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Großbritannien im weltweiten Kampf um "Postgraduates"

Von Felix Grigat

Großbritannien mit seiner Commonwealth-Tradition und dem Englischen als lingua franca globalisiert seit Jahrhunderten. So ist auch der aktuelle weltweite Wettbewerb um Forscher und Postgraduates für die Briten nicht völlig neu. Sie wollen ihn mit der gewohnten Mischung aus Pragmatismus, Weltläufigkeit und Merkantilismus bestehen.

Großbritannien im weltweiten Kampf um "Postgraduates"© RichVintage - iStockphoto.com
Großbritannien ist nach den USA weltweit das attraktivste Ziel für postgraduierte Studierende. Danach folgen Deutschland, Frankreich und Australien. Die Briten haben einen Anteil von 15 Prozent am internationalen Markt und pro Kopf der Bevölkerung die meisten internationalen Postgraduierten weltweit. Doch sehen britische Hochschulforscher und Politiker diese Spitzenstellung bedroht.

Großbritannien müsse dringend handeln, um weiter erfolgreich zu sein. "Act now or loose our PhD lead", heißt die Devise. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Higher Education International Unit (HEIU), der Koordinierungsstelle für die weltweiten Aktivitäten britischer Hochschulen und Hochschulorganisationen.

Als Gegner im Wettbewerb um hochqualifizierte Forscher hat das HEIU vor allem die USA, Deutschland, Indien und Pakistan ausgemacht. Besorgt zeigen sich die Briten über den Schwund chinesischer Forscher im vergangenen Jahr sowie darüber, dass sich ausländische Studierende immer weniger für Mathematik und Ingenieurwissenschaften in Großbritannien und sich zu viele US-Amerikaner für geisteswissenschaftliche Fächer begeistern.

Dabei sind die Zahlen beeindruckend: Großbritannien ist derzeit Gastgeber für mehr als 50.000 ausländische Forschungsstudierende, das sind 42 Prozent aller Postgraduierten des Landes (in Frankreich beträgt der Anteil 35 Prozent, in den USA 33 Prozent). Wiederum 42 Prozent dieser ausländischen Studierenden kommen aus China, den USA, Griechenland und Indien. 2006/ 2007 waren insgesamt 239.210 Studierende aus Ländern außerhalb der EU in Hochschulen in Großbritannien eingeschrieben. Fast ein Viertel von ihnen kommt aus China. Sie zahlten 1,71 Milliarden Pfund an Studiengebühren. 1996/97 waren es noch 109.940 Studierende aus diesen Ländern, die 563 Millionen Pfund Studiengebühren bezahlten. Das Higher Education Policy Institute (HEPI) schätzt, dass acht Prozent des Gesamteinkommens der britischen Universitäten von ausländischen Studierenden stammt. Dies entspreche der Summe, die das Funding Council für Forschung bewillige.

Großer Exportmarkt

Die Internationalisierung der Hochschulen ist für die Briten eine pragmatische, vor allem merkantile Angelegenheit nach dem Motto Bill Clintons "It's the economy, stupid". Es geht um einen der großen britischen Exportmärkte. HEPI hat berechnet, dass die ausländischen Studierenden (Zahlen von 2005) insgesamt netto inkl. der Studiengebühren und der Beiträge für Lebenshaltung etwa 3,74 Milliarden Pfund zur Wirtschaft beitragen, 866 Millionen Pfund von EU Studierenden und 2,87 Milliarden von Studierenden aus anderen Ländern. Da die Wirtschaft über diesen "Nettobetrag" hinaus profitiere, könne der gesamte ökonomische Nutzen der Studierenden aus dem Ausland mit nicht weniger als 5,5 Milliarden Pfund bewertet werden. Dieser "Exportmarkt" übertreffe z.B. den britischen für Alkohol (2,3 Milliarden Pfund), Textilien (2,8 Millionen Pfund), ja selbst die Medienindustrie (3,7 Millionen Pfund 2006). Deshalb ist es für die Briten aus rein ökonomischen Gründen unabdingbar, die Zahl der ausländischen Studierenden zu vergrößern.

