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In Harvard wird gespart

Von Martin Spiewak und Gregor Thuswaldner

Die Finanzkrise trifft Amerikas Universitäten mit voller Wucht, weil sie von privaten Spendern abhängig sind.

In Harvard wird gespart
Wer an der Universität von Hawaii spätabends oder am Wochenende arbeiten möchte, muss ab sofort schwitzen. Um das Budget zu schonen, wird die Hochschule auf der amerikanischen Pazifikinsel ihre Klimaanlagen nur noch am Tag laufen lassen. Andere US-Hochschulen schlossen ihre Tore über die Jahreswende - um Heizkosten zu sparen. Gestrichene Reiseetats, in die Zukunft verschobene Bauvorhaben, erhöhte Studiengebühren: Die Finanzkrise hat Amerikas höhere Bildungseinrichtungen erfasst und zwingt sie zu teilweise drastischen Sparprogrammen. Viele stellen nur noch Teilzeitpersonal an, die Zahl der Jobangebote für Professoren ist stark gesunken.

Reiche wie arme, große staatliche Universitäten wie kleine private Colleges: Es gibt kaum eine Hochschule, die den Einbruch der Wirtschaft nicht spürt. Während die einen ihre Stiftungsvermögen schmelzen sehen, sorgen sich andere über sinkende Einnahmen aus Studiengebühren. Schon ertönen Hilferufe in Richtung des neuen Präsidenten. Obama soll die Bildungsindustrie mit staatlichen Hilfen stützen.

Für Philip Altbach, Bildungsexperte am Boston College, bedeutet der Finanzeinbruch die "größte Krise in der Geschichte der amerikanischen Universität". Selbst die große De pression in den dreißiger Jahren habe die Hochschulen nicht so hart getroffen wie die Krise heute, weil sie damals weniger auf nichtstaatliches Kapital angewiesen waren. Was bislang ihre größte Stärke war, entpuppt sich nun als Schwäche des amerikanischen Universitätssystems: die Abhängigkeit von privatem Geld.

Sogar in Harvard, der reichsten Universität der Welt, wird nun gespart und gekürzt. Michael D. Smith, Dekan der Fakultät für Arts and Scien ces, will das Budget seiner Fakultät um neun Prozent reduzieren, viele offene Stellen werden erst einmal nicht wieder besetzt. Die Elite-Hochschule in Massachusetts hat rund ein Drittel ihres Kapitalstocks verloren. Anderen Elite- Einrichtungen wie Yale oder Stanford ergeht es ähnlich. Jahrelang hatten sie ihr Vermögen um jährlich zehn Prozent oder mehr gesteigert, auch dank risikoreicher Anlagen auf dem Kapitalmarkt. Nun rächt sich der Wagemut ihrer Finanzstrategen.

Schenkungen in Millionenhöhe waren früher an der Tagesordnung

Gleichzeitig sinkt die Spendierfreude. Meldungen von Schenkungen in Millionenhöhe gehörten bisher zur Tagesordnung im amerikanischen Universitätsbetrieb und wurden kaum erwähnt. Jetzt sind sie zur Ausnahme geworden. Dass die Vanderbilt University in Nashville sich über 20 Millionen Dollar freuen kann, wird mit öffentlichem Erstaunen registriert.

Der Wertverlust der Eliteuniversitäten zieht viel Aufmerksamkeit auf sich, weil sich große Summen innerhalb weniger Monate in Luft auflösten. Langfristig einschneidend oder gar existenzbedrohend ist der Kapitalschwund jedoch kaum, sagt Ronald G. Ehrenberg, Direktor des Higher Education Research Institute an der Cornell University. Zwar seien die Harvards & Co nicht mehr so reich wie noch vor einem Jahr, doch als arm könne man sie deshalb noch lange nicht bezeichnen. 76 Universitäten verfügten Mitte 2008 über Stiftungen im Wert von über einer Milliarde Dollar. Noch im Sommer verkündete Harvard, sein Endowment sei nun auf 36,9 Milliarden Dollar gestiegen. Auf solch einem Finanzpolster lässt
sich gemütlich sparen.

Wesentlich härter wird der Finanzcrash die vielen kleinen, privaten Institutionen treffen, besonders jene im Nordosten und Mittelwesten des Landes. Sie leben zu einem großen Teil von den Gebühren ihrer Studenten, weil sie nur über bescheidene Stiftungen verfügen, die sich zumeist unter der 50-Millionen-Dollar-Grenze bewegen. Zwischen 1982 und 2006 sind die Kosten für eine akademische Ausbildung landesweit um über 400 Prozent gestiegen, das mittlere Familieneinkommen in den USA
stieg jedoch nur um rund 150 Prozent.

