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Europas Projekt für die Wissenschaft: Das Euroscience Open Forum

Von Ulrich Schnabel und Andreas Sentker

Die Wissenschaftler in Barcelona eint eine Vision für Europa: Kluge Lösungen der Energie- und Klimafrage.

Europas Projekt für die Wissenschaft: Das Euroscience Open Forum© esof2008.orgDie Eröffnungsveranstaltung des ESOF
Preisfrage: Was kann der Fußball zu Europas Einheit beitragen? Antwort: An sich nichts - es sei denn, man trifft sich zur Fußball- Europameisterschaft. Dort werden sowohl die nationalen Eigenheiten deutlich als auch die gemeinsame Freude an Spitzenspielen. Ähnlich verhält es sich mit der Wissenschaft. Auch diese hat per se nicht viel mit Europa zu tun - es sei denn, man schafft Gelegenheiten, gemeinsam seine Spitzenleistungen zu feiern.

Dies war ein Ziel des größten interdisziplinären Forschertreffens Europas, das diese Woche in Barcelona stattfand. Jahrelang haben die Amerikaner mit der jährlichen Konferenz der American Association for the Advancement of Science (AAAS) vorgemacht, wie man solche Feste der Wissenschaft zelebriert. Seit 2004 ziehen die europäischen Forscher (alle zwei Jahre) mit dem Euroscience Open Forum (ESOF) nach.

Das Besondere daran: Hinter der Initiative steckt keine Brüsseler Euro-Behörde, sondern ein Kreis von engagierten Forschern, Organisationen und Stiftungen, die einmal - fern von Brüssel - offen über Stärken und Schwächen der europäischen Forschung reden wollten. Und augenscheinlich besteht dringender Bedarf für ein solches Forum: Waren zur ersten ESOF-Tagung in Stockholm nur rund 1000 Teilnehmer angereist, waren es dieses Mal in Barcelona bereits rund 4500 Interessierte, die die wissenschaftlichen Fachvorträge, Partys, Ausstellungen und politischen Debatten bevölkerten. Wer hätte gedacht, dass europäische Wissenschaft so eine Anziehungskraft entwickelt?

Doch was ist überhaupt europäische Wissenschaft? Vielleicht wird einem das erst so richtig bewusst, wenn man mit Jia Hepeng redet. Der chinesische Journalist ist aus Peking nach Barcelona gekommen und sitzt nun in der Pressekonferenz mit Sir David King. Der frühere Wissenschaftsberater der britischen Regierung hat soeben die Herausforderungen der Klimapolitik skizziert, Energiesparmaßnahmen und CO2-Reduktionen gefordert und damit im Auditorium einhelliges Nicken geerntet. Doch Jia stellt kritische Fragen: "Hat der Westen nicht einfach Angst vor Chinas ökonomischem Wachstum? Und dient das ganze Gerede über Klimapolitik nicht dazu, dieses Wachstum zu bremsen?"

Solche Fragen, auf die Jias europäische Kollegen wohl nie gekommen wären, bieten David King die Gelegenheit zur Positionsbestimmung. Alle Nationen, die viel Energie verbrauchten, bekämen in Zukunft massive Probleme; die Chinesen sollten daher, in ihrem eigenen Interesse, versuchen, die Fehler des Westens zu vermeiden. Niemand würde sie dabei mehr unterstützen als die Europäer und ihre Wissenschaftler.

Bevor Europas Forscher allerdings die Welt retten, müssen sie sich erst von den eigenen Fesseln befreien. Selbst Fachleute gestehen sich in Barcelona ein, dass sie sich im Dschungel der EU-Institutionen nicht mehr zurechtfinden.

Bürokratiewahn und Papierwust zur Beantragung europäischer Forschungsmittel treiben viele zur Verzweiflung; ohne die Hilfe speziell geschulter Beratungsunternehmen kommt kein Wissenschaftler mehr zum Zug. Außerdem leidet Europa noch immer unter den nationalen Egoismen.
Selbst die Lösung einfacher technischer Probleme scheitert daran: So gibt es auch 50 Jahre nach Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft noch immer keine einheitliche Zugtechnik, die es möglich machen würde, mit ein und derselben Lokomotive von Oslo nach Lissabon durchfahren zu können.

Dass es dennoch Grund zu europäischem Optimismus gibt, machen häufig gerade die Beiträge der außereuropäischen Gäste deutlich. "Früher haben amerikanische Forscher nicht Europa, sondern Frankreich, Deutschland oder England im Blick gehabt.

Doch das ändert sich", sagt AAAS-Vertreter Alan Leshner: "Die Europäer waren in den vergangenen fünf Jahren extrem clever, wir beobachten ihre Forschungspolitik sehr genau." Lange Zeit galt beispielsweise das lähmende Prinzip des juste retour - jede Nation achtete darauf, dass bei der Bewilligung von Wissenschaftsprojekten mindestens so viel Geld in das Land zurückfloss, wie man an EU-Beiträgen eingezahlt hatte.

Der neu eingerichtete European Research Council (ERC) machte Schluss mit dem Proporzdenken: Dort werden Projekte nicht nach nationaler Zugehörigkeit, sondern ausschließlich nach wissenschaftlicher Qualität beurteilt.

"Das ist das erste Mal, dass ein Wettbewerb um europäische Forschungsmittel auf wissenschaftlicher Exzellenz beruht ", sagt Leshner. Auch die Bemühungen, die europäischen Universitäten auf den weltweiten Wettbewerb zu trimmen (Stichwort Exzellenzinitiative), gehen für ihn in die richtige Richtung.

"Uns ist nicht entgangen, dass die EU mittlerweile in den USA Konferenzen veranstaltet, um junge europäische Forscher zur Rückkehr zu bewegen", meint Leshner - und kann sich eine selbstkritische Bemerkung nicht verkneifen. "Die restriktive amerikanische Visapolitik nach dem 11. September war die beste Sache, die der europäischen Forschungspolitik passieren konnte."

Die USA träumten vom Mond, die Europäer wollen die Welt retten

Patrick Cunningham, Wissenschaftsberater der irischen Regierung, weiß, was der europäischen Wissenschaft sonst noch fehlt: die Vision, die unter Europas Bürgern ein ähnliches Wirgefühl auslöst wie der Traum von der Mondlandung in den sechziger Jahren unter den Amerikanern.

Tatsächlich gibt es eine solche gemeinsame Vision bereits, auch wenn sie als solche noch kaum artikuliert wurde: In nichts sind sich Europas Forscher und Bürger so einig wie in ihrer Hoffnung auf kluge Lösungen der Energie- und Klimafrage. Diese Hoffnung zog sich wie ein roter Faden durch die Tagung in Barcelona. Bereits heute sind Europas Wissenschaftler Vorreiter in der Entwicklung umweltschonender und energieeffizienter Techniken. Doch noch ist daraus keine paneuropäische Idee mit der Kraft des Apollo-Projekts entstanden. Das wäre doch ein Ziel für die nächste ESOFTagung 2010 in Turin.

Aus DIE ZEIT :: 24.07.2008

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