Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Die Verzinsung der Mediävistik

Von Rüdiger Görner

Großbritannien wird nach den USA immer wieder als Referenzpunkt für die deutschen Universitäten genannt. Wie bei dem "Vorbild USA" hat man dabei auch hier meist die Elite-Universitäten vor Augen. Ein genauer Blick zeigt, wie sehr das britische System derzeit nahezu ausschließlich ökonomisch betrachtet wird. Dies gilt besonders für die Geisteswissenschaften und treibt dort seltsame Blüten.

Die Verzinsung der Mediävistik© Ralf Siemieniec - iStockphoto.com
Es gab einmal ein Ministerium in Whitehall. Das nannte sich stolz: Department for Innovation, Universities and Skills (DIUS). Seine Lebensdauer reichte von Juni 2007 bis Juni 2009. Dann war es in der Regierung Brown um den Platz der Universitäten am Kabinettstisch auch schon geschehen. Sie sind nun dem Department of Business, Innovation and Skills (DBIS) unterstellt worden, ohne dass sie namentlich noch Erwähnung fänden. Es gibt zwar noch einen Staatssekretär für "Science", dem aber kein besonders ausgeprägter Sinn für geisteswissenschaftliche Belange nachgesagt wird, eher für die Pharmaindustrie und Rennwagen.

Überhaupt geht es bis zu den Wahlen im kommenden Jahr nur um die Frage, wie die offenbar noch vorhandenen 750 Millionen Pfund im Bereich Unterstützung für "Innovation" verteilt werden sollen. An mehr Strategie ist derzeit nicht zu denken in Whitehalls politisch völlig verfahrener Lage seit der letzten und schwersten Parlaments- und Regierungskrise, die das Land zusätzlich zur Weltfinanzkrise bis ins Mark erschüttert hat. Die Haushalte der Universitäten werden mit scharfen Kürzungen rechnen müssen. Derweil wird der Geist der Universität in Großbritannien vollends zum Gespenst, so eindrucksvoll nach wie vor die Leistungen sind, zu denen britische Geisteswissenschaftler trotz widriger Umstände noch fähig sind.

Wer sich für britisch-deutsche Hochschulbeziehungen interessiert (man sollte es mehr denn je - vor allem jene, die oft ohne Kenntnis für eine Übernahme des angelsächsischen Modells in deutschen Landen plädiert hatten und inzwischen auffallend kleinlaut geworden sind), der findet jetzt genügend Stoff zum Nachdenken über den Nutzen bloßen Effizienzdenkens.

Ganz gleich welcher politischen Seite man zuneigt, allein die Tatsache, dass die Bundesregierung beschlossen hat, zwischen 2011 und 2015 zusätzlich 18 Milliarden Euro an Innovations- und Forschungsmitteln für die Universitäten und Forschungsinstitute bereitzustellen, grenzt aus britischer Sicht ans Märchenhafte. Hier zeigt sich einmal mehr, dass es in der Berliner Republik gerade in ökonomischen Krisenzeiten ein mittel- und langfristiges Denken in Sachen Hochschulpolitik gibt, das auf den Britischen Inseln nicht einmal mehr ansatzweise zu finden ist. Was es in deutschen Universitäten allein im Bereich geisteswissenschaftlicher Forschung an neuen, vorbildlich verwalteten Zentren gibt - von Freiburg bis Köln, von Gießen bis Rostock -, ist in Großbritannien nicht mehr vorstellbar. Die neben dem Leverhulme Trust wichtigste Einrichtung für die Geisteswissenschaften in Großbritannien, das Arts & Humanities Research Council (AHRC), sieht sich gezwungen, Mängelverwaltung zu betreiben.

Vor Jahr und Tag hatte auch dieses Council sich darin versucht, Centres of Excellence aufzubauen, dann aber bemerkt, dass deren weitere Finanzierung die anderen Programme ernstlich gefährden würde. Es blieb nur noch die Abwicklung der schon bestehenden Zentren übrig. An eine Weiterführung oder Neuauflage dieser Initiative war nicht mehr zu denken.
Pünktlich zur Einverleibung der Universitäten in das Wirtschaftsministerium lieferte das AHRC seinen Selbstrechtfertigungsbericht über die ökonomische Bedeutung der Geisteswissenschaften im Vereinigten Königreich. Vorsichtshalber hatte man den Bericht "Leading the World" überschrieben. Man mag das angesichts der realen Verhältnisse komisch oder rührend finden, hilflos oder peinlich. Zum Thema "Bedeutung der Fremdsprachenphilologien" finden sich ganze vier Zeilen in diesem Bericht, was angesichts der verzweifelten Notrufe, welche die British Academy dieser Tage in Richtung Whitehall ergehen ließ, fahrlässig genannt werden muss. Die British Academy hatte darauf hingewiesen, der Mangel an Unterstützung für die Fremdsprachenphilologien werde dazu führen, dass viele Forscher nicht mehr in der Lage sind, die nichtenglische Literatur - es gibt sie! - ihrer jeweiligen Disziplinen wahrzunehmen. Oder nehmen wir das Antragswesen: Jeder Antrag beim AHRC muss inzwischen mit einer ausführlichen Darstellung der gesamtgesellschaftlichen und ökonomischen Wirkung ("impact factor") des Forschungsprojekts versehen sein.

