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Irrweg Bologna-Reform: Standardisierung auf einem niedrigen Niveau

Von Marius Reiser

Während die Protagonisten der Reform von Anlauf- oder Umsetzungsschwierigkeiten der Reform sprechen, sehen die Kritiker die Reform als ein im Grundsatz verfehltes Unternehmen an. Einer der profiliertesten Kritiker der letzten Zeit begründet seinen Standpunkt und schlägt neue Wege vor.

Im Jahr 1963 veröffentlichte der Soziologe Helmut Schelsky einen Klassiker der Universitätsgeschichte mit dem Titel: "Einsamkeit und Freiheit". Darin plädierte er für eine Erneuerung des Humboldt'schen Universitätsmodells wenigstens in einem Typ eines differenzierten Hochschulsystems, der "theoretischen Universität". Diese sollte ohne alle Berufsexamina auskommen. Den "Nachtrag 1970" zur zweiten Auflage betitelte er: "Weder Einsamkeit noch Freiheit". Dieser Nachtrag ist eine Bankrotterklärung. Schelsky sieht die Universität jetzt wieder vor derselben Aufgabe stehen, vor der sie zu Humboldts Zeit stand, nämlich die Bildungsuniversität zu retten gegen das Modell der Lehranstalt zur Berufsausbildung. Für ein nochmaliges Gelingen dieser Aufgabe sieht er allerdings keine Chance mehr.

Irrweg Bologna-Reform: Standardisierung auf einem niedrigen Niveau© Dietmar Klement - iStockphoto.com
Die Gründe für diese Skepsis legt Schelsky, der erfahrene Reformer und Gründer (oder Mitbegründer) der Universität Bielefeld, in einem 1969 erschienenen Büchlein dar: "Abschied von der Hochschulpolitik oder Die Universität im Fadenkreuz des Versagens". Darin weist er detailliert nach, wie und warum alle beteiligten Gruppen versagt haben angesichts der unumgänglichen Reformen auch im Hinblick auf die Anforderungen der Berufsausbildung.

Er schließt mit fünf Prognosen:

1. Die Autonomie und Selbstverwaltung der Hochschulen geht zu Ende.

2. Ihre Politisierung ist gelungen.

3. Die Auswanderung der Forschung aus dem Hochschulsystem ist unvermeidbar.

4. Die akademische Berufsausbildung wird zur zentralen Aufgabe der Hochschulen.

5. Mit einer Periode steigender Funktionsunfähigkeit ist zu rechnen.

Diese Prognosen wurden 30 Jahre vor Beginn des Bologna-Prozesses abgegeben. Was Schelsky noch nicht vorausgesehen hat, war die Rolle der Industrie und Wirtschaft in der prognostizierten Entwicklung. Er rechnete zwar mit einer Verschulung, aber dass diese in Form einer Modularisierung kommen würde, hätte er wohl für unmöglich gehalten. Das Wort "Modul" kannte er noch nicht. Die Freiheit von Forschung und Lehre sah er noch nicht als bedroht an. Auch hätte er wohl kaum damit gerechet, dass man die bewährten und weltweit angesehenen deutschen Abschlüsse Diplom, Magister und Staaatsexamen kurzerhand abschaffen und durch die Neukreation von "Bachelor" und "Master" ersetzen würde.

Dass freilich der Staat das Heft in die Hand nehmen würde, nachdem die Universität sich nicht am eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen konnte, das sagte Schelsky voraus. Und es war ihm klar, dass der Staat wiederum denselben fatalen Fehler machen würde, den er schon mit der Universitätsgesetzgebung als Antwort auf die 68er-Wirren machte: Er regelt wiederum jene Angelegenheiten, für die er weder kompetent noch zuständig ist, nämlich die inneren Angelegenheiten der Universität, die in deren Verfassungsautonomie und Selbstverwaltung fallen, und läßt jene Probleme, die nur er lösen könnte, nämlich die Finanzierung und die effektive Verwaltung der Universitäten, da liegen, wo sie seit 50 Jahren liegen: im Argen. Und er bleibt auf dem eingeschlagenen Weg mit so sturer Unbeirrbarkeit und Blindheit gegen die bereits sichtbaren und absehbaren Folgen seiner Eingriffe, dass einen das kalte Grausen überkommt.

