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Erstklassig - Ingenieure sind weiterhin gefragt


Von Jan-Martin Wiarda

Eine neue Studie zeigt: Ingenieure sind in der Industrie auch mit den neuen Abschlüssen erfolgreich.

Erstklassig - Ingenieure sind weiterhin gefragt© Stephan Leyk - Fotolia.comErfolgreich: der Bachelor-Ingenieur
Es ist eine Nachricht, die nicht zur gegenwärtigen Aufregung um Bologna zu passen scheint: Zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen kommt eine groß angelegte Studie zu dem Ergebnis, dass Absolventen der neuen Studiengänge überraschend gute Berufsaussichten haben. Vor wenigen Wochen erst hatten Kasseler Hochschulforscher in einer bundesweiten Untersuchung ermittelt, dass der Bachelor ähnliche Einstiegschancen auf dem Arbeitsmarkt bietet wie ein Diplom oder der Magister - allerdings bei geringerer Bezahlung. Jetzt zeigt eine Umfrage unter Hunderten deutschen Industrieunternehmen, dass Ingenieure mit Bachelor- oder Masterabschluss zum Teil sogar höhere Gehälter erzielen als ihre Dipl.-Ing.-Kollegen.

So gaben 12 Prozent der Personalchefs an, Universitätsabsolventen mit Master von Anfang an mehr zu zahlen als ihren Dipl.-Ing-Kollegen, nur knapp 3 Prozent entlohnen schlechter. Die große Mehrheit von 85 Prozent macht keinerlei Unterschiede. Noch extremer fallen die Zahlen bei den Masterabsolventen der Fachhochschulen aus: 18 Prozent der Betriebe zahlen ihnen mehr als den Diplomkollegen, nur gut 2 Prozent weniger. Durchgeführt wurde die repräsentative Umfrage vom wirtschaftsnahen Forschungsinstitut IW Köln, Kooperationspartner ist der Verein Deutscher Ingenieure (VDI). Die Methodik der Untersuchung ist nach Expertenansicht über Zweifel erhaben: Das sogenannte IW-Zukunftspanel wird regelmäßig erhoben, umfasste in der aktuellen Runde 3906 Unternehmen und damit fast zwei Drittel der deutschen Privatwirtschaft. 362 Betriebe beschäftigten zum Befragungszeitpunkt bereits Ingenieure mit Bachelor- oder Masterabschluss, nur ihre Angaben flossen in die Auswertung der Studie ein. Ein bedingt positives Bild ergibt sich nach der Auswertung auch für die Inhaber eines FH-Bachelorabschlusses: Zwar muss jeder Fünfte von ihnen am Anfang seiner Karriere mit weniger Geld auskommen als seine Diplomkollegen, doch umgekehrt bedeutet das für immerhin 80 Prozent das gleiche Gehaltsniveau. Nach drei bis fünf Berufsjahren hat sich das Verhältnis sogar zugunsten der Bachelorabsolventen gedreht, dann werden 10 Prozent von ihnen besser bezahlt als Diplominhaber und nur knapp 7 Prozent schlechter. Passend dazu stimmten neun von zehn befragten Unternehmen der Aussage zu, entscheidend für die Karriereentwicklung sei nicht der Name des Studienabschlusses, sondern die »Bewährung im Unternehmen«.


Erstklassig - Ingenieure sind weiterhin gefragt
»Die Botschaft ist eindeutig«, sagt VDI-Direktor Willi Fuchs: »Der Bachelor ist kein Ingenieur zweiter oder gar dritter Klasse.« Ein bemerkenswerter Satz angesichts der Entschlossenheit, mit der sich Berufsverbände und technische Universitäten lange Zeit gegen die Studienreform gewehrt haben: Der Dipl.-Ing. sei das weltweite Markenzeichen deutscher Ingenieurskunst, sein Verlust nicht hinnehmbar. Was für wissenschaftliche Karrieren gelten mag, erweist sich in der Berufspraxis als unbegründete Befürchtung - zumindest wenn man der IW-Studie Glauben schenkt. Oder, um es in den Worten von Willi Fuchs zu sagen: »Es kam vor der Studienreform auf den Namen der Hochschule an, von der man kommt, es kommt jetzt auf den Namen der Hochschule an. Daran hat sich durch die neuen Abschlüsse nichts geändert.«

