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Für Kooperationen und neue Strukturen

 

Die immer wieder kritisierte "Versäulung" der Forschung in Deutschland soll endlich überwunden werden. Deshalb wird seit geraumer Zeit eine engere Verzahnung der außeruniversitären Forschung mit den Universitäten gefordert und teilweise bereits umgesetzt. Wie beurteilen die außeruniversitären Forschungseinrichtungen diesen Prozess der Annäherung? Fragen an den Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft.

Für Kooperationen und neue Strukturen© Helmholtz-GemeinschaftProf. Dr. rer. nat. Jürgen Mlynek, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft
Forschung & Lehre: Integration oder Kooperation: Es gilt, die Versäulung der Forschung zu überwinden. Was halten Sie von dem Vorschlag von neun namhaften deutschen Naturwissenschaftlern, die Anfang 2008 dafür plädierten, die Max-Planck-Institute in die Universitäten einzugliedern?

Jürgen Mlynek: Dieser Vorschlag ist wenig sinnvoll. Die deutsche Wissenschaftslandschaft ist gerade auch wegen ihrer arbeitsteiligen Struktur ausgesprochen leistungsfähig, die Universitäten betreiben Lehre und Forschung gleichermaßen und arbeiten dabei eng auch mit den außeruniversitären Forschungsorganisationen zusammen, die unterschiedliche Schwerpunkte und Aufgaben haben. Im Gegensatz zu diesen oft innovativ und kreativ gestalteten Kooperationen würde die Eingliederung von außeruniversitären Forschungseinrichtungen, wie z.B. Max-Planck-Instituten, auf beiden Seiten in erster Linie hohe Transaktionskosten erzeugen und Deutschland um eines ihrer Aushängeschilder bringen.Die angebliche Versäulung wird ja bereits seit vielen Jahren von immer mehr Querverbindungen und Kooperationen durchbrochen, auch seitens der Helmholtz- Gemeinschaft fördern und verstärken wir die Zusammenarbeit mit Hochschulen mit vielen Instrumenten.

F&L: Das Karlsruher Institute of Technology (KIT) verbindet universitäre und außeruniversitäre Forschung. Wie hat man sich die Zusammenführung der Universität Karlsruhe und des Forschungszentrums Karlsruhe, einer Einrichtung der Helmholtz-Gemeinschaft, konkret vorzustellen? Welche rechtlichen Probleme und Finanzierungsprobleme gab es?

Jürgen Mlynek: Mit der Gründungsfeier des KIT im Februar 2008 führt erstmals eine strategische Partnerschaft von einem Helmholtz-Zentrum mit einer Universität zu einer institutionellen Verbindung unter einem gemeinsamen Dach. Dabei mussten in der Tat einige Probleme gelöst werden, so untersteht die Universität dem Landesrecht und wird durch das Land finanziert, während das Forschungszentrum als Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft zu 90 Prozent vom Bund getragen wird und nur zehn Prozent der Mittel aus dem Landeshaushalt kommen. Doch diese Probleme sind lösbar: Das KIT wird nun als Körperschaft öffentlichen Rechts nach baden-württembergischem Landesrecht eingerichtet. Das KIT wird sowohl die Aufgaben der Universität erfüllen als auch die des Forschungszentrums Karlsruhe mit seinem nationalen Auftrag als Helmholtz-Zentrum. Dieser Geschäftsbereich bleibt Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft und wird weiterhin im Rahmen der programmorientierten Förderung begutachtet und gefördert. Geleitet wird das KIT durch eine Doppelspitze von Helmholtz-Zentrum und Universität. Zusammen haben die beiden Partnereinrichtungen 7 500 Beschäftigte, das Budget beträgt insgesamt jährlich 600 Millionen. Der Zusammenschluss ermöglicht nun eine gemeinsame Struktur- und Entwicklungsplanung sowie eine gemeinsame Berufungspolitik, von der sowohl die Lehre als auch die Forschung profitieren.

F&L: Profitiert der wissenschaftliche Nachwuchs von einer solchen Kooperation?

Jürgen Mlynek: Das ist eines der wesentlichen Motive für diesen Kraftakt gewesen, denn mit Einbeziehung des Forschungszentrums Karlsruhe erweitern sich die Möglichkeiten für die Studierenden enorm. Doch natürlich gibt es auch andere Formen der Kooperation zwischen Universitäten und Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft, die den Studierenden neue Chancen eröffnen. Zum Beispiel kooperiert das Forschungszentrum Jülich eng mit der RWTH Aachen in mehreren Forschungsfeldern und hat eine Jülich- Aachen-Research-Alliance (JARA) gebildet, in der auch Ausbildung und Promotion des wissenschaftlichen Nachwuchses eine große Rolle spielen. Doch selbst ohne solche groß angelegten Kooperationen betreuen Helmholtz-Wissenschaftler mehrere tausend Diplomarbeiten und rund 4500 Promotionen pro Jahr in enger Zusammenarbeit mit den Universitäten. Darüber hinaus bietet die Helmholtz-Gemeinschaft hervorragende Karrieremöglichkeiten für den wissenschaftlichen Nachwuchs an, sehr begehrt sind zum Beispiel die sehr gut ausgestatteten Tenure-Track-Positionen als Helmholtz-Nachwuchsgruppenleiter. Dabei leiten junge Forscher eine eigene Arbeitsgruppe zu ihrem Forschungsthema und erwerben gleichzeitig erste Lehrerfahrungen an kooperierenden Universitäten, so dass sie sich auch für eine Professur qualifizieren.

