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Eine Ökostadt für die Wüste

Von Arnfrid Schenk

Deutsche Ingenieure entwickelten das Klimakonzept für die CO2-neutrale Stadt Masdar City.

Eine Ökostadt für die Wüste© Foster + Partners Masdar City: Ökostadt für 50 000 Menschen
Ausgerechnet in den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo riesige Erdöl- und Erdgasvorkommen zu finden sind, und ausgerechnet dort, wo die größten Energieverschwender zu Hause sind, dort soll die Stadt der Zukunft entstehen, die nur so viel Energie verbraucht, wie sie selbst erzeugt, aus Sonne und Wind: Masdar City. Die CO2-neutrale Stadt, die Ökostadt für
50 000 Menschen, in der es keine Autos geben wird, dafür aber die weltweit einzige Universität, die sich ausschließlich der Erforschung erneuerbarer Energien widmen will. Eine Stadt, die, wenn sie Schule macht, einmal die (Um-)Welt retten soll. So sehen es die Scheichs von Abu Dhabi, sie haben Masdar City bei dem britischen Stararchitekten Norman Foster in Auftrag gegeben, 22 Milliarden Dollar wollen sie für ihre »Hauptstadt der Energierevolution« ausgeben. Im Mai 2009 haben die Bauarbeiten begonnen, spätestens 2020 soll die komplette Stadt stehen. Es ist ein bisschen so, als würde der weltgrößte Fleischfabrikant für Tofuwurst werben. Kann so eine Vision Wirklichkeit werden?

Matthias Schuler ist an diesem Märzmorgen knapp 5000 Kilometer von Abu Dhabi entfernt und doch ganz nah dran. Mit seiner Firma Transsolar hat er das Energiekonzept von Masdar City entwickelt. Er sitzt am Konferenztisch des Stuttgarter Unternehmens, draußen nieselt es, drinnen redet Schuler, Jahrgang 58, kurze Haare, kantige Brille, von der Vision: »Wenn Masdar City funktioniert, bringt das die Menschheit einen Schritt weiter.« Wenn ein Staat, der über Energieverschwendung sein Geld macht, plötzlich sagt: Wir müssen der Welt zeigen, dass es anders geht. Und dann erzählt Schuler, dass der »Wahnsinn des Termindrucks die Idee kaputtzumachen droht«.

Aber der Reihe nach. Wie plant man eine energieneutrale Stadt, Herr Schuler? Und Schuler erzählt: Wie sie zur Vorbereitung nach Marrakesch gefahren sind, nach Aleppo, nach Sanaa. Sie stellten fest: In den dichten arabischen Städten sind nur 50 Prozent der Fläche überbaut, der Rest sind zu 15 Prozent Straßen und zu 35 Prozent Innenhöfe. Sie haben an ihren Rechnern Simulationen durchgeführt, wie sich eine Stadt am besten kühlen lässt, und sind immer wieder bei der arabischen Altstadt, der medina angekommen. »Wir haben entdeckt, was die Alten schon wussten«, sagt Schuler. Und was die Zeitgenossen großspurig verdrängt haben. Die gewaltigen As phalt pis ten in Abu Dhabi und Dubai sind gerne über 50 Meter breit, im Sommer herrschen dort auch mal 60 Grad, Orte, an denen man nicht sein möchte. In Masdar soll das Gegenteil entstehen. Straßenschluchten, nur sieben Meter schmal, dazu Gebäude mit Vorsprung, die den Abstand zwischen den oberen Häuserkanten auf vier Meter verringern. Das Straßennetz so ausge rich tet, dass immer eine Straßenseite im Schatten liegt. Die Straßen gehören den Fußgängern. Im Betonsockel des modernen Utopia fahren nur eiförmi ge Elektrokabinen ohne Lenkrad, die Passagiere tippen das Ziel ein, dann übernimmt der Computer, »Haltestellen« gibt es in Abständen von wenigen Metern. Über 3000 Fahrzeuge soll der Personal Rapid Transit einmal haben.


