Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Einsicht gefragt

Von Jan-Martin Wiarda

Dem nationalen Stipendienprogramm droht ein Fehlstart, wenn die Politik alle Verantwortung den Hochschulen zuschiebt.

Einsicht gefragt© Photodisc - gettyimages.comHochschulen fühlen sich beim Ausbau des Stipendienprogrammes allein gelassen
Wer sich dieser Tage bei den Pressestellen großer deutscher Universitäten nach dem geplanten nationalen Stipendienprogramm erkundigt, bekommt zwei Arten von Antworten. Die eine ist der Typ verschämtes Räuspern: »Damit haben wir uns noch nicht beschäftigt.« Die andere Antwort ist ein Eingeständnis: »Uns wird angst und bange, wenn wir an den Aufwand denken, der da auf uns zukommt.« In jedem Fall schließt sich die Bitte an, die Hochschule nicht namentlich zu nennen.

Angst und bange werden sollte angesichts solcher Reaktionen auch den Verfechtern der Idee, den Anteil der Stipendiaten an Deutschlands Hochschulen von bislang zwei auf acht Prozent eines Jahrgangs zu heben - allen voran Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) und der FDP-Wissenschaftsminister von Nordrhein-Westfalen, Andreas Pinkwart. Denn schon in wenigen Monaten soll es losgehen, der Gesetzentwurf ist gerade in der Ressortabstimmung und folgt weitgehend dem Prinzip, das Pinkwart bereits auf Landesebene erprobt hat: Der Staat zahlt pro Stipendiat und Monat 150 Euro - aber nur, wenn private Geldgeber sich verpflichten, den gleichen Betrag noch einmal obendrauf zu legen. Genau hier kommen die Hochschulen ins Spiel: Sie sollen die Anwerbung potenzieller Spender übernehmen und sie dann anschließend über Dinner, Infoveranstaltungen oder auch nur regelmäßige Dankespost bei Laune halten.

Pinkwart lässt keine Gelegenheit aus, zu betonen, wie gut das in Nordrhein-Westfalen funktioniert habe, übrigens gerade auch in ärmeren Regionen. Denn genau dort erwarten die Gegner des Stipendienfonds die größten Probleme bei der Einwerbung der Mittel. Sie bezweifeln, dass sich genug spendenfreudige Unternehmen, Stiftungen und Privatleute auftreiben lassen. Tatsächlich hat die Universität Duisburg-Essen trotz ihres vermeintlich so strukturschwachen Umfelds fast allen anderen Standorten in Nordrhein- Westfalen den Rang abgelaufen und im vergangenen Jahr sogar mehr private Spendengelder einwerben können, als es ihrem Anteil an den Landesstipendien ursprünglich entsprochen hätte. Mittlerweile, rech- ZEHN PROZENT der Studenten eines Jahrgangs sollen in Zukunft ein Stipendium bekommen - bislang sind es nur zwei net der Duisburger-Essener Fundraiser Bernd Thunemeyer stolz vor, bezögen 0,5 Prozent der Studenten die Unterstützung.

Ob der Erfolg Duisburg-Essen indes zum Vorbild für den Rest des Landes macht, weiß auch Thunemeyer nicht so recht: »Für das nationale Programm müssten wir unsere Einwerbungen versechzehnfachen.« In absoluten Zahlen: Statt 130 Stipendien gilt es dann, 2500 einzuwerben. Jedes Jahr. Konnte die 0,5-Prozent-Marke noch »in einer gemeinsamen Anstrengung von Zentralverwaltung und Fachbereichen« genommen werden, wie Thunemeyer es ausdrückt, werde das bei angestrebten acht Prozent garantiert nicht klappen. »Dafür brauchen wir zusätzliche Stellen, sonst geht das schief.« So wird Pinkwarts Paradebeispiel Duisburg-Essen plötzlich zum Symbol für die Befürchtungen vieler Hochschulen im ganzen Land. Das Geld möge da sein bei den Spendern, sagt die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, doch in Nordrhein-Westfalen habe sich erwiesen, wie mühsam es sei, private Geldgeber von einem Engagement zu überzeugen. »Hier braucht es offenbar weitere Anreize.« An der Stelle, wo es um die Einwerbung und die Pflege von geschätzten 160 000 neuen Stipendien geht, heißt es im Gesetzentwurf bislang lediglich, dies sei den Hochschulen überlassen.


