Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Ein Geschenk, keine Katastrophe - über die ökonomischen Folgen des demographischen Wandels

Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung haben sich in den letzten Jahren die Szenarien gehäuft, die die Zukunft der deutschen Gesellschaft schwarz malen. Von einer "demographischen Katastrophe" ist die Rede. Hält diese Zukunftsschau der ökonomischen Analyse stand? Oder gibt es doch Chancen auf eine künftige "Gesellschaft aller Lebensalter"?

Ein Geschenk, keine Katastrophe - über die ökonomischen Folgen des demographischen Wandels© MEAProf. Axel Börsch-Supan ist Direktor des Mannheim Research Institute for the Economics of Aging (MEA)
Forschung & Lehre: In den kommenden Jahrzehnten werden immer weniger junge für immer mehr alte Menschen aufkommen müssen. Die deutsche Gesellschaft wird sich massiv verändern. Viele bewerten dies als einen "demographischen Schock" oder gar als "Katastrophe". Teilen Sie diese Einschätzung?

Axel Börsch-Supan: Das kommt darauf an, wie wir auf die Demographie reagieren. Eine Katastrophe könnte es werden, wenn wir so weitermachen wie bisher. Derzeit stecken wir den Kopf in den Sand und tun so, als könnten wir noch aus dem Vollen schöpfen. Wir geben eine Rentengarantie, obwohl wir genau wissen, dass in 20 Jahren sich das Verhältnis von Einzahlern zu Rentnern etwa halbiert haben wird und wir deswegen behutsam sowohl die Beiträge steigen als auch die Rentenleistungen sinken lassen müssen. Genau so könnte es zu einer Katastrophe werden, wenn wir unser Gesundheitssystem nicht aufräumen, unsinnige Umverteilungsleistungen zu Gunsten von Menschen, die alles andere als arm sind, weiter führen, und keine Wettbewerbskontrolle in das System einbauen, die die Kostenexplosion im Gesundheitswesen effektiv beschränkt.

Eine Katastrophe wäre es auch, wenn wir daran festhalten, dass Menschen ab 55 als "älter" abqualifiziert werden und möglichst früh aus den Betrieben verscheucht werden. Tatsächlich kann der demographische Wandel jedoch eine große Chance sein. Immerhin wächst unsere Lebenserwartung in zwanzig Jahren um mindestens drei bis vier Jahre. Diese gewonnenen Jahre gilt es sinnvoll auszunutzen. Dazu müssen wir uns aber an die neuen Gegebenheiten anpassen. Dann ist der demographische Wandel ein Geschenk und keine Katastrophe.

F&L: Was sollen Staat und Wirtschaft tun, um den demographischen Wandel zu bewältigen?

Axel Börsch-Supan: Der wichtigste Faktor zur Bewältigung des demographischen Wandels ist es, die Anzahl der Konsumierenden in unserer Bevölkerung und die Anzahl der Produzierenden halbwegs im Gleichgewicht zu halten. Dies bedeutet unweigerlich eine höhere Erwerbsquote. Diese muss jedoch keineswegs in erschreckendem Maße steigen, ganz im Gegenteil. Es würde schon ausreichen, wenn wir in zehn Jahren mit der Arbeitsbeteiligung der Jüngeren, von Frauen und von Älteren da wären, wo Dänemark heute schon ist. Das Aufholen der derzeitigen arbeitsmarkttypischen Unterschiede zwischen Deutschland und Dänemark würde den Effekt des demographischen Wandels fast vollständig kompensieren. Reformen lohnen sich also, und sie brauchen keineswegs so einschneidend zu sein, wie das viele in unserem Lande befürchten.

Auch die Rente mit 67 ist eine völlig vernünftige Politik: Wenn bis 2030 unsere Lebenserwartung um drei Jahre steigt, ist es doch nur recht und billig, wenn die Menschen davon zwei Jahre länger arbeiten und immer noch ein Jahr länger in den Ruhestand gehen. Ganz und gar unsinnig wäre es, wenn sich ausschließlich die Rentenzeit um weitere drei Jahre verlängern solle.

F&L: Bietet der demographische Wandel für die deutsche Wirtschaft Chancen?

Axel Börsch-Supan: Ein effizienter Gesundheitssektor kann ein großer Wachstumsmotor für eine alternde Gesellschaft sein und bietet viele Chancen für die deutsche Wirtschaft. Dazu bedarf es aber weitreichender Reformen. Erstens muss eine reformierte Krankenversicherung dafür sorgen, dass die Reichen die Armen unterstützen, was derzeit nicht der Fall ist, weil die Reichen nicht in die Gesetzliche Krankenversicherung einzahlen und die Armen nur unterdurchschnittlich an den Leistungen der gesetzlichen Krankenversicherung teilhaben. Stattdessen verteilen wir viel Geld in einer Subventionierung der unteren Mittelklasse durch die obere Mittelklasse.

