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Kümmer-Offensive an der Uni

Von Martin Spiewak

Auch Studentennähe kann ein Standortfaktor sein. Ein Besuch in Duisburg und Essen.

Kümmer-Offensive an der Uni© Universität BayreuthProf. Dr. Franz Bosbach ist Prorektor der Universität Duisburg-Essen (UDE)
Manchmal müssen gute Ideen lange und weit reisen, bis sie an einem anderen Ort Wirklichkeit werden. Franz Bosbach weiß das gut. Schließlich ist er Historiker. Als er 1989 ein Jahr in Cambridge verbrachte, war er beeindruckt. Die jahrhundertealte Tradition, der intellektuelle Reichtum, die Schönheit der Bauten begeisterten den deutschen Forscher. Besonders aber freute er sich über die Betreuung: Im Tutorium kümmerte sich dort ein Professor um einen Studenten. Was für ein Luxus!, war sein erster Gedanke. Sein zweiter: Wie könnte man so ein System in Deutschland einführen?

Zwanzig Jahre später versucht Bosbach auf die Frage eine Antwort zu geben - als Prorektor der Universität Duisburg-Essen (UDE). Als erste deutsche Hochschule hat die Ruhrgebietsuniversität sich verpflichtet, jedem Studenten einen Mentor an die Seite zu stellen. »Wir wollen die Anonymität der Massenuniversität brechen«, sagt Bosbach. Langfristig erhofft sich der Uni-Manager, Studienabbrüche durch die persönliche Bindung an einen Dozenten zu verhindern und die Studienzeit bis zum Examen zu verkürzen. Seit diesem Semester ist das Mentoringprogramm Uni-weit für alle Erstsemester Pflicht. Nach und nach sollen die übrigen der insgesamt 31 000 Studenten folgen. Die Universität Duisburg-Essen, gemeinhin als zweitklassig betrachtet, punktet auf einem Feld, das die meisten Hochschulen sträflich vernachlässigen: der Sorge um ihre Studenten. Bis heute gilt die Forschung hierzulande als wichtigstes Qualitätskriterium im Wettbewerb zwischen den Hochschulen. Bei der Exzellenzinitiative gut abzuschneiden ist das Maß aller Dinge und möglichst viele Fördergelder einzuwerben das höchste Ziel jeder deutschen Universität - Hauptsache, Spitze. Doch nach und nach entdecken immer mehr Hochschulen eine bessere Studentenbetreuung als Standortvorteil. In den beiden Städten an der Ruhr geht man diesen Weg besonders konsequent.

Mindestens zweimal im Semester soll der Mentor seine Schützlinge (»Mentees«) treffen, egal ob im Seminarraum, in der Mensa, im Café oder in der Kneipe. Um Fachfragen zu besprechen, Tipps für Stipendien oder Auslandsaufenthalte zu geben oder einfach nur um Mut zu machen. »Für viele Studenten ist es schon beruhigend, wenn sie von mir hören, dass auch ich in meinem Studium Schwierigkeiten mit den Matheklausuren hatte«, sagt Andreas Wucher, Physikprofessor an der UDE. An diesem Morgen plaudert er eine Dreiviertelstunde bei Kaffee und Croissants mit dem Studenten Christian Fey über fehlgeschlagene Versuche und abgestürzte Computer. »Ich hätte vorher nicht gedacht, dass man so nah an die Professoren herankommt«, sagt Fey.

In kleinen Fachbereichen funktioniert das am besten. Drei Schützlinge bekam Wucher per Los zugewiesen. In den Wirtschaftswissenschaften dagegen muss jeder Hochschullehrer einige Dutzend Mentees durchs Studium führen. Das geht zwar nicht ohne Unterstützung von wissenschaftlichen Mitarbeitern und ausgeklügelte Organisation. Doch auch hier wird jeder Student persönlich eingeladen. Taucht jemand nicht auf, wird telefonisch nachgehakt. Doch immer noch sitzen die Studenten ihrem Professor in Schulklassenstärke gegenüber. Das sei schon ein großer Fortschritt, sagt Helena Maria Lischka, die das Mentorenprogramm der Betriebswirte koordiniert. Und das Erstsemester Manuela Rühling findet: »Jetzt habe ich zumindest einen, an den ich mich wenden kann« - in einem Fachbereich, wo Vorlesungen mit 500 Anwesenden die Regel sind und Studierende häufig bis zum Examen kein Wort mit einem Professor wechseln.


