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Fuga dei Cervelli: Anmerkungen zu italienischen Universitäten

Von Horst Albert Glaser

Italien, das Land, in dem die Zitronen blühen, ist auch das Land, in dem Wirtschaft und Universitäten um ihr Überleben kämpfen. Der Wettbewerb mit der internationalen Konkurrenz scheint aussichtslos. Eine Bestandsaufnahme.

Fuga dei Cervelli: Anmerkungen zu italienischen Universitäten© Viajero1 - stock.xchng
Es hat in Italien einige Aufregung gegeben, als 2004 und 2005 die Rektoren der Universitäten an die Öffentlichkeit gingen und ein ungeschminktes Bild des katastrophalen Zustandes ihrer Hochschulen präsentierten. Diese "Relazioni sullo Stato delle Universita Italiane" können im Internet auf der Homepage der Conferenza dei Rettori delle Universita Italiane (www.crui.it) nachgelesen werden. Im Folgenden beziehe ich mich auf diese "Relazioni" und gebe jeweils das Jahr und die Seite an, wo die betreffende Information zu finden ist.

Der Öffentlichkeit - meinen die Rektoren in schonungsloser Offenheit - stellten die Universitäten sich dar als ein Reich der Desorganisation, bevölkert von Dozentenscharen, die zumeist aufgrund obskurer Berufungsverfahren zu ihren Stellen gelangt seien.

Innerhalb dieses "superliceo" dominierten häufig genug persönliche Interessen der Dozenten, die mit Wissenschaft wenig zu tun hätten. Eine qualifizierte Berufsausbildung erhielten die wenigsten Studenten - das meint: angehende Deutschlehrer sprechen kein Deutsch und Französischlehrer kein Französisch. Spätere Geschichtslehrer wissen nicht, welche Mächte in den Ersten und welche in den Zweiten Weltkrieg verwickelt waren. Ob Italien daran beteiligt war - und auf welcher Seite - ist den meisten unklar. Nicht dass es an Studienangeboten mangle; vielmehr gebe es eine unüberschaubare Vielfalt von Studiengängen, die aber eher den wissenschaftlichen Interessen der Dozentenals den Ausbildungsbedürfnissen der Studenten entsprächen.

Irritiert vernehme der italienische Steuerzahler, dass die Universitäten zwar ständig neue finanzielle Mittel verlangten, ohne dass aber jemandem gesagt werde, was am Ende dabei herausgekommen sei. Forschungsprojekte, für die Geld beantragt werde, seien für die meisten rätselhaft und würden in ihren Resultaten nicht evaluiert. Vor solcher Undurchschaubarkeit und Ineffizienz würden die Talentierteren der Studenten und Absolventen an ausländische Universitäten flüchten.

Diese 'fuga dei cervelli' (Flucht der Gehirne) sei ein nationales Unglück. Alles müsse unternommen werden, um die Emigranten zurückzuholen und auf festen Stellen zu etablieren. Große Hoffnungen hegen die Rektoren allerdings nicht, wenn sie Rückholaktionen verlangen.

Letztlich seien die italienischen Universitäten nicht konkurrenzfähig, vergleiche man sie mit US-amerikanischen oder japanischen, wo sich die Emigrierten zumeist aufhalten. Dunkel bleibt an der Forderung der Rektoren, an wen sie sich eigentlich richtet. An die Universitäten selbst oder an die Regierung? Da es aber die Universitäten sind, die Berufungsvorschläge machen, richten sie ihre Forderung vermutlich an die eigenen Hochschulen. Dass diese ihren Rektoren nicht folgen wollen, meint deren Hinweis auf veraltete Strukturen und Entscheidungsprozesse.

Dass Parlament und Regierung der Universitätsmisere nur zögerlich begegnen, wird einerseits beklagt, andererseits aber wird beanstandet, dass Regierungen ständig mit Erlassen in die Universitäten hineinregierten - Erlasse, die oft desaströse Folgen hätten, an welche sogar die Urheber der Erlasse nicht im Traum gedacht hätten.


Als großer Erfolg sei es zu bewerten, meinen die machtlosen Rektoren, dass nur noch 39 Prozent der eingeschriebenen Studenten ihr Studium ohne Examen abbrechen - zu früher 70 Prozent. Wie auch in Deutschland soll - nach dem Bologna-Modell - die größere Zahl der Studenten den Abschluss eines Bachelors erreichen. Abweichend von der deutschen Variante des Bologna- Modells wird in Italien aus dem Bachelor jedoch gleich ein 'master primo livello' gemacht, der sich - wie der alte 'laurea'-Besitzer - sogar 'dottore' nennen darf. Erst der 'master secondo livello' entspricht dem Master in der deutschen Version. Viel anderes hat der hochgelobte Bologna-Prozess an den italienischen Universitäten nicht erbracht. Die Inhalte von früher vierjährigen Studiengängen sind auf drei Jahre heruntergekürzt worden. Dennoch ist der gesetzliche Wert aller Studienabschlüsse erhalten geblieben. Sie zertifizieren weiterhin bestimmte Kenntnisse und Fähigkeiten, die schon die alten Studiengänge den Zeugnisbesitzern nicht vermittelten. Die nach dem Bologna- Modell reformierten Studiengänge sollten - nach Meinung der Rektoren - extern akkreditiert und durch Evaluationen überprüft werden. Anders könne es keine Garantie für die auf Zeugnissen attestierten Kenntnisse und Fähigkeiten der Absolventen geben.