Sarina Schäfer bewertet die Ergebnisse der Studie anders. Bis zum Sommer war sie Vorstandsmitglied im Studentenverband fzs, als studentische Bologna-Expertin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) verfolgt die Marburger Masterstudentin die Umstellung der Studiengänge konstruktiv-kritisch. Was die IW-Untersuchung angeht, eher kritisch: »Die Menge der Bachelorabsolventen in den Ingenieurswissenschaften ist noch zu klein, als dass sich hier großartige Erkenntnisse ableiten ließen.«

Tatsächlich geben die IW-Forscher selbst die Zahl der Bachelorabsolventen zwischen 2001 und 2007 mit gerade 6493 an - 2,2 Prozent von fast 300 000 frisch gebackenen Ingenieuren in diesem Zeitraum. Über die Berufschancen der neuen Abschlüsse sagt Schäfer: »Offenbar ist der Personalbedarf in den Ingenieurswissenschaften so riesig, dass die Unternehmen Absolventen ohne Rücksicht auf eventuell fehlende Qualifikationen einstellen.«

Erstklassig - Ingenieure sind weiterhin gefragt
Eine Einschätzung, die Fuchs weit von sich weist. »Wir sind doch nicht so dumm, Leute einzustellen, die wir nicht brauchen können«, entgegnet der VDI-Chef. Im Zweifel ließen die Unternehmen eine Stelle eher frei, wenn das Profil eines Bewerbers nicht passe. »Ein Krankenhaus stellt doch auch keinen Gynäkologen ein, nur weil es einen Urologen braucht.« Es ist die von Vorgängerstudien bekannte Streitfrage: Was für eine Aussagekraft haben Bachelor-Untersuchungen zu einem Zeitpunkt, zu dem nur ein Bruchteil der Absolventen überhaupt schon in den neuen Studiengängen studiert hat? Umgekehrt wächst angesichts der heftigen Kritik an der Bologna-Studienreform der Bedarf an verlässlichen Fakten. Entsprechend betont der Autor der Studie, Oliver Koppel, dass keinerlei Aussage über die akademische Qualität der neuen Abschlüsse getroffen werde. »Viele Professoren und Studenten mögen ja eine ganz eigene Sichtweise auf den Reformprozess haben, wir haben lediglich die Meinung der Unternehmen abgefragt, und die sind ganz überwiegend zufrieden mit den Bachelor- und Masterabsolventen, die zu ihnen kommen.« Einer Diskussion über die wissenschaftliche Aussagekraft der Studie werde er sich indes jederzeit gern stellen, sagt Koppel: »Das ist der Datensatz mit der größten Stichprobe, den es für die Akzeptanz von Bachelor- und Masterabsolventen bislang gegeben hat.«

Ein Datensatz, der noch weitere aufschlussreiche Zahlen enthält: Demnach werden Bacheloringenieure vor allem in der Montage und Produktion, im Vertrieb und in der Kundenberatung eingesetzt, Masterabsolventen hingegen vorrangig in der Forschung und Entwicklung. Allerdings sagten jeweils zwischen einem und zwei Dritteln der Unternehmen, dass sie beide Abschlüsse gleichermaßen einsetzten. Die große Ausnahme: Für den Bereich Forschung gab fast jeder vierte Betrieb an, weder Bachelor noch Master seien hier einsetzbar. Also doch noch längst nicht alles gut? Nein, sagt Willi Fuchs: »Manche Hochschulen haben angesichts ihres Ärgers über den Verlust des Dipl.-Ing. vergessen, dass die Inhalte wichtiger sind als die Verpackung. Es gibt zu viele Bachelorprogramme, die im Grunde gestauchte Diplomstudiengänge sind.« Und plötzlich ist der Bachelorfan Fuchs wieder ganz nahe bei den protestierenden Studenten, die die hohen Abbrecherquoten gerade im Fachhochschul-Bachelor kritisieren. Wobei er sich trotz dem keine Sorgen um die Zukunft seiner Zunft mache, sagt der VDI-Chef: »Wie ich uns deutsche Ingenieure kenne, werden wir uns das zurechttüfteln mit der Reform.«

Was verdient ein Ingenieur?»
Zu den Gehaltsaussichten eines Bauingenieurs»

Aus DIE ZEIT :: 03.12.2009

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