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Die Zukunft liegt auf dem Acker

Das Gespräch führte Andreas Sentker

Wir werden die grüne Gentechnik brauchen, sagt BASF-Vorstand Stefan Marcinowski - für eine wachsende Weltbevölkerung und die Energieversorgung.

Die Zukunft liegt auf dem Acker: Grüne Gentechnik© BASFDr. Stefan Marcinowski, Vorstandsmitglied BASF
DIE ZEIT: Die gentechnisch veränderte Kartoffel Amflora steht möglicherweise kurz vor der EU-Zulassung in Brüssel. Doch die Kommission hat den Termin bereits zweimal verschoben, zuletzt auf den 31. März. Glauben Sie, dass der Termin diesmal eingehalten wird?

STEFAN MARCINOWSKI: Aller guten Dinge sind drei. Nach allem, was wir wissen, sollte der Termin einhaltbar sein. Aber ich glaube erst daran, wenn das Gutachten tatsächlich vorliegt.

ZEIT: Die Kommission muss aber nicht zwangsläufig zustimmen, auch wenn das Gutachten der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde Efsa der Kartoffel Unbedenklichkeit bescheinigt.

MARCINOWSKI: Nachdem es im vergangenen Frühjahr keine qualifizierte Mehrheit für oder gegen die Zulassung gegeben hat, liegt die Entscheidung auf dem Schreibtisch des zuständigen Kommissars Stavros Dimas. Er ist autorisiert, die Zulassung zu erteilen oder bei Zweifeln, ob wissenschaftlich begründet oder nicht, ein erneutes Begutachtungsverfahren einzuleiten.

Von diesem Recht hat er Gebrauch gemacht. Schon im vergangenen Mai hat die Kommission allerdings versichert, sie wolle ihre Entscheidungen weiterhin auf die Wissenschaft stützen und vertraue der hohen Qualität der wissenschaftlichen Beratung durch die Efsa.

ZEIT: Aber gerade diese Qualität wird von Gentechnikkritikern bezweifelt.

MARCINOWSKI: Mich stört, dass aus politischen Kreisen schon Zweifel an der Kompetenz und Professionalität der Efsa gestreut wurden, bevor sie überhaupt zum ersten Mal den von der EU definierten Zulassungsprozess für eine gentechnisch veränderte Pflanze durchlaufen hatte. Es gibt bisher erst eine in Europa zum Anbau zugelassene Pflanze, das ist der Monsanto-Mais Mon810, in den USA sind 70 Pflanzen zugelassen.

ZEIT: Die Amflora ist also mehr als eine Kartoffel.

MARCINOWSKI: Sie ist der Lackmustest, wie es in Deutschland und Europa um die Zukunft der grünen Gentechnik bestellt ist.

ZEIT: Offenbar nicht gut. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hat im Kreis der 27 EU-Umweltminister dagegen gestimmt, Öster reich und Ungarn zu zwingen, ihr Anbauverbot für Mon810 aufzuheben.

MARCINOWSKI: Ja, er hat dabei erstaunlich nationalistische und protektionistische Argumente ins Feld geführt: Es sei nicht die Aufgabe Europas, ein amerikanisches Gentech-Unternehmen zu unterstützen. Diese Argumente gelten alle für die Kartoffel nicht. Es ist ein Produkt, das von der europäischen Stär ke indus trie gewünscht wird. Es ist ein Produkt, das in Europa entwickelt worden ist. Und es soll in Europa zum Einsatz kommen.

ZEIT: Auch Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner spricht sich neuerdings gegen Gentechnik aus. Der bayerische CSU-Umweltminister Markus Söder will ganz Bayern zur gentechnikfreien Zone erklären. Nicht nur Österreich und Ungarn, sondern auch Griechenland und Frankreich haben den Anbau von Mon810 untersagt. Haben Sie das Gefühl, dass sich die Stimmung verstärkt gegen die grüne Gentechnik wendet?

