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Glücksgefühle im Hörsaal - zur Lage an den deutschen Hochschulen

Von Jan-Martin Wiarda

Eine repräsentative Studie im Auftrag des Bundesbildungsministeriums belegt: Die Studenten sind mit den Studienbedingungen an deutschen Hochschulen sehr zufrieden. Eine Riesenüberraschung.

Glücksgefühle im Hörsaal - zur Lage an den deutschen Hochschulen© Kai Vietzke - stock.xchng
Es sind Zahlen, die sämtliche Klischees zu widerlegen scheinen: Deutschlands Professoren sind unengagiert und faul? Mehr als jeder zweite Student fühlt sich gut betreut und lobt die didaktischen Fertigkeiten der Hochschullehrer. Das Studium an Universitäten ist praxisfremd? Zwei Drittel der Studenten loben die Vorlesungen für ihren Alltagsbezug. Die Leistungsansprüche sinken ins Bodenlose? Im Gegenteil: Immer mehr Studenten beobachten gestiegene Anforderungen - und finden das sogar gut. Die Ergebnisse des 10. Studierendensurveys, die in dieser Woche veröffentlicht werden, sind überraschend: Noch nie seit Einführung der Umfrage im Jahr 1983 waren Deutschlands Nachwuchsakademiker so zufrieden mit ihren Studienbedingungen. Der Survey wird verantwortet von der angesehenen Arbeitsgemeinschaft Hochschulforschung der Universität Konstanz (siehe Kasten); entsprechend ernst nehmen Bildungsexperten die Zahlen.

In ersten Reaktionen zeigen sie sich euphorisch: »Geradezu sensationell« sei das gute Abschneiden der Hochschullehrer bei ihren Studenten, findet der Rektor der Bremer Universität, Wilfried Müller, selbst Hochschullehrer und Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz. »All der Veränderungsdruck, den wir erzeugt haben, hat tatsächlich eine Wende zum Besseren bewirkt.« Auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU), deren Ministerium den Survey finanziert, sagt: »Ich hatte gehofft, dass unsere Bemühungen eine Trendwende auslösen.«

Bachelorstudenten haben weniger Stress als befürchtet

Die Umfrageergebnisse platzen in eine Phase, in der die Hochschulen so grundlegend reformiert werden wie nie zuvor: »Bologna«, Synonym für den Umbau aller Studiengänge auf die Abschlüsse Bachelor und Master hin, ist zum Reizwort geworden. Kritiker warnen vor einer Verschulung, vor vollgestopften Lehrplänen und Prüfungs-Overkill, kurz: Studienstrukturen, die zu kritikloser Paukerei und geistiger Unfreiheit führen. Die Befürworter der Reform halten entgegen, nur durch die neuen Strukturen bekämen die Studenten endlich die nötige Orientierung und Unterstützung, um sie vor einem Endlosstudium oder einem Abbruch zu bewahren.

Die politische Debatte hatte dabei stets ein Manko: Je weniger verlässliche Daten es über die Folgen der Hochschulreform gab, desto erbitterter wurde der Schlagabtausch. Meldete die Ruhr-Universität Bochum sinkende Abbrecherquoten in den neuen Studiengängen, jubelten die Bologna-Fans. Stieg die Zahl der Abbrecher wie zuletzt an der Freien Universität Berlin an, erklärten die Traditionsbewahrer das bodenlose Scheitern der Reform. Die zehnte Auflage des Studierendensurveys kann in diese Debatte Klarheit bringen. Die Stimmung der Studenten ist viel besser, als die Kritiker annehmen: Die Werte reichen von 50 Prozent Zufriedenheit bei der Beratung durch die Dozenten über 62 Prozent beim Aufbau der Lehrveranstaltungen bis zu 72 Prozent Zufriedenheit mit dem behandelten Stoff. Zum Vergleich: Noch 1998 waren nur 33 Prozent mit der Beratung zufrieden, 48 Prozent mit dem Aufbau und 59 Prozent mit der Stoffauswahl. Besser als heute waren die Werte noch nie.

