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Elb-Disharmonie: Reaktionen auf einen neuen Campus in Hamburg

Von Marike Frick

Die Universität Hamburg könnte einen neuen, hochmodernen Campus bekommen. Doch in der Stadt regt sich Unmut gegen die kühnen Pläne.

Elb-Disharmonie: Reaktionen auf einen neuen Campus in Hamburg© Marc C. Fischer - iStockphoto.com
Zunächst klang alles wunderbar: Wenige Monate nach ihrem Amtsantritt präsentierte die Hamburger Wissenschaftssenatorin, Herlind Gundelach (CDU), eine Art Rettungsplan für die Universität Hamburg. Viel Geld werde fließen, verkündete die Senatorin, damit endlich ein Neuanfang gelinge. Der ist auch dringend notwendig: Die Hochschule hat Jahre immer neuer Sparrunden hinter sich und kämpft vergeblich gegen das schlechte Image einer heruntergekommenen, wenig ambitionierten Massen-Uni. Doch es kam, wie es im Falle der Hamburger Universität immer zu kommen scheint: Bevor überhaupt Details des Neuanfangs feststanden, war bereits ein heftiger Streit entbrannt. Seitdem nimmt ein Lehrstück seinen Lauf, aus dem Anhänger und Gegner groß angelegter Hochschulreformen in Deutschland viel lernen können.

Die Senatorin hatte vier Szenarien vorgelegt, was aus der Universität werden könnte. Bis zum Frühjahr werden sie von Politikern, Architekten und Unternehmensberatern geprüft: Welche der vier Möglichkeiten ist machbar, finanziell, räumlich, architektonisch? Die mutigste, aber auch umstrittenste: ein Totalumzug der Hochschule in die Nähe des Hamburger Hafens. Sollte sich die Stadt für dieses Szenario entscheiden, so wäre das für die Hochschule nicht nur ein Sprung über die Elbe, sondern auch ein gewaltiger Sprung nach vorn: Sie bekäme einen hochmodernen Campus, gleich gegenüber der nicht minder modernen Hamburger HafenCity. Doch warum jubeln nicht alle? Warum spricht eine SPD-Abgeordnete statt von Visionen lieber von Ablenkungsmanövern", und warum beschweren sich Professoren?

Die Suche nach Antworten beginnt auf dem Kleinen Grasbrook. Hier, auf der südlichen Seite der Elbe, stapeln sich meterhohe Container. Von drüben, vom geschäftigeren Teil des Hafens her, tönt ein beständiges Brummen. Viele Gebäude sind marode, das Kopfsteinpflaster uralt. Umgeben ist das Gelände von Schienen und einer großen Straße; hierher verirrt sich nur, wer bei einer der Hafenfirmen arbeitet oder Fotos schießen will von der glitzernden HafenCity auf der anderen Seite. Es braucht viel Fantasie, um sich auf diesem Stück Land eine Universität vorzustellen. Andererseits: Hat die Stadt nicht Vorstellungskraft bewiesen, als sie von einem modernen Stadtteil auf dem brachliegenden Gelände der heutigen HafenCity träumte? Baut sie nicht gerade eine neue U-Bahn, die bis zum Kleinen Grasbrook verlängert werden könnte?

So viel Träumerei ist manchen Hamburgern zu viel. Einige haben seit dem Bau der Elbphilharmonie von Großprojekten genug. Andere mahnen: die Finanzkrise! Die Senatorin für Wissenschaft aber verweist bei Geldfragen ungerührt auf die HafenCity: "Die wurde überwiegend von privaten Investoren gebaut."

Nach dem Prinzip der Public-Private Partnership könnten die Gebäude auf dem neuen Campus demnach von priva ten Investoren gebaut und von der Stadt gemietet werden. Eine Herangehensweise, die gerade floppte, als man eine neue Hochschule für Baukunst in der HafenCity bauen lassen wollte: Es fand sich kein geeigneter Investor. Das Gebäude soll den neuesten Stand des ökologischen Bauens widerspiegeln und unterliegt strengen Kriterien.

