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Im Märzen der Forscher

VON CHRISTIANE GREFE

Jahrzehnte lang wurde die Agrarwissenschaft in Deutschland vernachlässigt. Welthunger, Umweltbewusstsein und Klimawandel lassen sie nun endlich wieder aufblühen.

Im Märzen der Forscher© partagasnr4 - Photocase.comSowohl national als auch international befindet sich die Agrarforschung im Aufschwung
Mit dem Namen Weihenstephan verbinden die meisten Menschen die älteste Klosterbrauerei der Welt. Seit fast einem Jahrtausend überragt sie auf einem steilen Hügel das Freisinger Moos. Um die Benediktinerabtei herum leben weitere Traditionen: Seit 200 Jahren werden hier Forste, Nutztiere oder Ackerfrüchte erforscht und Lebensmittel veredelt. Anfangs in der Kurfürstlichen Centralbaumschule, heute auf dem modernen Agrarforschungs-Campus der Technischen Universität München (TUM). In den Hörsälen und Bibliotheken, Treibhäusern und Labors, die weitläufig verteilt zwischen Waldstücken und noch märzkargen Versuchsfeldern liegen, suchen Verhaltensbiologen nach Therapien für stresskranke Legehennen, prüfen Boden kundler Humusqualitäten, befragen Ernährungswissenschaftler Konsumenten, ob sie nanotechnische Verfahren bei ihrer Nahrung akzeptieren würden (Franzosen: eher ja; Deutsche: eher nein). Um nur ganz wenige der vielfältigen Erkenntnisinteressen und Fachrichtungen in der oberbayerischen Idylle zu nennen.

Bauernrevolten? Die galten hier seit der Sendlinger Mordweihnacht von 1705 nun wirklich als historisch erledigt. Vor zwei Jahren aber flammte am Weihenstephaner Berg doch wieder ein »Bauernaufstand« auf. So karikiert jedenfalls der Dekan Gerhard Wenzel, Pflanzenzüchter und Genetiker, eine Fehde forschungspolitischer Fraktionen, bei der Anhänger der Life Science und bodenständige Agrarwissenschaftler aneinandergerieten. Ihr Streit flackert zwar nur noch selten auf, doch es lohnt sich, mehr darüber zu erzählen, weil die Spannung für eine kaum bemerkte, unerwartete Entwicklung symptomatisch ist: die Renaissance der Agrarwissenschaft. Zahlreiche Interessenkonflikte begleiten das frühlingshafte Erblühen, in dessen Verlauf der primäre Sektor sich zukunftstauglich neu orientiert.

Sie waren beinahe totgesagt: Über zwei Jahrzehnte lang verkümmerte die Arbeit der Agrartechniker, Schweine- und Obstzüchter im Schatten des politischen Interesses. Das »eiserne Dreieck«, wie der feste Schulterschluss der Agrarwissenschaft mit dem Agrobusiness und der Politik genannt wurde, hatte sein Augenmerk lange einseitig auf Produktionssteigerungen gerichtet. Doch die erschienen angesichts subventionierter Überschüsse in Europa zunehmend als sinnlos. In den achtziger Jahren gerieten Massentierhaltung und intensive Anbaumethoden unter grünen Beschuss. Das Wort Bauer war gleichbedeutend mit Raubbauer. Dann blieben auch noch die Studenten weg. Landwirtschaft? Uncooler ging's gar nicht.

Kein Wunder, ging es an den zehn Agrarwissenschaftsstandorten in Zeiten des Spardrucks gerade diesen vermeintlich anachronistischen Fakultäten an den Kragen. Von Rostock über Berlin bis Gießen wurde seit 1990 jede dritte Agrarwissenschaftlerstelle abgebaut. Dies geschah zufällig, konzeptionslos und oft bis zur »Unterschreitung der kritischen Masse«, bemängelte der Wissenschaftsrat. Auf einmal waren dann Experten für Agrarsoziologie, Tierernährung oder Gartenbau mit der Lupe zu suchen. Und nun beklagen Industrievertreter wie Friedrich Berschauer, Vorstand des Agrarriesen Bayer Crop Science, eine »deprimierende« Lage: »Wir kriegen ja nicht die besten Köpfe.« Doch das ändert sich gerade, die Studentenzahlen sind auf fast 10 000 angestiegen, und jetzt seien unter den Bewerbern immer öfter »junge Mädchen mit Einserdurchschnitt, die die Welt retten wollen«, sagt Kurt Jürgen Hülsbergen, in Weihenstephan Studiendekan und Professor für Ökologischen Landbau. Und diese Hochmotivierten kommen nicht bloß aus jugendlichem Überschwang, sie haben die Menetekel der Zeit erkannt: Wenn weltweit die Böden erodieren, wenn Wasser und Flächen knapp werden und der Klimawandel, von der Landwirtschaft selbst kräftig beschleunigt, Dürren und Fluten und unberechenbare Anbaurhythmen auslöst, dann müssen gerade Agrarwissenschaftler Lösungen finden.


Tatsächlich bekommt Hülsbergen Rückenwind. Zum Beispiel für Projekte, bei denen er die CO2-Kreisläufe und -Emissionen des Biolandbaus mit denen konventioneller Betriebe vergleicht (Ergebnis: komplex, aber in vielen Fällen zugunsten der Ökos) oder, bundesweit vernetzt, die Auswirkungen des Klimawandels auf Boden, Wasser und Feldfrüchte beobachtet. Mehr Aufmerksamkeit erfährt auch die Arbeit eines Phytopathologen wie Ralph Hückelhoven, der im Genom der Gerste und anderer Pflanzen Mechanismen des Immunsystems entschlüsseln will. Und die Liste der Herausforderungen für die Landwirtschaft ist ja noch länger: Eine Milliarde Menschen hungern, dabei nimmt die Bevölkerung zu, steigen die Konsumansprüche wachsender Mittelschichten und gefährdet der Bedarf nach Biomasse für Energiezwecke den Anbau von Nahrungsmitteln. Alles in Wechselwirkung miteinander verbunden, alles gleichzeitig.

Seit etwa drei Jahren, aber spätestens seit der Krise der Lebensmittelpreise von 2008, die weltweit Hungeraufstände auslöste, sind auch die letzten Verdränger in Politik und Wirtschaft aufgewacht. Es mehren sich die Initiativen: Bund und Länder legen neue Programme auf, im Sommer will Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner eine »Agrarforschungsallianz« proklamieren, im Herbst die Forschungsministerin Annette Schavan eine langfristige Agrarforschungsstrategie. Zu diesem Zweck hat Schavan einen »Bioökonomierat« beauftragt, Vorschläge zu machen. Dieses industrienahe Gremium mit Unterstützern von BASF bis RWE Innogy will verhindern, dass »täglich 24 000 Menschen, vor allem Kinder, sterben; das sind 50 voll besetzte Jumbos, die vom Himmel fallen!«, wie der Vorsitzende Reinhard Hüttl sagt. Aber Probleme schaffen auch neue Märkte, Deutschlands Nahrungsindustrie hinkt im Vergleich mit anderen Ländern hinterher, Energieund Chemieindustrie hungern nach Biorohstoffen. Das also ist eine Schubkraft, die den neuen Boom befeuert und steuert. »Making gold by going green«, sagt Hüttl, durch Ergrünen Gold verdienen. Aber wie geht das »nachhaltig«?

Für die Agrarfakultäten und für die TUM im Freisinger Moos bedeutet die Aufwertung ihres Fächerzusammenhangs Umbauarbeit: Mit welchen Prioritäten die Forschung zukunftstauglich organisieren? Diese Frage war ein Auslöser des »Bauernaufstands« am Weihenstephaner Berg. Über zehn Jahre hatten Dekan Gerhard Wenzel und seine Kollegen die Vision einer »molekularen Agrarwissenschaft« vorangetrieben. Es reiche nicht mehr, »Wissen für bayerische Betriebsleiter« hervorzubringen, frotzelt Wenzel. International konkurrenzfähige Agrarforschung müsse mit noch mehr Hightech die Erträge steigern, weil die alten Methoden ausgereizt seien. Immer kostengünstiger ließen sich per Computer ganze Genome bestimmen, immer schneller günstige Eigenschaften übertragen. Wenzel schwärmt: »Es ist faszinierend: Die Biologie könnte zur Ingenieurwissenschaft werden!« Deshalb erklärten er und, noch dynamischer, TUM-Präsident Wolfgang Hermann das Fach im Jahr 2000 zur »Leitwissenschaft« eines neuen Wissenschaftszentrums für Ernährung, Landnutzung und Umwelt (WZW). Sehr zum Kummer des Agrarökonomen Alois Heißenhuber. Dieser schätzt seine Disziplin nämlich als »Systemwissenschaft« ein. Bei der werde alles zusammen gedacht: die Produktion, öffentliche Güter wie Wasser und Boden, der Markt. So wurde der kernige Bayer ein Wortführer der Gegenseite: »Die Agrarwissenschaften dürfen nicht auf angewandte Biologie reduziert werden!« Und er zog mit den eigentlichen Aufständischen, den Praktikern, an einem Strang: der Agrarindustrie und dem Bauernverband. In der CSU, den Ministerien, im Landtag machte die Lobby so lange Druck, bis sie drei neue Professuren durchgesetzt hatte, und auch ein eigenes agrarwissenschaftliches Zentralinstitut. Ein Grundstück auf dem Weihenstephaner Campus ist schon auserkoren für die »Bauern-Uni«, wie die Zeitungen lästerten. Das Institut soll nun Brücken zwischen Spitzenforschung und Praxis schlagen.

Überhaupt lautet das neue Schlüsselwort: Kooperation. Jeweils mehrere Hochschulen sind zum Beispiel in den »Kompetenznetzwerken« verknüpft, für die das Bundesforschungsministerium gerade 40 Millionen Euro lockergemacht hat. Eines heißt Synbreed, dabei erkunden die Münchner Pflanzenzüchter die Möglichkeit eines interdisziplinären Genomforschungszentrums, gemeinsam mit Bioinformatikern, Molekularbiologen und Tierzuchtkollegen in Göttingen. Dort, am Rande des Harz, hat Kooperation auch regional begonnen. Die altehrwürdige Georg-August-Universität und das nahe gelegene Forschungszentrum für ökologischen Landbau in Witzenhausen wollen dadurch einen Mehrwert für Forschung und Lehre gewinnen. Ein nicht immer harmonischer clash of civilizations: auf der einen Seite die produktivitätsorientierten Göttinger, auf der anderen die lange unter Esoterikverdacht stehenden Witzenhausener, die jetzt mit ihrem traditionellen Fokus auf gesunde Böden, Fruchtfolgen und das Grünland bei der Suche nach einer klimaschonenden Agrikultur stark gefragt sind.


Zwei gemeinsame Professuren wurden eingerichtet und ein Studiengang für Internationale Nachhaltige Landwirtschaft. Seine Leiterin Eva Schlecht, Expertin für Tierhaltung in den Tropen, und ihre Studenten aus aller Welt pendeln nun zwischen dem Göttinger Innenstadtcampus und dem romantischen Fachwerkensemble Witzenhausen hin und her, in dem schon zu Kolonialzeiten Landwirte für den Einsatz im Süden ausgebildet wurden. Auch sonst beobachtet der Göttinger Graslandwissenschaftler Johannes Isselstein, dass »die Bereitschaft zur Kooperation in Verbundprojekten« deutlich gestiegen sei. Grasland ist ökologisch besonders wertvoll, und die satten Wiesen sind besonders gefährdet, wenn es infolge des Klimawandels im Winter stärker regnet und im Sommer umso weniger. Widerstandsfähige Grasarten müssen zum Einsatz kommen. Aber welche sind für welchen Boden geeignet, wie werden sie von Kühen angenommen, wie verändern sie deren Verdauung und Methanemissionen, die Milch, Flora und Fauna, die Landschaft? Um solche Fragen zu ergründen, sind neben Isselsteins Experten ebenfalls Geobotaniker, Bodenkundler, Phytopathologen, Tierernährer und Soziologen gefragt. Systemstudien haben es allerdings in den Anerkennungssystemen des Wissenschaftsbetriebs schwer. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanziert nur Grundlagenforschung, ihr sind Agrarthemen oft zu anwendungsnah. Aber ihre Zuwendungen zählen bei der Bewertung von Forschungsexzellenz oft mehr als Geld aus anderen Quellen.

Wer sich in der Konkurrenz behaupten will, muss überdies möglichst viele Veröffentlichungen vorweisen. Doch Systemdenken passt selten in spezialisierte Fachzeitschriften. Und dann dauert es manchmal Jahre, bis Ergebnisse auf den Tisch kommen, sozusagen naturgesetzlich: Drei Wachstumsphasen zu vergleichen dauert eben. In derselben Zeit hat ein Molekularbiologe, der Genfunktionen beschreibt, schon acht Aufsätze publiziert. Und so werden wichtige Perspektiven noch immer zu wenig ausgelotet: Wie können Bäume und Ackerpflanzen in Agroforstsystemen so kombiniert werden, dass es dem Boden, dem Mikroklima, damit auch der Feuchtigkeit nutzt und dennoch hohe Erträge bringt? Welche Energieund Nahrungspflanzen bieten einander Vorteile, statt miteinander zu konkurrieren? Welche Methoden könnten den Ökolandbau vom giftigen Kupfer (dem einzigen Pflanzenschutzmittel, das er erlaubt) befreien? Welche anderen als die gängigen Nahrungspflanzen helfen im Kampf gegen Hunger und Klimawandel? Welche Tierrassen ertragen lange Phasen der Trockenheit? Solche Fragen sind besonders bedeutsam für Entwicklungsländer, in denen viele Bauern schon mangels finanzieller Mittel »zwangsöko« produzieren, wie Eva Schlecht das nennt. Göttingen hat da als Zentrum der Tropenforschung langjährige Erfahrung und weltweite Kontakte.

Seine Forstwissenschaftler zum Beispiel unterstützen gerade Vietnam beim Screening Tausender einheimischer Baumarten, auf der Suche nach Alternativen zu Eukalyptus-Monokulturen. So reicht das Spektrum der Agrarforschung von Knöllchenbakterien im Boden bis zu den emporkletternden Preis- und Spekulationskurven der Weltmärkte. Für den Göttinger Agrarökonomen Matin Qaim ist unbestreitbar: »Es gibt keine andere Wissenschaft, die die Probleme der Menschheit so umfassend bearbeiten kann.«

Aus DIE ZEIT :: 31.12.2010

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