MARCINOWSKI: Wenn Sie in die Archive gehen und nachlesen, was Frau Aigner über Gentechnik gesagt hat, als sie noch im forschungspolitischen Ausschuss saß, finden Sie eine viel positivere Einstellung. Auch als im vergangenen Jahr die Nahrungsmittelpreise stiegen und die Tortilla-Krise Mexiko, Haiti und andere Regionen in Aufruhr versetzte, haben wir eher positive Einstellungen zur Gentechnik registriert. Jetzt kommen viele alte Argumente ins Spiel, darunter leider auch viele Argumente, die, wissenschaftlich betrachtet, schlicht falsch sind.

ZEIT: Zum Beispiel?

MARCINOWSKI: Beate Jessel, die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, hat wie viele andere eine österreichische Studie zitiert, nach der mit Genmais gefütterte Mäuse in der dritten Generation weniger fruchtbar sind. Dabei ist bekannt, dass diese Studie handwerklich falsch angelegt war. Dennoch wird sie munter weiter verbreitet. So werden Angst und Misstrauen geschürt. Gleichzeitig untergräbt die Verbreitung falscher wissenschaftlicher Daten die Autorität der europäischen Zulassungsbehörde Efsa. Die soll offenbar falsche Argumente so lange prüfen, bis das politisch gewünschte Ergebnis herauskommt. Auch aus der Efsa hören wir Klagen über Versuche der politischen Einflussnahme auf das Ergebnis des wissenschaftlichen Begutachtungsverfahrens.

ZEIT: Es scheint so, als seien manche Politiker in Nichtwahlkampfzeiten wirtschaftlichen und wissen schaftlichen Argumenten gegenüber aufge schlossen, in Wahlkampfzeiten hingegen nicht.

MARCINOWSKI: Die grüne Gentechnik wird zum Spielball der politischen Kräfte, solange sie dem Konsumenten gegenüber ihren Nutzen nicht direkt nachweisen kann. Der Verbraucher steht vor übervollen Lebensmittelregalen und kann zwischen grün und rot verpacktem Müsli wählen. Er empfindet keine Lücke zwischen Angebot und Nachfrage, die die Gentechnik füllen müsste.

ZEIT: Wozu brauchen wir sie dann?

MARCINOWSKI: Es gibt die Lücke, und sie wird immer größer. Die Menschheit wird auf neun Milliarden anwachsen. Schon jetzt nutzen wir über 70 Prozent des Trinkwassers in der Landwirtschaft. Wir essen mehr Wasser, als wir trinken. Wir brauchen mehr erneuerbare, biobasierte Energie. All das ist nur mit einem Mehr an agrarischer Produktivität zu bewältigen. Die Kombination aus Züchtung, Düngemitteln, Ausweitung der genutzten Landfläche und Ackerbautechniken hat uns in den vergangenen zwanzig Jahren eine durchschnittliche Produktivitätssteigerung um 1,6 Prozent pro Jahr gebracht.

ZEIT: Und das reicht nicht mehr aus?

MARCINOWSKI: Wenn ich mir die Megatrends der Bevölkerungsentwicklung, der Nahrungsversorgung, der Energieversorgung ansehe, müssen wir die landwirtschaftliche Produktivität in den nächsten 20 bis 30 Jahren verdoppeln, dann reichen 1,6 Prozent Zuwachs nicht mehr aus. Die Landfläche lässt sich nicht beliebig ausweiten, wir brauchen eine neue grüne Revolution. Darum ist es so verhängnisvoll, wenn wir in Zeiten des scheinbaren Überflusses die grüne Gentechnik diskreditieren. Die Geister, die wir da rufen, werden wir so schnell nicht wieder los.

ZEIT: Die Kunden in Deutschland wollen offenbar keine Gentechnik im Nahrungsmittelregal.

MARCINOWSKI: Wenn man ihnen einredet, wie gefährlich das sei und dass es gleichzeitig keinen sichtbaren Nutzen für sie gebe, wird sich diese Abneigung noch verstärken.

