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Geduldige Prekarier? Zur Unsicherheit wissenschaftlicher Karrieren

Von Klaus Dörre und Matthias Neis

In den vergangenen Jahren ist ein Begriff aus den Sozialwissenschaften in die öffentlichen Debatten eingedrungen, der die wachsende Zahl der unsicher Beschäftigten in den Blick nimmt: der Prekarier. Lässt sich das Phänomen der Prekarität auch auf Wissenschaftler und ihre berufliche Situation beziehen?

Geduldige Prekarier? Zur Unsicherheit wissenschaftlicher Karrieren© Yanik Chauvin - Fotolia.com
Wer wissenschaftlich arbeiten will, der musste sich von jeher auf einen "wilden Hasard" (Max Weber) einlassen. Denn materielle Sicherheit und Planbarkeit gab es schon zu Webers Zeiten allenfalls für Professoren. Bis zur Berufung war jedoch ein langer, mühseliger Weg zurückzulegen.

"Akademischer Hasard"

Auch heute noch hangeln sich Wissenschaftler ohne Professur im Regelfall von Projekt zu Projekt, von "atypischer" Beschäftigung zu "atypischer" Beschäftigung. So sind drei Viertel der gut 106 000 wissenschaftlichen Mitarbeiter an deutschen Hochschulen befristet beschäftigt. Mehr als 40 Prozent von ihnen haben lediglich eine Teilzeitstelle. Ob ihre Bemühungen fruchtbar sind, ob sie die richtigen Entscheidungen getroffen und Schwerpunkte gesetzt haben, erfahren sie erst am Ende einer denkbar langen Qualifizierungsphase. Bis zur Berufung, und das bedeutet im Schnitt bis zum Beginn des fünften Lebensjahrzehntes, zählen Forscher in Deutschland zum sogenannten wissenschaftlichen Nachwuchs. Erst als Professoren oder Wissenschaftler in leitender Funktion sieht sie die scientific community auch formal als vollwertige Mitglieder an. Schaffen sie, aus welchen Gründen auch immer, den Sprung in die Professur nicht, sinken die Chancen rapide, überhaupt noch den sicheren Hafen zu erreichen. Eine nicht unerhebliche Zahl von Wissenschaftlern steht dann vor wenig attraktiven Alternativen. Ihnen bleibt nur, sich entweder mit der Unsicherheit befristeter Projektbeschäftigung zu arrangieren oder sich im Alter von Mitte 40 auf dem Arbeitsmarkt umzusehen, wo sie vielfach als überspezialisiert, überqualifiziert oder schlicht als zu alt wahrgenommen werden.

Der "akademische Hasard" stellt somit noch immer eine realitätsnahe Beschreibung der Wissenschaft als Beruf dar. Eine Forscherlaufbahn ist riskant und hält für lange Zeit nur geringe materielle Entschädigungen für soziale Unsicherheit bereit. Angesichts dessen drängt sich die Frage auf, ob man nicht einen Begriff auch auf die Wissenschaftler anwenden muss, der in den vergangenen Jahren aus den Sozialwissenschaften in die öffentlichen Debatten vorgedrungen ist - die Kategorie der Prekarität.

Prekarisierung der Arbeitsgesellschaft

Seiner etymologischen Bedeutung nach lässt sich "prekär" mit "widerruflich", "unsicher" oder "heikel" übersetzen. Aktuell wird der Begriff genutzt, um die Ausbreitung unsicherer Beschäftigungsund Lebensverhältnisse zu thematisieren. Autoren wie Bourdieu, Paugam oder Castel sehen darin den Kern der sozialen Frage des 21. Jahrhunderts. Tatsächlich basierte das Job-Wachstum in den EU-Staaten wie auch in Deutschland während der zurückliegenden Dekade in erheblichem Maße auf einem Zuwachs an flexiblen, überwiegend prekären Arbeitsverhältnissen. Dazu zählen Leih- und Zeitarbeit, befristete Beschäftigung und erzwungene Teilzeitarbeit ebenso wie Mini- oder Midi- Jobs, abhängige Selbständigkeit oder geförderte Arbeitsgelegenheiten ("Ein- Euro-Jobs"). Gemeinsam ist den prekären Beschäftigungsformen, dass sie oberhalb eines kulturellen Minimums nicht dauerhaft Existenz sichernd sind.

