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Hauptsache Mix? Blended Learning an Hochschulen

Von Michael Reiss

"E-Learning" wird seit einigen Jahren in vielen Varianten in der universitären Lehre praktiziert, mit unterschiedlichen Ergebnissen. Mittlerweile spricht wieder vieles für eine Integration als einem Mix von E-Learning und dem "Präsenzlernen". Wie aber soll die rechte Mischung als sog. "Blended Learning" aussehen?

Hauptsache Mix? Blended Learning an Hochschulen© RichVintage - iStockphoto.com
Wie von vielen technologischen Innovationen geht auch vom E-Learning eine Faszination aus, und das nun schon seit geraumer Zeit. Neben dieser Sogwirkung hat sich verstärkt auch ein Druck in Richtung E-Learning bemerkbar gemacht. Stärker noch als die Personalentwicklung in Unternehmen ist der Einsatz von E-Learning im akademischen Bereich durch einen Kostendruck und einen Reichweitendruck geprägt: Es gilt, die Lern- und Lehrkosten (z.B. Raumkosten, Öffnungszeiten, Wegekosten und Ausfallkosten) zu reduzieren und die Lernenden auch außerhalb von Hörsälen zu erreichen. Dieser Druck zur virtuellen Lehre entsteht im Zusammenhang mit Auslandssemestern, Praktika, überfüllten Hörsälen, eingeschränkten zeitlichen, räumlichen und personellen Bibliothekskapazitäten, der Vereinbarkeit von Studium und Familie, berufsbegleitenden Part-Time-Studiengängen, dem Weiterbildungsauftrag der Hochschulen und einer Reihe weiterer Faktoren. Als Reaktion auf diesen Druck hat sich das Investment in E-Learning in den Hochschulen erhöht. Fraglich ist jedoch, ob dieses Investment in den richtigen Bereichen erfolgt ist, damit es sich rechnet.

Verschiedene Phasen

Bezogen auf die Phasen im Lebenszyklus einer Innovation wurde bislang primär in die Frühphasen der Modellversuche und Pilotprojekte sowie der Etablierung und Diffusion von virtuellen Lernformen investiert. Innovationen mit relativ hohem Verwandtschaftsgrad zum E-Learning, etwa Telearbeit und E-Commerce, lehren uns, dass danach die Phase der Integration in Angriff genommen werden muss. Bei der Telearbeit zum Beispiel steht Integration für die Mischung von Heimarbeit und Büroarbeit ("alternierende Telearbeit") und beim E-Commerce für "Brick & Click", also das Betreiben von konventionellen und elektronischen Vertriebskanälen in einem so genannten "hybriden" Unternehmen. Das Integrationskonzept für E-Learning hört auf den Namen Blended Learning als Mix von E-Learning und Präsenzlernen. Die Notwendigkeit einer Integration ist unter der Devise "Die Mischung bringt's" zwischenzeitlich weitgehend erkannt. Fraglich ist jedoch, ob dahinter eine ausreichend konkrete Vorstellung steht, wie diese Mischung ("Blending") aussehen soll, und zwar zunächst in quantitativer Hinsicht (Proportionen/Prozentsätze von E-Learning und Blended Learning) und - noch wichtiger - in qualitativer Hinsicht ("Arbeitsteilung" zwischen elektronischer und konventioneller Wissensvermittlung).

