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Hurra - wir haben eine neue Religion!

Von Harald Walach

Die Universitäten sollen nicht nur höchste Qualität in Forschung und Lehre erbringen. Diese muss auch durch ausgefeilte Systeme überprüft, bewertet und gesichert werden. Diese Qualitätssicherung nimmt zunehmend Züge an, die man auch hier und da in der Religion wieder finden kann. Wird hier aus britischer Sicht argumentiert, so liegt doch die Parallele zu der deutschen Situation auf der Hand.

Hurra - wir haben eine neue Religion!:Qualitätssicherung
Wenn man, wie ich, in England lehrt und forscht, ist man dauernd mit Vorgaben der Quality Assurance Agency (QAA) konfrontiert. Weil die Engländer, raffiniert wie sie sind, es geschafft haben, der europäischen Welt (und fast dem ganzen Rest) weiszumachen, die britische akademische sei die beste aller möglichen Welten, wird es nicht lange dauern, bis Sie, meine lieben deutschen Kollegen mit den gleichen Problemen konfrontiert werden, sofern es nicht schon soweit ist. Daher erlauben Sie mir, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Viele Wissenschaftler meinen ja, in der Tradition Comtes und der Aufklärung, Wissenschaft habe nun ein für allemal mit dem Unsinn religiöser, dogmatischer Systeme aufgeräumt. Einzig und allein die Vernunft soll unsere Richtschnur sein. Und sie führt uns auf immer klareren, einsichtigen Pfaden zu unserer endgültigen Bestimmung: Natur kontrollieren zu können und die Welt nach unserem Belieben zuzurichten. Und nun hat doch glatt, ganz heimlich, welch dialektische Frechheit, genau jene Vernunft eine neue Religion geschaffen: Qualitätssicherung.

Qualitätssicherung ist mehr als nur ein Hilfsmittel. Man muss daran glauben. Man muss sich an die vorgeschriebenen Rituale halten. Tut man es nicht, setzt es Strafen. Und wenn's dumm geht, fliegt man raus, mindestens im englischen System. Qualitätssicherung fordert unbedingte Ergebenheit. Wie es sich für eine richtige Religion eben gehört. Sie hat ihre eigenen Hohenpriester, die Leiter irgendwelcher Agenturen und Qualitätsbeauftragte. Sie haben ihre höheren Weihen von? Naja, von wem wohl? Von oben eben. Sie haben ihr eigenes Glaubensbekenntnis: die Produktion immer besserer Produkte und immer höherer Qualität, ohne Ende, bis in den Himmel, bis in die Ekstase des Nichtmehrzuverbesserndenweilperfekten.

Das ist ein transmoderner Gottesbegriff. Anselm von Canterbury, der den ontologischen Gottesbeweis im 11. Jahrhundert entwickelte ("das, worüber hinaus nichts vollkommeneres mehr gedacht werden kann, muss notwendig sein"), und Wilhelm von Saint-Thierry, der dessen Dynamisierung im 12. Jahrhundert formuliert hat ("das, worüber hinaus nichts größeres ersehnt werden kann"), lassen grüßen. Die neue Religion hat ihren eigenen Gott. Aber eins nach dem anderen. In unserer Institution gibt es hunderte, wenn nicht tausende von Seiten von Qualitätshandbüchern: für Lehre, für Undergraduate-, für Postgraduate- Kurse, für Doktorandenbetreuung, für Konfliktgespräche mit Mitarbeitern. Standardprotokolle für Review-Meetings, die dauernd stattfinden und die entsprechend höheren Gremien vorgelegt und von ihnen geprüft werden müssen. Manchmal stelle ich mir vor, was mit all den Formularen, die wir ausfüllen eigentlich passiert. Man hat dann schnell die Idee, es gibt jemanden, bei dem alle Fäden zusammenlaufen, irgendjemand, der den totalen Überblick hat. Den gibt es natürlich genauso wenig wie den Laplaceschen Dämon oder einen barocken Himmelsvater.

Bis jetzt habe ich noch kein wirklich überzeugendes Argument gehört, warum Qualitätssicherung gut ist für komplexe, sich selbst organisierende menschliche Systeme. Bei der Feuerwehr oder im OP leuchtet es mir ja noch ein, weil es klar definierbare und überprüfbare Kriterien gibt - Feuer gelöscht? Patient an der richtigen Niere operiert? -, aber an den Hochschulen?

