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Doping: Öl für die Leistungsgesellschaft

 

Doping, im Sport seit Jahrzehnten immer wieder und systematisch praktiziert, weckt Träume, weiterzugehen.Warum soll, was für die Muskeln des Körpers gilt, nicht auch für das Gehirn möglich sein? Was sagt dieser Drang zu Selbstoptimierung über den Menschen? Ein Interview mit Ines Geipel über Gehirndoping und Menschenoptimierung.

Doping: Öl für die LeistungsgesellschaftInes Geipel
Forschung & Lehre: Die "globale Körperindustrie" mit chirurgischer und chemischer Optimierung hat sich etabliert. Folgt jetzt die "globale Gehirnindustrie"?

Ines Geipel: Die läuft doch längst. Ursprünglich ging es dabei um Medikamente für Patienten mit Alzheimer, Narkolepsie, Depressionen oder Aufmerksamkeitsstörungen. Mittlerweile holen sich diese Medikamente völlig Gesunde, um ihren Alltag halbwegs zu sichern. Die sogenannten Lifestyle-Drogen ölen die Leistungsgesellschaft unter permanentem Druck und sicherten etwa der Pharmaindustrie im Jahr 2007 weltweit ein Marktvolumen von 29 Milliarden Dollar. Allein in Deutschland wurden 2006 von den neueren Antidepressiva, die die Produktion des Botenstoffs Serotonin im Gehirn anregen, 4,8 Millionen Packungen verkauft. Also diese ganze Branche ist mächtig im Aufwind.

F&L: Ist Doping eine technologische Variante des alten Traumes, dass Menschen Götter werden sollen und wollen - und deshalb sogar menschlich?

Ines Geipel: Ja, im Grunde haben wir uns von diesem Traum nie erholt oder nie wirklich über ihn nachgedacht. Denn eigentlich wissen wir, dass es nicht funktioniert mit dieser Art Gottwesen oder auch dem ewigen Höher, Schneller, Weiter. Wir haben Grenzen, und das ist zuallererst beglückend. Die prometheische Heldenversion hat aus diesem Traum mittlerweile ein ausgewachsenes Trauma gemacht. Wir werden einen sehr langen Atem und viel Kreativität brauchen, um uns aus dieser pandemischen Chemisierung wieder herauszuarbeiten.

F&L: Die Mittel zur Menschenoptimierung werden von Wissenschaftlern erforscht, getestet und entwickelt. Haben zu viele Wissenschaftler humane Maßstäbe verloren?

Ines Geipel: Zumindest ist die Lage unübersichtlich geworden. Es bräuchte aufgrund der zunehmenden Diffusion der Wissenschaft und der immer kleinteiligeren Technik einen entschiedenen und weitreichenden Diskurs über Körperpolitik, also über die Frage, welchen Körper wir in 20, 30 Jahren in unserer Gesellschaft haben wollen. Die Wissenschaft setzt durch das Nachbessern der genetischen Ausstattung mehr und mehr instand darin, dass sich der Einzelne als Frankenstein selbst basteln kann. Diese Version wird derzeit aus zwei Perspektiven betrachtet: Die einen sind ganz auf das Prinzip der Freiwilligkeit aus, die anderen sehen das Problem in einer der menschlichen Natur zuwider laufenden Optimierungsanmaßung. Ich würde ergänzen: Durch die ganze Chemie bekommen wir doch überhaupt erst ein Problem mit der Freiheit und lassen so etwas wie Verantwortung darüberhin völlig explodieren. Denn wer etwa kann genetische Veränderungen an den eigenen Kindern tatsächlich noch verantworten, und wie viel Freiheit lässt man den eigenen Kindern dabei noch?
F&L: Warum fällt es den Menschen so schwer, ihre Begrenztheit zu akzeptieren?

Ines Geipel: Sicher, die Tendenz über die abendländische Geschichte hinweg ist eindeutig und unleugbar: Was an technischen Neuheiten möglich ist, wird auf schwungvolle Weise umgesetzt, egal, welche Folgen das hat. Doch mit den exponentialen Möglichkeiten der Wissenschaft in gentechnischen Zeiten brauchen wir auch dringend eine Verständigung darüber, wie wir es mit unseren Grenzen halten wollen. Müssen wir tatsächlich alles machen, was wir machen können, d.h. müssen wir tatsächlich immer die simpelste Variante all unserer Potentiale in Szene setzen? Im Moment bestimmen Narzissmus, Wohlstandsvermehrung und starke Regressionsneigungen unsere Gesellschaft, d.h. es dominiert ein Glück durch Beschleunigung. Über kurz oder lang werden wir andere Glücksformen entdecken oder wohl entdecken müssen.

F&L: Werden diese anderen Glücksformen noch human genannt werden können?

Ines Geipel: Mit anderen Glücksformen meine ich innere Regulierungen. Was Novalis den "Geheimniszustand" nannte, haben wir in unserer medialen Welt ziemlich verwahrlosen lassen. Der unentwegte Bilderschlagabtausch höhlt uns aus. Wir sind nicht mehr auf Entdeckungstour zu uns oder - um mit Sloterdijk zu sprechen - zu unserer "Symphonie von Innen-Drogen." Aber genau die gilt es erklingen zu lassen, weil nur deren Spiel tatsächlich befriedigen kann.

F&L: Wolfgang Frühwald notierte einmal, nur die Dichter seien noch in der Lage, die ungeheure Geschwindigkeit des Erfahrungswandels, der sich heute vollziehe, zu formulieren. Ist das für Sie als Schriftstellerin eine Herausforderung?

Ines Geipel: Ja, die Dichter formulieren viel Schönes und sicher auch Notwendiges. Sie hätten tatsächlich einiges zu bieten, um sich aus diesem Entgrenzungs- Dilemma herauszuarbeiten. Aber wer liest sie? Es ist keine ideale Lösung, ich weiß, aber ich habe mich irgendwann dazu entschlossen, sowohl politisch als auch poetisch zu leben und schreibe einerseits Bücher wie "No limit" und andererseits Gedichte. In Deutschland kaufen 384 Leute jeden Lyrikband, der im Land erscheint. Tja, so steht es um die Lage der Dichter.

F&L: Wie viel Doping verträgt die Gesellschaft?

Ines Geipel: Sie verträgt nicht nur keins, sie braucht auch keins, denn Chemie hat immer Folgen. Es gibt kein gutes Doping. Mein Postulat kann nur lauten: Abschied - endlich - vom beschädigten Leben!


Ines Geipel
Ines Geipel war Leistungssportlerin der DDR und ist heute Schriftstellerin und Professorin der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin. 1984 stellte sie den Weltrekord über 4 x 100 Meter auf. Ines Geipel war unwissentlich in das System des Staatsdopings einbezogen. Im Jahr 2000 war sie Nebenklägerin im Berliner Hauptprozess um das DDR-Staatsdoping.

Von Ines Geipel ist im Verlag Klett-Cotta das aktuelle Buch "No limit. Wie viel Doping verträgt die Gesellschaft?", Stuttgart, 2008, 182 Seiten, 17,90 Euro, erschienen. "Müssen wir tatsächlich immer die simpelste
Variante unserer Potentiale in Szene setzen?"

Aus Forschung und Lehre :: August 2008

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