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Forscherinnen-Neugier und Mutterinstinkt


Von Ute Zauft

Sie schicken ihre Kinder in die unternehmenseigene Kita, arbeiten kurzfristig von zu Hause aus oder reduzieren zeitweise ihre Stundenzahl: Familie und Karriere schließen sich nicht aus, davon gehen zumindest viele junge Forscherinnen aus, die in der freien Wirtschaft arbeiten. Inzwischen üben sich auch Unternehmen in mehr Familienfreundlichkeit, um den wissenschaftlichen Nachwuchs anzulocken - auch die jungen Väter.

In der Mittagspause könnte Elisabeth Weiland theoretisch kurz bei ihren beiden Kindern vorbeischauen. "Nein", sagt die promovierte Physikerin überrascht, "das ist ja auch in anderen Kinderkrippen nicht üblich." Elisabeth Weiland arbeitet bei Siemens im Bereich Medizintechnik und entwickelt Algorithmen zur Analyse von Ultraschallbildern. Ihre Kinder spielen derweil in der unternehmenseigenen Kindertagesstätte.

Als Elisabeth Weiland ihr erstes Kind bekam, ist sie direkt nach dem Mutterschutz mit 50 Prozent in ihren Job zurückgekehrt. Auch ihr Mann reduzierte innerhalb der Elternzeit auf 50 Prozent: Abwechselnd haben die Eltern so ihr Neugeborenes zu Hause versorgt. "Glücklicherweise wohnen wir so nah an meiner Arbeitsstätte, dass ich zum Stillen kurz nach Hause fahren konnte", erzählt Weiland. Ab einem Jahr konnte das Kind dann in die Siemens-Krippe gehen.

Flexible Zeitmodelle helfen

Anfangs habe sie von Seiten ihres Vorgesetzten durchaus eine gewisse Skepsis gespürt, sagt die heute 39-Jährige. "Ich glaube, es gab Bedenken, ob ich die schnelle Rückkehr auch schaffe." Doch diese Bedenken konnte sie widerlegen und als ihr zweites Kind kam, haben sie und ihr Mann das Zeitmodell wiederholt. Inzwischen arbeiten beide 30 Stunden. "Wir teilen uns die Vereinbarkeit", sagt Elisabeth Weiland nicht ohne Stolz. Gleichzeitig weiß sie, dass sie mit diesem Modell noch ziemlich alleine ist. 2006 arbeiteten gerade einmal 8,8 Prozent der Männer Teilzeit, bei den Frauen waren es dagegen 46 Prozent. "Ich konkurriere durchaus mit Männern, die das traditionelle Familienmodell leben: Der Mann kümmert sich um seine Karriere und die Frau um die Familie."

An deutschen Hochschulen studieren inzwischen mehr Frauen als Männer, zudem absolvieren sie immer häufiger naturwissenschaftliche Fächer. Doch bisher finden nur wenige dieser gut ausgebildeten Frauen ihren Weg in die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen deutscher Unternehmen: Nur 12,2 Prozent der in der freien Wirtschaft forschenden Wissenschaftler sind Frauen, am geringsten ist ihr Anteil mit 7,6 Prozent im Maschinenbau (Stand: 2007). Angesichts des drohenden Fachkräftemangels lässt dieses ungenutzte Potenzial auch die Unternehmen aufhorchen. Seit 1998 gibt es beispielsweise das Zertifikat "Beruf und Familie", eine Art Qualitätssiegel für eine familienbewusste Personalpolitik. Immerhin zwölf Prozent aller großen Unternehmen mit mehr als 3.000 Mitarbeitern haben sich inzwischen erfolgreich um dieses Zertifikat beworben.

Mit Organisationstalent in die Führungspositionen

Als Friederike Lindner vor 14 Jahren Mutter wurde, gab es so etwas wie unternehmenseigene Kitas praktisch noch nicht. Fast zeitgleich mit der Geburt ihres Sohnes stieg die promovierte Chemikerin bei Bosch zur Projektleiterin im Bereich Forschung und Entwicklung auf. Zusammen mit ihren Mitarbeitern entwickelte sie gerade eine neue Diesel-Einspritztechnik. Dies war ihre erste Führungsposition in dem Technologieunternehmen, der noch weitere folgen sollten. "Wenn man ein kleines Kind hat, ist es nicht immer leicht, Familie und berufliche Weiterentwicklung unter einen Hut zu bringen. Da ist viel Kreativität beim Aufbau eines Netzwerkes gefordert." Ihre Lösung damals: eine Tagesmutter und einsatzbereite Schwiegereltern.

"Mein Sohn ist heute noch bei seiner Tagesmutter, dabei ist er inzwischen 14 Jahre alt!" Friederike Lindner weiß, dass dies für manche ungewöhnlich klingen mag. Doch sie fügt hinzu: Ungewöhnlich sei eigentlich nur die Tatsache, dass ihr Sohn ansonsten nach der Schule auf sich allein gestellt sei. "Mit einem Halbtagesbetreuungsplatz ist Vollzeit arbeitenden Eltern nur selten gedient", betont Lindner. Sie spricht damit ein Problem an, das viele Eltern kennen. Auch Elisabeth Weiland setzt ihre Hoffnungen darauf, dass ihre Kinder mit Schulbeginn einen Platz im nachmittäglichen Siemens-Hort bekommen, die Plätze dort sind allerdings sehr begehrt.