Und weiter: »Aufgrund vergleichbarer Stipendienprogramme dürften die Verwaltungskosten ... rund 5 Prozent der jährlichen Gesamtstipendienkosten betragen.« Von einer Kompensation für die Hochschulen indes ist nicht die Rede. Für Duisburg-Essen mit seinen rund 31 800 Studenten hieße das: Eine professionelle, auf Dauer angelegte Fundraisingkampagne plus Verwaltung schlüge mit mindestens 450 000 Euro jährlich zu Buche - der Gegenwert von einem knappen Dutzend neuer Stellen. »Wenn die Hochschulen das aus ihrem normalen Haushalt stemmen sollen, dann muss die Politik auch sagen, an welcher Stelle sie die dafür nötigen Mittel einsparen sollen«, sagt Bernd Thunemeyer. Die Verunsicherung und das drohende Chaos sind so groß, dass mittlerweile sogar die größten Unterstützer der Stipendienidee an die Politik appellieren, nicht zu schnell zu viel zu wollen. »Das Zehnprozentziel schon für 2012 zu setzen ist gefährlich«, sagt Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. »Das weckt Erwartungen an die Einwerbung von Stipendien, die in dieser Zahl in so kurzer Zeit durch die Hochschulen nicht zu erfüllen sind.« Es gehe um einen langfristigen Mentalitätswechsel hin zu einer Spenderkultur, die es bislang in Deutschland nicht gebe. »So überfällig, wichtig und vielversprechend er ist, er lässt sich nicht übers Knie brechen.«

Artikel zum Thema Der Mentalitätswechsel wäre in der Tat grundsätzlich - und er wäre es wert: Das Stipendienprogramm könnte zum Startschuss für die Hochschulen werden, endlich ernsthaftes Fundraising zu betreiben und sich so neue zusätzliche Geldquellen zu erschließen. Umgekehrt könnten die Unternehmen frühzeitig wichtige Kontakte zu künftigen Absolventen aufbauen, die ihnen angesichts des drohenden Fachkräftemangels schon in wenigen Jahren lieb und teuer sein dürften. Könnte, dürfte: Vermasselt die Politik den Start des Programms, indem sie die Hochschulen mit der Mammutaufgabe allein lässt, wäre eine große Chance vertan.

Diese Erkenntnis, so scheint es, ist endlich auch bei den Verantwortlichen angekommen. »Wir werden dafür sorgen, dass die Hochschulen angemessene Unterstützung erhalten«, verspricht FDP-Minister Pinkwart jetzt erstmals - mit Rückendeckung von Bundesministerin Schavan. Bei der dann notwendigen Änderung des Gesetzentwurfs könne man, deutet Pinkwart an, in Sachen Kompensation möglicherweise sogar über die bislang genannten fünf Prozent hinausgehen. Auf einen exakten Prozentsatz festlegen lassen will er sich indes nicht. Wie weit die Politik gehen könnte, zeigt aber der Vergleich zu den Begabtenförderwerken: Die bekommen satte 14 Prozent der Fördermittel für die Auswahl und Betreuung der Stipendiaten noch mal obendrauf. »Wenn wir uns der Zielmarke Stipendien für jeden zehnten Studierenden schnell nähern wollen, sollten wir den Hochschulen für jedes eingeworbene Stipendium eine Aufwandsunterstützung zahlen«, sagt Pinkwart. Eine solche Verwaltungsprämie wäre ein schlauer Schachzug: So würde sich das Einwerben zusätzlicher Stipendien für die Hochschulen direkt lohnen.

Aus DIE ZEIT :: 11.03.2010

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote