühlen sich entfremdet, fürchten eine Spaltung zwischen dem mit Geld und Aufmerksamkeit bedachten Exzellenzadel unter den Forschern und dem Rest der Universität. »Wenn der Präsident nicht die Vielfalt der Universität im Auge behält, gibt es Probleme«, warnt der Politologe Hajo Funke, Vertreter der Linksliberalen im Akademischen Senat.

Hat er Fehler gemacht? Lenzen zögert und antwortet etwas umständlich: »Ich wünschte mir, ich hätte die Befindlichkeiten von einzelnen Individuen in der Universität stärker wahrgenommen.« Vielleicht hilft ihm ja der Sinnspruch, den er täglich in seinem Büro liest. An der Wand gegenüber dem Schreibtisch hängt für jedes Jahr seiner Präsidentschaft eine Sentenz. 2009 steht ganz im Zeichen der Bescheidenheit: »Indem wir einander dienen, werden wir frei«.

Aus DIE ZEIT :: 17.09.2009

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