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Falsches Vorbild: Humboldt

Von Martin Spiewak

Wilhelm von Humboldt gilt als Erfinder der Universität - zu Unrecht. Aber in Krisen- und Protestzeiten muss er wieder mal als Popstar der Bildung herhalten.

Falsches Vorbild: Humboldt© Thomas Röske - Fotolia.com
Es wird viel gestorben an deutschen Universitäten. Der Tote ist stets derselbe: Wilhelm von Humboldt und »seine« Universität. Physisch tot ist der Gelehrte seit Langem, nämlich seit dem 8. April 1835. Normalerweise schrumpft eine Erinnerungsgemeinde mit dem Abstand zum Sterbedatum. Nur bei Religionsstiftern ist das anders - und bei Humboldt. Je länger der echte Humboldt unter der Erde liegt, desto größer wird die Zahl der Trauernden.

In den nächsten Monaten werden die Kränze noch prächtiger, die Wehklagen noch lauter sein. Denn es jährt sich im Juli zum 200. Mal das Datum, an dem Wilhelm von Humboldt »An des Königs Majestät« seinen »Antrag auf Errichtung der Universität Berlin« stellte und danach jene Hochschule gegründet wurde, die heute Humboldts Namen trägt. Andächtig wird man um sein Grab herum stehen und mit Wehmut die große Geschichte der deutschen Universität beschwören. Sie geht in Kurzform so: Wir schreiben das Jahr 1809. Preußen liegt am Boden, die Universitäten sind in einem lamentablen Zustand. Da lässt der König einen Gelehrten an die Spitze des Kultusministeriums berufen, der selbst nie eine Schule besucht und das eigene Studium schon nach vier Semestern geschmissen hatte: Wilhelm von Humboldt (1767-1835), damals 41 Jahre alt. Nur 13 Monate hält es der Geheime Staatsrat in dem Ressort aus. Doch diese knappe Zeitspanne genügt ihm, mit der Gründung der Berliner Hochschule der modernen Universität ihre Gestalt zu geben.

Seite an Seite gehen Professoren und Studenten darin ihren Forschungsinteressen nach. Weder staatliche Interventionen noch kurzfristige Nützlichkeitserwägungen behindern sie in ihrem Streben nach der Wahrheit. Denn Bildung, nicht Ausbildung ist das Ziel des Studiums. Das Ergebnis: durch Wissenschaft gereifte Persönlichkeiten. Rasch verbreiten sich diese Prinzipien, erst in den preußischen Universitäten, später in der Welt, und begründen die Leistungskraft der deutschen Wissenschaft. Zwei Jahrhunderte lang trotzt die Humboldtsche Universität allen Herausforderungen: dem Aufstieg der modernen Naturwissenschaften, der Barbarei des Nationalsozialismus, der modernen Massenuniversität. Aber heute machen Politiker und Hochschulbürokraten dem Humboldtschen Geniestreich den Garaus. Der Totengräber heißt Bologna.

Genau vor zehn Jahren, am 19. Juni 1999, haben 29 europäische Bildungsminister im italienischen Bologna eine Erklärung unterzeichnet, deren Ziel die Schaffung eines einheitlichen europäi schen Hochschulraums mit vergleichbaren Hochschulabschlüssen bis 2010 ist. Gegen die Folgen dieses Beschlusses, gegen die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen, gegen die Verschulung des Studiums, gegen Studiengebühren richtet sich der »Bildungsstreik«, den Schüler und Studenten in dieser Woche als bundesweite Protestplattform organisieren. Allein, die gerade anlässlich der Jahrestage und Proteste gern erzählte Humboldt-Geschichte hat sich niemals so abgespielt. Die freiheitlich forschende Universität ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Seither diente der Rekurs auf den Preußen als eine Art Allzweckwaffe, mit der Professoren meist gegen aktuelle Reformen polemisierten, heute mehr denn je. »Humboldt wurde und wird missbraucht, um Interessen durchzusetzen«, kritisiert der Bildungshistoriker Heinz- Elmar Tenorth.

