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Gestatten: Dr. Kunst

Von Julia Nolte

An den Kunsthochschulen gibt es einen neuen Trend: Promovieren. In die Bewertung gehen nicht nur theoretische Arbeiten, sondern auch schöpferische Werke ein.


Gestatten: Dr. Kunst© novemberhase - Photocase.comUmstritten: die Promotion an Kunsthochschulen
Für den Anfang braucht Timo Schuhmacher wie jeder Doktorand nur ein Blatt Papier und einen Bleistift. Er wird seine Gedanken skizzieren und der Frage nachgehen, wie sich naturwissenschaftliche Inhalte mithilfe neuer Medien anschaulich vermitteln lassen. Doch wenn der 29 Jahre alte Diplomdesigner in ein paar Jahren seine Doktorarbeit im Fach Medienwissenschaft abgibt, wird es sich dabei nicht allein um ein dickes Buch voller Buchstaben und Thesen handeln. Dann wird er das Ergebnis seiner praktischen Forschung präsentieren: eine digitale Rauminstallation.

»Die theoretische Arbeit ist die Grundlage, aber ich will das praktische Projekt nutzen, um meine Überlegungen daran zu überprüfen«, sagt Timo Schuhmacher. Er gehört zu den ersten acht, die an der Muthesius-Kunsthochschule in Kiel promovieren. Und er ist ein Beispiel dafür, dass es neuerdings an Kunsthochschulen in Deutschland möglich ist, künstlerisch-gestalterische und wissenschaftliche Forschung in einer Doktorarbeit zu vereinen. Bislang ist es an den meisten Kunsthochschulen mit Promotionsrecht nur möglich, theoretische Doktorarbeiten zu schreiben - im Vergleich zu der Anzahl von Dissertationen an wissenschaftlichen Universitäten sind sie jedoch selten. Die Doktoranden erwerben einen Dr. phil. in einem geisteswissenschaftlichen Fach, das an der Hochschule unterrichtet wird, zum Beispiel in Kunstgeschichte, Kunsttheorie oder Designwissenschaft. Ein Kunstwerk oder Designobjekt herzustellen ist nicht verpflichtend und oft auch gar nicht vorgesehen.

Lediglich zwei Ausbildungsstätten in Deutschland ermöglichen Künstlern und Designern seit dem Jahr 2008 eine Promotion zum Ph. D. beziehungsweise Dr. phil. in art. im Fach Freie Kunst: die Bauhaus- Universität Weimar und die Hochschule für bildende Künste Hamburg. Auch hier ist ein Theorieteil Pflicht, doch die praktische Arbeit fließt mit 50 Prozent in die Note ein. Nun fangen immer mehr Kunsthochschulen an, der Kunst und Gestaltung auch außerhalb der Freien Kunst einen Platz in ihren Promotionsstudiengängen einzuräumen - so wie bei Tim Schuhmacher. Neben der Kieler Muthesius-Kunsthochschule bieten diese Möglichkeit mittlerweile auch die Kunsthochschule für Medien Köln und die Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main. Gemeinsam ist den neuen Modellen, dass die Doktoranden pendeln, zwischen Bibliothek und Atelier, zwischen Schreibtisch und Staffelei oder sonstigem Gerät, das sie für ihre Kreationen benötigen.

Angesichts dieser Aufwertung der kreativen Arbeit ist eine Diskussion um den Stellenwert von Kunst und Wissenschaft entbrannt. Die zentrale Frage lautet: Wann ist eine künstlerische Arbeit wissenschaftlich? »Gar nicht«, sagen die einen und lehnen einen »Dr. Kunst« ab. Die anderen befürworten die Aufwertung des kreativen Schaffens, haben aber Sorge, es könne der Eindruck entstehen, hier würden Doktortitel für das Malen von Bildern vergeben. Dabei gehe es vielmehr darum, Doppelbegabungen gerecht zu werden, sagt Norbert Schmitz. »Es gibt Menschen, die sowohl künstlerische, gestalterische Fähigkeiten haben als auch wissenschaftlich arbeiten können.« Schmitz ist Professor für Ästhetik und Vorsitzender des Promotionsausschusses der Muthesius-Kunsthochschule. Er ist überzeugt davon, dass die Verbindung von freier kreativer Arbeit und strenger wissenschaftlicher Methodik zu neuen Erkenntnissen führt - in der Wissenschaft ebenso wie in der Kunst.