Mit noch einem verbreiteten Klischee räumt die Studie auf: Trotz aller Klagen über die mangelnde Studierbarkeit der neuen Programme berichten Bachelorstudenten nicht von einem erhöhten Zeitaufwand. Im Schnitt müssen sie mit 34,6 Stunden in der Woche sogar etwas weniger Zeit fürs Studium opfern als ihre Kommilitonen in den Diplomstudiengängen, die 35,5 Stunden brauchen.

Selbst der Soziologe Richard Münch, der zu den Kritikern der Hochschulreform zählt, sagt angesichts dieser Daten: »Bologna hat Schluss gemacht mit einer jahrzehntelangen Lebenslüge. Auf der einen Seite waren da viele Professoren, die so taten, als habe es den Schwenk zur Massen-Uni nie gegeben, auf der anderen Seite die Studenten, die ohne Orientierung blieben und deshalb zu einem sehr hohen Prozentsatz das einmal angefangene Studium abgebrochen haben. Jetzt herrscht für beide Seiten größere Verbindlichkeit. Das drückt sich in den guten Zahlen aus.« Ein Ergebnis allerdings macht ihm Sorge. Nur 54 Prozent der Studenten sagen, dass es an der Hochschule auch darum gehe, »eigene Ideen zu entwickeln «. Anfang der Neunziger waren noch über 60 Prozent dieser Meinung. »Sosehr das strukturierte Studium der Orientierung hilft«, sagt Münch, »die Gruppe der Freigeister wird dadurch kleiner.« Wobei das Verhältnis von Ursache und Wirkung keineswegs so eindeutig ist. Vielmehr scheint es auch unabhängig von der Hochschulreform einen erstaunlichen Wertewandel unter den angehenden Akademikern gegeben zu haben: Die Karriereperspektiven und Gehaltsaussichten sind zwar schon seit Jahren wichtig; eine Generation von Karrieristen wächst allerdings nicht an den Hochschulen heran. Denn auch der Wunsch, eine gute wissenschaftliche Ausbildung zu bekommen und mehr über das jeweilige Fachgebiet zu erfahren, ist stärker geworden. Sogar das Streben, eine allgemein gebildete Persönlichkeit zu werden, hat Konjunktur - ebenso der Wunsch, sich mit einem Abschluss im Rücken besser für die Gesellschaft einsetzen zu können.


Studenten von heute wollen Geld verdienen und Afrika helfen

Dazu passen auch die Ergebnisse einer Studie von ZEIT CAMPUS, dem Studentenmagazin der ZEIT, von vergangener Woche. Demnach rückt für Studenten das private Glück wieder in den Vordergrund (siehe auch hierzu den Kasten). Tino Bargel, der Leiter der Konstanzer Studie, sagt: »Anders als frühere Generationen schaffen es die Studenten, idealistische und utilitaristische Motive in Einklang zu bringen.« Weniger wissenschaftlich ausgedrückt: Die Studenten wollen Geld verdienen und Afrika helfen.

Soviel die Studenten von sich verlangen, so viel verlangen sie von ihrem Studium. »Die jungen Leute sind nicht durch die Hochschulreform so geworden «, erklärt sich das Rektor Müller. Die Wirtschaftskrise der Jahrtausendwende habe sie schon früh mit Zukunftsängsten konfrontiert, denen sie mit Fleiß zu begegnen suchen. »Dabei wollen sie stärker an die Hand genommen werden, um erfolgreich zu lernen. Bologna kommt für sie genau zum richtigen Zeitpunkt. « Entsprechend effizienter gehen die heutigen Studenten an ihr Studium heran: Planten ihre Vorgänger in den alten Bundesländern 1998 noch durchschnittlich 11,9 Semester ein, so sind es jetzt 10,6 Semester - ein enormer Unterschied. Mit dem Kritiker Münch könnte man aber auch sagen: Die Studenten schauen weniger nach rechts und links.

