Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Hochschulabsolventen: Jetzt heißt es durchhalten


Von Judith Scholter

Die Rezession macht Hochschulabsolventen den Berufseinstieg schwer. Experten sagen aber auch, dass sie auf lange Sicht die besten Chancen haben.

Hochschulabsolventen: jetzt heißt es durchhalten© René Mansi - iStockphoto.com
Wer sich vorstellen möchte, wie viele Studenten dieses Jahr ihr Studium abschließen, könnte zum Beispiel an die Größe einer Universitätsstadt wie Münster denken. Die hat rund 280 000 Einwohner. Oder an die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden. Dort leben 275 500 Menschen. Zwar lässt sich die Zahl der diesjährigen Hochschulabsolventen bislang nur schätzen, aber dass sie an die Einwohnerzahl einer deutschen Großstadt heranreichen wird, steht fest: einmal Wiesbaden, neu auf dem Arbeitsmarkt, rund 35 000 Studenten mehr als noch 2007, und das in einer Zeit, in der Kurzarbeit die schlimmsten Auswirkungen der Krise gerade noch abfedert. Erwartungsvolle Menschen in den Zwanzigern, die glaubten, der Fachkräftemangel würde ihre Chance sein. Auch wenn einige den Aufschwung bereits wieder in greifbarer Nähe wähnen, müssen diese Absolventen sich nun fragen: Was wird aus mir? Daniela Rau ist 23 Jahre alt, in diesen Monaten macht sie ihren Abschluss in BWL an der Fachhochschule in Ingolstadt, Schwerpunkt: Controlling und Marketing. »Ich weiß nicht, wen sie noch nehmen«, sagt sie, »selbst, wer von einer tollen Uni kommt und fünf Sprachen spricht, findet nichts.« Seit März bewirbt sie sich, im November könnte sie anfangen. »Ich wollte schnell studieren, weil das überall gefordert wird, ich war in der Studentenvertretung, habe mich engagiert. Jetzt habe ich Angst, dass ich trotzdem keinen Job bekomme.« Und wenn in einem halben Jahr dann immer noch Krise sei, müsse sie auch noch mit den schnellen Bachelorabsolventen konkurrieren.

"Wenn jemand ausscheidet, wird die Stelle nicht neu besetzt"

Laut dem Stellenindex des Personaldienstleisters Adecco, der die Angebote in Printmedien auswertet, gingen die offenen Posten für Betriebswirte von 12 643 im ersten Halbjahr 2008 auf 6648 im gleichen Zeitraum dieses Jahres zurück. Egal, in welche Branche man schaut, bis auf den öffentlichen Dienst darben sie alle: die Konsumgüterindustrie, der Handel, die Beratungsunternehmen. Auch den ehemals so bejubelten Arbeitsmarkt für Ingenieure trifft die Krise inzwischen. Der aktuelle Ingenieurmonitor des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) und des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) verzeichnete im Juli 36,1 Prozent weniger offene Stellen als im Vorjahresmonat. Besonders hart trifft es alle Fertigungsindustrien. Gut 19 500 Fach- und Führungskräfte fehlten im ersten Halbjahr 2008, nur 5200 waren es im gleichen Zeitraum dieses Jahres. »Immer mehr Firmen sagen, wenn jemand ausscheidet, besetzen wir die Stelle erst einmal nicht neu«, sagt Susanne Krebs, Referentin beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) mit dem Schwerpunkt Arbeitsmarkt.

Das ist nur die eine Seite des Problems: Unternehmen zögern, Posten neu zu besetzen, und wenn sie nicht gar Mitarbeiter entlassen, schaffen sie kaum neue Stellen für Hochschulabsolventen. Für jene, auf die keiner wartet, mag es da zynisch klingen, dass der seit Jahren beklagte Fachkräftemangel auf der anderen Seite trotz der Krise weiter besteht: Trotz des rezessionsbedingt größeren Reservoirs an gut ausgebildeten Fachkräften können Unternehmen manche Stellen nicht besetzen. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) präsentierten im Juli gemeinsam mit dem Institut der deutschen Wirtschaft Zahlen.
Trotz Krise fehlten danach mehr als 60 000 Fachkräfte im Ingenieurbereich und in den Naturwissenschaften. »Die geringsten Probleme beim Einstieg haben noch immer Akademiker aus dem MINT-Bereich«, sagt Mario Ohoven, der Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW). Also genau die angesprochenen Absolventen der Ingenieur- und Naturwissenschaften.

Thomas Ast ist so ein Beispiel. Experten sehen in ihm einen Gewinner des Arbeitsmarktes, er selbst sagt, dass er erst im Nachhinein gemerkt habe, wie viel Druck auf ihm lastete. Vor einem Jahr noch hatte er nach seinem Abschluss als Maschinenbauingenieur kein Problem, eine Stelle zu finden. Bei einem Unternehmen, das im Auftrag der Windradindustrie Stahl härtet, bekam er übergangslos einen unbefristeten Vertrag als Assistent der Geschäftsführung. Ast schien in einer Boombranche gelandet zu sein. »Wir wussten nicht, wohin mit den Zahnrädern «, sagt er, »die Öfen waren voll.« Der Einbruch kam nach Weihnachten, als die Auftraggeber kein Geld mehr von den Banken bekamen, denn Kredite gab es seitdem kaum. Im März wurde Thomas Ast gekündigt. Doch er hat bereits eine neue Stelle gefunden. Seit Mitte Juli arbeitet er bei einem mittelständischen Unternehmen, das Rohre für Fernwärme vertreibt.