Natürlich geht das nicht ohne Unterstützung. An der Hochschule für Gestaltung in Offenbach stellt man den Doktoranden daher neben dem wissenschaftlichen und dem künstlerischen Betreuer auch noch einen Mentor zur Seite. Er soll ihnen unter anderem bei der Literatursuche helfen und ihre Texte kritisch kommentieren. Außerdem müssen die Künstler-Forscher (wie an den meisten Kunsthochschulen) noch Seminare besuchen und Hausarbeiten schreiben, wenn sie im Studium zu wenig theoretisch gearbeitet haben. »Wir wollen keine halb wissenschaftlichen Ergebnisse«, sagt Hans Zitko, promovierter Philosoph und Lehrbeauftragter für Wahrnehmungstheorie, der in Offenbach soeben das erste Bewerbungsverfahren organisiert hat.


28 Absolventen aus ganz Deutschland haben sich um einen von fünf Plätzen beworben. Die Doktorarbeiten müssen hier zu zwei Dritteln aus einer wissenschaftlichen Arbeit und zu einem Drittel aus einem künstlerisch-gestalterischen Projekt bestehen. »Wir nehmen niemanden, der nicht in der Lage ist, die relevanten wissenschaftlichen Fragen zu stellen«, sagt Zitko, »aber wir nehmen auch niemanden, der keinerlei künstlerische Fertigkeiten hat.« In der Regel müssen die Bewerber - Absolventen von Kunsthochschulen oder auch von Universitäten - neben einer Beschreibung ihres Forschungsvorhabens eine Mappe mit Beispielarbeiten vorlegen, es sei denn, sie wollten nur theoretisch arbeiten. Danach entscheidet der Promotionsausschuss der jeweiligen Hochschule, ob sie zugelassen werden. Zwei bis vier Jahre sind für eine Promotion vorgesehen. Mit mehr Theorie in der künstlerischen Ausbildung werde versucht, heißt es in Offenbach, »dem traditionellen Künstlerbegriff entgegenzutreten, der den Künstler als Kreator jenseits von Reflexion sieht«. Heutzutage müsse ein Künstler auch die Probleme einer komplexer werdenden Kultur deuten können - und dabei helfe ihm das theoretische Wissen, das er beim Promovieren erwerbe.

Der neue Trend zum Doktor in den Kunststudiengängen hat aber auch einen ganz praktischen Grund. Nicht dass es für Künstler leichter würde, dank eines Titels vor dem Namen eine Ausstellung zu bekommen oder ein Werk zu verkaufen. Doch für diejenigen, die neue Berufsfelder suchen, ist die Zusatzqualifikation hilfreich: Sie hätten bessere Chancen, zum Beispiel als Dozenten an Hochschulen oder Kuratoren in Museen angestellt zu werden, sagt Elfi Fröhlich, Künstlerin und Kunstprofessorin an der Bauhaus-Universität Weimar. »Wenn es aber darum geht, sich am Kunstmarkt zu behaupten, ergibt eine Promotion keinen Sinn.«

Naomi Tereza Salmon ist eine von denen, die ein neues Berufsfeld für sich suchen: Sie will an der Hochschule unterrichten. Mit einem Doktor, so hofft sie, werde es leichter, eine Professur zu bekommen. Die Konzeptkünstlerin aus Israel war 15 Jahre lang auf dem Kunstmarkt tätig. Nun ist sie eine von rund 50 Teilnehmern im Promotionsstudiengang Kunst und Design/Freie Kunst, den es seit zwei Jahren an der Bauhaus-Uni gibt. »Manche von uns sind etwas älter, das passt vielleicht nicht ins Schema«, sagt die 44 Jahre alte Doktorandin. »Aber wir sind Künstler - und dankbar dafür, dass man uns die Möglichkeit gibt, uns zu entwickeln.«

In Weimar nehmen die Künstler und Designer an Kolloquien teil, in denen sie ihre praktischen und theoretischen Fortschritte vorstellen. Außerdem besuchen sie Seminare zu wissenschaftlichem Arbeiten und unterrichten als Tutoren. Salmon arbeitet zusätzlich als künstlerische Mitarbeiterin. Im Rahmen ihrer Dissertation hat sie mit ihren Studenten ein Jahr lang Ausstellungen in einem umfunktionierten Kiosk im Stadtzentrum organisiert. »Heutzutage wird vom Künstler verlangt, dass er seine Werke auch erklären, kuratieren und präsentieren kann«, sagt Salmon über die Motivation hinter dem Projekt. Sobald es abgeschlossen ist, will sie sich »zurückziehen und schreiben«: über die Professionalisierung des Künstlers. Eineinhalb Jahre rechnet sie für den Theorieteil. Ihn so hinzubekommen, dass er von Wissenschaftlern und Künstlern gleichermaßen interessant gefunden wird, kurz: etwas Neues zu schaffen - das bleibe die große Herausforderung.

Aus DIE ZEIT :: 25.03.2010

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