Humboldt, ein Hochstapler? Wenn, dann einer wider Willen. Mehr als Schul- denn als Hochschulreformer fühlte sich der Gelehrte, noch mehr als Sprachforscher. Er wäre kaum auf die Idee gekommen, als seine wichtigste Hinterlassenschaft ausgerechnet die Universität zu sehen. Nur zwei schmale programmatische Schriften, von denen die wichtigste lange unveröffentlicht blieb, widmete der Denker den »höheren wissenschaftlichen Anstalten«. Lexika oder Hochschulgeschichten des 19. Jahrhun derts erwähnen den Namen Humboldt äußerst selten und wenn ohne Bezug auf irgendein »Modell «. Die Stichworte für die Idee der modernen Universität lieferten andere: Immanuel Kant oder Friedrich Schleiermacher, dessen Gelegentliche Gedanken über Universitäten in deutschem Sinne in kaum einer Darstellung fehlten. Wurden Universitäten gegründet oder erneuert, so nahmen sie nicht Berlin zum Vorbild, sondern Halle oder Göttingen. Die galten als die Reformhochschulen der Zeit, sie führten neue Fächer wie Staatswissenschaften oder Geschichte ein und räumten ihren Professoren große Freiheiten beim Forschen und Lehren ein.

Die Humboldtsche Hochschule dagegen folgte zwar dem Trend hin zu den modernen Wissenschaften, setzte ihn aber nicht. Weder veränderte sie die traditionelle Rangfolge der vier Fakultäten - Theologische, Juristische, Medizinische, Philosophische -, noch führte sie neue Prüfungsregeln ein. Einige Neuerungen setzen sich in Berlin sogar später durch als anderswo. Zum Beispiel das historische Seminar, das nun die Vorlesung ergänzte. Im kleinen Kreis stellten Professoren den Lehrstoff zur Debatte und führten die Studenten so ins wissenschaftliche Denken ein. Auch wenn Gelehrte wie der Berliner Historiker Leopold von Ranke solche Treffen privat abhielten und die Philologen das Institut schon kannten: Erst 1885 richtete die Berliner Universität ein Historisches Seminar ein, in dem die Übungen Teil des offiziellen Hochschulangebots wurden - als eine der letzten Hochschulen im Reich. In den naturwissenschaftlichen Fächern entstanden Lehrlabore erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Darin gingen die Studenten selten dem eigenen Forschungsdrang nach, sondern dienten den Professoren als Laborsklaven. Angeleitet von Assistenten, führten sie für den Lehrstuhlinhaber Experimente in großer Zahl durch. »Den Professor selbst bekamen sie fast nie zu Gesicht«, erzählt Tenorth, der zum 200. Gründungsjubiläum der Humboldt-Universität (HU) eine neue Universitätsgeschichte herausgibt.

Auch blieb die Berufsausbildung weit über die Jahrhundertwende hinaus die wichtigste Bestimmung der Universität. Selbst die Gründung der Philologischen und Mathematisch-Physikalischen Seminare war »zunächst motiviert durch das Interesse an einer besseren Ausbildung der angehenden Schullehrer«, sagt Sylvia Paletschek, die sich am intensivsten mit dem Mythos Humboldt beschäftigt hat. Zu diesem Mythos gehört auch die Vorstellung, Humboldt sei eine Art deutscher Exportschlager gewesen, ja seine Universitätsideen hätten im Ausland sogar besser überlebt. Für Frankreich stimmt das sicher nicht. In England kannte man den Gelehrten allenfalls als Sprachforscher und Bruder des bekannteren Alexander. Einfluss hatte die deutsche Forschungsuniversität allenfalls in Japan und in den USA. So nahm man sich in Amerika die Lehrform des Seminars zum Vorbild sowie die akademische Freiheit, der eigenen Neugier folgend zu forschen. Dieser Spielraum war in Deutschland tatsächlich größer als anderswo. Mehr aber nicht. Die Stärke des US-Hochschulsystems besteht gerade darin, dass es nicht einem Modell folgt, sondern vielzählige Formen akademischer Bildung kennt, das staatliche Community-College ebenso wie die private Eliteeinrichtung, Frauen hochschulen wie Graduiertenuniversitäten.

