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Drei unterschiedliche Perzeptionen der Prekarität der Arbeitswelt

Von Natalie Grimm und Berthold Vogel

Nicht alle, die sich in der neuen Zwischenzone uneindeutiger Erwerbsverläufe und unsicherer sozialer Perspektiven befinden, erleben ihre prekäre Situation in der Arbeitswelt in gleicher Weise. Am Beispiel dreier Typen von "Grenzgängern" wird dies deutlich.

Drei unterschiedliche Perzeptionen der Prekarität der Arbeitswelt© Aldo Murillo - iStockphoto.com
Prekarität der Arbeitswelt - Grenzgänger am Arbeitsmarkt: So lauten die Leitformeln einer Studie, die wir aktuell am Hamburger Institut für Sozialforschung durchführen. Die Untersuchung ist als eine qualitative Panelbefragung angelegt. Wir befragen in regelmäßigen Abständen einen über ganz Deutschland ausgewählten Personenkreis; allesamt Erwerbstätige oder Arbeitslose, die sich in einer unsicheren und schwierigen Arbeitsmarktsituation befinden. Erkenntnisse dieser Studie und Ergebnisse unserer Forschungen aus den vergangenen Jahren zeigen die Entwicklung einer neuen Zwischenzone uneindeutiger Erwerbsverläufe und unsicherer sozialer Perspektiven. In dieser erwerbsgesellschaftlichen Grauzone bewegen sich neue Arbeitsmarktakteure: wir nennen sie "Grenzgänger". Sie pendeln zwischen unterschiedlichen Statusformen der Erwerbsarbeit. Sie haben Zugang zum Erwerbsleben, aber oft regiert eine Kultur des Zufalls. Die Zeiten fixer Laufbahnen scheinen für sie vorbei zu sein. Auffallend ist, wie viel sich in den Erwerbsbiographien dieser Grenzgänger tut. Viele von ihnen sind geradezu Repräsentanten eines "rasenden Stillstands" in der Arbeitswelt.

Nicht beharrende Momente kennzeichnen ihr Erwerbsleben, sondern Mobilität, Varianz und Flexibilität. Doch hohe Aktivität und Beweglichkeit führt nicht ohne weiteres zu erwerbsbiographischer Stabilität - im Gegenteil: Sie sind Ausdruck einer prekären Erwerbssituation. Zugleich zeigen unsere Studien, dass nicht alle Grenzgänger in gleicher Weise ihre prekäre Situation am Arbeitsmarkt erleben. Es gibt sehr unterschiedliche Erfahrungen. Wie sie ihre Situation bewerten, hängt zum einen stark damit zusammen, welche Laufbahn sie bisher hinter sich gebracht haben, und ob sie zum anderen für sich noch eine Zukunftsperspektive sehen. Was sind nun typische Lebensläufe und Beschäftigungskarrieren der prekären Grenzgänger? Exemplarisch können drei Typen genannt werden. Sie stehen für die Verfestigung der Randlagen der Arbeitswelt, für die Dynamik sozialen Abstiegs und beruflicher Entwertung und für neue Strategien des Überlebens und der Selbstbehauptung.

Drei Typen

Da sind erstens die Jobnomaden, die sich als Grenzgänger im Unterholz der Erwerbsarbeit und in den Randlagen des Arbeitsmarktes gut auskennen. Sie kennen sich gut aus, aber deswegen geht es ihnen noch nicht gut. Sie haben bestimmte Fertigkeiten entwickelt, die ihnen ihre Rolle als Grenzgänger erleichtern, aber sie sehen sich ständig unter Druck und befinden sich in dauerhaft angespannter finanzieller Lage. Sie wissen sich im Umgang mit den Ämtern zu helfen, aber sie müssen oft auch staatliche Hilfe in Anspruch nehmen, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Sie erhalten über ihre sozialen Kontakte Hinweise auf Jobmöglichkeiten, aber dieses Springen von Job zu Job verfestigt auch ihre Randlage. Viele Kämpfernaturen finden sich hier, die dem öffentlichen Ressentiment wohlfahrtsstaatlich genährter Passivität keineswegs entsprechen. Sie sind sozial sehr beweglich und zeigen eine hohe Kompetenz, mit den Anforderungen komplizierter Arbeitsmärkte fertig zu werden. Wir treffen unter den Jobnomaden auf sehr unterschiedliche soziale und berufliche Milieus. Das Spektrum umspannt Hilfsarbeiter und Akademiker.
Zweitens haben wir es in den prekären Grenzregionen mit Arbeitsmarktdriftern zu tun, die nach einer Biographie sozialen und beruflichen Abstiegs mehr und mehr von der Vielfalt der Wege und von der Uneindeutigkeit der Wegmarken verwirrt sind. Es fällt ihnen schwer, für sich einen Weg in der veränderten Erwerbslandschaft zu finden, der Stabilität in ihre berufliche und soziale Abstiegsgeschichte bringt. Die neuen und vielfältigen Arbeitswelten und Statusformen der Beschäftigung bieten ihnen keine biographischen Anhaltspunkte, an denen sie sich positiv orientieren könnten. Die Arbeitsmarktdrifter haben etwas verloren - ihre betriebliche Position und berufliche Stellung sowie ihr über die Erwerbsarbeit definiertes Selbstwertgefühl. Sie haben zudem ihre materielle Sicherheit eingebüßt, die es ihnen erlaubt, auch als Konsumenten mit anderen mithalten zu können. Statuszerfall und Abstiegserfahrung prägen ihren Alltag, obwohl sie noch längst nicht am Arbeitsmarkt abgehängt sind. Sie können nicht nur den Ansprüchen der anderen, sondern auch ihren eigenen Maßstäben nicht gerecht werden. Sie bedürfen der stärksten beschäftigungspolitischen Unterstützung und benötigen Wegmarken, die ihnen neue Stabilität geben.