Die Ergebnisse des Studierendensurveys sind dabei auffallend differenziert. Die Befragten wissen sehr wohl zu unterscheiden zwischen der besseren Studienstruktur und dem gestiegenen persönlichen Einsatz der Lehrenden auf der einen Seite und der mangelhaften finanziellen Ausstattung der Hochschulen auf der anderen, einem Umstand, den weder Unis noch Professoren beeinflussen können. Der Anteil der Studenten, die von überfüllten Hörsälen berichten, ist sogar noch angestiegen, zuletzt klagten 64 Prozent darüber, gegenüber 55 Prozent vor zehn Jahren. Terminausfälle und die Überschneidung von Veranstaltungen führen bei knapp der Hälfte zu Verzögerungen im Studium; auch hier lassen Verbesserungen auf sich warten. Wohl auch aus diesem Grund ist ein Kernziel der Bologna-Reform, nämlich die Senkung der Abbrecherquote, bislang nicht in Erfüllung gegangen: Im Studierendensurvey ist der Anteil von Diplom- und Bachelorstudenten, die an einen Abbruch denken, nahezu identisch.

Dass Bildungsministerin Schavan die gestiegene Zufriedenheit an den Hochschulen auch auf das »zusätzliche Geld« zurückführt, das Bund und Länder in die Hand genommen hätten, erscheint vor diesem Hintergrund eine gewagte These. Plausibler ist die Erklärung des Bremer Rektors Müller. »Es gibt heute eine andere, jüngere Generation von Professoren mit internationaler Lehrerfahrung«, sagt er. »Früher mussten die Dozenten kaum Rechenschaft ablegen über ihre Lehrleistung. Heute kann keiner mehr einfach so eine Vorlesung ausfallen lassen.«

Zur sozialen Situation an den Unis widerlegt der Survey eine Befürchtung, eine andere bestätigt sie: Studenten müssen sich ihr Leben nicht durch immer mehr Nebenjobs finanzieren. Im Schnitt arbeiten die Teilnehmer des Surveys sechs Stunden die Woche - gegenüber 7,2 Stunden vor zehn Jahren. Die sozialen Hürden zu einem Hochschulstudium dagegen bleiben tatsächlich hoch. Mittlerweile stammen nur noch 40 Prozent der Studienanfänger aus einem Nichtakademikerhaushalt. Allerdings steckt dahinter teilweise auch eine Erfolgsgeschichte: Dank der Bildungsexpansion der siebziger Jahre studieren Angehörige ehemaliger Arbeiterfamilien jetzt schon in der zweiten Generation.

Was denken Studenten?
Der 10. Studierendensurvey ist Teil der Langzeitstudie »Studiensituation und studentische Orientierungen«. Dafür wurden 28 000 Studenten an 16 Universitäten und 9 Fachhochschulen nach dem Zufallsprinzip per Post zur Beteiligung aufgefordert. 8350 Studenten haben die Fragebögen ausgefüllt, die Rücklaufquote beträgt 32 Prozent. Die 25 Hochschulen in der Studie sind so ausgesucht, dass die Konstanzer Forscher eine möglichst breite Streuung über alle Bundesländer und Fächergruppen erreichen. Diese ausgefeilte Methodik hat zwei Ziele: Erstens können so repräsentative Aussagen über alle Studenten in Deutschland gemacht werden, zweitens sind die aktuellen Ergebnisse vergleichbar mit den Umfragen vergan gener Jahre. Der Studierendensurvey ist auch deshalb so interessant, weil erst in der vergangenen Woche eine Umfrage des Hochschul-Informations- Systems im Auf trag von ZEIT CAMPUS sich mit dem Wertewandel unter Studenten auseinandergesetzt hatte. Während die Studenten laut Studierendensurvey höhere Leistungs normen an den Hochschulen beobachten als noch vor wenigen Jahren und diese an sich auch für gut halten, verabschieden sie sich der CAMPUS- Studie zufolge gleichzeitig vom reinen Leis tungsdenken und halten privates Glück bereits für wichtiger als Erfolg in Studium und Beruf.

Aus DIE ZEIT :: 14.08.2008

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