Die Frage nach Gründen und Belegen

Wann immer ich Fragen nach den Gründen stelle, werde ich auf höhere Autoritäten verwiesen: die Regierung, alle anderen, Geld, das man nur bekommt, wenn man "QAA approved" ist, etc. Ich frage mich, wer hat eigentlich die ursprünglich erste Entscheidung getroffen, dass man Qualitätssicherung an den Hochschulen einführen soll? Und basierend auf welchen Daten? Wenn ich recht informiert bin, gibt es keine einzige randomisierte Studie, die belegt, dass Universitäten oder andere komplexe menschliche Systeme, die qualitätsgesichert arbeiten, besser ausgebildete Studenten, glücklichere Mitarbeiter und bessere Forschungsresultate produzieren. Soweit ich weiß, gibt es überhaupt keine randomisierte Studie, die belegt, dass Qualitätssicherung das tut, was sie zu tun vorgibt: nämlich bessere Qualität zu erzeugen. Wäre Qualitätssicherung ein Medikament, es erhielte keine Zulassung. Bei uns in England gibt es eine wilde Kampagne gegen die Komplementärmedizin.

Argument: Sie sei nicht ausreichend in klinischen Studien getestet. Dabei haben ausgerechnet die deutschen Akupunkturstudien belegt, dass Akupunktur (und Scheinakupunktur!) wirksamer ist als das Beste, was die moderne Medizin zur Behandlung von Rückenschmerzen und Gonarthrose auffahren kann. Ich finde es erstaunlich, dass niemand die Frage stellt, ob Qualitätssicherung ausreichend belegt ist. Was schließen wir daraus: Qualitätssicherung ist keine Wissenschaft, sie ist ein Glaubenssystem, neudeutsch für Religion. Wer anderer Meinung ist, der zeige mir bitte Daten, und zwar gute und saubere. Daten, wie man sie braucht, wenn man eine Maßnahme flächendeckend und verpflichtend einführen will. Und zwar keine über die bessere Qualität bei Schrauben, Autos und Flugzeugen, sondern Daten zu entscheidenden Parametern der Hochschulen: mehr Kreativität bei Lehrenden, zufriedene, engagierte Studierende, gute, wegweisende Forschung.

Qualitätssicherung muss geglaubt werden, Kriterium Nummer eins einer Religion. Wer nicht glaubt, wird zuerst leise und freundlich gestupst, später etwas lauter genötigt, und schließlich, wenn's sein muss mit disziplinarischen Maßnahmen auf Linie gebracht. Das ist eine Entwicklung nicht unähnlich derer der Inquisition, die zuerst milde predigend, später heftiger, und dann mit Feuer und Brand die katharische Ketzerei ausrottete. Noch sind wir nicht so weit. Aber ich würde eine Kiste Champagner verwetten, dass wir bald Tribunale und Qualitätsssicherungshandbücher zum Umgang mit Ungeistern der Qualitätssicherung haben, wenn wir diesem Wahnsinn nicht bald Einhalt gebieten.

Die Hohepriester der neuen Religion

Die neue Religion hat auch ihre Hohepriester, die Besitzer, Präsidenten und Chefs von Qualitätssicherungsagenturen. Es wäre einen eigenen Aufsatz wert, die Lebensläufe dieser Leute genauer unter die Lupe zu nehmen und die Mutation einer Spezies von nicht ganz so brillianten Akademikern zu allmächtigen und in ihrer Brillianz unhinterfragten Qualitätssicherern und akademischen Managern innerhalb von nur ein, zwei Dekaden zu analysieren. Lamarck würde übers ganze Gesicht grinsen und Darwin in die Suppe spucken, von wegen survival of the fittest. Niemals in der Vergangenheit hat sich eine neue Religion so ex nihilo in eine Machtposition gebracht wie Validierungs- und Qualitätssicherungsagenturen in der Transmoderne.

Genau das macht in meinen Augen den Übergang von der Post- in die Transmoderne aus: dass dem zerfallenden großen Narrativ der christlichen Erlösungsreligion und dem Eingeständnis dieses Zerfalls in der Postmoderne, heimlich, blitzschnell und völlig unbemerkt und unbehindert ein neues, totalitäres Narrativ entgegengestellt wurde. Die Geschichte von der wachsenden Verbesserung aller Bedingungen durch rationale Prozesskontrolle - neudeutsch: Qualitätssicherung.

Die neuen Hohepriester sind selbstgesalbt. Während die ehemaligen Priester sich wenigstens noch auf ihre alte Abstammung - von Aaron, Mohammed oder Petrus - beriefen, haben die neuen nur ein neues, verführerisches Meta- Narrativ zu bieten: Den transmodernen Glauben an die immerwährende Verbesserung unserer Verhältnisse durch Kontrolle. Alles muss besser werden. Schneller. Präziser. Und billiger. Qualitätssicherung hilft dabei. Keiner stellt jemals die kritischen Fragen, ob das a) möglich, b) sinnvoll und c) erstrebenswert ist. Und wie ließe es sich, wäre es wahr, erreichen? Doch nur über sekundäre, schließlich tertiäre, und am Ende quartäre Prozesse der Kontrolle, und so immer weiter. Irgendwer muss ja schließlich mal die Kontrolleure und Qualitätssicherer qualitätssichern. Und irgendwer auch mal die Kontrolleure. Spätestens dann wird das System der höheren Qualität durch Kontrolle selber außer Kontrolle geraten.

Profit, der Götze der neuen Religion

Dies macht auch klar, wer der Gott dieser neuen Religion ist: Profit, krude, neokapitalistisch, wie er soeben mit Pomp und Getöse zu Grabe getragen wurde; aber keine Angst, er wird wieder auferstehen. Hinter der vermeintlichen Sicherung von Qualität steht, im letzten, nicht ein Interesse an Qualität, sondern ein Interesse an Profit. Der alte Marx hätte seine Freude. Die aufklärerische Vernunft, die sich in den Hochschulen ihr letztes Refugium gesichert hatte, hat durch die Dialektik ihres eigenen Erfolges gerade jene Instrumente geschaffen, mit denen sie sich selber abschafft, und das alles, damit man Geld sparen kann. Denn das Geld wird schließlich anderswo dringend gebraucht. Man muss alte Autos verschrotten, damit die Leute neue kaufen können und man muss der Bundeswehr Panzerautos kaufen, damit sie die Aufklärung in den Hindukusch bringen kann. Und man muss die Profiteure vom Absturz bewahren, damit das Schmieröl der Transmoderne nicht zu Sand gerinnt, das gute Geld.

Qualitätssicherung macht Sinn, wenn man Produkte erzeugt: wenn die Bordcomputer der Daimlerautos nicht so oft kaputt sind, müssen weniger Garantiefälle bearbeitet werden. Spart eine Menge Geld. Qualitätssicherung macht's möglich und bringt damit mehr Profit. Was soll sie im höheren Bildungswesen bewirken? Wenn man unseren Qualitätssicherern lauscht, dann hört man, im O-Ton "enhancement of the student experience", "increase of staff satisfaction", "improving the quality of teaching", "securing the sustainability of world class research", wunderschöne, hohle Prosa. Wenn man sie analysiert, hört man: mehr Profit. Denn wenn mehr Studenten kommen, hat man höhere Einnahmen, wenn Mitarbeiter weniger krank sind, hat man weniger Verluste und Reibung, wenn die Lehre (noch!?) besser wird, steigt die Position in den Rankings und mehr Studenten kommen, die mehr Geld bringen.

Profit ist der Götze der Transmoderne. Warum Götze? Die klassische Definition des Götzen ("Moloch"), bei Isaias lautet: einer, dem man Menschen opfert (hier würde wiederum ein bisschen Kenntnis von richtiger Religion helfen, aber die hat die Aufklärung ja abgeschafft). Genau das passiert, zumindest in England, im Rahmen der Qualitätssicherung. Menschen werden geopfert. Mitarbeiter nehmen Handbücher und Qualitätssicherungsdokumente in den Feierabend mit. Sie opfern Zeit mit Studenten, um die Formulare auszufüllen. In ihren Beratungstreffen mit Doktoranden sind sie gar nicht wirklich präsent, weil sie immer daran denken, was sie alles ankreuzen und ausfüllen müssen, damit der Moloch zufrieden ist. Im englischen Gesundheitssystem ist es noch schlimmer, aber das kenne ich Gottseidank nicht gut genug.