Schuler erzählt von den Windtürmen. Sie ragen 20 Meter über die nur 40 Meter hohe Skyline der Stadt auf, fangen nachts kühlen Wind ein und leiten ihn weiter durch die Straßen. Tagsüber, wenn der Wind heiß ist, werden sie geschlossen. 200 solcher Türme soll es geben. Auch eine Erfindung aus alten Zeiten, nur haben die Türme früher einzelne Häuser gekühlt, nicht eine ganze Stadt. Schuler erzählt, wie der zentrale Platz der Stadt mit großen Schirmen von 40 Meter Durchmesser beschattet werden soll, auf ihrer Oberfläche mit Photovoltaikzellen ausgestattet, nachts klappen die Schirme ein, damit die Wärme entweichen kann. Er erzählt, wie die künftigen Bewohner von Masdar City zu wassersparenden Menschen erzogen werden müssen, pro Kopf und Tag sollen 100 Liter reichen - im Moment sind es in den Emiraten 500 Liter. Er erzählt von Fernkälte, von Fußbodenkühlung mit Wasser, davon, wie man aus einem Kilogramm Luft 25 Gramm Wasser gewinnen könnte. 2500 Seiten hatte der Masterplan, an dem die Klimaingenieure von transsolar mitgearbeitet haben.

Aber wie kommt man aus Stuttgart nach Abu Dhabi, Herr Schuler? Matthias Schuler erzählt schnell, manchmal zeichnet er kleine Skizzen in seinen Notizblock, um eine Sache zu verdeutlichen. Er studierte Maschinenbau an der Uni Stuttgart, die Solaranlage auf dem Dach seiner Eltern brachte ihn auf das Thema seiner Diplomarbeit: regenerative Energien. Danach war er Assistent am Institut für Thermodynamik und Wärmetechnik. Lernte in einem internationalen Forschungsprojekt, wie man als Ingenieur mit Architekten zusammenarbeitet. »Wir Ingenieure sind Zahlenmenschen, Architekten sind Bildermenschen«, sagt er. »Die reden zwar miteinander, verstehen sich aber nicht.« Die Leute von transsolar werden auch »Architektenflüsterer« genannt, weil sie zuhören, nicht gleich sagen, das gehe nur mit dieser Dreifachverglasung und mit dieser Dämmung. Sondern fragen, welche Bilder sich der Architekt vorstellt. Und überlegen, mit welchen Technologien sie diese Bilder nachzeichnen. »Dadurch spielen wir in der ersten Liga der Architekten«, sagt der Ingenieur Schuler. Und so kamen sie auch in die Champions League, zu der Zusammenarbeit mit Foster. 1992 hat Schuler die Firma gegründet, erst als einen Einmannbetrieb. Jetzt hat das Unternehmen drei Partner und fünfzig Mitarbeiter an den Standorten Stuttgart, New York und München. Man könnte sagen, es läuft ganz gut.

Anfang März aber machte Masdar wieder Schlagzeilen, keine euphorischen diesmal, es ging um einen vorübergehenden Baustopp, eine Denkpause, die Ideen sollten auf ihre finanzielle Machbarkeit überprüft werden, zwei führende Köpfe wurden ausgetauscht. In der Krise schaut man auch am Golf aufs Geld. Und jetzt kommt Schuler wieder auf seine Zweifel zu sprechen, sagt, dass es für dieses Projekt Visionäre brauche, »nicht Manager, die das als Business ansehen«. Sagt, dass es fatal wäre, wenn man es mit der CO2-Neutralität nicht mehr so genau nehmen würde. Dass er sich dann von dem Projekt distanzieren würde. Es gab ja schon bei den Arbeiten zum ersten Gebäude der Ökostadt, der Universität, »gnadenlose Kompromisse«. So verzichtete man aus Zeitmangel auf die ökologisch korrekte Trittschalldämmung aus Deutschland und nahm stattdessen ein FCKW-geschäumtes Material aus Malaysia. Aber auch wenn die Vision von Masdar City verwässert, auch wenn es ein Feigenblatt sein mag, das das Image der Golfemirate verbessern soll, gelohnt hat es sich doch. Denn die Idee der Ökostadt beginnt Schule zu machen. »Mit der Vision von Masdar konnten wir viele anfixen«, erzählt Schuler. Unter anderem Toronto, wo transsolar gerade einen CO2-neutralen Stadtteil plant. Dort lässt man sich mehr Zeit.

Aus DIE ZEIT :: 08.04.2010

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