Die nachfordistischen Arbeitsgesellschaften spalten sich zunehmend in Zonen unterschiedlicher Sicherheitsniveaus. Zwar befindet sich die Mehrzahl der abhängig Beschäftigten (2007 74 Prozent) noch immer in einer Zone der Integration mit Normarbeitsverhältnissen und halbwegs intakten sozialen Netzen. Darunter expandiert jedoch eine "Zone der Prekarität", die sich sowohl durch unsichere Beschäftigung als auch durch erodierende soziale Netze auszeichnet. Am unteren Ende der Hierarchie entsteht eine "Zone der Entkoppelung", in der sich Gruppen ohne reale Chance auf eine Integration in den ersten Arbeitsmarkt befinden. Bei diesen Überzähligen der Arbeitsgesellschaft paart sich Ausschluss von regulärer Erwerbsarbeit mit relativer sozialer Isolation.
Das Castelsche Zonenmodell ist eine heuristische Folie, deren Relevanz für die Bundesrepublik inzwischen durch empirische Forschungen belegt ist. Wichtige Ergebnisse der Prekarisierungsforschung lassen sich wie folgt resümieren: (1) Prekarität verfestigt sich mehr und mehr zu einer Lebenslage, die sich nicht nur durch materiellen Mangel, Unsicherheit, ungünstige Arbeitsbedingungen und Anerkennungsdefizite, sondern vor allem durch schwindende Möglichkeiten zu einer längerfristigen Lebensplanung auszeichnet. (2) Bei der Prekarisierung handelt es sich nicht mehr um ein Phänomen an den Rändern der Arbeitsgesellschaft. Neben dem dauerhaften Ausschluss von Erwerbsarbeit und der Expansion unsicherer Beschäftigung sind die kollektiven Statusängste von Stammbeschäftigten ein zentraler Kristallisationspunkt von Prekarität. (3) Es gibt Gruppen, für die flexible Beschäftigung Freiheitsgewinn bedeutet. Solche Gruppen verfügen über finanzielle Ressourcen und Qualifikationen, die sie von der Sorge um die Subsistenz dauerhaft entlasten. Für die Masse der prekär Beschäftigten trifft das nicht zu; für sie wird Flexibilisierung zur "Flexploitation", zur Überausbeutung durch Konzentration von sozialer Unsicherheit bei spezifischen Beschäftigtengruppen. (4) In Abhängigkeit von Alter, Haushaltsform, Geschlecht, Qualifikation, Region und Nationalität wird unsichere Beschäftigung höchst unterschiedlich verarbeitet. Je jünger und qualifizierter die Beschäftigten sind, desto größer ist die Hoffnung, den Sprung in eine Normbeschäftigung noch zu schaffen. Integration durch Teilhabe wird durch eine schwache, weil zumeist fiktive Integrationsform ersetzt. (5) Prekarisierung trifft auch solche Gruppen, vor allem Frauen und Migranten, die schon immer zu erheblichen Teilen von Normbeschäftigung ausgeschlossen waren. Frauen sehen sich freilich inzwischen selbst in traditionell weiblich dominierten Dienstleistungsbereichen mit männlicher Konkurrenz konfrontiert. Die Prekarisierung männlicher Beschäftigung läuft für Frauen, die sich selbst als "Zuverdienerinnen" definieren, häufig auf eine Destabilisierung des gesamten Lebenszusammenhangs hinaus. Entscheidend ist (6), dass Prekarität als ein Kontrollsystem wirkt, das auch formal integrierte Gruppen diszipliniert. Die Prekarier vor Augen, erscheint die Festanstellung als ein Privileg, das es mit Zähnen und Klauen zu verteidigen gilt. Gegenüber dem Wunsch nach einer sicheren, gut bezahlten Beschäftigung verblassen, wie z. B. der DGB-Index "Gute Arbeit" belegt, qualitative Ansprüche an die Arbeitstätigkeit. Auf diese Weise forciert die Prekarisierung auch innerhalb der Stammbelegschaften einen Trend zur Produktion "gefügiger" Arbeitskräfte.

Wissenschaftliche Arbeit und Prekarität

Versucht man diese Befunde auf die Wissenschaft zu beziehen, so ergibt sich ein differenziertes Bild. Auf der einen Seite steht der Alltag kreativer Arbeit, der geprägt ist von einem geringen Formalisierungsgrad, hoher sozialer Integration und Selbstorganisation. Wie, wann und wo gearbeitet wird, bleibt dem Wissenschaftler weitgehend selbst überlassen. Ähnlich wie Flexibilisierungsgewinner in der Privatwirtschaft, etwa die oft beschworenen Freelancer in der IT-Branche, würden Wissenschaftler in der Mehrzahl die Begrenzungen eines klassischen, weitgehend regulierten Arbeitsverhältnisses für sich gar nicht akzeptieren, weil es sie bei ihrer Tätigkeit behindert. Arbeit ist für Wissenschaftler eben nicht nur Erwerb, sondern intrinsisch motiviert und mit einer hohen Sinnhaftigkeit aufgeladen.

Auf der anderen Seite wirken wissenschaftliche Prinzipien und die staatliche Steuerung, die gemeinsam einen erheblichen Prekarisierungsdruck ausüben. Eine Zugehörigkeit zum öffentlichen Dienst bringt nur denen ein Mehr an Sicherheit, die eine Dauerstelle innehaben. Für die befristet Beschäftigten birgt sie jedoch eher Nachteile. Sie erhalten nur wenig Schutz, müssen aber mit den starren Reglementierungen leben. Letztere blockieren Handlungsmöglichkeiten.

