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Kriterien einer exzellenten universitären Lehre


Von Gabriele Gien und Heiner Böttger

Die Lehre an den Hochschulen, hochschulpolitisch lange als Stiefkind zugunsten der Forschung behandelt, ist wieder im Gespräch. Zwar gibt es zahlreiche Vorschläge und Konzepte, doch fehlen bis heute konkrete Kriterien, welche Kompetenzbereiche professionalisiert werden müssen, um die Balance zwischen Lehre und Forschung herzustellen. Vorschläge aus Sicht der Hochschuldidaktik.

Kriterien einer exzellenten universitären Lehre© Chris Schmidt - iStockphoto.com
Der Stellenwert der Lehre für das Renommee von Hochschullehrern ist eindeutig zu gering. Für die Reputation im scientific circle nahezu jeder Wissenschaft, auch der Didaktiken, zählen nach wie vor in erster Linie die Forschungsleistungen. Die Berücksichtigung der Lehrleistung in Berufungsverfahren spricht Bände: Da objektive Einschätzungen über die eigene Lehrleistung fehlen, kann das mögliche Plus eines Bewerbers nicht gewürdigt werden. Außerdem gibt es zu wenig Drittmittel für die Lehre, die konkurrenzfähig macht.

Die Leistungen in der Lehre werden zudem so gut wie nicht erfasst, allenfalls über die subjektiven Evaluationen Studierender. Anhand der meist geringen Beteiligung kann man gut ablesen, wie wenig Impulskraft diesem Instrumentarium für einer Verbesserung der Lehre zugemessen wird. Doch gerade ohne eine begeisternde Lehre und die Möglichkeit, sie zu reflektieren, bleibt die Motivation Studierender an eigenen Forschungsleistungen niedrig.

Hochschulpolitisch ist der Missstand ebenfalls offensichtlich: Da die Bundesmittel für die Exzellenzinitiative nicht für die Lehre eingesetzt werden dürfen, bleibt sie stets hinter der Forschung, dem wissenschaftlichen und dem selbstverwaltungstechnischen Engagement zurück. Ein Paradigmenwechsel in der Hochschullehre ist schon länger zu beobachten, seit über die Qualitätsverbesserung der universitären Lehre diskutiert wird. Auch der Wissenschaftsrat fordert öffentlich eine Professionalisierung der Lehre, wie das in der Forschung bereits geschehen ist (vgl. Forschung & Lehre 8/ 08, S. 524).

Um die Einheit von Forschung und Lehre zu wahren, müssen auch in der Lehre adäquate und stimmige Konzepte für eine exzellente Lehre entwickelt werden. Was aber exzellente Lehre besonders seit den Veränderungen durch den Bologna-Prozess ausmacht, ist trotz mittlerweile 30-jähriger hochschuldidaktischer Fort- und Weiterbil- dungen weitgehend ungeklärt. Es fehlen immer noch konkrete Kriterien, also Parameter dafür, welche Kompetenzbereiche die akademischen Einheiten einer Universität im Allgemeinen sowie die Hochschullehrer im Speziellen professionalisieren müssen, um die Balance zwischen Lehre und Forschung herzustellen.

Hier sollen zwei Bereiche besonders in den Blick genommen werden und dazu ein Katalog der Entwicklungsmöglichkeiten aufgestellt werden: die Entwicklung und der Ausbau hochwertiger Lernumgebungen sowie die Professionalisierung der Lehrenden.

Hochwertige Lernumgebungen

Hochwertige Lernumgebungen umfassen den gesamten räumlichen und sozio- kulturellen Kontext, in dem Studierende, Lehrende und andere Mitarbeiter interagieren. Im Rahmen der Kriterienfindung für exzellente Lehre ist die Gestaltung des universitären Lehr- und Lernraums eine entscheidende Einflussgröße.

Lehr-/Lernförderndes Universitätsklima

In der Wirtschaft gibt es überzeugende Forschungsergebnisse, die im Betriebsklima einer Institution den entscheidenden Faktor für die Qualität der Arbeit und damit des Produktes sehen.

In der universitären Ausbildung hat die Betrachtung des "universitären Betriebsklimas" allerdings bislang eine untergeordnete Rolle gespielt, diese muss bei Überlegungen zur exzellenten Lehre neu diskutiert und in möglichen folgenden Kriterien formuliert werden.