Zweitens brauchen wir einen funktionierenden Wettbewerb zwischen Versicherern, die ihrerseits die schwierige Balance zwischen willkommenen, aber teurem medizinischen Fortschritt und Verschwendung halten müssen. Natürlich ist der Markt für Gesundheitsdienstleistungen kein normaler Markt, denn körperliche Unversehrtheit ist ein Menschenrecht. Aber das hindert uns nicht, wenigstens unter den Krankenkassen als Kostenkontrolleure einen effektiven Wettbewerb einzurichten. Derzeit stehen die gesetzlichen und die privaten Krankenversicherer aber wie völlig unverbundene Elemente nebeneinander.

Auch die gesetzlichen Krankenversicherungen konkurrieren untereinander viel weniger, als es früher der Fall war, weil der Gesundheitsfonds im Ergebnis einen einheitlichen Tarif erzwingt. Wettbewerb hat sich in allen Sparten als die beste Kontrolle von Kostenexplosionen erwiesen, das gilt auch für das Gesundheitssystem.


F&L: Immer wieder wird zur Lösung des demographischen Problems in Deutschland die Zuwanderung insbesondere von hochqualifizierten Ausländern genannt. Was kann man davon erwarten?

Axel Börsch-Supan: Jegliche Zuwanderung von qualifizierten Ausländern hilft uns, die Anzahl von Erwerbstätigen in Deutschland zu erhöhen. Sie sollten daher willkommen sein. Es wäre jedoch eine Illusion zu glauben, dass wir durch eine erhöhte Einwanderung alle unsere Probleme lösen können. Dazu stimmen die Dimensionen nicht. Sollte es bei den jetzigen Erwerbsquoten bleiben, werden wir in den nächsten 20 Jahren etwa fünf Millionen weniger Erwerbstätige haben als heute.

Um dies zu kompensieren bräuchte man also Jahr für Jahr eine Zuwanderung von 250 000 Erwerbstätigen Einwanderern. Kommen diese mit Familie, wird schnell klar, dass dies unsere Absorptionsmöglichkeiten weit übersteigt. Die wichtige Botschaft ist also, qualifizierte Ausländer sind hoch willkommen, aber unsere Probleme müssen wir im Wesentlichen schon selbst lösen.

F&L: Können Sie einfache Regeln nennen, nach denen der einzelne Bürger heute verfahren kann, um im Alter eine gute Lebensqualität zu erreichen?

Axel Börsch-Supan: Der wichtigste Schlüssel für hohe Lebensqualität im hohen Alter liegt sicher in einem gesunden Lebenswandel schon von jungen Jahren an: vor allem viel Bewegung und eine ausbalancierte Kost. Aber das soll Ihnen besser ein Arzt erklären, ich bin Ökonom. Zur guten Lebensqualität gehört aber auch ein halbwegs ausreichendes Finanzpolster.

Hier kann man mit großer Gelassenheit sagen, dass auch in zwanzig Jahren die Gesetzliche Rentenversicherung noch einen wichtigen Pfeiler der Altersvorsorge bilden wird: er wird mit etwa zwei Dritteln des Alterseinkommens der bedeutendste Pfeiler bleiben. Allen Unkenrufen zum Trotz steht die Gesetzliche Rentenversicherung auf solidem Boden; allerdings wird sie nicht mehr so hohe Leistungen bringen können wie noch in den 80er und 90er Jahren.

Daher ist es wichtig, eine ergänzende Altersvorsorge zu haben, z.B. in Form von Betriebsrenten und/oder privaten Riesterverträgen. Das Mehrsäulenprinzip der Rente ist so austariert, dass trotz des demographischen Wandels die zukünftige ältere Generation immer noch mehr Kaufkraft zur Verfügung haben wird als die jetzigen Rentner. Ohne mehrere Säulen kann das aber nicht mehr funktionieren.

F&L: Die alte Bundesregierung hat eine Rentengarantie ausgesprochen. Halten Sie das für richtig?

