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Kampf um den Doktor

Von Marc Hasse

Fachhochschulabsolventen werden arg benachteiligt, wenn sie promovieren wollen.

Kampf um den Doktor© Andrew Rich - iStockphoto.com
Lisa Sochers Leistungen können sich sehen lassen: Diplom-Chemieingenieurin mit 22, ein Jahr später sattelt sie den Master drauf, Note: 1,5. Beide Titel hat sie an der Dresdener Hochschule für Technik und Wirtschaft erworben, einer Fachhochschule, wobei sie die Experimente für ihre Abschlussarbeiten an der benachbarten TU Dresden durchführte. Dort bewarb sie sich anschließend für eine Promotion - und erhielt nur drei Wochen später die Zulassung. Allerdings, so schrieb ihr die TU, müsse sie parallel zu ihrer Doktorarbeit Seminare im Umfang von zehn Semesterwochenstunden belegen. Einerseits, sagt Socher nun, sei sie dankbar für die Chance. Andererseits sei da die zusätzliche Belastung: Wahrscheinlich werde sie zwei Semester brauchen, um die Auflagen abzuarbeiten - neben ihrem Job als wissenschaftliche Mitarbeiterin und der Promotion. »Ich versuche, das positiv zu sehen: Immerhin lerne ich in den Seminaren etwas.«

Warum aber sind solche Auflagen überhaupt nötig? Es sei wichtig, Talente zu fördern, sagt der Rektor der TU Dresden, Hermann Kokenge, trotzdem müssten FH-Absolventen »im Interesse der Qualitätssicherung der Promotion« bestimmte Leistungen nachholen, die Uni-Absolventen schon im Studium erbringen. So ähnlich wie Lisa Socher geht es offenbar vielen FH-Absolventen: Zwar haben sich die Universitäten weiter geöffnet, völlig reibungslos läuft die Bewerbung meist aber nicht ab. Diesen Schluss legt eine neue Studie der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) nahe, die in dieser Woche veröffentlicht wird.

An der Befragung haben sich 104 Universitäten beteiligt. Das Ergebnis: Immer mehr FH-Absolventen wollen promovieren - und schaffen das auch. Von den Bewerbern mit FH Diplom wurden von 2006 bis 2008 1224 zugelassen, 17 Prozent mehr als von 2003 bis 2005. Auch die Zahl der abgeschlossenen Promotionen hat sich erhöht: 570 FH-Absolventen erhielten zwischen 2006 und 2008 den Doktortitel - 41 Prozent mehr als in den drei Jahren zuvor. Vor allem Ingenieure promovieren, gefolgt von Natur- und Gesundheitswissenschaftlern. Ostdeutsche Unis haben im Schnitt mehr FH-Absolventen zugelassen als westdeutsche. Mit Abstand die meisten Bewerber mit FH-Diplom nimmt die TU Dresden auf, gefolgt von den Unis Hannover, Heidelberg und Halle-Wittenberg. Aber: Fast alle mussten ein »Eignungsfeststellungsverfahren« durchlaufen - Hausarbeiten schreiben, Seminare belegen, Prüfungen bestehen. Bis zur endgültigen Zulassung vergingen so zwei bis vier Semester. Das sollte FH-Absolventen mit Mastertitel eigentlich nicht mehr passieren, denn ihr Abschluss ist nach dem Beschluss der Kultusminister dem Mastertitel von Uni-Absolventen gleichgestellt und berechtigt »grundsätzlich zur Promotion«. Tatsächlich zeigt die neue HRK-Studie, dass zwischen 2006 und 2008 155 Masterabsolventen direkt zur Promotion zugelassen wurden.