Der offene und respektvolle Umgang von Studierenden, Lehrenden und anderen Mitarbeitern der Universität bildet zunächst die Grundlage für ein positives Universitätsklima. Voraussetzungen hierfür sind Transparenz und Kommunikation auf und zwischen allen Ebenen. Dies bedeutet insbesondere, dass es jederzeit ausreichend Möglichkeiten, Zeiten und Signale für gemeinsame Gespräche und Kontaktaufnahmen geben muss. Dazu prägen Kooperationsbereitschaft und Teamgeist idealerweise das gesamte universitäre Miteinander. Neben fach- und fakultätsübergreifenden Projekten machen dazu außeruniversitäre Kooperationen und internationale Kontakte als sichtbares Zeichen die Wertschätzung des Kooperationsgedankens deutlich, ebenso wie organisierte Kooperationen zwischen den Studierenden.

Die ästhetische Gestaltung der hochwertigen Lernumgebung ist ein weiterer wichtiger Aspekt, dem Lehrende, Studierende und andere Mitarbeiter Rechnung tragen müssen.

Adäquate Ausstattung

Teil der hochwertigen Lernumgebungen ist eine adäquate Ausstattung, die Voraussetzung für eine exzellente Lehre schafft und vor allem das kompetenzorientierte Selbstlernen zum Ziel hat.

Eine Bibliothek mit studentenfreundlichen Öffnungszeiten und einem aktuellen Bestand, innovative Technologien und mobile mediale Ausstattung, Gruppenräume für Kooperationssitzungen sowie gut ausgestattete Seminarräume und Vorlesungssäle mit flexiblen Präsentationsoptionen erleichtern exzellente Lehre.
Weitere, zusätzliche Ausstattungsdetails unterliegen den räumlichen und finanziellen Gegebenheiten der jeweiligen Institution.

Vielfältige Angebote für ein effizientes Studium

Eng verbunden mit der Forderung nach einer adäquaten Ausstattung sind vielfältige Angebote für ein effizientes Studium, die über die Angebote einzelner Fakultäten hinausreichen und institutionell verankert sind.

So bedarf es differenzierter Beratungsangebote, die ihren Platz innerhalb der Universität haben, aber auch universitätsübergreifend oder virtuell angeboten werden können, um den vielfältigen Begabungen, aber auch den Schwierigkeiten der Studierenden gerecht zu werden.

Weiter stehen neben den einzelnen fachlichen Inhalten überfachliche Kompetenzen, die Studierende dann in ihre Studienfächern einbringen. Dieser Aspekt der Lehre wurde und wird bislang an vielen Universitäten und Hochschulen vernachlässigt.

Gerade für die exzellenten Studierenden gibt es noch zu wenig fördernde Angebote, die bereits in einem frühen Stadium des Studiums greifen.

Studierende sollten möglichst früh in die Grundlagen der Forschung mit einbezogen werden.

Studierende, die es aus unterschiedlichsten Gründen nicht leicht haben, ein effizientes Studium im Sinne des Bologna-Prozesses zu gestalten, unter denen die Zahl der Studienabbrecher also besonders hoch ist, müssen erfasst und unterstützt werden.

Durch die zunehmende Modularisierung der Studiengänge bedingt, ist über die einzelne Fakultät hinaus über differenzierte, individualisierte und auch semesterbegleitende Formen der Leistungsevaluation nachzudenken und sind die jeweiligen Kriterien zu entwickeln. Selbst- und Fremdevaluation sowie eine moderne Feedback-Kultur balancieren sich im Evaluationsprozess aus.

Professionalisierung der Lehrenden

Nur wenn gemeinsamen Ziele, Werten und/oder Überzeugungen miteinander verbunden werden, kann hervorragende Lehre entstehen. Die Initiative dazu liegt im Wesentlichen in der Hand der Lehrenden. Hervorragende Lehre beginnt zwangsläufig mit einer Selbstreflexion des Lehrenden über Lehr- und Lernprozesse allgemein und seiner Rolle darin. Lehre muss von ihm so richtig verstanden werden, dass sie mehr als die Verbesserung des Verständnisses leistet, nämlich Begründung, Übertragung und vor allem und besonders Reflexion.

Erwartungshaltung erwachsener Lerner

Das Resultat von Untersuchungen erwachsener Lerner im betrieblichen Kontext, in dem die Teilnehmerorientierung ein wesentliches Erfolgsmerkmal für die Lehre darstellt, sowie der Auswertung von Evaluierungen auf universitärer Ebene können als gemeinsame Schnittmenge der Vorstellungen über exzellente Lehrende auch als eine Zusammenstellung von Indikatoren dienen.