Das Fehlen einer konkreten Blending- Konzeption ist nur dann verzeihlich, wenn man nach dem Motto "Hauptsache Mix" mit jeder Art von Mix klar kommt, weil man ja keinen Schaden anrichten kann, sondern stets nur die Reichhaltigkeit des Lehrangebots und damit die Souveränität von Lehrenden und Lernenden erhöht. Ein Blick in ähnlich gelagerte Terrains verrät zunächst, dass diese liberale Einstellung nicht der üblichen Praxis entspricht. Neue Medien in einem Medienmix, neue Energien in einem Energie-Mix, neue Organisationsformen oder neue ITSysteme ziehen durchweg Bemühungen der Mix-Optimierung nach sich: Es geht nicht einfach darum, eine zusätzliche Auswahloption zu einem Menü hinzuzufügen. Vielmehr findet dort eine Integration statt, die sich beispielsweise in Prozessen der Arbeitsteilung oder der partiellen bzw. sequentiellen Substitution - im Fachjargon als "Migration" bezeichnet - niederschlägt. Auch für Blended Learning gilt nicht automatisch das Prinzip, das Beste der beiden bestehenden Systeme zu verbinden. Ein Mix kann auch negative Wirkungen induzieren: Zum einen sind das Konflikte, wenn die E-Learning-Erweiterungen die Lehrbudgets sprengen. Zum anderen kann die Mischung gar ein Chaos provozieren, wenn sich beispielsweise die Inhalte auf den konventionellen und den elektronischen Lernmedien widersprechen, terminologisch nicht kompatibel sind oder als eigenständige Lösungen unverbunden nebeneinander stehen. Solche Unverträglichkeiten treten nicht nur bei den konkreten Lehr-Lern-Prozessen, sondern auch bei den abstrakten Lehr-Lern- Prinzipien auf, etwa bei der Umsetzung des Bologna-Shift "Vom Lehren zum Lernen".
Man erkennt: Blended Learning ist keine fakultative Perfektionierungsstufe von E-Learning. Über den Erfolg des ELearning- Investments entscheidet letztlich das geeignete Blending-Konzept. Das Prädikat "Blending-Konzept" kann allerdings nicht an jede Mischung vergeben werden, selbst wenn sie ein gerüttelt Maß an Plausibilität besitzt: Diese Plausibilität kann man etwa den Empfehlungen des Wissenschaftsrats, einerseits die "...Ansätze des E-Learning und der Verbindung von Präsenzveranstaltungen und computergestützten Lehrangeboten (Blended Learning) weiterzuentwickeln und breiter zu nutzen..." und andererseits für konventionelle "...Ressourcen wie etwa Hörsäle, Arbeitsräume oder auch Betreuungspersonal..." zu sorgen, sicherlich nicht absprechen.

Aktuelle Studie zum Blending-Einsatz

Hier stellt sich zwangsläufig die Frage: Wie lässt sich der adäquate oder gar optimale Blending-Ansatz ermitteln? Ein theoretischer Weg führt über die Forschung zu "Hybrid-Konzepten", zu denen beispielsweise auch die Brick & Click-Unternehmen gehören. Mit Hilfe einer rationalen Konstruktionslogik wurden hierfür verschiedene Architekturen entwickelt, die auf einem "Nebeneinander", "Nacheinander", "Übereinander" oder "Durcheinander" der Mix-Komponenten beruhen. Ein zweiter, bodenständigerer Weg führt über die Rekonstruktion von real existierenden Blending-Mustern. Hierzu liegen bislang primär Erkenntnisse aus Einzelfallstudien vor, die von Pionieren des akademischen E-Learnings stammen. Eine aktuelle empirische Studie liefert hier Erkenntnisse auf einer statistisch repräsentativeren Basis. An der vom Lehrstuhl für Organisation der Universität Stuttgart durchgeführten Online- Befragung zu QBlended Learning@University" beteiligten sich im Zeitraum Mai bis Juli 2008 215 Dozenten, wovon 140 an deutschen Hochschulen und 75 an Institutionen im europäischen und nicht-europäischen Ausland tätig sind. Die fachlichen Schwerpunkte der Befragten liegen auf den Gebieten Business Administration und Information Management/Computer Sciences.

Einen Eindruck vom State of the Art des Blending vermittelt die Antwortverteilung zu der Frage QWie kombinieren Sie E-Learning und Präsenzlernen?".

Ebenso relevant sind die Studienergebnisse, was die Integrationskompetenz und -erfahrung der Lehrenden angeht. Auf die Frage: "Wie bewerten Sie das Zusammenwirken von E-Learning und Präsenzlernen?" überwiegen zwar eindeutig die Optimisten. Gleichzeitig fühlt sich mehr als ein Fünftel mit der Frage eher überfordert (keine erkennbare Interaktion/Kann ich nicht beurteilen). Ferner wird dieser Optimismus dadurch relativiert, dass nur ca. 23 Prozent der Teilnehmer Blended Learning flächendeckend in einer integrierten Konzeption, also als Lehr- /Lernkonzept für ein Studienfach einsetzen, während ca. 45 Prozent eher mit Blended Learning experimentieren, indem sie es nur für bestimmte Kurse oder Seminare nutzen.

Nicht "Mehr E-Learning", sondern bessere Integration von E-Learning und Präsenzlernen heißt die Erfolgsformel für das E-Learning-Investment. Die Plausibilität des Sowohl-als-auch-Ansatzes verleiht dem Blended Learning lediglich den Status einer Leerformel. Glücklicherweise haben wir einige konzeptionelle sowie empirisch hinterlegte Wegweiser dafür, wo wir die Lehrformel in der Leerformel finden können.


Über den Autor
Michael Reiss ist Inhaber des Lehrstuhls für Organisation an der Universität Stuttgart. Seine Forschungsgebiete sind Netzwerkorganisation, Management des Wandels und Führung.

Aus Forschung und Lehre :: Dezember 2008

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