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Ein Versuch, das Prekariat zu orten

Von Felix Grigat

Mit einer prekären Beschäftigung kann man weder seinen Lebensunterhalt verdienen noch sich sozial auf Dauer absichern. Wieviele Arbeitnehmer fallen in Deutschland unter diese Kategorie und wächst deren Zahl? Wo liegt die Grenze zur Armut?

Ein Versuch, das Prekariat zu orten: Lebensunterhalt Armut© Chris Schmidt - iStockphoto.com
"Hast du bezahlte Arbeit? Kannst du davon leben? Hast du Freizeit? Kannst du dir was leisten? Bist du zufrieden?" So frank und frei fragen Prekarier im Internet und hoffen auf Bundesgenossen. Denn die Lage sei ernst, weil die Prekarisierung der Arbeits- und Lebensverhältnisse unaufhaltsam voranschreite. Und davon haben sie die Nase voll: "Her mit dem schönen Leben, ohne Ausbeutung, ohne Angst, ohne Unterdrückung, ohne Unsicherheiten, hier und überall! Der 1. Mai ist unser Tag, um gemeinsam als Parade laut und sichtbar zu sein. Der Euro-May-Day ist eine Einladung, nicht fragmentiert, für sich alleine, sondern vernetzt mit anderen zu handeln und zu kämpfen! Und das alle Tage! Wenn nichts mehr hilft, dann hilft San Precario." Auch wenn Arbeiterbewegung und Sozialismus rufen: eine Klasse wie ehedem das Proletariat ist das Prekariat nicht, es ist ein heterogenes Gemisch. Prekarier sind nicht arbeitslos, können allerdings von ihrer Arbeit keine Lebensperspektive aufbauen. Vom Arbeiter ohne Schulabschluss bis zum Privatdozenten sind viele Gruppen vertreten. Prekarier sind ein weltweites Phänomen der ökonomisierten und entsicherten Arbeitswelt. Befristete Beschäftigung, Minijobs, Zeitarbeit und Dauerpraktika schufen moderne Tagelöhner. Dies betrifft besonders die Mittelschicht: sie wird seit Jahren kleiner und ihre Vertreter steigen eher ab als auf ("Abwärtsmobilität"). Uneins ist man sich bei der Bewertung der Phänomene: Neoliberale begrüßen den Wandel, Linke verdammen ihn.

Eine aktuelle Studie des Statistischen Bundesamtes belegt: Immer weniger Arbeitnehmer verdienen ihr Geld mit klassischer Vollzeitarbeit. Die Zahl der Erwerbstätigen in sogenannten Normalarbeitsverhältnissen sei in den vergangenen zehn Jahren um 1,5 Millionen gesunken. Neue oder atypische Beschäftigungsformen stiegen in diesem Zeitraum um 2,6 Millionen an. Insgesamt ergibt sich nach Angaben der Statistiker für alle abhängig Beschäftigten eine Zunahme um 1,1 Millionen.

Atypische Beschäftigungsformen

Zu den neuen "atypischen" Beschäftigungsformen gehören befristete oder geringfügige Beschäftigung, Teilzeitarbeit mit 20 oder weniger Stunden sowie Zeitarbeit. Das Statistische Bundesamt stellt dazu fest: "Im Gegensatz zur Normalarbeit, die in der Regel darauf ausgerichtet ist, den eigenen Lebensunterhalt und eventuell den von Angehörigen zu finanzieren, können die neuen oder atypischen Beschäftigungsformen diesen Anspruch nur bedingt erfüllen." Trotzdem seien Minijobs und ihresgleichen "nicht zwangsläufig mit prekärer Beschäftigung gleichzusetzen". Prekäre Arbeitsverhältnisse zeichneten sich durch ein erhöhtes Armutsrisiko aus. Atypische Beschäftigung könne häufig mit prekärer Beschäftigung einhergehen, sei aber mit dieser nicht gleichzusetzen. Mit einer prekären Beschäftigung könne man weder seinen Lebensunterhalt verdienen noch sich auf Dauer sozial absichern. Die neuen oder atypischen Beschäftigungen könnten durchaus bewusst gewählt sein, weil sich zum Beispiel dadurch berufliche und andere persönliche Interessen besser kombinieren ließen. Das "Prekariat" werde als eigene Gruppe der atypischen Beschäftigungsformen statistisch allerdings nicht erfasst, heißt beim Statistischen Bundesamt. Die Prekarier entweichen dem statistischen Netz. Kann man sie dennoch orten?