ZEIT: Aber bei den bisherigen Produkten ist der Nutzen für den Verbraucher tatsächlich kaum sichtbar.

MARCINOWSKI: Die Produkte werden kommen. Öle mit wertvollen Inhaltsstoffen, krankheitsresistente Kartoffeln, die nicht mit Pilzgiften belastet sind. Das sind wissenschaftlich höchst anspruchsvolle Produkte, die nicht nur ein Gen für ein Enzym eingebaut bekommen haben. Darum dauert auch die Entwicklung länger, wenn sie ganze Stoffwechselketten in Pflanzen einbauen müssen. BASF hat in den vergangenen zehn Jahren eine Milliarde Euro in die Pflanzenbiotechnologie investiert und hat bisher keine signifikanten Rückflüsse aus diesem Bereich. Wir sind uns darüber im Klaren, dass wir einen langen Atem brauchen.

ZEIT: Gegen die gentechnisch basierte Insulinproduktion in Deutschland hat es heftige Proteste gegeben. Der Markt hat sich weltweit entwickelt - aber eben nicht in Deutschland. Sehen Sie für die grüne Gentechnik ein ähnliches Schicksal?

MARCINOWSKI: Es gibt überhaupt keinen Zweifel daran, dass diese Technologie ihren Weg gehen wird. Vor elf Jahren gab es noch keinen Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen, 2008 wuchsen sie auf 125 Millionen Hektar, das ist mehr Ackerfläche, als wir in Europa haben. Der Markt wächst seit Jahren überproportional und zweistellig, vor allem in Nord- und Südamerika und in Asien. Während wir uns hauptsächlich damit beschäftigt haben, zunächst einmal ausführlich die möglichen Risiken zu erforschen, haben andere die Märkte erobert. Auf diese Weise hat Deutschland damals auch das Prädikat verloren, die Apotheke der Welt zu sein.

ZEIT: Monsanto, das weltweit führende Unternehmen auf dem Feld der grünen Gentechnik, gilt vielen als das industrialisierte Böse, als rücksichtsloser Monopolist.

MARCINOWSKI: Der Streit ist sehr emotional aufgeladen. Das trifft nicht nur Unternehmen wie Monsanto, mit denen wir eine sehr erfolgreiche Forschungskooperation haben, sondern auch einzelne Forscher und Verantwortliche in Unternehmen sowie ihre Familienangehörigen, die sich persönlichen Angriffen ausgesetzt sehen.

ZEIT: Woher rührt diese Emotion?

MARCINOWSKI: Wenn Lehrer ihre Schüler zur Wallfahrt auf besetzte Felder führen, um ihnen die Tugend bürgerlichen Ungehorsams vorzuführen, wenn militante Feldzerstörungen kaum geahndet werden, bringt diese Gesellschaft ganz offenbar nicht die wissenschaftliche, die politische und die moralische Kraft auf, hier einen sachlichen Diskurs zu führen. Wir befördern doch gerade die von den Kritikern beklagte Vorherrschaft weniger Unternehmen und die Abhängigkeit von ihrem Saatgut, wenn wir uns in Europa dieser Entwicklung prinzipiell verschließen. Wer keinen Wettbewerb zulässt, fördert die Monopolbildung.

ZEIT: Aber die Konkurrenz aus Amerika und Asien droht uns auch wissenschaftlich zu überholen.

MARCINOWSKI: Hier in Europa, in Gent und in Köln, sind die wissenschaftlichen Grundlagen für die Industrialisierung der grünen Biotechnologie geschaffen worden, hier wurden die Durchbrüche erzielt. Aber wie wollen Sie Spitzenforschung betreiben, wenn Sie immer die Angst haben müssen, dass Ihr Versuchsfeld zertrampelt wird?

ZEIT: Das Bundesumweltministerium sympathisiert in einem Brief ganz offen mit diesen Gentechnikkritikern.

