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Harvard und sonst nur Steppe? Über Universitäten, Bildung und Wissenschaft in den USA

Von Dr. Ulrich Schreiterer

Welche Folgen hat die Finanzkrise für die amerikanischen Eliteuniversitäten, die ihr Stiftungsvermögen an den Kapitalmärkten angelegt haben? Was erwartet die amerikanische Wissenschaft von dem neuen US-Präsidenten Barack Obama? Ein Interview.

Über Universitäten, Bildung und Wissenschaft in den USA© Udo BorchertDr. Ulrich Schreiterer
Forschung & Lehre: Die Präsidentin der Universität Harvard, Drew Faust, rechnet bis zum Ende des Geschäftsjahres aufgrund der Finanzkrise mit einem Verlust von 30 Prozent des Stiftungsvermögens. Wie bedrohlich ist die Situation für eine der weltweit renommiertesten Universitäten?

Ulrich Schreiterer: Sicher ernst, aber nicht katastrophal. Dank des Booms an der Wallstreet konnten Harvard und alle privaten Hochschulen zur Finanzierung ihrer riesigen Budgets immer stärker auf Spenden und Vermögenserträge zurückgreifen. 2008 machte deren Anteil am Einkommen der Forschungsunis gute 40 Prozent aus. Damit dürfte es jetzt vorbei sein, alle müssen den Gürtel enger schnallen. Allerdings auf sehr hohem Niveau. Selbst nach diesem Verlust besitzt Harvard noch immer 25 Milliarden Dollar, ein vor zehn Jahren völlig unvorstellbares Vermögen. Die USHochschulen haben schon viele Finanzkrisen erlebt. In den 1970er Jahren kämpften sie ums Überleben, Professorengehälter sanken im Sturzflug. Yale besaß Mitte 2008 26 Milliarden Dollar. Vor 20 Jahren hatte es nur 400 Millionen und war fast pleite. Viel schwieriger als für die Institutionen ist die Lage für Hochschullehrer, deren private Pensionsfonds stattliche Kursgewinne auswiesen, die nun plötzlich zerplatzt sind - und mit ihnen die Pläne, bald in einen gut gepolsterten Ruhestand zu gehen. Viele müssen länger arbeiten als sie vorhatten, weil die Grundsicherung einfach nicht reicht. Das ist bitter.

F&L: Was sind die Kernelemente für den beispiellosen Erfolg Harvards wie auch der anderen amerikanischen Ivy League-Universitäten in Forschung und Lehre? Welche Rolle spielt die Kultur, welche das Geld?

Ulrich Schreiterer: Geld war und ist natürlich wichtig - vor allem der Finanzierungsmix, die nominell riesig hohen Studiengebühren am wenigsten. Aber nur dank kultureller Faktoren kann es so kräftig fließen und so erstaunliche Wirkungen zeigen. Wie kaum eine andere begeistert sich die amerikanische Gesellschaft für Hochschulbildung, fordert Bildungsanstrengungen und prämiert Entdeckerfreude. Leistung, Wettbewerb und Colleges zählen zu ihren Ikonen. Selbst unbedeutende Hochschulen sind ausgesprochen stolz auf ihre "mission" und Arbeit. So entsteht eine anregende Mischung aus harter Konkurrenz und hohen Erwartungen, Ermunterung und Risikofreude, Pragmatismus und offenen Umgangsstil nicht zu vergessen. Es lohnt sich, etwas auszuprobieren.

F&L: Warum sind die amerikanischen Hochschulen "so anders", wie es im Untertitel Ihres Buches heißt?

Ulrich Schreiterer: Zum einen, weil jede gezwungen ist, ihren eigenen Platz auf dem gut besetzten Markt zu finden, sich zu behaupten und zu bewegen. Das bringt große Vielfalt und lässt das System sehr dynamisch und flexibel ("gibt's nicht" gibt es nicht), aber auch chaotisch werden. Es ist inklusiv wie kein zweites, hat Platz für elitäre Einrichtungen wie für Discounter, bedient Distinktionswünsche ebenso wie solche nach beruflicher Qualifizierung und sozialem Aufstieg. Zum anderen, weil dieses bunte Bild in deutscher Sicht fast immer nur in schwarz-weiß erscheint, als Harvard oder Steppe. Das ist nicht nur eine Verzerrung, sondern schlicht falsch.

