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Gute Lehre, bitte!

Von Jürgen Baumert

Die Lehrerausbildung an den Universitäten muss gestärkt werden.

Gute Lehre, bitte!: Lehrerausbildung© Bart Coenders - iStockphoto.com
In der Diskussion um die Bedeutung der Abiturnote als verlässlichen Hinweis auf spätere Kompetenz brachte der Ökonom Ludger Wößmann vom Münchner ifo-Institut ein neues Argument in die Diskussion ein: Zwar verfügten Lehramtsstudenten über ein besonderes soziales Interesse, dieses Interesse aber könne ihre geringere Leistungsbereitschaft im Vergleich zu anderen Studenten nicht aufwiegen. (siehe Boni für die Besten Nun antwortet der Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Jürgen Baumert.

In einem Beitrag für die ZEIT Boni für die Besten verweist Ludger Wößmann auf Daten aus einer Studienanfängerbefragung des Hochschul-Informations-Systems. Sie sollen die geringere Leistungsbereitschaft von Lehramtsstudenten im Gegensatz zu den Studenten in reinen Fachstudiengängen belegen.

Bei der aktuellen HIS-Befragung von Studienanfängern zu Berufsund Lebenszielen gaben Lehramtsstudenten im Vergleich zu anderen Fächergruppen deutlich seltener an, »ein anerkannter Fachmann/eine anerkannte Fachfrau werden« und »in fachlicher Hinsicht Überdurchschnittliches leisten« zu wollen. Dagegen lag der Anteil derer, die wünschten, »viel Freizeit zu haben«, mit 41 Prozent über dem durchschnittlichen Wert von 33 Prozent insgesamt.

Diese Befunde, so die Interpretation des Ökonomen Wößmann, seien vor allem durch einen Faktor zu erklären: Das System Schule lasse durch seine Hierarchien und die relativ festgelegten Gehälter keinen wirklichen Aufstieg zu und hielte leistungsbewusste Menschen vom Lehrerberuf fern. »Alles an der Struktur der Personalpolitik spricht dagegen, dass sich leistungsfähige und -bereite Menschen für den Lehramtsberuf entscheiden. Dass es viele aufgrund einer an Kinder und Jugendlichen ausgerichteten Motivation dennoch tun, ist ihnen umso höher anzurechnen.« Es scheint eine perfekte Geschichte: Die Lehrkraft an Grund-, Haupt- und Realschulen ist im Mittel weniger begabt, fachlich weniger kompetent, weniger leistungsfähig und weniger leistungsbereit, aber mit einem Akademikereinkommen auf durchschnittlichem Niveau belohnt.

Wenn diese Geschichte stimmte, wäre sie mehr als eine Schlagzeile wert. Aber ist sie wirklich wahr? Weltweit können nur wenige Untersuchungen die fachliche Kompetenz von Lehrkräften berufsnah messen. Nur zwei dieser Studien - eine Untersuchung der University of Michigan in Ann Arbor und die sogenannte COACTIV-Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin - erlauben es, den Zusammenhang zwischen der fachlichen Kompetenz von Lehrkräften und der Qualität des Unterrichts und dem Leistungsfortschritt von Schülerinnen und Schülern zu beschreiben. Besonders die COACTIV-Studie kann zeigen, dass ein profundes mathematisches Verständnis der unterrichteten Inhalte mit dem Erwerb des im täglichen Unterricht benutzten fachdidaktischen Wissens eng verbunden ist, dass aber für die Qualität des Mathematikunterrichts und die Leistungsfortschritte der Schülerinnen und Schüler letztlich das fachdidaktische Können verantwortlich ist. COACTIV belegt dann deutliche Kompetenzunterschiede im Fachwissen und im fachdidaktischen Können zwischen Lehrkräften, die eine Ausbildung für das Gymnasiallehramt einerseits und das Haupt- und Realschullehramt andererseits durchlaufen haben.

Die Unterschiede fallen immer zugunsten der Gymnasiallehrkräfte aus. Sind diese Unterschiede auf eine Leistungsselektion bei Studienbeginn zurückzuführen, die sich mit der Abiturnote messen ließe? Kontrolliert man die Daten im Hinblick auf die Abiturergebnisse, so zeigt sich, dass die Unterschiede zwischen den Noten der Studenten der unterschiedlichen Lehramtsstudiengänge nicht so groß sind, als dass sie die dramatischen Unterschiede im fachdidaktischen Wissen nach dem Studium erklären könnten. Es ist also die Qualität der Ausbildung zum Lehrer, über die wir uns vor allem Sorgen zu machen haben, und nicht eine vermeintlich negative Auswahl der Studenten bei deren Beginn.

Diese Befunde werden durch eine Folgestudie des Max-Planck-Instituts bestätigt, die sowohl die fachliche als auch die pädagogische Entwicklung von Referendaren im Längsschnitt untersucht (COACTIV-R). Bei Berufsanfängern ist der Zusammenhang zwischen Abiturnote und erreichtem Kompetenzniveau am Ende des Studiums etwas ausgeprägter, aber auch hier erklären die Noten nicht die Unterschiede im Leistungsniveau zwischen Absolventen unterschiedlicher Ausbildungsgänge. Geht man einen Schritt weiter und prüft den Zusammenhang zwischen durchschnittlicher Abi-Note, der Unterrichtsqualität und der Leistungsentwicklung von Schülerinnen und Schülern im Fach Mathematik, ist die Antwort so klar, wie man sie sich nur wünschen kann. Das Abitur sagt weder die Qualität des Unterrichts noch das Leistungsergebnis der unterrichteten Schülerinnen und Schüler vorher. Eigentlich sind die Dinge einfach. Kein Mensch würde vor einer bevorstehenden Operation auf die Idee kommen, sich über die fachliche Kompetenz des behandelnden Chirurgen anhand von dessen Abiturnoten zu informieren.