Die Illusion hinter all diesem Gehabe ist die Phantasie, dass man wirklichen Fortschritt und menschliche Qualität erzeugen kann, mit Ingenieurkalkül produzieren. Sie verkennt, dass man wirkliche Qualität eben nicht machen, sondern nur entstehen lassen kann, indem man die richtigen Bedingungen schafft. Kreative Geister werden nicht erzogen und geschaffen, sondern gefördert. Qualität der Interaktion entsteht, wenn das Klima stimmt und die Bedingungen gut sind. Und wer ein menschlicher Saubär ist, wird von keinem Qualitätssicherer der Welt zum Betreuungsgenie gewandelt. Es ist ein bisschen wie mit den Steinpilzen: die Myzele sind im Untergrund, aber treiben nur Fruchtkörper an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten. Man kann sie nicht zwingen.

Wer profitiert von der neuen Religion? Eine neu entstandene Kaste von Managern, Validierern und Qualitätssicherern. Demnächst wird es bald überall neue Stabsstellen "Qualitätssicherung und Zertifizierung" geben. Das wird neue Administration nach sich ziehen, bis in die Ministerien. Denn irgendwer muss ja all das Geschreibsel, das entsteht, verwalten. Und wenn wirklich ein Profit herausspringt, dann können Sie sicher sein, dass Ihre Universität eher einen neuen Stabsbeauftragten "Qualitätssicherung Lehre", oder zur Abwechslung "Qualitätssicherung Forschung" einstellen wird. Wir alle lächeln natürlich nur müde, weil der Unsinn der ganzen Chose so offensichtlich ist. Ich denke, das reicht nicht. Wir sollten dem Geist und dem Erbe der Aufklärung treu der Installation einer neuen, inhumanen Religion nicht tatenlos zusehen. Was mich in England so verblüfft ist, dass alle den Siegeszug der Qualitätssicherung als Naturgesetz sehen. Jeder macht irgendwie grummelnd mit, obwohl ich keinen kenne, der sie wirklich gut findet. Es ist ja schließlich eine Verordnung von oben. Ich fordere die Hohepriester dieser neuen Religion auf: Zeigt mir eure Legitimation! Zeigt mir gute Daten, aus randomisierten Studien! Zeigt mir, dass Eure Rituale befreiend sind für die Betroffenen! Zeigt mir, dass Ihr in einer Debatte über Eure Legitimation bestehen könnt, und gebt mir ein, vielleicht zwei gute Argumente warum ein Land, oder ein Hochschulwesen mit Qualitätssicherung besser sein soll als eines ohne.

Die Herausforderung

Folgendes ist meine Herausforderung, die von den Behörden, oder besser noch von den Qualitätssicherungsagenturen, finanziert werden sollte: Teilt die Universitäten des Landes zufällig in zwei Gruppen auf. Nehmt alles Geld und alle Ressourcen, die für Qualitätssicherung bestimmt sind. Den einen gebt ihr diese und lasst sie Qualität sichern auf Teufel komm raus und dass es Gott erbarm, so wie es nur geht. Den anderen gebt ihr den gleichen Betrag und finanziert, dass Mitarbeiter Achtsamkeit, Meditation oder andere Entspannungs- und Sammlungselemente in ihrer Arbeitszeit erhalten, finanziert Meditations- und Rückzugsräume, von mir aus sogar Golfplätze. Das überschüssige Geld wird für neues Personal in Lehre und Forschung verwendet. Gebt beiden Gruppen von Universitäten etwa drei Jahre Zeit. Dann messt, was wirklich zählt: Zufriedenheit der Mitarbeiter; Zufriedenheit der Studierenden; Studienerfolg; Abbrecherrate; Forschungsausstoß gemessen an Zahl und bibliometrischer Qualität der Publikationen (oder von mir aus gemessen in Seiten); Anzahl der Preise standardisiert auf die Zahl der Vollzeitstellen usw. Ich wette, dass die zweite Gruppe von Universitäten den qualitätsgesicherten meilenweit voraus sein wird. Aber weil das alles so offensichtlich ist, wird wohl kaum irgendwer das Experiment durchführen, geschweige denn mit mir wetten und ich werde, mal wieder, nicht reich.

Über den Autor
Harald Walach ist Research Professor for Psychology an der University of Northampton/England. Er ist Präsident der International Society for Complementary Medicine Research.

Aus Forschung und Lehre :: Mai 2009

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