An die 45.000 Dollar im Jahr kostet ein Studium mittlerweile an einem Spitzencollege. Eltern aus dem Mittelstand müssen oft jahrzehntelang sparen, um eine solche Summe für ihre Kinder aufzubringen. In vielen Fällen hat die Krise die Sparguthaben aufgefressen. Nur die großen Namen wie Amherst, Wellesley oder Swarthmore verfügen über so hohe Stipendien, dass sich auch bedürftige Bewerber die Ausbildung leisten können. Der Rest der Colleges ist auf die Campusmaut angewiesen.
Zu dieser Gruppe zählen viele Hochschulen, die besonders ethnische oder religiöse Minderheiten ansprechen. Sie profitierten vor allem vom Wachstum der Studentenzahlen in den vergangenen Jahren. So verzeichneten die rund 100 Einrichtungen, die im Council for Christian Colleges and Universities organisiert sind, in den vergangenen 15 Jahren einen Zuwachs von über 70 Prozent. Nun lässt der erwartete Rückgang der Studentenzahlen sie zittern. Vier christliche Colleges mussten bereits Konkurs anmelden.

Den großen staatlichen Universitäten wird dieses Schicksal erspart bleiben. Aber da viele amerikanische Bundesstaaten per Gesetz keine Schulden machen dürfen, mussten auch sie ihre Ausgaben sofort kürzen, darunter die Zuschüsse für ihre Hochschulen. Dabei hatten viele Uni- Verwaltungen das Geld bereits ausgegeben oder fest verplant. Besonders hart hat es etwa das kalifornische Universitätssystem getroffen, das im kommenden Jahr bis zu 10.000 Studenten weniger aufnehmen will. Für das kalifornische Flaggschiff Berkeley sagen Experten eine empfindliche Schwächung im internationalen Wettbewerb um Professoren und Studenten voraus.

50 Präsidenten staatlicher Universitäten haben Barack Obama deshalb in einem offenen Brief aufgefordert, die öffentliche Förderung im kommenden Jahr zu erhöhen. Fünf Prozent des von der Regierung abgesegneten Rettungspakets sollen der höheren Bildung zugute kommen, fordern die Autoren. Sie argumentieren ähnlich wie ihre Amtskollegen in Deutschland: Das frische Geld soll sowohl in die Infrastruktur der Hochschulen fließen als auch neue Stellen schaffen. Beides hätte unmittelbare positive Auswirkungen auf die amerikanische Wirtschaft, meint Vartan Gregorian, der Präsident der Carnegie Corporation of New York, die das Schreiben an Obama initiiert hat.

Selten waren so viele gute Forscher auf dem Markt

Ob der zukünftige Präsident die Bitten erhört, ist fraglich. Zwar hat Obama in seinem Wahlkampf angekündigt, die staatliche finanzielle Unterstützung von Studenten aufzustocken und transparenter zu machen. Doch noch reformbedürftiger als die Universitäten und Colleges sind für ihn die Schulen. Deshalb hat sich kaum jemand gewundert, dass der designierte Präsident Arne Duncan, einen ausgewiesenen Schulexperten, zum Bildungsminister berufen hat. Duncan arbeitete wie Obama zuletzt in Chicago und hat für seine Reformen des maroden öffentlichen Schulwesens der Stadt von Progressiven wie Konservativen Lob geerntet. Von Hochschulen versteht der neue Secretary of Education jedoch kaum etwas. Und Obama war im Wahlkampf ausgesprochen schweigsam, wenn es um die höhere Bildung ging. Bislang scheint das Thema ihn wenig zu interessieren.

Verschärft sich die Krise, dürfte sich das jedoch ändern. Die Hochschulen haben in der amerikanischen Gesellschaft eine sehr viel größere Bedeutung als in Deutschland. Wenn es ihrer Universität schlecht geht, treibt das nicht nur Studenten und Professoren um, sondern auch Eltern und Alumni.

Auch die meisten privaten Hochschulen sehen der Entwicklung nicht tatenlos zu, wie eine Umfrage der National Association of Independent Colleges and Universities ergibt. Um mehr Studienanfänger zu bekommen, versprechen viele von ihnen, ihre Stipendien zu erhöhen und die Familien zu entlasten. Dieses Lockmittel soll es ihnen ermöglichen, weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben. Andere Universitäten verhalten sich antizyklisch, wie das Boston College: Statt zu entlassen, stellen sie ein. "Selten zuvor waren so viele gute Wissenschaftler auf dem Markt", sagt Hochschulexperte Altbach, der an der von Jesuiten geleiteten Privatuniversität lehrt.

Als Krisengewinner könnten sich ausgerechnet jene Einrichtungen erweisen, die den Kapitalismus am konsequentesten in die höhere Bildung getragen haben: die sogenannten For- Profit-Hochschulen. Derzeit erwerben rund fünf Prozent aller Studenten an diesen auf Gewinnmaximierung orientierten Institutionen Zertifikate und akademische Grade. Rene Champagne, der Leiter der Career College Association, ist überzeugt, dass sich ihre Zahl in den nächsten Monaten erhöht. Denn die Rezession schafft neue Kunden, da die meisten der For- Profit-Institutionen sich auf Weiterbildung und Umschulungen spezialisiert haben. Dafür haben entlassene Angestellte nun Zeit.

Aus DIE ZEIT :: 08.01.2009

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