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Keine Lemminge!

Von Jan-Martin Wiarda

Die Unis trauen sich nicht, Bologna mit eigenen Ideen zu verbessern.

Keine Lemminge!© Ryan Lane - iStockphoto.comNur wenige Hochschulen trauen sich echte Innovationen zu
Die Vollzugsmeldungen häufen sich. Hochschulen überall im Land verkünden, dass sie Konsequenzen aus den Studentenprotesten gegen Bologna gezogen hätten. Interessant ist, dass sich all die Pressemeldungen bis in den Wortlaut hinein gleichen: Nachdem jahrelang der Sechs-Semester-Schnellbachelor an den Universitäten als das Nonplusultra galt, wird nun überall eine Verlängerung auf sieben, möglicherweise acht Semester vorbereitet. Und was die viel kritisierte Anwesenheitspflicht der Studenten angeht, haben die nordrhein-westfälischen Universitäten in einem Gemeinschaftsakt die Kontrolle in Vorlesungen abgeschafft. Die Einsicht in die Notwendigkeit der Nachbesserung kam verspätet, aber umso heftiger.

Man kann die plötzliche Eilfertigkeit der Hochschulen aber auch anders betrachten: als Ausdruck der Haltung, die all die Bologna-Probleme erst verursacht hat. In der Reformphase I, bis zum großen Krach der Bildungsstreiks, sind fast alle Hochschulen im Pulk in die eine Richtung gelaufen. Mit den - teilweise zu Recht - beklagten Folgen. In der Reformphase II, die wir im Moment erleben, laufen sie, wiederum im Pulk, in die andere Richtung. Schön wäre es, wenn dieses Mal die Erkenntnis tieferer Wahrheiten die Ursache für den einhelligen Gesinnungswandel wäre. In den meisten Fällen aber ist die Triebfeder die alte: die Verlockungen des sicheren Mittelmaßes. Macht man es so wie die anderen, lässt die Politik einen in Ruhe und die Öffentlichkeit empört sich bestenfalls über »die Hochschulen«, aber nicht speziell über die eigene. Es gilt das Motto: Alle wie die anderen! Um Missverständnisse zu vermeiden: Weniger Zeitdruck, wie jetzt im Bachelorstudium geplant, ist sinnvoll, die Abschaffung von Anwesenheitslisten wäre es ebenso.

Warum aber trauen sich nur so wenige Hochschulen echte Innovationen zu? Ein gemeinsames, zumindest teilweise fachübergreifendes Einführungsjahr etwa? Oder ganze Semester, die Forschungsprojekten gewidmet sind - ohne den Druck einer daraus resultierenden Abschlussarbeit? Weil solche Ideen wirkliche Einsicht voraussetzen. Und den Mut, als Hochschulleitung auch alleinstehen und begründen zu können, warum man sich für diesen Reformschritt entschieden hat und nicht doch für einen anderen. Sicher, man kann mit solchen Initiativen auch mal falschliegen. Solange aber die meisten Rektoren nicht nach ihrer Überzeugung handeln, sondern nach dem, was vermeintlich gerade erwünscht ist, bleibt Bologna II der ungeliebte Verwaltungsakt, der Bologna I war. Der kreative Aufbruch, den viele Hochschulen immer noch so dringend brauchen, lässt weiter auf sich warten.

Aus DIE ZEIT :: 11.03.2010

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