MARCINOWSKI: Erstens wurden auch dort Argumente verbreitet, die wissenschaftlich schlicht falsch waren. Militante Gentechnikgegner werden vom Bundesumweltministerium als »Mitstreiterinnen und Mitstreiter« angesprochen - das kann ich nicht hinnehmen.

ZEIT: Sie kritisieren, in Deutschland würden Feldzerstörungen quasi als Kavaliersdelikt behandelt.

MARCINOWSKI: Stellen Sie sich vor, mein Nachbar wäre ein erklärter Gegner des Autofahrens und ginge jetzt nachts mit dem Hammer auf meinen TÜV-geprüften und zugelassenen Wagen los. Und erklärte nach dem Zerstörungswerk, damit habe er nur seine freie Meinung gegen das Autofahren bekundet. Feldzerstörungen sind Sachbeschädigungen, bei denen zum Teil die Ergebnisse jahrelanger Forschung vernichtet werden. Diese Übergriffe als Kavaliersdelikte oder gar als Tugend bürgerlichen Ungehorsams zu verharmlosen ist inakzeptabel.

ZEIT: Die Kritiker behaupten, sie gäben die Meinung weiter Teile der Bevölkerung wieder.

MARCINOWSKI: Wenn Sie fragen, ob Gentechnik auf dem Teller akzeptabel wäre, wenn dadurch die Lebensmittelpreise spürbar sinken würden, sagt die Mehrheit der Bundesbürger in einer Emnid-Umfrage Ja. Es scheint also keine grundsätzliche ideologische Hürde zu geben.

ZEIT: Aber müssen Sie die Sorge um die Risiken nicht ernst nehmen?

MARCINOWSKI: Nehmen Sie das Beispiel Amflora: Kartoffeln vermehren sich nicht durch Pollenflug. Kartoffeln haben keine wilden Verwandten. Amflora ist nicht für den Verzehr bestimmt, sondern als Stärkelieferantin für die Industrie.

ZEIT: Dennoch beantragen Sie ihre Zulassung auch als Futter- und Nahrungsmittel. Warum?

MARCINOWSKI: Pressrückstände aus der Stärkeproduktion werden üblicherweise als Futtermittel verwendet. Und die Prüfung auf Unbedenklichkeit für den Menschen ist notwendig, weil sie eine Vermischung mit Speisekartoffeln nie vollständig ausschließen können. Wir wollen die Kartoffel nicht auf dem Wochenmarkt verkaufen, aber wir können auch kriminelle Energien nicht ausschließen, die vielleicht sogar zu einer absichtlichen Vermischung mit Speisekartoffeln führen, um die Technik zu diskreditieren.

ZEIT: Kann die Efsa qualifizierte Aussagen über Risiken machen? Sie hat keine Mittel für eigene Forschung, sondern ist unter anderem auf die Daten angewiesen, die der Antragsteller liefert.

MARCINOWSKI: Die Zulassungsbehörden haben auch anderswo gar nicht die Aufgabe, eigene Forschung zu betreiben. Sie prüfen Daten auf Vollständigkeit und Schlüssigkeit, genauso wie bei der Zulassung von Arzneimitteln. Es gibt in der ganzen Welt kein gründlicheres Zulassungsverfahren als das europäische, und es gibt keine gründlicher untersuchten Pflanzen als die gentechnisch modifizierten Pflanzen.

ZEIT: Aber der Efsa wird vorgeworfen, sie sei zu industriefreundlich.

MARCINOWSKI: Wir müssen doch das Zulassungsverfahren für die erste gentechnisch veränderte Pflanze aus europäischer Forschung erst einmal abschließen, bevor wir es wieder demontieren. Eines ist für die Politiker natürlich unbequem: Die Wissenschaft nimmt ihnen die Entscheidung nicht ab. Am Ende muss und wird eine politische Entscheidung stehen, ob die Ampel für die grüne Gentechnik in Europa auf Grün oder Rot geschaltet werden soll.

Aus DIE ZEIT :: 19.03.2009

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