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Keine Annexion - die Kooperation zwischen Hochschulmedizin und Helmholtz-Gemeinschaft

Die vom Bund forcierte Zusammenarbeit zwischen Hochschulmedizin und Helmholtz-Gemeinschaft bei der "Gesundheitsforschungsinitiative" führt bei den - potentiell - Beteiligten zu unterschiedlichen Positionen. Während die einen befürchten, sie könnte mittel- bzw. langfristig zulasten der Universitätsklinika gehen, sehen andere dieser Kooperation positiv entgegen. Fragen an Jürgen Schölmerich.

Keine Annexion - die Kooperation zwischen Hochschulmedizin und Helmholtz-Gemeinschaft© DFGProf. Dr. med. Jürgen Schölmerich ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin I des Universitätsklinikums Regensburg und Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.
Forschung & Lehre: Der Bund baut die staatliche Programmforschung massiv aus - ein Beispiel dafür ist die "Gesundheitsforschungsinitiative" der Helmholtz-Gemeinschaft. Wie hat man sich die Aufgabenverteilung zwischen Hochschulmedizin und Helmholtz-Gemeinschaft vorzustellen?

Jürgen Schölmerich: Das Ministerium für Bildung und Forschung baut in der Tat die Programmforschung weiter aus. Die von Ihnen genannte "Gesundheitsforschungsinitiative" der Helmholtz-Gemeinschaft zielt auf die großen Volkskrankheiten und verfolgt dabei das Konzept, dass ein Konsortium verschiedener Forschungseinrichtungen hier Synergien schaffen kann, die insbesondere die translationale Forschung erleichtern. Damit ist gemeint, Erkenntnisse der biomedizinischen Grundlagenforschung möglichst rasch in klinische Diagnoseverfahren und Therapien umzusetzen. Dabei ist die Aufgabenverteilung abhängig von der jeweiligen Kompetenz der Partner, wobei insbesondere die patientenorientierte Forschung und dabei insbesondere wiederum die Klinischen Studien natürlich eher von den universitären Kooperationspartnern durchgeführt werden können.

F&L: Schaffen das die Universitätskliniken nicht auch ohne die Helmholtz-Gemeinschaft?

Jürgen Schölmerich: Ziel der Konsortien ist es, Ergebnisse der Grundlagenforschung schneller in patientenorientierte Forschung umzusetzen und damit beim Patienten anzuwenden. Um dies schnell und international konkurrenzfähig zu tun, sind Konsortien von Nutzen. Selbstverständlich können auch Konsortien existieren, die ausschließlich aus beteiligten Universitätskliniken bestehen - es wird dann nur aus gesetzlichen Gründen schlecht möglich sein, dass solche Konsortien vom Bund gefördert werden (Föderalismusreform).

F&L: Sind Helmholtz-Gemeinschaft und Hochschulmedizin gleichberechtigte Partner oder eher Konkurrenten?

Jürgen Schölmerich: Helmholtz-Institute und Einrichtungen der Hochschulmedizin (nicht ganze Klinika, sondern einzelne Kliniken) sind in der Tat gleichberechtigte Partner im Rahmen eines solchen Konsortiums. Die Leitung des Konsortiums obliegt einem Ausschuss, der aus je einem Sprecher jedes beteiligten Partners gebildet wird. Nach Thema des Konsortiums sind die Binnenstrukturen eines solchen Konsortiums verschieden anzulegen. Musterverträge werden dafür Sorge tragen, dass hier eine gleichberechtigte Partnerschaft und keine Annexion stattfindet.

F&L: Profitieren die Universitätsklinika von dieser Kooperation?

Jürgen Schölmerich: Die Universitätskliniken, die sich nach eigener Bewerbung und einer von einem internationalen Gutachtergremium durchgeführten Begutachtung und Auswahl an den Konsortien beteiligen, werden von der Kooperation profitieren, nicht zuletzt auch durch dabei zur Verfügung gestellte Mittel, mit deren Hilfe sich Freiräume für Forschung schaffen lassen.


F&L: Wo liegen die Gefahren für die medizinischen Fakultäten?

Jürgen Schölmerich: Gefahren liegen darin, dass die Zuführungsbeträge der Länder entsprechend vermindert werden könnten, auch eine Herauslösung von Kliniken aus dem Verbund der Medizinischen Fakultät wäre schädlich, da es sich ja in der Regel um die "Zugpferde" handeln wird.

F&L: Gibt es Grundsätze und Standards, die die Zusammenarbeit in Verbünden regeln?

Jürgen Schölmerich: Wie oben erwähnt, wird es Musterverträge und Governance Vorgaben geben, die die Zusammenarbeit in den Konsortien regeln. Diese werden vom jeweiligen Lenkungsausschuss und einem extern besetzten Wissenschaftlichen Beirat überwacht.

F&L: Bleibt die Kernaufgabe, die Aus- und Weiterbildung von Ärzten, in der Hand der Universitäten?

Jürgen Schölmerich: Es bleibt Kernaufgabe der Medizinischen Fakultäten, Studenten auszubilden, ebenso wie Ärzte weiterzubilden, da dies ja ganz offensichtlich nur an Einrichtungen möglich ist, die über Patienten und ausreichend Lehrpersonen verfügen.

F&L: Kritisiert wird, dass sich die Zentren der Helmholtz-Gemeinschaft nicht wie die Universitäten dem Wettbewerb um öffentliche Fördermittel stellen müssten und der Bund massiven Einfluss auf die Forschungslandschaft nehme. Ist die Kritik zutreffend?

Jürgen Schölmerich: Ich halte die Kritik nicht für zutreffend, solange die Konsortien tatsächlich in einem Wettbewerb gebildet werden. Im Gegensatz zu dem bei der DFG vorherrschenden Bottom-up-Prinzip der Forschungsförderung handelt es sich hier natürlich um ein Top-down-Prinzip, bei dem das Thema vorgegeben wird. Damit nimmt selbstverständlich das BMBF Einfluss auf die Forschungslandschaft. Ich sehe aber nicht, was daran prinzipiell schädlich sein soll.

F&L: Föderalismusreform, knappe Mittel und staatliche Programmförderung: Wie zukunftsfähig sind die Hochschulklinika unter den geschilderten Voraussetzungen?

Jürgen Schölmerich: Die Zukunftsfähigkeit der Hochschulmedizin hängt im Wesentlichen davon ab, ob es gelingt, die Finanzierung der Krankenversorgung an den Kliniken so auszugestalten, dass den Mitarbeitern hinreichend Raum für Forschung (und Lehre!) bleibt. Nur dann wird es gelingen, den nötigen Nachwuchs zu generieren, ohne den Forschung, egal unter welchen strukturellen Rahmenbedingungen, ansonsten aussichtslos bleibt. Die Hochschulkliniken müssen ausreichend finanziert sein, um dann über Einwerbung zusätzlicher Drittmittel tatsächlich Forschungsprojekte auch unabhängig von Konsortien und Kooperationen mit nichtuniversitären Einrichtungen durchführen zu können. Die Finanzierung muss ausreichen, um mit Hilfe von Rotationsstellen forschende Ärzte auszubilden und längerfristig für die Wissenschaft zu erhalten. Nur dann kann Klinische Forschung gelingen.


Professor Dr. med. Jürgen Schölmerich ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin I des Universitätsklinikums Regensburg und Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.


Aus Forschung und Lehre :: Januar 2010

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