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Gleichwertige, aber andersartige Aufstiegsmöglichkeiten

Von Wolfgang Hinrichs

Hört Deutschland und die Welt auf die Medienstars unter deutschen Bildungsexperten, so kann man unsere Tradition auf den Müllhaufen der Geschichte werfen. Haben sie über Geschichte, Sinn und Qualität deutscher Bildungsstrukturen der Welt nichts mehr zu sagen, sondern uns nur noch Nachahmung zu empfehlen?

Gleichwertige, aber andersartige Aufstiegsmöglichkeiten© Mattosaur4 - stock.xchng
Der deutsche Sprecher der OECD meint, unser Bildungssystem sei im Ausland nicht zu vermitteln. Kennt er es nicht? Kann er es nicht? Er trommelt hartnäckig einseitig für höhere Quoten von Studierenden. Und die Sprecherin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) trommelt unermüdlich ebenfalls schlicht für "Chancengleichheit", wenn auch oft in geschickter taktischer Verhüllung ihres am Ende nicht verhehlten eigentlichen Ziels. Beide sehen nur einen Weg nach oben und verstehen unter "Aufstieg" einzig den Weg zum akademischen Studium.

Die Frage, ob es auch andere, gleichwertige Chancen und Aufstiegswege als zum wissenschaftlichen Studium gibt und ob die bloße "Wissensgesellschaft" wirklich ein humanes Ziel ist, lässt der Horizont beider Sprecher wohl nicht zu. Ist er ideologisch verengt? Ist bloßes Wissen überhaupt ein Kulturziel oder ist dies nicht viel eher die Wahrheits- und Wissens- Suche? Gibt es nur das Gebiet des Wissens und Wissen-Suchens oder nicht viele Gebiete, etwa des Helfens, z.B. soziale und pflegerische Berufe, des Gestaltens, des Werkens und Handelns, die alle verschiedenartig sind, aber ohne einander nicht auskommen, und von denen keines höherwertig ist als die anderen?

Dabei müsste gerade die GEW sich vorrangig fragen: Welche schätzenswerten Ziele gibt es für diejenigen, die ungeeignet sind für den Weg zu Abitur und Universität? Ist der Arbeiterberuf, vom ungelernten Arbeiter bis zum Facharbeiter, Vorarbeiter, Meister kein wertvoller Beruf, kein Aufstiegsberuf? Ist die Arbeiterlaufbahn ein Weg der "Outdrops", die den akademischen Königsweg nicht schafften, ein Weg nach unten? Sollen Arbeiterkinder gerade darum "aufsteigen", etwas anderes, "Besseres" werden? Obwohl Facharbeitermangel droht?! Wo bleibt die Mahnung der sozialdemokratischen, der Arbeiter- Partei, wo die der Gewerkschaften?

Nach dem OECD-"Bildungs"-Bericht 2007 müssten die Deutschen sich nicht zuerst nach Finnland und Schweden richten. "Nur" 20 Prozent der "jungen Menschen" in Deutschland haben ein erfolgreiches Erststudium. Damit steht Deutschland am untersten Ende der Skala mit der Türkei (11 Prozent). Die neuesten "Bildungs"-Vorbilder an der Spitze wären vor allem Australien (59 Prozent), Irland (56 Prozent) und Neuseeland (51 Prozent). Wo bleibt dann noch das Vorbild USA ("nur" 34 Prozent: unter [!] OECD-Durchschnitt), da wir doch gerade die USA kopieren wollen? Ulrich Schreiterer von der Yale-University hat aus amerikanischer Sicht, worauf wir Deutschen doch besonderen Wert legen, die deutschen Kopierversuche einen "Masterplan ohne Mastermind" genannt - und die Gefahr gesehen, das sowjetische Modell siege in Europa, einheitliche "Nomenklatura" der degrees, "ingenieurmäßige Planung" der Studiengänge mit dem Ziel bloßer Berufskompetenzen (vgl. F&L 5/07, 276ff.). Könnte nicht Georg Picht dem Sowjetmodell evtl. sogar etwas abgewinnen? Und der deutsche Michel heute bei diesem Vorbilder- Karussell? Ihm wird von alledem so dumm, als ging ihm ein Mühlrad im Kopf herum.

Im Unterschied zu diesem "Experten"- Meinungs-Wirrwarr hat Julian Nida- Rümelin (in F&L 9/07, 526ff.) in einer ganz außergewöhnlich klarsichtigen Analyse das "heute gängige ideologische Gebräu der Wissenschaftspolitik" (ebd.) seiner Suggestionskraft beraubt, bei dem auf Unkenntnis gebaut und teilweise wohl gar darauf spekuliert wird.

