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Einmal den Dom von Lund versenken - Studieren in Schweden

Von Judith Scholter

Schweden ist sehr beliebt bei deutschen Austauschstudenten. Die Kurse an den Universitäten sind klein, und viele Dozenten lehren auf Englisch.

Einmal den Dom von Lund versenken - Studieren in SchwedenUniversität Lund
Wenn in Lund eine Kirche auf dem Wasser schwimmt, heißt das nicht, dass Südschweden überschwemmt ist. Es heißt nur, dass das Semester begonnen hat. Dann ist »Badewannenregatta « in der traditionsreichen Uni-Stadt in der Nähe von Malmö, ein Initiationsritus für die Neulinge der technischen Studiengänge, der an einen nassen Karnevalsumzug erinnert. Die verschiedenen Fächer bauen Boote in Form von Pferden, Burgen und Inseln oder lassen eben den Dom von Lund zu Wasser. Sinn der Sache: die Konkurrenz zu versenken. Die neuen Chemiker versuchen, die angehenden Bauingenieure oder Informatiker so schnell wie möglich kentern zu lassen, es fliegen auch schon mal stinkende Fische in Richtung der Feinde, und am Ende sind alle Beteiligten triefnass.

»Solche Traditionen machen das Studium hier aus«, sagt Alina Claußen aus Trier. Sie ist seit August in Schweden und hat sich dafür erst einmal eine neue Nationalität zugelegt. Die 24-jährige Biogeografie- Studentin gehört seitdem zu »Krischansta« - der Grund dafür ist profan: »Bei denen kann man Volleyball spielen.« »Nationen« nennen sich die Studentenklubs in den altehrwürdigen schwedischen Universitätsstädten Lund und Uppsala, für schwedische Studenten ist die Mitgliedschaft verpflichtend, auch die meisten Austauschstudenten entscheiden sich für eine. Denn die Nationen bieten von einem warmen Mittagessen im eigenen Café bis zu Partys mit Livemusik alles, was zum Studentenleben gehört, und vermieten außerdem Zimmer in ihren Häusern.

»Als die Uni gegründet wurde, haben sich die Studenten nach ihrer Herkunft zusammengeschlossen«, sagt Alina. Die Nationen heißen deshalb wie Städte und Regionen, aus denen die Studenten seit der Gründung 1666 stammten.
Heute kommen die Studenten in Schweden aus der ganzen Welt. Das skandinavische Land locke mit »hervorragend ausgestatteten Universitäten, einer Forschung, die auf internationalem Niveau mitspielt, und vielen Angeboten in englischer Sprache«, sagt Bettina Morhard vom DAAD. Aber trotz dieser objektiven Kriterien entscheiden sich viele Austauschstudenten aus ganz subjektiven Gründen für Schweden.

»Das nennt man, glaube ich, das Bullerbü- Syndrom«, sagt Alina Claußen. Sie hat schon als Kind mit ihrer Familie Urlaub in Schweden gemacht, »in einer Hütte am See, das war eine ganz heile Welt mit viel Natur, und sogar die Vermieter waren nett«.
Ähnliche Vorstellungen haben viele deutsche Studenten von Schweden - und sie werden nicht enttäuscht.
»Direkt hinter meinem Wohnheim begann der Wald, und dahinter lag das Meer«, erzählt Ralph Jakob aus Dortmund. Er hat ein Jahr in Stockholm Stadtplanung studiert. »Im Sommer bin ich Kajak gefahren, aber auch der Winter war super.« Denn da frieren die vielen Stockholmer Seen zu, genauso wie das Meer rund um die 14 Inseln, auf denen die schwedische Hauptstadt liegt. »Es wurden Buden und Cafés auf dem Eis aufgebaut, die Leute waren auf Schlittschuhen und zu Fuß darauf unterwegs«, schwärmt der 26-Jährige. Ihm hat es so gut gefallen, dass er für den Master gleich in Schweden geblieben ist.

Fast 2000 deutsche Erasmus- Studenten suchten wie Ralph Jakob und Alina Claußen im vergangenen Jahr ihre eigene schwedische Idylle in Stockholm, Lund, Uppsala oder Linköping. Unter ihnen waren überdurchschnittlich viele angehende Ingenieure und Naturwissenschaftler, die hier besonders gute Studienbedingungen finden. »Die Universitäten in Schweden arbeiten sehr anwendungs- und technikorientiert «, sagt Hans-Joachim Fitting, der Erasmus-Koordinator für Physik an der Universität Rostock. Aber auch seine Studenten entscheiden sich nicht nur aus fachlichen Gründen für den hohen Norden - sondern weil sie das Abenteuer suchen: »Sie sehen Schweden als Herausforderung, mit strengen Wintern und kurzen, dunklen Tagen.«

In Südschweden, wo Alina Claußen studiert, sind die Winter mild, es regnet eher, als dass es schneit, und die größte Herausforderung für die Austauschstudenten ist es, echte Schweden kennenzulernen. »Im Wohnheim leben sie schon sehr zurückgezogen«, sagt Alina. An der Uni hat sie schließlich Kontakte geknüpft, denn in Lund besucht sie pro Quartal einen Kurs in Vollzeit, zum Beispiel »Naturschutz in Schweden «. Dazu gehörten Vorlesungen, Seminare und Exkursionen, und die Teilnehmer blieben für ein ganzes Semester wie eine Klassengemeinschaft zusammen. Jede Woche sah der Stundenplan anders aus, »es ist abwechslungsreicher als in Deutschland«, findet Alina. Abgeschlossen hat sie den Kurs mit einer Gruppenklausur. Dabei diskutieren die Studenten die Fragen in wechselnden Kleingruppen und müssen sich später auf eine Antwort einigen. »Das war sehr locker«, sagt Alina, »und obwohl ich die Sprache noch gar nicht so gut konnte, bin ich einfach mitgenommen worden.«
Ralph Jakob ist dagegen mit unterschiedlichen Eindrücken wieder aus Schweden abgereist. »Mit der Qualität der Kurse habe ich manchmal gehadert «, sagt er. Das liege an dem undifferenzierten Notensystem, das nur Beurteilungen wie »bestanden « und »nicht bestanden« kenne. Auf der an deren Seite sei das Betreuungsverhältnis deutlich besser gewesen als an seiner Heimat-Uni in Dortmund. »In den Kursen saßen höchstens zehn Leute, und sie wurden direkt vom Professor betreut«, sagt er. Man duze sich in Schweden über die Hierarchien hinweg, entspannt sei das gewesen.

Und so bleibt den Austauschstudenten die familiäre Atmosphäre an den Unis als ganz persönliches Bullerbü-Erlebnis. In Lund zum Beispiel gibt es keine normalen Mensen, aber dafür kochen immer einige Studenten freiwillig in den Nationen. »Das ist viel liebevoller als in Deutschland«, sagt Alina Claußen, »reicht aber auch nur für vielleicht 100 Leute.« Der Rest der gut 35 000 Studenten versorgt sich selbst. In der Uni gibt es kleine Küchen mit Mikrowelle, wo die Studenten sich ihr Essen aufwärmen. »Die kochen wirklich einmal pro Woche Unmengen und frieren das dann ein«, sagt Alina. »Vorratskochen - so etwas kannte ich bislang nicht.«

Aus DIE ZEIT :: 26.02.2009

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