Für eine mögliche Universität am Kleinen Grasbrook wird es wohl keine solchen Auflagen geben - Gundelach erhofft sich dann mehr Interesse. Welches der vier Szenarien ihr besonders gut gefallen würde? Die Senatorin reagiert trocken: "Alles ist besser als das, was wir derzeit haben." Im Übrigen solle man doch abwarten, was die Arbeitsgruppen ergäben.
Darauf wollen viele nicht warten. Die Handelskammer wettert, man solle den Hafen Hafen sein lassen. Dass der Senat bereits 2005 eine alternative Nutzung des Gebietes beschlossen hat, ignoriert sie. Auch die Medien mischen kräftig mit: Im Dezember veröffentlichte die Welt am Sonntag (WamS) bereits interne Ergebnisse der Arbeitsgruppen, die derzeit über den vier Szenarien brüten - allerdings nur die Ergebnisse für eines der Szenarien: den Totalumzug. Wer die detaillierten Bebauungspläne an die Presse gegeben hat, wird dies nicht ohne Eigeninteresse getan haben. Prompt urteilten Kritiker in der WamS vernichtend über das Projekt, es sei unsinnig und nicht finanzierbar, und die Zeitung titelte: Uni-Umzug steht vor dem Aus. Ein Umzug wohlgemerkt, der noch gar nicht beschlossen worden war.

Wundern sollte sich die Senatorin über die aufgeregte Diskussion nicht: Die Betroffenen selbst - Professoren, Uni-Mitarbeiter und Studenten - erfuhren von den tollkühnen Plänen nur aus der Presse. Zwar sind die betroffenen Bezirke, die Koalitionsfraktionen und sogar der Asta der Universität in die Arbeitsgruppen eingebunden, außerhalb dieser findet aber keine Werbung für die Idee statt; an der Hochschule direkt wird nicht diskutiert. Dass ab dem Frühjahr - eine Entscheidung steht wohl im Februar an - nur noch eines der Szenarien eventuell weiterverfolgt werden soll, käme einer endgültigen Entscheidung nahe; für eine Diskussion unter den Betroffenen wäre es zu spät.

Unter anderem deshalb hält die SPD-Abgeordnete Dorothee Stapelfeldt die Prüfung der vier Szenarien für Ablenkungsmanöver. Ihr ist die Idee zu groß, zu unrealistisch, liegt in zu weiter Ferne. "Sollte tatsächlich ein Umzug beschlossen werden, wird nicht mehr in die bestehenden Gebäude investiert." Dieser Zustand, so Stapelfeldt, könne Jahre andauern. Es sei doch schon einiges saniert worden - diese Mittel wären dann für nichts gewesen. "Außerdem ist die Universität von Forschungseinrichtungen umgeben, mit denen sie eng verflochten ist. Was soll das, die Uni jetzt dort herauszureißen?" Statt Wertschätzung "vielleicht irgendwann" will Dorothee Stapelfeldt diese lieber sofort: "Ein echter Befreiungsschlag wäre es, 500 bis 600 Millionen Euro im nächsten Haushalt bereitzustellen, um die dringend notwendigen Sanierungsarbeiten zu erledigen."

Tatsächlich sieht eines der vier Szenarien vor, die Hochschule am jetzigen Standort mitten in der Stadt zu belassen, einige Gebäude abzureißen und neu zu bauen. Uni-Präsidentin Monika Auweter- Kurtz kann sich für diese Variante durchaus erwärmen. "Erst einmal muss allerdings geprüft werden: Reicht der Platz hier in der Stadt?" Denn um allen Ansprüchen zu genügen, müsste der Campus um ein Drittel wachsen - in die Breite geht das kaum, es müsste dichter und höher gebaut werden. Auch einen Totalumzug auf den Kleinen Grasbrook sieht Auweter-Kurtz positiv: "Das wäre ein klares Bekenntnis der Stadt zu ihrer Universität." Sie müsse nun mal langfristig planen, sagt die Präsidentin, 50 Jahre vorausdenken. Da dürfen doch Träume erlaubt sein - oder?

Aus DIE ZEIT :: 22.01.2009

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