Die schlimmsten Zeiten dürften dem Arbeitsmarkt und damit den jungen Absolventen indes noch bevorstehen. Viele der großen Arbeitgeber haben die Krise bislang mittels Kurzarbeit abgefedert. »Das ist nicht ewig durchzuhalten«, sagt die Arbeitsmarktexpertin Sabine Klinger vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Denn die Produktivität pro Erwerbstätigem sinke erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik. »Noch halten die Unternehmen ihre Mitarbeiter fast wie zu Zeiten, als sie pro Person mehr erwirtschaftet haben«, sagt Klinger, »aber vor allem die Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe brauchen bald ein kräftiges Wirtschaftswachstum oder werden entlassen müssen, damit die verbliebenen Arbeitnehmer wieder mehr Leistung erbringen können.« Erst wenn die Kurzarbeit ausläuft, dürfte deutlich werden, dass die Erfahrungen vieler Absolventen heute erst der Anfang sind.

Immer mehr gute Bewerber bemühen sich um weniger Stellen

Erfahrungen wie die von Nadine Stefan*. Sie hat in Heidelberg und an der Ludwig-Maximilians- Universität in München Politik und Skandinavistik studiert und 2008 ihren Magisterabschluss gemacht. Nach einem Praktikum stieg sie bei einem großen Verlag im Marketing ein, der Vertrag war zunächst befristet auf ein Jahr. »Das sei nur pro forma, hieß es 2008, aber 2009 sah alles ganz anders aus«, sagt sie. Seit August ist sie arbeitslos. »Vergangenes Jahr habe ich gedacht, der Berufseinstieg hat geklappt, jetzt kann dir nichts Schlimmes mehr passieren.«

Nadine Stefan hat in einem Bereich gearbeitet, in dem sich die Absolventen ganz verschiedener Fachrichtungen tummeln, Betriebswirte, Psychologen, auch Sozialwissenschaftler. Es ist eng im Marketing und nicht nur dort. Auf den Jobmessen berichten die Verantwortlichen, dass sich immer mehr gute Bewerber um immer weniger Stellen bemühen. »Unser Kapital sind die Mitarbeiter, und wenn ich bessere bekommen kann, nehme ich die natürlich auch«, sagt einer auf einer Messe für Wirtschaftswissenschaftler in München. Noten werden immer mehr wert, wo sie sowieso eine große Rolle spielten. 2007 verließen rund 40 000 fertige Wirtschaftswissenschaftler die Hochschulen, dazu kamen 4000 Psychologen und noch einmal gut 3700 Sozialwissenschaftler. Es sind Zahlen, die von dem Druck zeugen, der auf den Absolventen lastet.
»Die mittelständischen Unternehmen verzichten in der Krise eher für einen bestimmten Zeitraum auf Neueinstellungen, als Fachkräften zu kündigen«, sagt BVMW-Präsident Mario Ohoven. »Oftmals werden auch für die Besetzung von Stellen freigesetzte Mitarbeiter der Konkurrenz gegenüber Hochschulabgängern bevorzugt, weil denen die Praxiserfahrung fehlt.« Für viele Absolventen könnte die einzige Strategie sein, die Krise auszusitzen. Es gilt, die Zeit möglichst effektiv zu nutzen, notfalls mit Werkverträgen oder Weiterbildung, bis sich der Arbeitsmarkt wieder erholt. Auch in normalen Zeiten hängt der Berufseinstieg entscheidend vom Fach ab. Informatiker und Ingenieure haben dann zu über 80 Prozent ein Jahr nach dem Examen eine reguläre Stelle - Geisteswissenschaftler nur zu 50 bis 60 Prozent. Studien der Forscher vom Hochschul-Informations-System (HIS), das seit 1989 die Erwerbsbiografien von Absolventen untersucht, zeigen, dass der Berufseinstieg in schwierigen Jahren deutlich länger dauert. 1993 zum Beispiel war vor allem für Absolventen der Elektrotechnik und des Maschinenbaus ein schwieriges Jahr. »Wir haben beobachtet, dass viele Absolventen zum Beispiel häufiger erst einmal in Werkverträge gingen oder Übergangsjobs annahmen«, sagt Kolja Briedis vom HIS.

Einige Branchen entwickeln daher so etwas wie Transfergesellschaften für Absolventen. Gemeinsam mit der IG Metall hat etwa der Verband der Bayerischen Metall- und Elektroindustrie sich eine »Beschäftigungsbrücke« ausgedacht. Wer vier Monate nach seinem Abschluss noch arbeitslos ist, kann bei der eigens gegründeten GmbH angestellt werden, die den Jungingenieur für bis zu 18 Monate an ein Unternehmen ausleiht. Es mag zynisch klingen, dass es solche Instrumente gerade für Absolventen gibt, die beim Einstieg sowieso die geringsten Probleme haben. Eine Beschäftigungsbrücke für Geisteswissenschaftler gibt es nicht. Der Absolventenforscher Kolja Briedis glaubt aber, dass sich auch Geisteswissenschaftler wie Nadine Stefan auf lange Sicht keine Sorgen machen müssen. Fünf Jahre nach dem Examen sind sie zwar nur zu etwa 70 Prozent in regulären Arbeitsverhältnissen. Bedenkt man aber, dass viele Geisteswissenschaftler freiberuflich arbeiten, haben auch sie zu diesem Zeitpunkt zu rund 85 Prozent einen geregelten Job.

*Name von der Zeit-Redaktion geändert

Aus DIE ZEIT :: 13.08.2009

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote