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Geisteswissenschaftler erwartet beim Berufseinstieg viel Arbeit und wenig Geld

Das Interview führte Jan-Martin Wiarda

Das Hochschul-Informations-System (HIS) hat den Berufseinstieg von Geisteswissenschaftlern untersucht. Ein Gespräch mit dem Forscher Kolja Briedis.

Geisteswissenschaftler erwartet beim Berufseinstieg viel Arbeit und wenig Geld© HISKolja Briedis, HIS-GmbH
DIE ZEIT: Kaum ein Klischee hält sich so hartnäckig wie das des promovierten Taxifahrers. Sie haben die Berufsaussichten von Geisteswissenschaftlern untersucht. Wie schlecht sind sie wirklich?

KOLJA BRIEDIS: Das hängt davon ab, welche Erwartungen man hat. Ein BWL-Absolvent wäre angesichts der oft langwierigen Berufseinstiegsphase, der Vielzahl von Zeitverträgen oder der niedrigen Anfangsgehälter wahrscheinlich emotional am Ende. Die meisten Geisteswissenschaftler aber haben nie mit der Motivation studiert, durch ihren Beruf reich zu werden oder gleich eine lebenslange Stellung zu bekommen. Ihnen ist die Möglichkeit zur Selbstentfaltung, zum selbst bestimmten Leben wichtig. Und das ist die gute Nachricht: Fast alle Geisteswissenschaftler können ihren Lebensunterhalt wenige Monate nach ihren Studium selbst bestreiten.

ZEIT: Können Sie ein paar Zahlen nennen?

BRIEDIS: Ein Jahr nach dem Abschluss ist die Arbeitslosigkeit unter Geisteswissenschaftlern auf 5 Prozent gesunken, deutlich unter den bundesweiten Schnitt aller Berufe. Ihr mittleres Einkommen liegt allerdings nur bei 22.500 Euro, das ist gerade mal rund die Hälfte vom durchschnittlichen Einstiegsgehalt eines BWL-Absolventen. Zwei Drittel sind angestellt, ein Drittel arbeitet selbstständig oder freiberuflich.

ZEIT: "Freiberuflich" - ist das nicht ein anderes Wort für verdeckte Arbeitslosigkeit?

BRIEDIS: Für einen Teil sicherlich. Das sind die Leute, die sich aus der Not heraus selbstständig machen, weil sie nichts anderes finden. Doch es gibt natürlich auch jede Menge Absolventen in Bereichen, in denen sind feste Stellen einfach nicht üblich. Wo gibt es schon angestellte Künstler? Auch bei Journalisten ist es mittlerweile normal, freiberuflich ins Berufsleben zu starten. Ich schätze, dass die Quote der fachbedingten Selbstständigkeit bei etwa 20 Prozent liegt. Beim Rest, derzeit etwa 10 bis 13 Prozent aller Absolventen, ist die Selbstständigkeit ein Ausweg vor der Arbeitslosigkeit. Doch ich würde auch das nicht nur negativ bewerten.

ZEIT: Warum?

BRIEDIS: Eine der Stärken von Geisteswissenschaftlern ist ja, dass sie extrem anpassungsfähig sind, dass viele von ihnen keine festgelegten Berufsfelder haben. Sie haben also zahlreiche Einsatzmöglichkeiten, weil es immer eine Möglichkeit, eine Nische für sie gibt. Was an sich eine gute Sache ist. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass freiberufliche und selbstständige Geisteswissenschaftler am Anfang ihrer Karriere häufig kaum mehr als den Sozialhilfesatz verdienen. Ihr mittleres Einkommen beträgt zu diesem Zeitpunkt 15.000 Euro im Jahr. Das ist erschreckend niedrig.

ZEIT: In welchen Berufen landen Geisteswissenschaftler?

BRIEDIS: Etwa die Hälfte geht in klassische Bereiche, die mit ihrem Studium zu tun haben. Das bedeutet umgekehrt aber auch, dass eine Hälfte in untypischen Bereichen beschäftigt ist. Da ist alles dabei, vom Einzelhandel über die Unternehmenskommunikation bis hin zu Sprachkursen für Migranten. Leider ist diese Arbeit nicht immer anspruchsvoll, und die Leute werden all das Fachwissen, das sie im Studium erworben haben, vielleicht niemals einsetzen können.
ZEIT: Niemals? Geisteswissenschaftler werden doch oft damit vertröstet, diese Phase in ihrem Berufsleben sei nur vorübergehend, irgendwann fänden sie schon etwas Passenderes.

BRIEDIS: Zumindest auf einen Teil von ihnen trifft das aber nicht zu. Etwa ein Fünftel hat auch fünf Jahre nach dem Studium noch keine adäquate Position erreicht, die von den Anforderungen, von der Bezahlung oder auch den Inhalten her ihrem Studium entspricht.

ZEIT: Führt das nicht zu einer riesigen Enttäuschung?

BRIEDIS: Das hätte ich auch erwartet. Natürlich stellt sich vielen die implizite Frage: Hat sich das Studium für mich gelohnt? Die Antworten überraschen. 90 Prozent der befragten Geisteswissenschaftler sagen zwar, sie würden wieder studieren. Doch nur 60 Prozent derjenigen, die noch mal studieren würden, würden wieder das gleiche Fach wählen. Daraus sprechen viele schlechte Erfahrungen, die zum Teil an der Hochschule, zum Teil im Berufsleben gemacht wurden.

ZEIT: Akademiker seien die großen Gewinner in einer globalisierten Wirtschaft, heißt es oft. Trifft das auch auf die Geisteswissenschaftler zu?

BRIEDIS: Es stimmt sicherlich, dass die Akademiker hierzulande diejenige Gruppe unter allen Beschäftigten sind, die am wenigsten Grund zur Klage haben. Gleichzeitig sind aber innerhalb dieser Gruppe die Geisteswissenschaftler diejenigen, denen es - gemessen an klassischen Berufserfolgskategorien - am schlechtesten geht. Die meisten Geisteswissenschaftler erreichen, wenn sie Glück haben, am Ende ihres Berufslebens das Gehalt von gut bezahlten Facharbeitern. Das ist nicht schlecht. Aber meilenweit von dem entfernt, was Wirtschaftswissenschaftler oder Ingenieure verdienen.

ZEIT: Der Unterschied ist, dass sie dieses Niveau erst viel später erreichen als ehemalige Azubis. Was heißt das für ihren späteren Anspruch auf Rente, für ihre Altersversorgung?

BRIEDIS: Das ist heute noch schwer abzuschätzen. Gut möglich, dass ein größerer Teil es mit Altersarmut zu tun bekommt. Doch gerade weil die Arbeitsbiografien heute so kompliziert sind und selten vorherzusagen, wird man das in vielen Fällen wohl erst genau sagen können, wenn die Betroffenen tatsächlich im Rentenalter sind. Doch eines sollte man nie vergessen: Die Gefahr der Arbeitslosigkeit und Altersarmut bei Unqualifizierten ist immer noch um ein Vielfaches höher.

Aus DIE ZEIT :: 11.09.2008

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