Ein weiterer Faktor ist die Wirkung des Matthäus-Prinzips, wie es Merton beschrieben hat. Die namensgebende Bibelstelle "Wer da hat, dem wird gegeben", bedeutet bezogen auf die Wissenschaft: Je arrivierter ein Wissenschaftler ist, umso leichter fällt es ihm, weitere Reputation zu erhalten. Dieser Mechanismus hat weitreichende Folgen. Er zwingt in letzter Konsequenz Nachwuchswissenschaftler, ihr eigenes wissenschaftliches Fortkommen an einen Mentor zu binden. Nur aus dem Windschatten ausgewiesener Experten heraus ist der sukzessive Aufbau eines eigenen wissenschaftlichen Namens erfolgversprechend. In mehrfacher Weise wird also der hohe Grad an Autonomie, die wissenschaftliche Arbeit eigentlich auszeichnet, durch ihren eigentümlichen Reproduktionsmodus wieder relativiert.
Die Frage, ob wissenschaftliche Erwerbsarbeit eher zum Freiheitsgewinn durch Flexibilisierung oder zur "Flexploitation" tendiert, ist also nicht eindeutig zu beantworten. Allerdings sprechen die geschilderten Indizien dafür, dass das Prekarisierungspotential in der Wissenschaft nicht gering ist. Unter den hochqualifizierten Berufsgruppen lässt sich schwerlich eine vergleichbare finden, die in ähnlicher Weise dauerhaft von Unsicherheit begleitet wird und die gleichzeitig so wenig darüber reflektiert. Prekarität ist ein Phänomen, das die meisten Wissenschaftler kaum auf sich und ihre berufliche Situation beziehen würden. Das gilt selbst für diejenigen, die tagtäglich mit dem Begriff arbeiten. Eine Ursache für diese eigentümliche Selbstwahrnehmung liegt zum Teil sicher in der beschriebenen langen Qualifizierungsphase. Der Begriff "wissenschaftlicher Nachwuchs" verdeutlicht bereits, dass das deutsche Wissenschaftssystem prinzipiell nur Professoren kennt und solche, die es noch werden wollen. Wissenschaftliche Arbeit unterhalb der Professur ist dementsprechend immer Arbeit an der eigenen Qualifikation, ganz gleich, ob sie auf einer Qualifikationsstelle, im Zusammenhang eines Projektes oder im Rahmen eines Stipendiums verrichtet wird. Eine dauerhaft unsichere Beschäftigung, gar unterbrochen durch Arbeitslosigkeit, belastet zwar, kann aber stets als Weg zur nächsten Qualifizierungsstufe gerechtfertigt werden. Die meisten Wissenschaftler befinden sich subjektiv immer in einer Entwicklung, an deren Ende implizit die Professur steht. Dieser schier endlose Etappenlauf dämpft die Wahrnehmung der eigenen Prekarisierungsrisiken. Der "Kunst des Wartenlassens", die Bourdieu bei den Professoren ausgemacht hat, steht also bei den Nachwuchswissenschaftlern eine mindestens ebenso große "Kunst des Wartenkönnens" gegenüber.

Geduldige Prekarier?

Dennoch können all diese Merkmale des wissenschaftlichen Reproduktionsmodus nicht endgültig erklären, warum es in den Wissenschaftseinrichtungen so wenig Engagement zur Verbesserung prekärer Beschäftigungsbedingungen gibt. Die hohe Identifikation mit der eigenen Tätigkeit und der langwierige Qualifikationsprozess reichen als Begründung wohl nicht aus.

Am Ende kommt man daher unweigerlich auf Max Webers Beschreibung der Wissenschaft als Beruf zurück. Der von Weber gewählte Begriff "Hasard" ist dem Wortsinn nach ein altfranzösisches Synonym für das Würfelspiel. Nun wird kaum jemand bei wissenschaftlicher Arbeit an fiebrige Glücksspielerlebnisse denken, doch auch eine Beschreibung der Wissenschaft als bloße Gefahrenzone für Nachwuchsforscher wäre unvollständig. Verspräche die Wissenschaft denen, die sie betreiben nicht zugleich sehr viel, würde sich niemand auf das beschriebene Risiko einlassen.

Wie beim Würfelspiel gibt es auch in der Wissenschaft Reize, die immer wieder zum Weitermachen motivieren: ein geschärftes Argument, eine originelle Idee, die Anerkennung für einen plazierten Aufsatz, die nächste Qualifikationsstufe und schließlich die Professur mit ihren Privilegien. All das sind Anreize, die in geringen Dosen zwischendurch oder als großes Ziel am Horizont die Gefährdungen erträglich machen, sie mitunter gar vollständig überdecken. Diese kleinen Erfolge und großen Versprechen tragen dazu bei, dass hochqualifizierte Akademiker zu geduldigen Prekariern werden.

Wie beim Würfeln ist es aber auch beim Spiel um die Berufung, solange niemand falsch spielt, wesentlich das Glück, das über Sieg oder Niederlage entscheidet. Alle individuellen Strategien und Vorsichtsmaßnahmen können dieses Prinzip nicht außer Kraft setzen. So etwas gelingt nur, wenn man die Spielregeln ändert, was wiederum davon abhängt, dass sich die Spieler darüber verständigen. Ein solcher Prozess ist in der Wissenschaft gegenwärtig aber nicht einmal ansatzweise zu erkennen.

Aus Forschung und Lehre :: Oktober 2008

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