Wer an sein eigenes Studium zurückdenkt, wer mit gegenwärtig Studierenden - egal ob mit aktiven Protestlern oder still Leidenden - spricht, der weiß: Vielerorts, an vielen Fakultäten war und ist das traurige Normalität, Lehre als Massenabfertigung, Orientierung im Hochschuldschungel als heimliches Hauptfach. Dem setzt die UDE ihre Kümmer-Offensive entgegen. Sie reagiert damit auch auf die Probleme der Bologna-Reform, die in den letzten zwei Wochen im Fokus der Studentenproteste standen. Denn anders als früher kann sich heute kein Student mehr einige Semester Zeit lassen, um sich an der Universität zurechtzufinden. Wer in den eng getakteten Bachelorkursen nicht mitkommt, fällt schnell aus dem Raster. Was bei den neuen Studiengängen an der Ruhr alles schieflief, hörten die Professoren in den Mentorengesprächen: Hohes Lernpensum und Angst vor permanenten Prüfungen sind Dauerthemen. Die Universität hat mittlerweile reagiert. Just am Dienstag vor zwei Wochen, als Studierende auch in Essen und Duisburg das Audimax besetzten, verhandelten ein paar Räume weiter Leitung und Fakultäten über Nachbesserungen.

Das Kümmern erschöpft sich nicht im Mentoring. So hat keine andere Hochschule mehr Stipendien von der Wirtschaft eingeworben als die UDE. Und für ihr Projekt, bereits Schüler auf ein zielgerichtetes Studium vorzubereiten, erhält sie dieses Jahr den Preis für das beste Studierendenmarketing. Sucht man einen gemeinsamen Nenner für die vielen nachahmenswerten Initiativen, dann ist es das Prinzip Verantwortung. Das wird besonders deutlich bei »Uni-Assist«. Als eine von wenigen Hochschulen hilft die UDE ihren Studenten systematisch, das Fachstudium mit sozialem Engagement zu verbinden. Mehr als tausend angehende Mediziner, Lehrer oder Psychologen haben Schulen, Obdachloseninitiativen oder Kirchengemeinden ihr Können angeboten - nach amerikanischem Muster, wo das service learning ins Curriculum jedes Studenten gehört. Stephanie Voege hat bei der Essener Suchthilfe erfahren, dass »Kosteneffizienz nicht alles« ist. Gemeinsam mit Kommilitonen aus anderen Fächern hat die BWL-Studentin für die Organisation einen Fragebogen entwickelt, um zu erkunden, wie den Abhängigen besser geholfen werden kann. Das brachte Voege nicht nur Leistungspunkte auf dem Studienkonto, sondern auch eine neue Jobperspektive. Nach dem Studium kann sich die 26-Jährige vorstellen, selbst in einem Nonprofitunternehmen zu arbeiten.

»Das wäre ohne das Projekt nie für mich infrage gekommen.« Kümmern und Engagieren - damit schafft sich die Uni ein eigenes Profil. Im Wettbewerb der Bildungsinstitutionen hat sie das auch bitter nötig. In den Rankings landet sie meist auf den hinteren Plätzen. Zwar findet man auch in Essen und Duisburg einzelne forschungsstarke Disziplinen, etwa die empirischen Erziehungswissenschaften oder die medizinische Biologie. Es gibt Professorenpromis wie den Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer, den Politologen Karl-Rudolf Korte und den kürzlich emeritierten Pädagogen Klaus Klemm, sie gehören zu den bekanntesten Vertretern ihres Fachs. Den Sprung in die erste Liga der deutschen Forschungsuniversitäten aber wird die UDE niemals schaffen. Nicht einmal im Land Nordrhein-Westfalen mit der dichtesten Hochschullandschaft Europas kann sie Universitäten wie Bonn, Aachen oder Köln Konkurrenz machen. Dafür ist ihr wissenschaftliches Potenzial zu schwach, die Ausstattung der Lehrstühle zu schlecht, die Universität schlicht zu jung.