Nicht weniger befremdlich ist dieses Vorgehen im Fall von Lehrkräften. Wie steht es nun aber mit der vermeintlich unterdurchschnittlichen Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft von Lehrkräften? Die Ergebnisse der Fragen zu Berufs- und Lebenszielen der Stu dienanfängeruntersuchung des Hoch schul- Informa tions-Systems lassen sich auch anders lesen. Stu dienanfänger im Lehramt studieren parallel zwei ganz unterschiedliche Hauptfächer - und im Grund schullehramt den ganzen Elementarkanon - sowie darüber hinaus auch die Bildungswissenschaften. Später sollen sie ihre Fächer auf einem für Schüler angemessenen Niveau unterrichten.

Wenn diese Studierenden nun als Berufsziel angäben, sie wollten Fachexperten werden und in fachlicher Hinsicht Überdurchschnittliches leisten, läge der Schluss auf mangelnde Berufseignung mindestens ebenso nah wie auf mangelnde Leistungsbereitschaft.

Die Lust auf Schule ist wichtiger als der fachliche Ehrgeiz

Und selbst das Freizeitmotiv - ein Dauerbrenner der Lehrerschelte - ist mit Vorsicht zu deuten. In einem Beruf, in dem die Länder sich bis heute nicht in der Lage sehen, ihrem akademischen Personal in der Schule einen Büroarbeitsplatz zur Verfügung zu stellen, ergibt sich die Notwendigkeit, aber auch der Vorzug des individuellen Zeitmanagements. Hinter dem Freizeitmotiv muss man nicht unbedingt Faulheit vermuten, sondern es können auch Überlegungen wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und individuelle Arbeitszeitgestaltung eine Rolle spielen. Um dies zu beurteilen, brauchte man Daten, die zeigen, dass die Studenten besonders gute und erfolgreiche Lehrer werden, die als Motiv für ihre Berufswahl angeben, fachlich Hervorragendes leisten zu wollen. Auf der anderen Seite müssten Studenten, die sich selbst ein besonders großes Interesse an Freizeit bescheinigen, später nachweisbar schlechtere Lehrer werden - Informationen, die aus der Befragung der Studienanfänger nicht hervorgehen.

Auch hier aber können die beiden Studien des Max-Planck-Instituts Antworten geben. Die Berufsmotivation ist für den professionellen Erfolg von Lehrkräften von größter Bedeutung. Der Enthusiasmus, im studierten Fach zu unterrichten, und - wohlgemerkt - nicht der Enthusiasmus für das Fach an sich, sagt die Unterrichtsqualität und den Leistungsfortschritt von Schülerinnen und Schülern ähnlich gut vorher, wie es das fachliche Wissen der Lehrkraft tut. Was zählt, ist die Lust auf das Unterrichten, nicht der fachliche Ehrgeiz.

Wie sieht es aber nun mit der verlockenden Freizeit aus? In der COACTIV-R-Studie wurde ein an der Universität Kiel entwickeltes Messinstrument verwendet, das Berufswahlmotive erfasst, die sich unter anderem auf die Arbeitszeit beziehen. Die Teilnehmer konnten unterschiedliche Motive für ihre Berufswahl nennen, etwa: »weil ich in keinem anderen Beruf so viel Ferien hätte wie im Lehrerberuf« oder »als Lehrkraft habe ich die Möglichkeit, mich um meine Familie zu kümmern«. Dieses Motiv tritt dabei fast immer als Sekundärmotiv, nicht als primärer Beweggrund für die Berufswahl auf. Dementsprechend hängt dieses Berufswahlmotiv auch weder mit dem Enthusiasmus für das Unterrichten noch mit Arbeitsengagement und mit beruflichem Ehrgeiz oder mit emotionaler Erschöpfung und Berufsbindung zusammen. Das flexible Zeitmanagement ist ein Zusatzbonus - unabhängig von der Qualität der Berufsausübung.

Der Vorschlag, in die Gehaltsstruktur der Lehrkräfte Leistungsanreize einzubauen, wird in der Fachwelt seit Langem diskutiert - vor allem in Verbindung mit einer gerechteren Verteilung der zeitlichen Arbeitsbelastung zwischen Lehrkräften mit unterschiedlichen Funktionen und unterschiedlichen Unterrichtsfächern. Ob dadurch auch die Rekrutierung der Besten - und das heißt der am besten Geeigneten - in das Lehramt verbessert wird, ist unklar. Im Vergleich zu eklatanten Mängeln der Lehrerausbildung ist die Frage der möglichst guten Rekrutierung von Lehrkräften ohnehin das kleinere Problem.

Aus DIE ZEIT :: 30.04.2009

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