Wissenschaftler: "Quantitative loss, qualitative gain"

Internationalität ist auch Trumpf bei den Dozenten und Hochschullehrern: Jeder fünfte akademische Lehrer an britischen Hochschulen stammt nach Angaben der britischen Organisation Universities UK nicht aus Großbritannien. Im akademischen Jahr 2006/2007 begannen 4.540 ausländische Wissenschaftler ihre Arbeit, nur 1325 britische Wissenschaftler verließen die Insel. Vor allem Mittelbaudozenten und -forscher ("lecturer", "researcher") kommen HEPI zufolge nach Großbritannien, während mehr Hochschullehrer ("senior lecturers/researchers") das Land verließen. Eine Ausnahme bilden hochrangige Wissenschaftler mit weltweiter Reputation, die es wiederum mehr nach Großbritannien zieht. Die Formel "quantitative loss and qualitative gain" bringt dies auf den Punkt.
Internationale Kooperationen in der Forschung werden auch für britische Forscher zum Standard: 40 Prozent der Forschung zwischen 2001 und 2005 war solche mit internationalen Partnern, 50 Prozent mehr als in den vorangegangenen fünf Jahren. 35 Prozent von 700 000 katalogisierten Forschungsartikeln, die von britischen Wissenschaftlern in den vergangenen zehn Jahren veröffentlicht wurden, hatten einen Koautor aus einem anderen Land. Die wichtigsten Partnerschaften wurden dabei mit Forschern aus den USA, Deutschland und Frankreich eingegangen. Das schnellste Wachstum hatten die Verbindungen mit chinesischen Forschern. Die mit diesen erarbeiteten Studien oder Artikel haben sich zwischen 1990 und 2005 verdoppelt.

Teures Studium

Es geht den Briten darum, ihre Studienangebote als ein "Premiumprodukt zu einem Premiumpreis" zu verkaufen. Dies gilt insbesondere für die Eliteuniversitäten Cambridge und Oxford. So verlangt Oxford bis zu 24 000 US-Dollar pro Semester. Dabei sind HEPI zufolge international die teuersten Universitäten die begehrtesten und erfolgreichsten - und diese befinden sich in englischsprachigen Ländern. Nach Ansicht der Autoren könnte das Fehlen von Studiengebühren einige Länder sogar daran hindern, eine Marketingstrategie zu entwickeln, wie sie die erfolgreichen Universitäten insbesondere in den USA, Großbritannien und Australien hätten. Doch seien die Gesamtkosten eines Studiums in Großbritannien aufgrund der kürzeren Studienzeiten ein wenig zu relativieren. So ist der Weg zu einem PhD in Großbritannien um etwa ein Jahr kürzer als in vielen anderen Ländern. Deshalb ist es schon aus Konkurrenzgründen für die Briten essentiell, möglichst kurze Studiengänge anzubieten. Es verwundert also nicht, dass die im Bolognaprozess umstrittenen einjährigen Masterstudiengänge großen Zulauf haben.

Nicht nur die Studiengebühren, sondern auch die hohen Lebenshaltungskosten machen Großbritannien zu einem teuren Pflaster. Zwei Drittel der ausländischen Studierenden müssten die Kosten für Studium, Unterkunft und Lebensunterhalt aus Quellen ihres Heimatlandes bestreiten. Da aber die Zahl der Studierenden, die sich selbst unterhalten können, insbesondere aus Japan und anderen asiatischen Ländern, zurückgehe, fordern die Autoren dazu auf, mehr in die finanzielle Unterstützung der Postgraduierten zu investieren. Das britische Stipendiensystem müsse überprüft und verbessert werden.

Um Großbritannien international besser zu positionieren, müsse eine nationale Strategie zur weltweiten Vermarktung des britischen "PhD" entwickelt werden. Dies würde die Zahl der Länder erweitern, aus denen Doktoranden angeworben werden könnten. Ergänzt werden müsse dies durch eine eigene Werbestrategie für Undergraduates. Die renommierten Hochschullehrer britischer Universitäten müssten häufiger als bisher in andere Länder reisen, um dort zur Reputation ihrer Institution beizutragen. Auch die Verbesserung des Internetauftritts, der vielleicht wichtigsten ersten Informationsquelle für Interessenten aus dem Ausland, wird nicht vergessen.

Gründe für den Erfolg

Gründe für den internationalen Erfolg der britischen Hochschulen sind nach Ansicht des HEPI:

- die englische Sprache,
- die relativ kurzen Studiengänge für erste und zweite Abschlüsse,
- effektives Marketing einiger britscher Universitäten und
- die hohe Qualität von Lehre und Forschung, die zu hohen Abschlussquoten und guter Aufnahme auf dem Arbeitsmarkt mit gutem Einkommen führten.

Mittelfristig erwarten die Briten allerdings, dass junge Menschen in weniger entwickelten Staaten zunächst ihre eigenen Universitäten besuchen, um sich erst danach im Ausland weiter zu qualifizieren. Deshalb werde sich künftig der Markt für Postgraduierten-Studiengänge vergrößern. Auch sei ein Trend abzusehen, in einem Land das Studium zu beginnen und es in einem anderen abzuschließen. Britische Universitäten sind dafür gewappnet: Sie haben Dependancen in Übersee gegründet und haben zahlreiche internationale Partner.

Aus Forschung und Lehre :: Januar 2009

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