Axel Börsch-Supan: Die Rentengarantie ist ein grober Fehler, weil sie eine Sicherheit vorgaukelt, die keine Regierung langfristig einhalten kann. Rentner und Erwerbstätige sitzen in einem Boot. Wird in einer Wirtschaftskrise von den Erwerbstätigen weniger erwirtschaftet, kann nicht mehr an die Rentner ausgezahlt werden. Unsere Rentenversicherung ist so ausgestaltet worden, dass die Rentner bislang immer an den steigenden Löhnen der Erwerbstätigen teilgehabt haben. Diese Symmetrie ist jedoch nicht einseitig.

Ein Rentensystem kann nur funktionieren, wenn die Solidarität in beide Richtungen geht. Sollten die Löhne stagnieren oder gar sinken wie im letzten Jahr, so ist es unausweichlich, dass zumindest kurzfristig auch die Renten sinken. Denn Renten fallen nicht vom Himmel, sondern müssen durch Löhne erwirtschaftet werden. Die Rentengarantie wird die jüngere Generation über 40 Milliarden Euro kosten. Dies ist nicht generationengerecht und wird die jüngere Generation demotivieren, Beitragserhöhungen hinzunehmen.


F&L: Müssen die Arbeitnehmer in Zukunft länger arbeiten? Welche Altersgrenze sehen Sie für ein Beschäftigungsverhältnis?

Axel Börsch-Supan: Wenn Menschen älter werden, müssen die Lebensabschnitte, in denen die Menschen arbeiten und in denen sie im Ruhestand sind, in vernünftigen Proportionen bleiben. Seit den 50er Jahren ist unsere Lebenserwartung um über zehn Jahre gestiegen. Das Rentenalter ist aber gleich geblieben. Das überfordert mittelfristig jedes Rentensystem. Am vernünftigsten wäre eine Regelung, die besagt, dass jedes hinzugewonnene Lebensjahr nach einem festen Verhältnis in zusätzliche Arbeits- und zusätzliche Rentenjahre aufgeteilt wird. Im Augenblick ist es etwa so, dass Menschen 40 Jahre ihres Lebens arbeiten und 20 Jahre im Ruhestand sind - ein Verhältnis von zwei zu eins. Wenn wir bis 2030 um drei Jahre altern, hieße das, dass das Rentenalter um zwei Jahre ansteigen sollte und dennoch ein zusätzliches Jahr der Rente genossen werden kann. Dies ist die Idee der Rente mit 67, und sie ist für die nächste Dekade auch vernünftig.

Langfristig ist eine feste Bindung an ein bestimmtes Rentenalter jedoch unsinnig, denn keiner von uns weiß, wie sich die Lebenserwartung zukünftig verändern wird. Sie mag noch schneller ansteigen als bisher, aber auch wieder zurückgehen. Wir brauchen daher eine flexible Regelung, die Lebensarbeitszeit und Rentenbezugszeit in sinnvollen Proportionen hält, z.B. im Verhältnis von zwei zu eins.

F&L: Ist eine "Gesellschaft für alle Lebensalter" mit einem gerechten und produktiven Verhältnis der Generationen untereinander eine Utopie oder notwendiges Ziel von Reformen?

Axel Börsch-Supan: Eine Gesellschaft für alle Lebensalter ist keine Utopie. Wir leben sie ja bereits. Die Bevölkerungsstruktur hat sich in den vergangenen Jahrhunderten ja schon dramatisch geändert. Mittlerweile sind junge Großeltern und tatkräftige Urgroßeltern normal geworden. Immer wieder haben sich Bevölkerungen an die steigende Lebenserwartung angepasst. Es ist daher nicht einzusehen, warum dies in den nächsten 50 bis 100 Jahren anders sein sollte. Was nicht funktionieren wird, ist Starrsinn und Anpassungsverweigerung.

Dann werden wir tatsächlich auf allen Gebieten unseres Wohlfahrtsstaates Probleme erleben. Anpassungen sind aber möglich, und sie müssen, wie ich ja schon betont habe, gar nicht einmal so schmerzhaft sein. Wenn wir das Beispiel von Dänemark wieder aufgreifen: Auch dort sind die Leute zufrieden, gesund, haben lange Urlaube und erfreuen sich ihres Lebens. Wenn wir unseren Arbeitsmarkt und den Rentenzugang so ändern, dass wir genau so viel arbeiten wie die Dänen, sind die meisten Probleme des demographischen Wandels gelöst und wir können eine Gesellschaft für alle Lebensalter in vollen Zügen genießen.


Axel Börsch-Supan ist Univ.-Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomik und Wirtschaftspolitik an der Universität Mannheim und Direktor des Mannheimer Forschungsinstituts Ökonomie und Demographischer Wandel.


Aus Forschung und Lehre :: Januar 2010

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Artikel