Armutsrisiko

Das "erhöhte Armutsrisiko" von Prekariern hilft zu deren sozialer Einstufung. Prekarier sind nach den gängigen Klassifikationen nicht arm. Nach dem Armutsbericht der Bundesregierung 2008 liegt die Schwelle zur Armut bei 781 Euro "äquivalenzgewichtetem Nettomonatseinkommen". Der soeben veröffentlichte Bericht des deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) setzt die Grenze bei 890 Euro für eine alleinlebende Person an. Demzufolge lag das Armutsrisiko zu Beginn der neunziger Jahre bei rund 13 Prozent der Bevölkerung. Zwischen 1995 und 1999 ging es leicht zurück und nahm dann bis auf 18 Prozent im Jahr 2006 zu. In absoluten Zahlen entspreche dies einem Zuwachs um fünf Millionen Menschen auf knapp 15 Millionen, die mit einem Einkommen unterhalb der Armutsrisikoschwelle lebten. In den neuen Ländern lag die Quote für das Armutsrisiko 2006 bei knapp 23 Prozent. Mit der aktuellen konjunkturellen Erholung und der rückläufigen Arbeitslosigkeit sei das Armutsrisiko zuletzt erstmals seit fast zehn Jahren zurückgegangen. Es habe im Einkommensjahr 2006 für Deutschland insgesamt bei 16,5 Prozent gelegen.

Wieweit gelingt es Menschen, die Einkommensarmut wieder zu verlassen? Nach Erkenntnissen des DIW lebte über die neunziger Jahre hinweg ein stabiler Anteil von weniger als acht Prozent in zwei aufeinander folgenden Jahren, also "dauerhaft", in Armut. Ab 2000 habe dieser Anteil markant auf über zwölf Prozent zugenommen: Das Risiko, in Einkommensarmut zu bleiben, sei größer geworden. Für 2006 und 2007 zeige sich nun, dass erstmals seit über zehn Jahren wieder deutlich mehr Menschen den armutsgefährdeten Bereich verlassen konnten, als "neue Arme" hinzu gekommen seien. Das bedeute, mehr als eine Million Menschen seien nicht länger vom Armutsrisiko betroffen. Dieser Rückgang sei in den neuen Ländern besonders ausgeprägt, da hier die Arbeitslosigkeit deutlich abgebaut worden sei.

Neue Beschäftigungsformen: Gut oder schlecht?

Der Boom der neuen Beschäftigungsformen ist einer Analyse der Süddeutschen Zeitung zufolge auch das Ergebnis politischer Reformen wie der Hartz- Gesetze. Mit ihnen wurden etwa die Regeln für die Zeitarbeit gelockert und neue Anreize für Firmen geschaffen, Minijobber und Teilzeitkräfte einzustellen. Für die Arbeitnehmer bedeute das meist weniger soziale Absicherung und niedrigere Verdienste.

Andere Beobachter unterstreichen den Gewinn für die Arbeitnehmer durch die Flexibilität der Arbeitsverhältnisse. So lasse sich nach Ansicht eines Kommentators der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die These vom großen Heer der "prekär" Beschäftigten aus den Zahlen des Statistischen Bundesamtes nicht ableiten, da der Großteil der neuen Beschäftigungsformen auf Teilzeitarbeit entfalle. Deren Zuwachs habe aber wiederum damit zu tun, dass die Zahl der berufstätigen Frauen gestiegen sei. Gerade für viele Mütter sei die Rückkehr in ihren Job mit reduzierter Stundenzahl mittlerweile völlig normal. Geringqualifizierte, Migranten und Berufsanfänger bekämen durch atypische Beschäftigung über Zeitarbeit oder befristete Stellen einen Fuß in die Tür zum Arbeitsmarkt. Der Rückgang der Arbeitslosigkeit in den vergangenen Jahren zeige, dass die Richtung stimme.