F&L: Zu der Regierung des neuen amerikanischen Präsidenten Obama gehören auch Nobelpreisträger. Viele Wissenschaftler haben sich für seine Wahl eingesetzt. Was erwarten diese und die Hochschulen von ihm?

Ulrich Schreiterer: In erster Linie einen Klima- und Kurswechsel. Man ist der schnoddrigen Geringschätzung von Wissenschaftlern als ewigen Bedenkenträgern und der Instrumentalisierung der Forschungsförderung für politische Zwecke überdrüssig. Für die (Mit-)Finanzierung öffentlicher Hochschulen sind ja ohnehin nur die Einzelstaaten verantwortlich, da kann der Bund wenig ausrichten.


F&L: In einem aufsehenerregenden Beitrag hat John H. Summers, der als Lektor in Harvard gearbeitet hat, kürzlich die Banalität und Anspruchshaltung, die Inflation guter Noten und die politische Indifferenz der reichen Studierenden in Harvard kritisiert. Haben Sie in Yale Vergleichbares erlebt?

Ulrich Schreiterer: Schon, aber ich fand den Beitrag ärgerlich, weil er Vorurteile bedient und Wahres und Falsches munter vermischt hat. In Harvard oder Yale studieren keineswegs nur reiche, blasierte Kids, die ihren Platz allein fetten Spenden verdanken und Dozenten wie Kammerdiener behandeln. Weil sie in einem extrem harten Bewerbungsverfahren erfolgreich waren, glauben zwar viele Studenten, sie wären einfach Klasse. Jemanden in einem Kurs durchfallen zu lassen oder auch nur schlecht zu benoten geht kaum ohne Konflikte ab. Aber es ist möglich und an der Tagesordnung. Natürlich sind nicht alle Yalies Genies, aber sehr viele sind doch außergewöhnlich smart, hoch motiviert und in verschiedensten Projekten politisch engagiert. Noteninflation gibt es an allen Hochschulen der USA, doch nur die besten versuchen, dagegen anzusteuern, Princeton etwa durch Quoten.

F&L: Mit der Einführung von Bachelor und Master im Zuge der Bologna-Reform hoffte man auf eine problemlosere Anerkennung der Abschlüsse im Ausland. Doch gibt es an amerikanischen Hochschulen weiterhin die Einzelfallprüfung der Kandidaten wie zu Zeiten von Diplom und Magister. Was wurde gewonnen?

Ulrich Schreiterer: Eine automatische Anerkennung von Abschlüssen oder Studienleistungen wäre systemfremd, denn jede Hochschule kann selber darüber befinden, was sie von Studienbewerbern und PhD-Studenten verlangt. Alle werden einzeln ausgesucht, egal, woher sie kommen. Wer glaubte, Bologna könnte daran etwas ändern, hat diese Spielregel falsch verstanden. Allerdings werden die Studienleistungen und Abschlüsse durch Kreditpunkte und das Diploma Supplement transparenter und besser vergleichbar.

F&L: Kritiker bemängeln, dass die deutsche Variante der Bolognareform zu einer Bürokratisierung und Verschulung des Studiums geführt habe, bei der Bildung mit Ausbildung für den Beruf verwechselt würde. Haben sie Recht? Ist eine Reform der Reform notwendig?

Ulrich Schreiterer: Hier halte ich es mit Radio Eriwan: "Im Prinzip schon, es kommt nur darauf an, mit welchem Ziel." Eine Straffung der Studieninhalte und -organisation war überfällig. Aber die neuen Schaltpläne scheinen mir oft allzu überladen und kleinteilig, hinter lauter Modulen zu verschwinden. Beruflich verwertbare Kompetenzen taugen wenig als Reform- Richtschnur, wenn eigentlich niemand sagen kann, wie sie ausschauen und punktgenau vermittelt werden können. Viele Curricula gleichen vollgestopften Klempnerläden, deren Regale leider nur wenig Auf- und Anregendes zu bieten haben.

Der Mensch und seine Idee
Ulrich Schreiterer arbeitet am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin (WZB) in den Bereichen Evaluationsforschung und Wissenschaftspolitik. Von 2003 bis 2008 war er Senior Research Scholar und Lecturer an der Yale University. Zum Thema des Interviews ist soeben im Campus-Verlag sein Buch "Traumfabrik Harvard: Warum amerikanische Hochschulen so anders sind" erschienen.

Aus Forschung und Lehre :: Februar 2009

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