Aber: Weitere 109 Bewerber durften nur unter Auflagen beginnen. »Eignungsfeststellung« dürfen solche Auflagen zwar nicht mehr heißen, trotzdem kann jede Fakultät weiter autonom entscheiden, ob und unter welchen Bedingungen sie Bewerber zulässt. Das gelte auch für Uni-Absolventen, sagt Jan Rathjen, der für die HRK-Studie zuständige Leiter des Bereichs Bildung, aber: »In der Praxis scheinen für FH-Masterabsolventen immer noch besondere Regeln zu gelten.« Darauf deutet auch folgender Vergleich hin: Insgesamt wurden in Deutschland zwischen 2006 und 2008 etwa 70 000 Promotionen abgeschlossen - davon entfällt weniger als ein Prozent auf FH-Absolventen. Angesichts dieser Verhältnisse wird seit Jahren diskutiert, Fachhochschulen das Promotionsrecht zu verleihen - was prominente Vertreter der Universitäten regelmäßig ablehnen. »Dazu besteht keine Notwendigkeit. Die Zahlen beweisen, dass das System durchlässig ist«, sagt etwa Horst Hippler, Präsident des Verbands neun führender technischer Universitäten, der TU9. Doch der Druck auf die Universitäten nehme zu, sagt Andreas Geiger, Sprecher der Fachhochschulen in der HRK. Weniger wegen der neuen Studienabschlüsse, sondern »weil die Forschungsleistung der Fachhochschulen wächst«. Die Universitäten wiederum würden sich zunehmend der anwendungsorientierten Lehre öffnen. Geiger sieht in dieser Entwicklung eine große Chance: »An den Schnittstellen müssen wir stärker zusammenarbeiten. « Einige Hochschulen tun das schon: Kooperationen gibt es zum Beispiel zwischen der FH und der RWTH Aachen, der Hochschule Mannheim und der Universität Heidelberg, der HTW und der TU Dresden. Kooperationen hält auch TU9-Präsident Hippler für richtig, allerdings befürwortet er Graduiertenkollegs unter dem Dach der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Nach deren Auskunft gibt es in ganz Deutschland bisher fünf solcher Kollegs, an denen eine Fachhochschule beteiligt ist.

»Die Chancen, in so ein Programm zu kommen, sind sehr gering«, kommentiert Andreas Geiger. Um die Bedingungen für FH-Absolventen zu verbessern, hat sich die HRK nun an das Bundesbildungsministerium gewandt und die Einrichtung von bundesweit 15 bis 20 Graduiertenkollegs gefordert, für die sich Universitäten und Fachhochschulen mit gemeinsamen Forschungsprojekten bewerben können. Die Betreuung der Doktoranden sollen Uni- und FH-Professoren gleichberechtigt übernehmen. Der Vorschlag werde geprüft, teilt das Ministerium auf Anfrage mit. Vor der Bundestagswahl dürfte aber wohl keine Entscheidung mehr fallen. Auch andere Projekte befinden sich in der Warteschleife. Franz Herbert Rieger, Sprecher des Fachhochschulverbands UAS7, sagt, nötigenfalls müssten die Universitäten verpflichtet werden, mit Fachhochschulen zu kooperieren. Außerdem sollten FHs zwar nicht in Gänze, aber doch für forschungsstarke Fachbereiche das Promotionsrecht erhalten können. Für diese Idee macht sich auch Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) stark. Sie will aber erst die Empfehlung des Wissenschaftsrats abwarten. Dort beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe mit dem Thema, die sich erst 2010 äußern wird. So lange wollen einige Fachhochschulen nicht warten: Sie schicken ihre Absolventen zur Pro mo tion ins Ausland, vor allem nach Großbritannien. Die Berliner Hochschule für Wirtschaft etwa kooperiert mit der South Bank University in London, die FH Kiel vermittelt Doktoranden an die University of Strathclyde in Glasgow, die Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften arbeitet mit der University of the West of Scotland in Glasgow zusammen. So wird aus einer Notlösung manchmal eine lebendige internationale Partnerschaft.

Aus DIE ZEIT :: 27.08.2009

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