Gleiche Arbeitszeit auf mehr Köpfe verteilt

Das Statistische Bundesamt wird nicht müde zu betonen, dass das Normalarbeitsverhältnis nach wie vor die dominierende Form abhängiger Beschäftigung ist. Ein "Normalarbeitsverhältnis" wird in Vollzeit und auf einer dauerhaften vertraglichen Grundlage ausgeübt. Ein Normalarbeitnehmer arbeitet direkt in dem Unternehmen, mit dem er einen Arbeitsvertrag hat. Bei Zeitarbeitnehmern, die von ihrem Arbeitgeber - der Zeitarbeitsfirma - an andere Unternehmen verliehen werden, ist das nicht der Fall. Zudem sind Arbeitnehmer über ein Normalarbeitsverhältnis in die sozialen Sicherungssysteme wie Arbeitslosenversicherung, Rentenversicherung und Krankenversicherung integriert. Das heißt, sie erwerben über die von ihrem Erwerbseinkommen abgeführten Beiträge Ansprüche auf Leistungen aus den Versicherungen. Knapp drei Viertel (22,5 Millionen) der 30,2 Millionen abhängig Beschäftigten im Alter von 15 bis 64 Jahren, die nicht in Bildung oder Ausbildung waren, befanden sich 2007 in einem solchen Normalarbeitsverhältnis. Demgegenüber standen 7,7 Millionen Arbeitnehmer in neuen Beschäftigungsformen.

Doch ist der Trend eindeutig: Im Laufe der vergangenen zehn Jahre hat die Bedeutung des Normalarbeitsverhältnisses abgenommen. 1997 betrug der Anteil der Personen in einem Normalarbeitsverhältnis an allen abhängig Beschäftigten noch 82,5 Prozent. Der Anteil hat sich seither um acht Prozentpunkte verringert (2007: 74,5 Prozent). Entsprechend stieg der Anteil der neuen Beschäftigungsformen von 17,5 Prozent auf 25,5 Prozent.


Aufwind für die Zeitarbeitsbranche

Im Aufwind befindet sich die Zeitarbeitsbranche. Das Statistische Bundesamt zählte innerhalb von zehn Jahren eine Verdreifachung der Leiharbeiter von 180.000 auf 610.000. Mehr als verdoppelt hat sich zugleich die Zahl der geringfügig Beschäftigten. Die wichtigste Rolle unter den atypischen Beschäftigten spielen die Teilzeitkräfte, die im vergangenen Jahr bereits rund fünf Millionen ausmachten.

Nach Einschätzung des Statistischen Bundesamtes lasse sich allerdings nicht sagen, ob und wie viele Normalarbeitsverhältnisse durch atypische ersetzt wurden oder ob atypische Beschäftigung unabhängig vom Rückgang der Normalarbeit entstanden sei. Allerdings spreche die fast unveränderte Gesamtzahl der geleisteten Arbeitsstunden in Deutschland seit 1997 eher dafür, dass im Rahmen des Beschäftigungswachstums das gleiche zeitliche Volumen an Arbeit auf mehr Köpfe umverteilt wurde.