Frühzeitige Absprachen mit den Vorgesetzten

Heute leitet Friederike Lindner bei Bosch als erste und bisher einzige Frau eine Forschungsabteilung und sitzt somit auf der anderen Seite des Schreibtisches, wenn werdende Mütter und Väter zu ihr kommen. "Als ich damals zu meinem Chef ging, hatte ich mir sehr genau überlegt, wann und wie ich wieder einsteigen will und habe das auch sehr früh kommuniziert." Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern rät sie, gemeinsam mit ihren Partnern zu entscheiden, wer wie lange zu Hause bleibt und das dann möglichst konkret mit den Vorgesetzten zu besprechen. Auch gegenüber Teilzeitmodellen ist sie aufgeschlossen: Für sie zähle die Arbeit pro Zeiteinheit, sagt sie und fügt hinzu: "Wer gewisse zeitliche Grenzen hat, steigert die Effizienz gewaltig", das wisse sie aus eigener Erfahrung.

Wenn Alexander Krah abends nach Hause kommt, ist zunächst einmal Spielzeit angesagt: Seine kleine Tochter ist sieben Monate alt und er dafür zuständig, die Kleine abends ins Bett zu bringen. In den kommenden Monaten wird der promovierte Biochemiker auch die Tagesschicht übernehmen: Alexander Krah geht vier Monate in Elternzeit, während seine Frau in ihren Job zurückkehrt. "Die erste Frage meines Chefs war: 'Wie lange bleiben Sie zu Hause?' Er war schon ein bisschen erstaunt, dass es mehr als zwei Monate sind." Immerhin ist er der zweite Vater in seiner Abteilung beim Pharmaunternehmen Merck, der Elternzeit nimmt.

Zukunftsperspektive im Unternehmen klarer

Alexander Krah ist Laborleiter bei Merck, er und seine fünf Mitarbeiter entwickeln Methoden zur Qualitätsprüfung von Medikamenten. Seine Doktorarbeit hat der heute 36-Jährige am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Berlin geschrieben. "Eigentlich hat mich auch die akademische Laufbahn interessiert", erzählt er. Abgeschreckt haben ihn dann allerdings die Beschäftigungsbedingungen im akademischen Betrieb: "Mein damaliger Betreuer musste die Mittel für seine Projekte immer wieder selbst einwerben." Sein Doktorvater hatte damals bereits Familie und der Druck war ihm anzumerken. Indirekt habe diese Erfahrung bestimmt auch seine Entscheidung beeinflusst, in die Wirtschaft zu gehen, so Alexander Krah.

Es ist eine relativ kurze Zeitspanne, in die bei junge Forscherinnen und Forschern sowohl die Zeit des Karrierestarts als auch der Familiengründung zusammenfällt. Das Jonglieren mit begrenzter Arbeits- und Familienzeit will da gut organisiert sein. Liliana Parra ist mit vollem Herzen Mutter, aber mit genauso vollem Einsatz Forscherin. Die 39-Jährige hat in Spanien Chemie studiert, in der Schweiz ihre Doktorarbeit geschrieben und anschließend am Max-Planck-Institut in Mühlheim gearbeitet. In ihrem Lebenslauf stehen 13 Publikationen in angesehenen Chemiezeitschriften, seitdem sie Laborteamleiterin beim Chemieunternehmen BASF ist, sind mehr als 30 Pflanzenschutz-Patente dazugekommen.

Schnelle Rückkehr für den Anschluss

Als ihre erste Tochter sechs Monate alt war, ist sie wieder mit 100 Prozent in ihren Job bei BASF eingestiegen. "Meine Arbeit hat mir wirklich gefehlt!", sagt sie mit viel Verve in der Stimme. Etwas leiser fügt sie hinzu: "Natürlich hatte ich auch die Befürchtung: Wenn ich länger zu Hause bleibe, bekomme ich den Anschluss nicht mehr." Auch Friederike Lindner kehrte nach der Geburt ihres Sohnes vor 14 Jahren möglichst schnell an ihren Arbeitsplatz bei Bosch zurück. "Um am Ball zu bleiben", wie sie sagt. Heute meint sie allerdings, dass der Zeitraum nicht allein entscheidend sei, sondern auch die Entschlossenheit zum Wiedereinstieg und die Möglichkeit, in der Elternzeit mit dem Arbeitsplatz in Kontakt zu bleiben.

Liliana Parra erwartet gerade ihr zweites Kind. Wieder plant sie, ein halbes Jahr zu Hause zu bleiben und dann mit 80 Prozent wieder einzusteigen. Nach ein paar Monaten will sie wieder Vollzeit arbeiten. Am wichtigsten sei ein gutes Organisationstalent, sagt sie. Spontane Geschäftsessen am Abend gingen eben nicht, aber wenn man rechtzeitig Bescheid wisse, ließe sich so einiges organisieren. Liliana Parra hat dabei einen sehr hohen Anspruch an sich selbst: "Ich brauche die Arbeit, will aber nicht, dass das Privatleben leidet." Bis ihre Tochter in die Schule kommt, müsse in Deutschland allerdings noch das Ganztagsangebot für Schüler besser werden, schiebt sie hinterher.

Quelle: academics

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