F&L: Konzentrieren Sie sich bei Ihren wissenschaftlichen Kooperationen auf die Exzellenzuniversitäten?

Jürgen Mlynek: Helmholtz-Zentren sind an drei erfolgreichen Zukunftskonzepten beteiligt, am bekanntesten ist dabei das Zukunftskonzept des Karlsruhe Institute of Technology (KIT), auf das ich schon eingegangen bin. Aber auch die RWTH Aachen wurde mit Unterstützung von JARA zur Eliteuni und der Ruprechts-Karl-Universität in Heidelberg hat die sehr enge Kooperation mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum geholfen, das zur Helmholtz-Gemeinschaft gehört. Wir arbeiten aber auch mit vielen anderen Universitäten zusammen. Entscheidend für uns ist vor allem kritische Masse in exzellent besetzten Forschungsfeldern verbunden mit Nachwuchsförderung. Daher haben wir in den letzten Jahren neue Förderinstrumente für Kooperationen zwischen Universitäten und Helmholtz-Zentren sowie der forschenden Industrie entwickelt, die wir durch den Impuls- und Vernetzungsfonds der Helmholtz-Gemeinschaft mit hoher Flexibilität finanzieren können. Ich nenne hier als Beispiele die rund 90 Helmholtz-Virtuellen Institute, die sieben großen Helmholtz- Allianzen, aber auch die neuen Helmholtz- Institute, die auf dem Campus von Universitäten gegründet werden sollen.

F&L: Sollte das Promotionsrecht ausschließlich den Universitäten vorbehalten bleiben?

Jürgen Mlynek: Ich sehe derzeit keinen Handlungsbedarf, das Promotionsrecht zu ändern. Alle Helmholtz-Zentren arbeiten eng mit verschiedenen Universitäten zusammen und viele Helmholtz- Wissenschaftler nehmen Lehrverpflichtungen an Universitäten wahr. Zudem haben wir an vielen Helmholtz-Zentren gemeinsam mit Universitäten Helmholtz- Graduiertenschulen und Helmholtz- Kollegs eingerichtet, um unsere Doktoranden optimal zu betreuen.

F&L: Was halten Sie von der Überlegung, exzellente Forschungsbereiche aus Universitäten in neue Strukturen zu überführen?

Jürgen Mlynek: Diese Strukturdebatte führt uns nicht wirklich weiter. Vor allem muss Sorge getragen werden, dass die trotz Exzellenzinitiative immer noch unterfinanzierten Universitäten Forschung unter guten und besseren Bedingungen fortsetzen können. Die Universitäten sollten sich jedoch auch offen für neue Angebote halten, die ihre Vernetzung in der Wissenschaftslandschaft fördern. Und in der Tat haben Forscher an den Universitäten heute sehr viele Möglichkeiten, auch die Angebote an außeruniversitären Einrichtungen für ihre Forschung zu nutzen. Ich halte Kooperationen, auch neue Formen der strategischen Partnerschaften, für einen guten Weg. Wenn beide Partner das wollen, spricht auch nichts gegen neue Strukturen. So bauen wir Translationszentren auf, in denen Mediziner aus Universitätskliniken und Grundlagenforscher aus Helmholtz-Zentren eng zusammenarbeiten, damit die Ergebnisse aus der Gesundheitsforschung schneller in eine klinische Anwendung übergehen. Ein gutes Beispiel: Beim Twin-Core in Hannover haben die Partner, die Medizinische Hochschule Hannover und das Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, gemeinsam eine GmbH gegründet.

F&L: Muss zwischen Forschungs- und Lehruniversitäten differenziert werden?

Jürgen Mlynek: Die Ausbildung, die der wissenschaftliche Nachwuchs an deutschen Universitäten erhält, ist weltweit anerkannt. Ich bin davon überzeugt, dass ein wesentlicher Grund dafür darin liegt, dass an unseren Universitäten Lehre und Forschung gleichermaßen betrieben werden. Diese Einheit von Lehre und Forschung, die Wilhelm von Humboldt vor rund 200 Jahren eingeführt hat, hat sich als ungemein fruchtbar erwiesen: Wer lehrt, stellt sich konstant den Grundlagenfragen und behält den Überblick über sein Feld und wer forscht, kann den Studierenden vermitteln, wie sich tiefere Einblicke gewinnen lassen. Beide Aktivitäten befruchten sich gegenseitig. Daher würde ich stark davon abraten, reine Lehranstalten einzurichten. Allerdings sollte gute Lehre stärker als Qualitätsmaßstab angesehen werden, als es bislang der Fall ist. Gegenwärtig ist die weitere Karriere eines Forschers noch allein von der wissenschaftlichen Produktivität abhängig.

Über den Autor
Jürgn Mlynek ist Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft.

Aus Forschung und Lehre :: Mai 2009

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