Er hat echte Kenntnis des deutschen Bildungs- und Hochschulsystems vermittelt, die selbst in akademischen Kreisen längst zu schwinden scheint. Das deutsche Bildungswesen zeichnet sich nämlich vor anderen Bildungsstrukturen in der Welt aus durch Wege von der Schule nicht nur zum Studium, sondern auch zur dualen Berufsausbildung, worauf endlich Nida-Rümelin von Seiten der Wissenschaftspolitik genauer hinweist. Der duale Weg soll bekanntlich im Anschluss an die "allgemeinbildende" Schule - nunmehr in Korrespondenz zwischen Berufsschule und praktischer "Lehre" (= Ausbildung) im Betrieb - volle Menschenbildung vermitteln, indem das zur schulischen Bildung noch fehlende Ziel einbezogen wird: praxisbezogene berufliche Fachkompetenz. Der Blick auf die deutsche Bildungs- und Hochschultradition soll im Folgenden zu einer weiter präzisierenden Darstellung führen.
1. Humanisierung des Weges zum Beruf, volle Menschenbildung durch Volks- und (berufsbegleitende) Berufsschule, das ist die in der Welt hochgeschätzte deutsche Bildungskultur. Diese Errungenschaft des 20. Jahrhunderts geht zurück auf die Volksbildungsinitiativen Pestalozzis, Diesterwegs, Kerschensteiners und Sprangers. Der Weg nichtakademischer Bildung ist gegenüber dem ebenso hochgeschätzten gymnasialen und akademischen ausgestattet mit gleichwertigen, aber andersartigen Aufstiegsmöglichkeiten im deutschen Arbeitsleben. Niemand soll durch einen primitiv bloß nach "oben" und "unten" selektierenden Einheitsschul-Bildungsrost fallen. Eine schöne "Gemeinschaftsschule", welche jedoch diejenigen indirekt geringer schätzt, die am Schluss den Weg zum Abitur nicht zu nutzen fähig sind, da diese "Chance" doch als einziger Trumpf so optimal geboten sein sollte!

Unbestritten ist der Weltruf des deutschen Berufsausbildungssystems. Diese eigene Errungenschaft kann nur von den Deutschen selbst gefährdet werden und wird es gegenwärtig in einem atemberaubenden selbstzerstörerischen Prozess mit dem Kotau vor den akademischen Qualifikationsstufen der USA. Es droht die "Nomenklatura", die Pseudo-Elite der degrees "ohne Mastermind", kleingeistig und ohne Verständnis des eigenen und des andersartigen Bildungs- und Lebensgeistes der USA dahinter. Spranger hat schon Anfang der 1950er Jahre in einer Universität in Manila ein Schild entdeckt: "Fakultät für Korbflechten" ("Department for basket making"). Ist etwas gewonnen, wenn wir unsere Berufs-, Fach-, Fachhochschulen zu Universitäten machen?

Von der lockereren anglo-amerikanischen Lebensmentalität sollten wir uns unter anderem anregen lassen. Jedoch sollten wir der Welt auch das Beste unserer Bildungstradition und unseres Ethos, soweit noch lebendig, als Anregungspotential anbieten und nicht den deutschen Hang weiter stärken zur Tripolarität der Extreme der Prinzipienreiterei, Großmannssucht und Selbstzerstörung.

2. Neben dem Siegeszug des deutschen Volks- und Berufsbildungsethos in der Welt ist der des gymnasialen und universitären Wissenschaftsgeistes im 19. und in Teilen des 20. Jahrhunderts bekannt. Nida-Rümelin hat in dankenswerter Weise eine Lanze gebrochen für Wert und Autonomie der deutschen Universität mit ihrer Einheit von Forschung und Lehre.

3. Ein drittes Moment - zwischen Volks- und dualer Berufsbildung einerseits und gymnasial-akademischer Tradition andererseits - gehört zur deutschen Bildungstradition. Es sollte nicht vergessen werden und verloren gehen. Es ist das deutsche Berufsfach-, Fachoberschul- und Fachhochschulwesen. Dieser dritte Weg wurde gebahnt in der realistischen Wende zum 20. Jahrhundert. Von der gymnasialen Seite her (Realgymnasium) war Friedrich Paulsen maßgeblich daran beteiligt. Die Technische Hochschule in Aachen z.B. hat es wegen Ihres Weltrufs nicht nötig, sich Technische "Universität" zu nennen. Sie hat auf ihrem Gebiet die eigentlichen Universitäten überflügelt. Das sollten auf anderem Gebiet nach Spranger ebenfalls die Pädagogischen Hochschulen.