Erst 2003 ging sie aus einem schmerzvollen Zusammenschluss zweier Gesamthochschulen hervor. Mit in diese Ehe brachten beide Partner die besondere Mission, Kindern aus bildungsfernen Schichten einen Hochschulabschluss zu ermöglichen. Noch heute sind viele von denen, die morgens in Bottrop, Krefeld oder Wanne-Eickel zum Seminar aufbrechen, die Ersten in ihrer Familie, die studieren. Bloß war man bisher weder in Essen noch in Duisburg auf die sozialen Aufsteiger besonders stolz, eher wollte man von ihnen wenig wissen. Das soll sich ändern. »Wir haben eine besondere Klientel, um die wir uns besonders kümmern müssen«, sagt Prorektor Bosbach. Das gilt vor allem für die vielen Studenten mit Migrationshintergrund. Zusammen mit ausländischen Gaststudenten stellen die Lernenden aus Einwandererfamilien schon mehr als ein Drittel der Studierenden. Wer in Essen oder Duisburg über den Campus geht, sieht überdurchschnittlich viele junge Frauen mit Kopftuch, hört türkische, russische oder chinesische Worte.


Als erste deutsche Hochschule hat die UDE deshalb ein Prorektorat für »Diversity-Management« eingerichtet, für die Förderung von Vielfalt. Die Essener Politologin Ute Klammer bekleidet dieses neue Amt seit dem vergangenen Jahr. In ihren Seminaren hat sie es immer wieder selbst erlebt: »Um Textaufgaben zu erfassen, brauchen die Studenten aus Zuwandererfamilien einfach länger als jemand, der Deutsch als Muttersprache gelernt hat.« Mit Brückenkursen, Schreibwerkstätten oder speziellen Mentoringprogrammen versucht die Universität gegenzusteuern. Nicht als »Sozialarbeit für Minderheiten«, so Klammer, »sondern als Beitrag zur Exzellenz«.

Damit übernimmt die UDE nicht zum ersten Mal auf diesem Feld eine Pionierrolle. 35 Jahre ist es her, dass Essener Lehramtsstudenten zum ersten Mal Migrantenkindern kostenlose Nachhilfe gaben. Damals waren es nur ein paar Dutzend Kinder und Jugendliche, heute kommen über 800 aus vierzig Nationen in die Universität, um Deutsch und Mathe zu lernen, Referate vorzubereiten, für Klausuren zu pauken. Jeden Nachmittag nehmen sie ein ganzes Stockwerk der geisteswissenschaftlichen Fakultät in Beschlag. Vendona und Adelina, zwei Mädchen aus dem Kosovo, lernen zweimal die Woche mit ihrer Förderlehrerin Gülsah Mavruk. Auf dem Tisch liegen Fremdwörterbuch und Duden. Die Hausarbeiten sind erledigt, nun übt die Lehramtsstudentin mit den beiden Zehntklässlerinnen unbekannte Wörter.

»In sechs Monaten haben sie unheimliche Fortschritte gemacht«, lobt die 23-Jährige. Ihr selbst bringt die Nachhilfe - neben einem Verdienst von zehn Euro pro Stunde - wertvolle Praxis. »Ich lerne hier an einem Nachmittag mehr als in manchem Seminar«, sagt die deutschtürkische Studentin. Mittlerweile hat der Förderunterricht - finanziell wie pädagogisch unterstützt von der Stiftung Mercator - in drei Dutzend Städten Nachahmer gefunden. In diesem Jahr konnten Forscher der Universität Bamberg den Erfolg erstmals auch wissenschaftlich belegen. Viele Schüler verbessern ihre Noten, streben einen höheren Abschluss an. »Wir haben von Anfang an auf das Abitur und das Fachabitur gezielt«, sagt Programmkoordinatorin Claudia Benholz. Die Förderstunden in den Räumen der Hochschule haben noch einen weiteren Effekt: Die Schüler verlieren die Scheu vor der fremden Institution, der Unterricht ermutigt zum späteren Studium. Und Dutzende Schüler kehren später an die Kümmer-Uni zurück und werden selbst Lehrer - und geben dann vielleicht der nächsten Generation Förderunterricht.

Aus DIE ZEIT :: 26.11.2009

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