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Geld für alle

 

Eine Studie zeigt: Studenten aus vermögenden Familien erhalten fast genauso viel staatliche Unterstützung wie ihre armen Kommilitonen.

Geld für alle: Staatliche Unterstützung© Ilco - stock.xchng
Deutsche Studenten gehören zu den ältesten der Welt - dennoch behandelt der Staat sie wie Kinder. Wenn sie aus armen Verhältnissen stammen, erhalten sie vielfältige finanzielle Hilfen. Wenn sie reiche Eltern haben ebenso. International gesehen, bekommen deutsche Studenten weit mehr öffentliche Hilfe als ihre Kommilitonen im Ausland. Nur ist ihnen dies kaum bewusst. Dieses überraschende Bild zeichnet eine neue europäische Studie zur Finanzierung der Hochschulbildung.

Unter Leitung des Hochschul-Informations- Systems (HIS) verfolgten Forscher aus sechs Ländern sämtliche Geldströme, die aus öffentlichen Quellen ins Studium fließen - direkte Zuwendungen an die Hochschulen ebenso wie direkte Unterstützung für die Studenten. In Spanien oder Norwegen ist das schnell gerechnet: Der Staat finanziert die Lehre an den Universitäten und hilft Bildungswilligen
mit Stipendien.

In Deutschland dagegen gerät die Aufgabe zu einer komplexen mathematischen Übung. Hier kommt der Staat nicht nur für Seminare und Vorlesungen auf und zahlt Bedürftigen Bafög. Darüber hinaus bezuschusst die öffentliche Hand Studenten und ihre Eltern mit Dutzenden von Steuererleichterungen und Beihilfen. "In keinem anderen Land ist die Studienfinanzierung so kompliziert und intransparent wie in Deutschland", sagt HIS-Geschäftsführer Martin Leitner.

Die Studenten profitieren vom Zuschussanteil des Bafögs. Die Begabten unter ihnen erhalten Stipendien, Bedürftige Wohngeld. Studenten müssen bis zum 25. Lebensjahr keine Kranken- oder und Pflegeversicherung bezahlen, danach nur einen reduzierten Satz. Mensamenüs und Busfahrscheine sind vergünstigt. Knapp vier Milliarden Euro kommen so direkt oder auf Umwegen den Studenten zugute. Eine ähnliche Summe fließt noch einmal an die Eltern: vom Kindergeld über Ausbildungs- und Unterhaltsfreibeträge bis zum Baukindergeld. Andere Länder gewähren Beihilfen für die Eltern - wenn überhaupt - nur so lange, wie das Kind zur Schule geht, erläutert die Projektleiterin Astrid Schwarzenberger. Hierzulande dagegen gilt jedes Kind in der Ausbildung als unterhaltsberechtigter Abhängiger, selbst wenn es 25 Jahre alt ist, nicht mehr zu Hause wohnt und im 12. Semester studiert.

Zählt man sämtliche Ausgaben zusammen, so fließen sieben Milliarden an die Familien. Das sind nur drei Milliarden weniger, als der Staat in Deutschland insgesamt für die Lehre an den Hochschulen ausgibt. Ein derartiges Verhältnis (42 zu 58 Prozent) findet die Studie in keinem anderen Land. In Norwegen geht nur 19 Prozent der Staatsausgaben an die Familien, in den Niederlanden 24 Prozent. "Setzt man die öffentlichen Beihilfen ins Verhältnis zu den gesamten Einnahmen der Studierenden, zeigt sich, dass diese in Deutschland weit mehr als in anderen Ländern von staatlichen Hilfen profitieren", erklärt Schwarzenberger.

Die Studenten und ihre Eltern indes wissen davon wenig. Denn die Subventionen sind über die Jahre zu einem Dickicht gewuchert, das nicht nur hohe Verwaltungskosten produziert, sondern das auch niemand mehr durchschaut. Wie stark der Staat Familien mit Studenten unterstützt, merken viele Eltern erst, wenn ihre Kinder das Examen in der Tasche haben und die öffentlichen Zuschüsse plötzlich ausbleiben. Selbst Politiker ordnen viele Beihilfen nicht dem Studium zu. Als die vormalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn das Kindergeld den Studenten direkt auszahlen lassen wollte, verpasste Bundeskanzler Gerhard Schröder dem Plan eine Absage. Sein Argument: Die Eltern hätten die monatliche Finanzspritze fest verplant, unter anderem um ihr Häuschen abzubezahlen.

Die Argumentation des Exkanzlers verweist auf eine weitere Absonderlichkeit der deutschen Studienförderung: Die öffentliche Hand unterstützt hierzulande alle Familien, ohne Rücksicht auf ihre Bedürftigkeit. Während arme Studenten Bafög beziehen, gelangt das Geld zu den Reichen über den Umweg von Steuererleichterungen. So erhält ein Student niedriger sozialer Herkunft laut HIS-Berechnung im Schnitt 5720 Euro Staatsknete im Jahr, sein Kommilitone aus vermögendem Haus 5136 Euro. Ein Unterschied von 600 Euro im Jahr - mehr ist dem deutschen Staat der soziale Ausgleich nicht wert.


Die Studienfinanzierung und staatliche Unterstützung ist in Deutschland intransparent, kompliziert und ungerecht.



Die vollständige Studie sowie weitere Grafiken finden Sie unter www.zeit.de»

Aus DIE ZEIT :: 03.04.2008

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