Was die Stunde geschlagen hat, wurde spätestens dann deutlich, als man sich zur Präsentation dieses Berichts in der Royal Institution zahlreich und erwartungsvoll eingestellt hatte und einer der Mitverfasser triumphierend darauf verwies, welche ökonomische Bedeutung doch Tolkiens "Herr der Ringe" inzwischen erlangt habe. Als Mediävist, einer "von uns Geisteswissenschaftlern", habe Tolkien aus Wissen für die Nachwelt Kapital geschlagen. Wie tief müssen wir gesunken sein, dass wir, die wir an jenem Platz standen, an dem einst Samuel Taylor Coleridge vor der Londoner Geisteselite Vorlesungen gehalten hatte, diesem gutgemeinten, aber völlig schiefen Rechtfertigungsversuch Beifall spendeten? Der Gespenst gewordene Geist der "Humanities" wird uns dafür noch schallende Ohrfeigen erteilen.

"The Idea of a University" - eine Erinnerung

Vielleicht ist es an der Zeit, an das Beispiel eines würdigeren Umgangs mit dem Thema Universitäten auf den britischen Inseln zu erinnern, nämlich an Cardinal John Henry Newmans Schrift The Idea of a University (1852), in der er seine Vorstellung einer integrativen Wissenskonzeption vorgestellt hatte. Damit meinte er die grundsätzliche Einheit oder eher Verflochtenheit von Wissen in den einzelnen Spezialbereichen. Newman erörterte das Wissen im Verhältnis zur Lehre, aber auch zur beruflichen Ausbildung, in erster Linie aber zu sich selbst; und das bedeutete für ihn "cultivation of the intellect". Gerade diese Aufgabe wies er den "arts & humanities" zu, die er für intellektuelle Grundlagenwissenschaften hielt.

Es bedarf dringend einer neuen Selbstverständigung dessen, was die Universität als universitas sein und werden kann. Schon allein deswegen wären die "humanities" als Orientierungswissenschaften im heutigen Britannien gefragter denn je. Stattdessen plagt man sich mit der Frage, wie "excellence" und "impact" zu definieren sei und weiß nicht, wie man den Unterschied zwischen "world class" und "international führend" (es war das bizarrste Kriterium beim letzten Research Assessment Exercise!) plausibel machen soll.
"Wissenswelten verbinden", so lautet das Motto der zukunftsträchtigen "Initiative Außenwissenschaftspolitik", wie sie im Januar 2009 in Berlin vorgestellt worden ist. Ein vergleichbares Projekt ist in Britannien nicht einmal in Ansätzen erkennbar. Doch kann ein solches Projekt nur dann langfristig sinnstiftend wirken, wenn der komplexe durch die Geistes-und Sozialwissenschaften erforschbare Bereich des Kulturtransfers und Kommunikationstheorie nicht nur "begleitend" zugelassen ist, sondern integraler Bestandteil dieses Projekts ist und bleibt.

Um nicht missverstanden zu werden: die Wissenschaften (auch die "humanities") sowie die National-und Globalökonomie können gar nicht anders als zu versuchen, einander intensiver kennenzulernen. Zeigt nicht die gegenwärtige ökonomische Vertrauenskrise, dass Kenntnisse in Ethik und ein kritisches Denkvermögen einem Investmentbanker durchaus von Nutzen sein können. Zugespitzter formuliert: der homo oeconomicus Adam Smithscher Prägung ist genauso fragwürdig geworden wie der scheinautonome auktoriale Erzähler. Angesichts der exponential wachsenden Komplexität der Welt, Lebens-und Wissensverhältnisse sind sie beide erblasst. Einsichten in Zusammenhänge sind gefragt wie auch das Vermögen, Risse und Bruchstellen in unseren gesellschaftlichen Formationen und die Zeichen der Zeit lesen zu können. Den "Nutzen" der Geistes-und Sozialwissenschaften für "das Leben" braucht man nicht an den Haaren herbeiziehen. Er liegt auf der Hand, wenn man sich beispielsweise das umfassende Projekt "City life" des Soziologen Richard Sennett vor Augen führt. In den letzten Monaten hate er zahllose Interviews mit arbeitslosen Wall Street "Opfern" geführt hinsichtlich des Wandels ihrer unter dem Eindruck des "Crash" gewandelten sozialen Einstellung. Seine Befunde laufen auf die poetische Formel Rilkes zu: "Du mußt dein Leben ändern." Man nennt das inzwischen Krisenfolgeforschung. Das kritische Wissen verzinst sich allemal am sichersten.

Aus Forschung und Lehre :: August 2009

Ausgewählte Stellenangebote