Solange die staatlichen Reformer in Universitäten nur billige Sanatorien sähen, für die man nicht mehr Geld, sondern nur mehr Erlasse übrig habe, werde an den Universitäten der traditionelle 'clientilismo' herrschen, d.h. Kompromisse allein auf Kosten der Talentierten praktiziert werden. "Kompromisse" werden die Resultate undurchsichtiger und betrügerischer Berufungsverfahren - der 'concorsitruffa' - genannt. In letzteren koinzidierten die persönlichen Interessen der Examinatoren mit dem bescheidenen intellektuellen und wissenschaftlichen Niveau der Sieger, die schon vorher bekannt waren.

In gewisser Hinsicht entspreche der Zustand der italienischen Universitäten demjenigen der italienischen Wirtschaft. Wie hier gebe es auch dort nur ein Null-Wachstum. Die Industrien kämpften ums Überleben wie die Fakultäten ums Geld. Allseits herrsche eine große Müdigkeit, die es fast aussichtslos erscheinen lasse, der sehr lebendigen internationalen Konkurrenz zu begegnen. Wenn das Land vorankommen wolle, bedürfe es eines technologischen Schubs, zu dem es freilich nur dann kommen könne, wenn die Industrien enger mit den Hochschulen zusammenarbeiteten - insbesondere mit den natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern. Der im Lande deutlich sichtbare 'technological lag' wird von der Politik so gut wie nicht thematisiert. Im neuesten Wirtschaftsplan des Landes steht kein Wort über die Universitäten zu lesen (2005, S. 16).

Hinter dieser Klage der italienischen Rektoren verbirgt sich eine Forderung: der 'technological lag' könne nur überwunden werden, indem die Wirtschaft darauf verzichte, von den Universitäten bloß Absolventen zu verlangen, die hier und jetzt einsetzbar sind. Unternehmen sollten auch solche mit kreativer Kompetenz einstellen, die imstande seien, eine technologische Zukunft des Landes zu gestalten, das meint den technologischen Rückstand vieler Unternehmen zu beheben. Wo Universitäten Verbindungen mit der Industrie unterhielten, sollten sie finanziell privilegiert werden. Klar ist den Rektoren, dass bei dieser Art Forschungspolitik nicht alle Fächer mithalten könnten - gemeint sind offenkundig die Geisteswissenschaften. Kühl wird letzteren zwar konzediert, dass sie weiterhin zu den althergebrachten Aufgaben der Universitäten gehörten, freilich seien sie kaum geeignet, dem maroden Universitätssystem weiterzuhelfen. Vor allem wohl den 'Humanities' raten die Rektoren, den traditionellen Individualismus einzelner Fächer und einzelner Professoren zu überwinden. Notfalls müsse dieser Individualismus mit Gewalt zurückgeschnitten werden. Auch hier lautet der Schlachtruf: Interdisziplinarität.