Weder den amerikanischen noch den deutschen Beobachtern entging auch die Kehrseite der akademischen Freiheiten: die fehlende Struktur des Studiums sowie Vernachlässigung der Studenten, was zum Studienabbruch und zu langen Studienzeiten führte. »Normalerweise verbrachte der Student seine Zeit in den ersten Semestern mit Eingewöhnung und Bummelei. Das ernsthafte Studium begann selten vor den letzten zwei Semestern, wenn die Staatsprüfungen drohend am Horizont auftauchten«, schreibt der amerikanische Historiker R. Steven Turner über die damaligen Zustände an deutschen Universitäten. Humboldt wurde für solche Zustände ebenso wenig zur Verantwortung gezogen, wie er bis dahin für den Ruhm der deutschen Hochschulen haftbar gemacht worden war. Das änderte sich Anfang des 20. Jahrhunderts. Fast 100 Jahre nach ihrer Entstehung entdeckte man damals Humboldts Schrift Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin. Ein Biograf hatte das vergessene Manuskript in den 1890er Jahren in einem Archiv gefunden. Erstmals 1903 wird es vollständig veröffentlicht. In einem nur zehn Seiten langen Fragment sahen Zeitgenossen all das beschrieben, was sie sich für ihre Hochschule ersehnten: Staatsferne und Elitedenken sowie die Einheit der Wissenschaften, die sich mittlerweile in viele Einzeldisziplinen ausdifferenziert hatten. Nachträglich, als Akt erfundener Tradition also, wurde Humboldts Texttorso nun zum programmatischen Gründungsmanifest erst der Berliner Universität, dann der deutschen Universität erklärt - und der preußische Gelehrte zum Schutzheiligen der deutschen Professoren erhoben. Von nun an wurde jede Reform an ihm gemessen, fragte man sich bei jeder Neuerung: Was hätte Humboldt dazu gesagt?

In der Regel waren es nicht Historiker, sondern Geisteswissenschaftler anderer Fächer, die sich als Humboldt-Interpreten hervortaten. Typisch für die Zeit sprach der Orientalist und Weimarer Kultusminister Carl Heinrich Becker der Humboldtschen Universitätsidee eine ewige, fast heilige Gültigkeit zu. »Vom Wesen der deutschen Universität kann man nur mit ehrfürchtiger Scheu sprechen«, schrieb Becker. Sie verfolge ein »selbstloses und zweckloses Suchen«, das letztlich im »deutschen Wesen« wurzle. Aber auch für andere Zwecke ließ sich Humboldt einspannen. So begründete der erste Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (heute Max-Planck-Gesellschaft), Adolf von Harnack, die Notwendigkeit, neben den Universitäten reine Forschungseinrichtungen ohne Studenten zu gründen, ausgerechnet mit Humboldts Manuskript. An einer Stelle ist darin die Rede von universitätsunabhängigen »Instituten«.

Nach dem Ende des Naziregimes berief sich die Wissenschaftspolitik in beiden deutschen Staaten wieder auf den preußischen Adligen. Die DDR machte ihn zum Symbol eines sozialistischen Humanismus. In der Bundesrepublik benutzte man den Mythos Humboldt »als Alibi des Wiederaufbaus der Ordinarienuniversität«, meint der Historiker Mitchell G. Ash - man drückte sich damit vor Aufarbeitung des eigenen Versagens im Nationalsozialismus. Heute wird Humboldt vor allem gegen die Bologna-Reform in Stellung gebracht, die Umstellung auf das Bachelor- und Masterstudium. Im angeblich völlig verschulten Bachelorstudium habe das forschende Lernen keinen Platz mehr, sei die Diskursgemeinschaft von Professoren und Studenten unmöglich. Doch diese Gemeinschaft war auch vor hundert Jahren keinesfalls die Regel. Unter den Bedingungen der Massenuniversität hat es sie allenfalls in Ausnahmefällen gegeben. Wie früher wettert man mit Humboldt gegen die Vermassung der Universitäten, das Spezialistentum im Studium oder gegen den Versuch, den Studenten (auch) berufstaugliche Kenntnisse zu vermitteln. Schon damals waren solche Argumente elitär und rückwärtsgewandt. Heute sind sie völlig fehl am Platz. Wenn knapp 40 Prozent eines Jahrgangs studieren, muss das Bildungskonzept ein anderes sein als in Zeiten, in denen nicht einmal einer von hundert die Universität besuchte. Die überwältigende Mehrheit der Studenten will nicht Professor werden, sondern sucht - wie früher auch - eine akademische Ausbildung für einen anspruchsvollen Beruf in einem Unternehmen, in Krankenhaus, Schule oder Amtsstube. Wer heute für die Marktwirtschaft ficht, argumentiert nicht mehr mit Adam Smith. Verteidiger der Evolutionslehre schlagen nicht mehr in Darwins Originaltexten nach. Warum aber rufen Professoren, die von Berufs wegen für das Neue offen sein müssen, ausgerechnet einen Denker des vorletzten Jahrhunderts zum Zeugen an, wenn sie heute für eine gute Universität kämpfen? Humboldt ist tot - das stimmt seit Langem. Beim 100. Jubiläum seiner Universität versuchte man, ihn wiederauferstehen zu lassen. Vielleicht gelingt es zum 200. Jahrestag, dem Mythos Humboldt endlich seine ewige Ruhe zu schenken.

Aus DIE ZEIT :: 18.06.2009

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