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Die Uni brennt

Von Joachim Riedl

In Österreich revoltieren die Studenten, aber ihre Forderungen sind unrealistisch.

Die Uni brennt© Albert Campbell - iStockphoto.com
Party, Krawall, Protest, Demoklamauk und ein milder Hauch anarchischer Lebensfreude - von allem ein bisschen ist in der vergangenen Woche in die österreichischen Hochschulen eingezogen. Ein spontaner Aufstand, nur lose über virtuelle Netzwerke miteinander verknüpft, aber allgegenwärtig in den Fernsehnachrichten.

In nahezu allen Universitätsstädten halten Studenten Hörsäle besetzt und tapezieren sie mit frechen Parolen. Überall debattieren basisdemokratische Plenen in Permanenz. Es ist, als hätte sich ein Teach-in von anno dazumal in das Internetzeitalter verirrt: Alles wird via Livestream übertragen. Abends gibt es Musik und Kino, oder die Uni-Rebellen gehen auf die Straße und machen ihren Unmut darüber Luft, dass die Bedingungen, unter denen sie sich akademische Weihen erwerben sollen, untragbar geworden seien. Sogar Professoren und Gewerkschafter solidarisieren sich mit ihren Forderungen: Sie verlangen ein weit geöffnetes Hochschulsystem, in dem es weder Zugangsbeschränkungen noch Studiengebühren geben dürfe. Dass niemand ihre romantische Wunschliste wird erfüllen können, hindert sie nicht daran, immer neue Punkte hinzuzufügen. Einen ersten Etappensieg errang die akademische Revolte dennoch. Nachdem er zunächst versucht hatte, die Revolte auszusitzen, machte der Wissenschaftsminister am Freitag vergangener Woche 34 Millionen Euro aus seiner Budgetreserve locker. Das ist freilich nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein.

Die österreichischen Universitäten platzen aus allen Nähten und sind ihren Aufgaben schlicht nicht mehr gewachsen. Jahrzehntelang waren sie stiefmütterlich behandelt und finanziell ausgehungert worden. In jeder Regierung stießen die Klagen aus Rektoraten und Dekanaten auf taube Ohren. Der Kollaps war hingegen absehbar. Nach 2001 ist die Zahl der Hörer explodiert, im Herbst überschritt sie erstmals 300 000 Studierende. Als der akademische Nachwuchs nun zu Beginn des Wintersemesters zurück in die Hörsäle strömte, erlebte er, dass viele Kommilitonen bei den Massenvorlesungen häufig nur mehr in einem hinteren Winkel Platz fanden. Für die überfüllten Lehrräume sollten zunächst Studenten aus Deutschland - "Numerus-clausus-Flüchtlinge" nennen sie die Politiker - als Sündenbock herhalten, obwohl deren Anteil lediglich knapp sechs Prozent beträgt. Dann wurden restriktive Maßnahmen als Notbehelf angedroht. Das brachte das Fass zum Überlaufen. Aus der spontanen Aktion einiger Wiener Kunststudenten entwickelte sich binnen Tagen eine landesweite Protestwelle und überrollte die Politiker, die weiterhin ratlos den Problemen gegenüberstehen. Außer jetzt an einen Runden Tisch zu bitten, sind sie bislang kaum mit Ideen hervorgetreten.

Aus DIE ZEIT :: 05.11.2009

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