Unter den Grenzgängern finden wir schließlich auch Pfadfinder, die die verschlungenen Pfade der Arbeitswelt und der arbeitsmarktpolitischen Initiativen für sich zu nutzen wissen und die auf überraschenden Wegen zum Ziel kommen. Zu den Pfadfindern zählt die viel diskutierte, gut qualifizierte und mit universitärer Erfahrung geprägte "Generation Praktikum", aber auch Leiharbeitskräfte, die gezielt Leihbetriebe ansteuern, um von dort den Einstieg in begehrte Branchen zu finden, oder "kreative Kombinierer", die aufgrund ihrer Qualifikation selbständig staatliche Unterstützungsleistungen zu nutzen wissen, um bestimmte berufliche Ziele zu erreichen. Arbeitsmarktpolitik wirkt bei ihnen, allerdings oft auf andere Weise als sich das Arbeitsmarktpolitiker vorstellen. Viele dieser Pfadfinder durch die neuen Risiko- und Gelegenheitsstrukturen der Arbeitswelt kennzeichnet durchaus Rücksichtslosigkeit und Durchsetzungsfähigkeit. Hier entwickelt sich ein Charakter des Arbeitsmarktindividualismus und des unbedingten Konkurrenzdenkens; ein Sozialcharakter, der beschäftigungspolitisch durchaus gefördert wird. Somit werden unter den Grenzgängern auch Veränderungen erwerbsarbeitsbezogener Mentalitäten sichtbar, die sich bewusst von Strategien der Kollektivierung, der Vereinheitlichung und der Standardisierung abwenden.

Zahl prekärer Grenzgänger wächst


Alles spricht dafür, dass die Zahl der Grenzgänger wächst, und dass prekäre Beschäftigungsverhältnisse weiterhin an vielen unterschiedlichen Orten der Arbeitswelt Einzug halten. Wenn Prekarität zum Thema wird, dann sprechen wir längst nicht mehr nur über einen klar begrenzten Raum einfacher industrieller Tätigkeiten oder über Anlernjobs in Branchen des Dienstleistungsgewerbes.

Prekäre Grenzgänger finden sich mehr und mehr in den Beschäftigungsbereichen der Facharbeit und des Ingenieurwesens, aber auch in den öffentlichen Diensten, in Verwaltung und mittlerem Management. Auch wenn sie nicht gezwungen sind, jegliche Arbeit anzunehmen, müssen selbst gut ausgebildete Arbeitskräfte in diesen Berufsfeldern häufig Abstriche machen - bezüglich der Entlohnung, der Ausgestaltung des Arbeitsvertrages oder auch mit Blick auf eine der eigenen beruflichen Qualifikation entsprechende Tätigkeit. Ganz gleich, ob im Bereich der Bildung, in den Sozialen Diensten oder in Entwicklungsabteilungen großer Betriebe, nahezu überall gehören Zeitverträge, Minijobs, Honorarvergütungen und Leiharbeit zum Alltag in der Arbeitswelt.

Diese prekären Statusformen treten als Flexibilitätsimperativ auf, dem Arbeitende und Arbeitssuchende genügen müssen, um ihre beruflichen Ziele zu erreichen oder um überhaupt eine Chance auf Erwerbsarbeit zu bekommen. Die Befunde der Arbeitsmarktforschung zeigen seit vielen Jahren: Qualifizierte Berufsabschlüsse schützen vor Arbeitslosigkeit, nicht aber vor unsicheren, brüchigen und unverbindlichen Beschäftigungsformen. Die vielgestaltige Soziallage prekärer Grenzgänger fordert daher an unterschiedlichen Orten und mit differenzierter Intensität gesellschaftspolitische Gestaltungsansprüche heraus.

Von Berthold Vogel erscheint 2009 das Buch "Wohlstandskonflikte. Soziale Fragen, die aus der Mitte kommen", Hamburg (i.E.).

Aus Forschung und Lehre :: Oktober 2008

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