Er ertönt in Italien schon so lange wie in Deutschland, ohne dass sich jedoch etwas am bornierten Fachegoismus in den Fakultäten geändert hat. Beispiel: Es gibt zwar seit vielen Jahren eine europäische Union, an den Philosophischen Fakultäten wird aber weiterhin so getan, als lebten wir noch im europäischen Nationalstaatssystem des 19. Jahrhunderts. Konkreter: Es gibt zwar Institute für deutsche Sprache und Literatur, für französische Sprache und Literatur oder für englische Sprache und Literatur - doch für europäische Kulturwissenschaften weder ein Institut noch eine Professur. Angelsächsische Universitäten sind hierin den kontinentaleuropäischen weit voraus: da sie eine isolierte Germanistik, Romanistik oder Slawistik nicht länger finanzieren wollen und können (aus Mangel an Studenten und deren Studiengebühren), haben sie vor Jahren schon die europäische Kleinstaaterei der philologischen Fächer kassiert und Zentren für European Studies etabliert.
Ob Ähnliches auch den italienischen Universitäten bevorsteht, ist ungewiss. Ihre Fakultätsstrukturen haben schon so manche Revolution überlebt. Wenn es heißt, dass die Institutionalisierung einzelner Fächer überwunden und die Unklarheit in den Zielen einzelner Fächer aufgeklärt werden müsse, wie auch die Inkohärenz zwischen diesen Zielen und den präsentierten Studieninhalten nicht länger hingenommen werden dürfe, so kann das vieles oder nichts bedeuten. Da Italien ein Land mit großer rhetorischer Kultur ist, entsprechen Reden und Pläne noch lange keiner Realität - ja ersetzen oft genug diese. Resigniert bemerken die Rektoren, dass es in ihrem Lande üblich sei, Pläne zu machen, ohne Geld zur Verfügung zu stellen. Forschung solle eigentlich nichts kosten. Konsequenz: Italien hat - angesichts seiner Bevölkerungszahl - weniger Forscher als andere europäische Länder, ja noch nicht einmal halb so viele. Leider gehöre diese Hälfte zu den ältesten Forschern in Europa überhaupt, die darüber hinaus auch am schlechtesten bezahlt seien. So nehme es nicht Wunder, dass in der italienischen Öffentlichkeit Professoren gern als verschimmelte Parasiten der öffentlichen Kassen angesehen werden, während sie doch andererseits wieder als Experten in allen wichtigen Staatsangelegenheiten zu Rate gezogen werden. Man sieht: das Ansehen von Wissenschaftlern ist in Italien umstritten. Dass nach einem dubiosen Geschäftsmann (Berlusconi) der italienische Wähler erst einen mäßig erfolgreichen Professor (Prodi) und dann wieder den Geschäftsmann zum Regierungschef gewählt hat, mag die Ratlosigkeit der Wähler charakterisieren.

Die Forderungen der Rektoren lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: 50 000 junge Forscher (i.e. die sog. 'ricercatori') warteten an den Universitäten auf eine reale Berufsperspektive. Bislang weithin in billiger Lehre verschlissen, hat man ihnen neuerdings Professorentitel, aber keine Professorenstellen angeboten. Der Protest war allgemein. Wird es nicht bald 'ruoli stabili' (feste Stellen) für sie geben, steht der nächste Streik vor der Tür. Da auf den Schultern der 'ricercatori' ein großer Teil der 'teaching load' ruht, ohne dass sie viel Zeit für ihre 'ricerca' (Forschung) hätten, dürfte der Lehrbetrieb bald wieder seiner jahreszeitüblichen Lähmung entgegengehen. Dann heißt es wie schon so oft: 'Senza contratti' (ohne Verträge) 'nulla didattica' (keine Lehre).

Keine Regierung - auch die Regierung Berlusconi nicht - wird es den Rektoren verdenken können, wenn sie verlangen, dass ihre Universitäten mindestens so gut (oder doch nicht noch schlechter) als andere in Europa finanziert werden. Höhere staatliche Zuwendungen sollten nicht stets wieder durch parallel laufende Gehaltsaufbesserungen aufgezehrt werden. Das alles mutet aus Deutschland vertraut an, wenngleich man sich hier noch nicht - wie die italienischen Rektoren - auf dem hintersten Platz unter den 25 Mitgliedern der erweiterten Europäischen Union sieht. Im Jahre 2003 wurden - unter der Regierung Berlusconi - den Universitäten die Forschungsmittel sogar um 5,3 Prozent gekürzt.

Trotz der Misere, in der sich das italienische Bildungswesen befindet (um das Schulwesen steht es nicht besser), lassen die Rektoren nicht alle Hoffnung fahren. Über den Portalen italienischer Universitäten, die zu den ältesten und berühmtesten Europas gehören, soll nicht - wie über dem Eingang zu Dantes "Inferno" - der Satz stehen:

Lasciate ogni speranza, voi ch'entrate (Divina commedia, Inferno III 9) Lasst, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren.

Die Rektoren möchten dort eher folgenden Satz lesen:

Noi vogliamo comunque andare avanti Wir wollen auf jeden Fall vorwärtsgehen.

Es fragt sich allerdings, wohin sie gehen wollen. Wo liegt dieses 'avanti'? Wenn man - wie der Autor - sechs Jahre an italienischen Universitäten gelehrt hat, ist man misstrauisch geworden gegenüber der landesüblichen Rhetorik. Allzu schwungvoll dekretieren Rektoren gern erhabene Ziele für ihre brüchigen Institutionen: Während in den Fakultäten der Putz von den Wänden bröckelt und Treppen wegen Einsturzgefahr gesperrt werden, schallt es aus den stattlich renovierten 'palazzi' der 'rettori': Wir wollen nicht Augenblicksbedürfnissen abhelfen, sondern eine planetarische Utopie realisieren. Das meint: Bildung für alle!

Zu vermuten steht, dass vor der Utopie zuerst und wieder einmal die Mühen der Ebene kommen - d.h. der Kampf um die nächste Stelle - oder auch Stellenkürzung.

Über den Autor
Der Autor ist Professor emeritus für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Duisburg-Essen und lebt jetzt in Adelaide (Australien).

Aus Forschung und Lehre :: Juli 2008

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