Hoher Frauenanteil

Atypische Beschäftigung ist vor allem Frauensache: Die große Mehrheit (71 Prozent) der Beschäftigten ohne Normalarbeitsverhältnis sind Frauen. Unter den normal Beschäftigten liegt das Verhältnis von Frauen zu Männern bei 39,9 Prozent zu 61,1 Prozent. Wesentlicher Grund für dieses Ungleichgewicht ist nach Ansicht der Statistiker die große Zahl in Teilzeit erwerbstätiger Frauen. Im Jahr 2007 arbeiteten 30,2 Prozent der abhängig beschäftigten Frauen in Teilzeit mit 20 oder weniger Arbeitsstunden pro Woche. Eng damit verknüpft ist der relativ hohe Anteil von 15,3 Prozent geringfügig beschäftigten Frauen. Demgegenüber arbeiteten nur 4,1 Prozent der abhängig beschäftigten Männer Teilzeit und 3,7 Prozent waren geringfügig beschäftigt. Ähnlicher sind die Anteile von Männern und Frauen bei befristeter Beschäftigung. 9,3 Prozent der Frauen und 8,4 Prozent der Männer arbeiteten in einem Zeitvertrag. Der Anteil der Männer in Zeitarbeit ist mit 2,6 Prozent größer als bei Frauen (1,4 Prozent). Unter den befristet Beschäftigten sind Männer und Frauen fast genau zu gleichen Teilen vertreten, unter den Zeitarbeitnehmern gibt es zwei Drittel Männer und ein Drittel Frauen.

Als weiterer Trend sei festzumachen, dass junge Menschen, Arbeitnehmer mit geringer Bildung und Ausländer besonders häufig über befristete Verträge, Teilzeit- und Zeitarbeitsjobs verfügen oder nur geringfügig beschäftigt sind.

Die atypisch Beschäftigten setzen sich aus mehreren Gruppen mit jeweils anderer Hauptunterhaltsquelle zusammen. Die größte Gruppe stellten auch hier mit 70,1 Prozent die Personen, die sich hauptsächlich über ihre Erwerbstätigkeit finanzieren. 18,1 Prozent finanzieren ihren Lebensunterhalt vorwiegend über Angehörige, für 2,7 Prozent der atypisch Beschäftigten stellten Rente, Pension oder Vermögen die größten Einnahmequellen dar. Immerhin 7,3 Prozent seien hauptsächlich auf Leistungen nach Hartz-IV angewiesen, obwohl sie erwerbstätig seien. 1,7 Prozent stützten sich vorwiegend auf andere Sozialleistungen wie Elterngeld, BAföG, Vorruhestandsgeld oder Erwerbsminderungsrenten.

Schmelzende Mittelschicht

Die Schicht der Bezieher mittlerer Einkommen ist in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich geschrumpft. Ihr Anteil an der gesamten Bevölkerung ging nach Erkenntnissen des DIW von 62 Prozent (rund 49 Millionen Personen) im Jahr 2000 auf 54 Prozent (rund 44 Millionen Personen) 2006 zurück. Die stärksten Verluste erlitten die sog. "Durchschnittsverdiener" mit einem Rückgang von fünf Prozent. Entsprechend gestiegen ist der Bevölkerungsanteil an den Rändern der Einkommensverteilung, wobei in der Mittelschicht die "Abwärtsmobilität" stärker ausgeprägt war als der Aufstieg in höhere Einkommensklassen. Über ein Viertel der gesamten Bevölkerung verfügte 2006 nur über ein Einkommen von weniger als 70 Prozent des Durchschnitts, ihr Anteil sei seit 2000 um knapp sieben Prozent gestiegen. Auch wenn sich der konjunkturelle Aufschwung im Jahr 2007 fortgesetzt habe, dürfte sich an der relativen Einkommenssituation in der Mitte der Gesellschaft nur wenig verändert haben, sagen die Wirtschaftsforscher. Parallel zur Entwicklung der objektiven Einkommenslage zeige sich eine deutliche Veränderung der subjektiven Wahrnehmung der Bevölkerung: Über alle Einkommensschichten hinweg sei festzustellen, dass die "Sorgen um die eigene wirtschaftliche Entwicklung" zugenommen hätten.

Das DIW merkt an, dass sowohl die durchschnittlichen Bruttoeinkommen der privaten Haushalte als auch die verfügbaren Haushaltseinkommen bis Ende 2006 nur wenig auf die verbesserte wirtschaftliche Lage reagiert hätten.

Stelle man aber die deutlich gestiegene Inflation in Rechnung, so könne keine grundlegende Veränderung bei den realen Markt- und den verfügbaren Einkommen der Privathaushalte erwartet werden.

Aus Forschung und Lehre :: Oktober 2008

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