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Lüneburgs Silicon Valley

Von Felix Rohrbeck

Eine Universität will zum Motor einer ganzen Region werden - und bekommt dafür Millionen von der EU

Lüneburgs Silicon Valley© a. aperture - Fotolia.comWird die Region rund um Lüneburg zum zweiten Silicon Valley?
Im dritten Stock des Verwaltungsgebäudes der Leuphana Universität läuft man über grauen Linoleum-Fußboden. Links und rechts des tristen Flures gehen unzählige Türen ab, die sich nur durch kryptische Raumnummern voneinander unterscheiden. Dann aber wird das Linoleum plötzlich durch braunes Parkett abgelöst - und hinter riesigen Glastüren, die sich bei Bedarf einfach zur Seite schieben lassen, sieht man junge Menschen konzentriert an Flachbildschirmen arbeiten. Hier beginnt die Welt von Holm Keller. Der umtriebige Vizepräsident der Universität, der sich selbst als »Blackberry-Menschen« bezeichnet, war zunächst Operndramaturg, studierte dann in Harvard, ging zur Unternehmensberatung McKinsey und entwickelte schließlich das Asiengeschäft von Bertelsmann weiter. 2006 wechselte er an die Hochschule im südlich von Hamburg gelegenen Lüneburg, um sie gemeinsam mit seinem Freund Sascha Spoun, dem jüngsten Präsidenten einer staatlichen deutschen Universität, radikal umzukrempeln: Ein neuer Name, eine neue Ausrichtung, neue Professoren und neue Geldgeber - seit das Duo die Führung übernommen hat, ist die Hochschule in einem Zustand permanenter Veränderung.

Nun aber hat Keller nicht mehr nur die Universität im Visier, sondern gleich die ganze Region rund um Lüneburg. Den Anstoß dazu gab ihm das Silicon Valley - ein 80 Kilometer langes Tal bei San Francisco, in dem durch die Kooperation mit der Stanford- Universität über die Jahre Unternehmen wie Hewlett-Packard, Google, Yahoo und Apple entstanden. Keller dachte sich: »Das müsste man doch auf Lüneburg übertragen können.« Und setzte sich in den Kopf, aus der Region ein »deutsches Silicon Valley des 21. Jahrhunderts« zu machen. Der Plan lässt sich in drei Sätzen beschreiben: Tandems aus jeweils einem Lüneburger Professor und einem ausländischen Kollegen forschen, unterstützt von einem wissenschaftlichen Begleitstab, an einer konkreten Geschäftsidee. Diese wird hinterher von einem bestehenden oder noch zu gründenden lokalen Unternehmen umgesetzt. Lüneburg soll so in ausgewählten Zukunftstechnologien die Nase vorn haben - und die Universität zu einem Jobmotor für die ganze Region werden.

Keller bezeichnet sein Konzept, das neben den Forschertandems auch Weiterbildungsangebote für Graduierte und Berufstätige vorsieht, als »Innovationsinkubator«. Der Name ist zwar etwas sperrig, erfüllt aber einen ganz praktischen Zweck. Denn in der Lissabon-Strategie, mit der Europa zum wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsraum der Welt werden will, wird explizit die Förderung von »Inkubatoren, die Universitäten, Forschungseinrichtungen und Unternehmen auf regionaler und lokaler Ebene zusammenbringen«, erwähnt. Zwar floss im Rahmen dieser Strategie bisher noch nie auch nur ein Cent an eine Universität. Doch Land und Universität stellten trotzdem einen Antrag. »Die EU musste für uns ein eigenes Formular entwickeln«, erzählt er. Seit dieser Woche steht fest, dass der mehr als dreijährige Antragsprozess sich gelohnt hat: 64 Millionen Euro bekommt die Leuphana für den Innovationsinkubator aus dem europäischen Fonds für regionale Entwicklung. Zusätzliche 22 Millionen Euro wird das Land Niedersachsen beisteuern. Zusammen mit einem Eigenanteil der Leuphana und dem, was der Inkubator selbst erwirtschaften soll, liegt das Projektvolumen bei knapp 100 Millionen Euro.

»Es ist eine gigantische Leistung, ein solches Fördervolumen nach Lüneburg zu holen«, sagt Michael Zeinert, Hauptgeschäftsführer der örtlichen Industrie- und Handelskammer (IHK). Das Experiment kann also beginnen. Doch wird der Inkubator tatsächlich entscheidende Impulse setzen und neue Jobs schaffen? Frank- Jürgen Weise, der Chef der Bundesagentur für Arbeit, warnt zwar, dass man mit den Mitteln keine Wissenschaftler fördern dürfe, »die auch noch den letzten Winkel des Weltalls erkunden wollen«. Grundsätzlich aber hält er den Lüneburger Ansatz, Wissenschaft und Praxis miteinander zu verbinden, für vielversprechend: »Die regionale Wirtschaft sollte sich auf dieses Experiment stürzen.«
Bei den Lüneburger Unternehmen selbst stößt man auf eine Mischung aus Neugier und Skepsis. »Wir stehen mit großen, staunenden Augen vor diesem Projekt«, sagt der IHK-Mann Zeinert. Hans- Peter Subel, Vorstand bei der Lüneburger Werum Software & Systems AG, findet es zwar »eine tolle Sache, dass die Universität etwas für die Wirtschaft tun will«. Dann aber fragt er: »Wenn man zwei Professoren in einen Raum steckt, kommt dabei wirklich die vermarktbare, unternehmerische Idee heraus, auf die wir alle gewartet haben?« Diese Frage kennt Keller. Jede Idee, die ein Professor für den Inkubator einreicht, soll deshalb vorab von einer Kommission auf ihr Geschäftspotenzial geprüft werden. Anschließend will man dem Professorenteam eine Art unternehmerischen Entwicklungshelfer zur Seite stellen, der die Idee in die Praxis trägt. Doch letztlich, das sagt auch Keller, hänge der Erfolg des Inkubators von der Qualität der eingereichten Vorschläge ab.

Zumindest eine konkrete Idee gibt es bereits. Sie schlummert in der Schublade des wohl bekanntesten Professors der Leuphana Universität, des Stararchitekten Daniel Libeskind. Er hat unter anderem das Jüdische Museum in Berlin entworfen und die Ausschreibung um die Freedom Towers am Ground Zero in New York gewonnen. Nun will Libeskind den Inkubator nutzen, um seine neueste Idee zu verwirklichen: futuristische Türme, in denen Nutzpflanzen in einer Art Nährstoffnebel wachsen. »Das sollen nicht nur großartige Bauwerke werden«, sagt Libeskind. »Die Türme sollen dazu beitragen, dass Pflanzen in Gegenden gedeihen können, in denen sonst nichts wachsen würde.« In drei Jahren, glaubt er, könnte ein erster sich selbst mit Energie versorgender Prototyp stehen. Anschließend seien die Türme fast überall denkbar: in der Wüste Dubais, aber auch auf einem Wolkenkratzer in New York. »Ein riesiger Markt«, sagt Libeskind. Ob die »Tomato-Towers«, wie Keller sie liebevoll nennt, tatsächlich im Rahmen des Inkubators erforscht und gebaut werden, steht allerdings noch in den Sternen.

Aus DIE ZEIT :: 20.08.2009

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