Als Georg Picht vor über 40 Jahren die deutsche Bildungspanik hervorrief und meinte, wir hätten zu wenige Abiturienten und Ingenieure, hatte er übersehen, dass wir damals viele in der Welt hochanerkannte Ingenieure und Volksschüler aufweisen konnten, die ohne Abitur ihren Weg über Fachschulen mit hohem Niveau gemacht hatten und machen konnten. Man konnte auch ein tüchtiger Sparkassen- oder Bankdirektor werden auf dem Weg über Volks-, Berufs-, vielleicht Handelsschule und viel Berufspraxis. Der Doktorgrad bietet bisher keine Gewähr dagegen, einen Betrieb an die Wand zu fahren. Das deutsche Fach- und Fachhochschulwesen stellt die Brücke dar zwischen den beiden verschiedenartigen, aber gleichwertigen deutschen Bildungswegen, dem nichtakademischen Volks- und Berufsbildungsweg und dem "rein" akademischen Weg über die Wissenschaft zum Beruf. Dies ist keine Brücke zum Wechsel des Weges zwecks Aufstieg. Denn auf jedem von beiden Wegen bleibend, innerhalb beider Sparten kann man aufsteigen. Aber es ist ein Mittelweg, der hinführt zu ganz eigenen Berufssparten, die in unserer Gesellschaft die Verständigung erleichtern können zwischen Akademikern und Nichtakademikern in beruflicher Zusammenarbeit.
Echter Aufstieg vollzieht sich innerhalb eines Berufsbildungs- und Berufsweges, nicht aber als Wechsel von einem Schultypus zu einem anderen, nicht als Wechsel von einer Berufssparte in eine andere. Hätte Mozart Akademiker mit Universitätsabschluss werden müssen, wäre das für ihn der nötige "Aufstieg" gewesen, um als gleichwertig mit Einstein zu gelten? Keineswegs! Er hätte es in der Wissenschaft nur zum verkümmerten Kleingeist gebracht, und wir würden seinen Namen gar nicht kennen. Was Mozart wurde, das erreichte er mit Leidenschaft und Arbeitswut auf seinem eigenen musikalischen, konzertanten und gesellschaftlich-kulturellen Bildungs- und Berufsweg. Mozart ist auf andersartigem Weg zu einem andersartigen kulturellen Gipfel gekommen als Einstein. Aber ist das Musikgenie weniger wert als das Wissenschaftsgenie? Ist das Handwerksgenie James Watt, der das Tor zum technischen Industriezeitalter aufgestoßen hat, weniger wert als die Wissenschaftler Newton und Einstein?

Unsere Vorstellungen von verschiedenen Wertarten und verschiedenen Wertstufen verschwimmen und bedürfen wesentlich genauerer Differenzierung. Darunter leidet auch die Soziologie, deren Aufstiegsvorstellungen sich formal und mehr nach äußerem Prestige als nach wirtschaftlicher Geldverdienstrealität und Berufspartenrealität ausrichten. Die Gewerkschaften dagegen unterscheiden nach Sparten, d.h. weitgehend nach dem Gegenstand der Berufsarbeit wie Land-, Forst-, Wasserwirtschaft, Metall, Holz, Bau, Steine, Erden usw. Ihnen ist vom Ansatz her das Gutheißen bloßen Oben-Unten- Denkens zuwider. Erst in solch mehrdimensionaler Betrachtung können Vorstellungen von Bildungs- und beruflichen Aufstiegswegen von unrealistischer ideologischer Voreingenommenheit befreit werden. Ein handwerklich- technischer Meisterbetrieb kann es durchaus dank seiner Leitung und Mitarbeiter zum international führenden Qualitätsunternehmen bringen.

Dass zwischen dem Volks- und Berufsbildungsweg einerseits und dem akademischen Bildungsweg andererseits die Durchlässigkeit auf allen Stufen erleichtert wurde und zu erleichtern ist, braucht nicht betont zu werden. Sie sollte aber in dem Sinn erheblich verstärkt werden, dass der Bildungsdünkel mancher akademischer Emporkömmlinge überwunden wird, der die heutige Bildungs- und Wissenschaftspolitik verdunkelt. Der Wechsel vom akademischen zum nichtakademischen Bildungsweg sollte ebenso mit Ansprüchen verbunden werden und ehrenvoll sein wie umgekehrt. Auch die Bäckerbranche ist ein ehrenwerter Berufsstand.

Es ist wichtig, dass dies gerade von Seiten des Hochschulwesens vertreten wird, weil es auf weite Sicht zur Sicherheit im Qualitätsurteil und damit zur Qualitätswahrung auch der deutschen Hochschultradition beiträgt. Und es ist wichtig, dass es nicht nur von der interessierten Seite des nichtakademischen Bildungs- und Ausbildungswesens geltend gemacht wird, deren Selbstwertbewusstsein unter Trommelfeuer steht, aber gestärkt und hochaufgerichtet werden sollte.

Aus Forschung & Lehre :: Januar 2008

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