Als Beispiel dafür kann die Stellungnahme des Ministeriums zu meinem Entlassungsantrag dienen. Mit ausdrücklicher Erlaubnis des Unterzeichneten, Staatssekretär Michael Ebling, möchte ich folgenden Passus daraus zitieren: "Insbesondere ist darauf hinzuweisen, dass weder die Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge noch die Modularisierung der Studiengänge die Zielsetzung einer 'Verschulung' der Hochschulen verfolgt. Diesem Missverständnis wird auch von Seiten des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur nachdrücklich widersprochen. Insbesondere ist es wichtig, dass entsprechende Fehlentwicklungen in den Hochschulen korrigiert und ihnen durch den Einsatz engagierter Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer entgegen gewirkt wird.

Vor diesem Hintergrund wurden auch von Seiten des Wissenschaftsministeriums entsprechende Maßnahmen ergriffen. Mit Schreiben vom 18.05.2007 wurde den Hochschulen mitgeteilt, dass jedes Modul in der Regel mit einer studienbegleitenden Prüfung abzuschließen ist, auf deren Grundlage Leistungspunkte vergeben werden. Damit soll insbesondere sichergestellt werden, dass keinesfalls ein kleinteiliges Prüfungswesen aufgebaut wird. Dies widerspräche den Zielen und einschlägigen rechtlichen Grundlagen der Studienstrukturreform."

Mit dieser "Reform", faktisch eine von oben verordnete Revolution, wird ganz Deutschland zum Versuchskaninchen gemacht. Es geht hier ja gerade nicht wie im Fall Humboldt, als man eine Modelluniversität gründete und abwartete, wie sich diese bewähren würde. Stupend ist auch die Geldverschwendung, die für den gestiegenen Verwaltungsaufwand (Verzehnfachung des Prüfungsaufkommens!) und die - rechtlich offenbar nicht legitimierte - Akkreditierung betrieben wird. Und wozu der ganze Aufwand? Um die Universität überall zur gehobenen Berufsschule zu machen und möglichst viele Schüler mit einer mäßigen, aber angeblich ausreichenden Ausbildung zu versehen, die man mangels eines anderen Worts dafür immer noch "akademisch" nennt. Das eigentliche Ziel dieses Unternehmens scheint also genau das zu sein, was G. K. Chesterton 1927 in einem Vortrag mit dem Titel: "Culture and the Coming Peril" als die größte Gefahr für die Kultur und die intellektuelle Freiheit diagnostiziert hat: "Standardisation by a low standard".

Meine eigenen, zugegeben utopischen, Reformvorschläge möchte ich in zehn Punkten zusammenfassen:

1. Weg von der Massenuniversität! Der Zugang zur Hochschule sollte nicht erleichtert, sondern erschwert werden.

2. Gymnasium wie Universität sollten der Allgemeinbildung größeres Gewicht beimessen. Insbesondere wäre die Fähigkeit zur schriftlichen Darlegung von Sachverhalten und Gedankengängen in korrektem Deutsch einzuüben.

3. Freiheit von Forschung und Lehre! Erkenntnis um ihrer selbst willen und Wahrheitssuche müssten wieder zur Hauptaufgabe der Universitäten werden.

4. Industrie und Wirtschaft sollten nur beratende Funktion erhalten, keine Mitbestimmungsrechte. Keine Hochschulräte, in denen externe Mitglieder den Ausschlag geben!

5. Keine Zielvereinbarungen, kein noch so sanfter Zwang zur Drittmitteleinwerbung, keine Evaluierungen, die nur für ein gereiztes Klima sorgen, keine Akkreditierungen, die reine Geldverschwendung sind.

6. Begabtenförderung sollte eine zentrale Rolle spielen und entprechend finanziell gefördert werden.

7. Geistes- und naturwissenschaftliche Fächer nicht über einen Leisten schlagen, schon gar nicht über den Leisten der Modularisierung!

8. Die Strukturierung der Studiengänge ganz den Fakultäten und Fachbereichen überlassen!

9. Die politisch Verantwortlichen sollten sich um ihren kulturstaatlichen Auftrag kümmern, insbesondere die angemessene Finanzierung der Universitäten und die Entlastung des Lehrpersonals von Verwaltungsaufgaben, für die sie weder geeignet noch ausgebildet sind.

10. Nach Einführung der genannten Reformen die unerträgliche Reformbetriebsamkeit einstellen und die Lehrenden in Ruhe arbeiten lassen.


Über den Autor
Marius Reiser hat aus Protest gegen die Hochschulreform seine Professur für Neues Testament an der Katholisch- Theologischen Fakultät der Universität Mainz zum 1. April 2009 niedergelegt.

Aus Forschung und Lehre :: Juni 2009

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