Lehrende soll demnach Innovationsbereitschaft, Organisationstalent, Führungsqualitäten, Unterstützung des Lernprozesses, das Bekenntnis zum Zusammenhang von Fachwissen und Lehren/ Lernen, aktive berufsfeldorientierter Lehr-/Lernforschung und die Wertschätzung der Individualität der Studierenden auszeichnen.

Wünschenswert ist: Neugier zu erzeugen, zu unabhängigem, explorativem Lernen anzuregen und kritische Denkweisen sich entwickeln zu lassen. Auch sollten best practice-Erfahrungen und Beispiele geteilt und vertreten werden.

Lebenslange professionelle Weiterentwicklung

Eine solche professionelle Entwicklung kann jedoch nicht von alleine gelingen. Berufliche Kenntnisse, Fähigkeiten und Haltungen für eine effektive Lehre müssen erst durch langjährige Praxiserfahrung und permanente reflektiver Fortbildung erworben werden. Lehren ist somit auch ein Prozess der Identitätsbildung.

Während Persönlichkeitsmerkmale die Wahrnehmung bzw. auch Nichtwahrnehmung wirksamer Lehrverfahren beeinflussen und dazu führen können, dass sich individuelle Präferenzen für Lehr- und Lernmethoden entwickeln, werden die wesentlichen Qualitäten und Aspekte eines Lehrenden im Zusammenhang mit effizientem Lehren zunächst erworben, ausprobiert, in eine Lehrroutine übergeführt und dann während der Lehrkarriere immer weiter verfeinert, individualisiert und zusätzlich immer wieder erneuert.

Dieser hoch professionelle Prozess des Erwerbs vollzieht sich durch Reflexion von Lehr- und Lernmethoden ohne jeglichen Zeitdruck, intensiven Informations- bzw. Erfahrungsaustausch, erworbene Erfahrungswerte, (fremd-) sprachliche Weiterentwicklung, Berücksichtigung von Feedback, permanente Evaluation von Veränderungen aller Lehraspekte, Teilnahme an Lehr-Fortbildungen und Lehr-Konsultationen sowie Publikationen über eigene Lehrerkenntnisse.

Resultierende Zielkompetenzen

Neben einem Mindestmaß an Beherrschung der Lehrtechniken und -werkzeuge für die Lehre beinhaltet die berufliche Entwicklung als Hochschullehrkraft permanent reflektierte wissenschaftliche Untersuchungen zur pädagogischen und fachdidaktischen Praxis und deren Auswirkungen auf den Lernprozess und die Entwicklung der Studierenden.

Dabei müssen sprachliche, pädagogische, fachdidaktische, methodische, diagnostische, therapeutische und interkulturelle Kompetenzen erworben werden.

Die exzellente Lehre initiiert effiziente Lernprozesse durch die Berücksichtigung bedeutsamer didaktischer Merkmale des ganzheitlichen, aktiven und prozessorientierten Lernens, des reflektierten Erfahrungswissens, des forschenden und entdeckenden Lernens, des Modelllernens sowie der Teilnahme an professionellem Austausch (vgl. Standards für die Lehrerbildung des BIG-Kreises in der Stiftung Lernen 2007). Lehren hängt eng zusammen mit dem Prozess des Lernens. So gelten viele genannte Lehrentwicklungen im Umkehrschluss auch für die Lernenden: Es gilt, aktiv eine reflektive, kritische, offene und konstruktive Lernund Arbeitshaltung zu entwickeln. Exzellente Lehre scheitert unvermeidlich dort, wo sich Lernende aus einer rezeptiven, passiven Rolle auch durch größte didaktische und pädagogische Anstrengungen nicht lösen mögen.

Methodik der hervorragenden Lehre - ein Ausblick

Die methodischen Ressourcen für exzellente Lehre sind vielfältig, aber noch nirgendwo systematisch gebündelt.

Der Kreis der Lehrexzellenz-Entwicklung schließt sich dort, wo wertvolle autodidaktische Erfahrungen hochschuldidaktisch reflektiert werden und mit empirisch abgesicherten Lernarrangements für erwachsene Lerner zu best practice-Konzepten vereint werden.

Aus Forschung und Lehre :: November 2008

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