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Mehr Ehre für die Lehre

Die Fragen stellten Jan-Martin Wiarda und Martin Spiewak

Mit zwei Milliarden Euro will Bundesministerin Annette Schavan die Ausbildung an den Universitäten fördern. Dafür sind eigentlich die Länder verantwortlich. Die Politikerin will sich nicht abwimmeln lassen.

Mehr Ehre für die Lehre© Deutscher Bundestag/Lichtblick - Achim MeldeBildungsministerin Dr. Annette Schavan will die Qualität der Lehre an deutschen Hochschulen verbessern
DIE ZEIT: Wieso ist die Lehre an deutschen Hochschulen so schlecht?

ANNETTE SCHAVAN: Dieses Urteil ist zu pauschal und deshalb nicht gerecht - sicher gilt aber: Gute Lehre wird kaum anerkannt.

ZEIT: Dazu hat die Politik doch beigetragen, indem sie in den vergangenen Jahren fast ausschließlich die Forschung gefördert hat.

SCHAVAN: Die Dynamik, die etwa durch die Exzellenzinitiative entstanden ist, hat auch den Studenten genutzt. Allerdings haben wir in der Tat feststellen müssen, dass sich die Wertschätzung guter Lehre nicht automatisch ergibt. Darum ist jetzt eine konzertierte Aktion nötig.

ZEIT: Wie soll diese aussehen?

SCHAVAN: Nach jahrzehntelangen Debatten über die Unterfinanzierung der Lehre ist es höchste Zeit, dafür zu sorgen, dass sie nicht länger als Stiefkind der Hochschulen gilt. Ich werde den Ländern deshalb ein neues Qualitätsprogramm für die Lehre vorschlagen. Der Bund ist bereit, dafür über einen Zeitraum von zehn Jahren jeweils 200 Millionen Euro pro Jahr zu investieren. Die erste Runde der Exzellenzinitiative war 1,9 Milliarden wert, jetzt stoßen wir die größte Qualitätsoffensive für die Lehre an, die es je gab, bei einer finanziell vergleichbaren Ausstattung von insgesamt zwei Milliarden Euro. Sie wird die Lehre zu dem aufwerten, was sie ist: der Schlüssel zu besseren akademischen Leistungen der Studierenden.

ZEIT: Noch ein Wettbewerb also?

SCHAVAN: Mehr als das. Zum einen wollen wir zunächst zehn Zentren für Hochschuldidaktik einrichten, die jeweils einen Verbund exzellenter Hochschulen bedienen. Zum anderen werden wir die Hochschulen auffordern, sich mit Konzepten für gute Lehre zu bewerben. Dabei geht es darum, überzeugende Antworten auf die Bologna-Studienstrukturen zu präsentieren. Träger beider Programmlinien wird die Hochschulrektorenkonferenz sein. Etwa 80 Hochschulen werden zum Zug kommen. Wir brauchen die Breitenwirkung. Trotzdem werden wir nicht einfach Geld verteilen.

ZEIT: Exzellenz und Breite zugleich? Dafür sind die Mittel dann doch zu knapp bemessen.

SCHAVAN: Wie stark der Betrag noch steigt, hängt von der Höhe der Länderzuschüsse ab, die zum Bundesanteil hinzukommen. Vergessen Sie zudem nicht die 15 000 Stellen, die dank Exzellenzinitiative und Forschungspakt entstanden sind. Es darf aber nicht nur ein Stellenprogramm auf das andere folgen. Vielmehr müssen wir das Lehrangebot weiterentwickeln, etwa indem wir neue Personalkategorien schaffen.

ZEIT: Wie sollen diese Kategorien aussehen?

SCHAVAN: Der Erfahrung anderer Länder zeigt: Lehre ist dann attraktiv, wenn Studierende unter den Dozenten direkte Bezugspersonen finden. In Deutschland haben bislang vor allem Fachhochschulen die Bologna-Reform genutzt, um Mentorensysteme aufzubauen. Davon sollten nun die Universitäten lernen. Ich sehe hier vor allem Nachwuchsforscher gefragt. Reizvoll finde ich zum Beispiel eine Juniorprofessur mit dem Schwerpunkt Lehre. Um sie herum können sich dann Mentoren oder Tutoren gruppieren. Ich glaube, dass da eine spannende neue Personalstruktur entstehen kann.

ZEIT: Wie verhindern Sie, dass die Nachwuchswissenschaftler sich als zweitklassig empfinden?


SCHAVAN: Wir dürfen die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen und Karriere-Sackgassen entstehen lassen. Die neuen Juniorprofessoren müssen die Chance zum Aufstieg haben. Dafür müssen sie auch forschen können, doch im geringeren Ausmaß, als sie lehren.

ZEIT: Wird es auch Lehrprofessuren geben?

SCHAVAN: Über die genauen Kriterien des Wettbewerbs soll ein unabhängiges Gremium von Praktikern entscheiden. Ich persönlich aber wäre für Professuren mit dem Schwerpunkt Lehre aufgeschlossen. Wir müssen den unterschiedlichen Phasen einer Wissenschaftlerbiografie besser Rechnung tragen. Es darf nicht mehr karriereschädigend sein, wenn sich ein Professor für ein paar Jahre verstärkt auf die Lehre konzentrieren will.

ZEIT: Sie wollen Tausende neuer Stellen schaffen. Es gibt aber die Kapazitätsverordnung, nach der mit jedem zusätzlichen Professor zusätzliche Studenten aufgenommen werden müssen. Wie wollen Sie dieses Prinzip aushebeln?

SCHAVAN: Diese Vorschrift muss fallen. Alle wissen das. Bis es so weit ist, müssen Juristen die Initiative so absichern, dass die neuen Stellen wirklich das Betreuungsverhältnis verbessern.

ZEIT: Was passiert, wenn die Länder die Hilfe nicht wollen?

SCHAVAN: Das kann ich mir kaum vorstellen. Meine neue Initiative soll eine weitere Säule des Hochschulpaktes werden, bei dem die Zusammenarbeit von Bund und Ländern ja bereits existiert. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten im Sommer das neue Programm beschließen.

ZEIT: Der Bund scheint viel Geld zu haben. Sie wollen sich ja gleichzeitig auch am Aufbau islamisch- theologischer Fachbereiche beteiligen.SCHAVAN: Der Bund wird in dieser Legislaturperiode zwölf Milliarden Euro zusätzlich in Bildung und Forschung investieren. Das Geld ist also da und die Errichtung neuer Islamlehrstühle wichtig. Es hat der christlichen Theologie gutgetan, sich im Kontext der Universität zu entwickeln. Ich bin davon überzeugt, dass auch die islamische Theologie von der gleichen Wissenschaftlichkeit profitieren wird. Der Bund will das möglich machen, etwa durch Förderung von Gastprofessuren.

ZEIT: Sollen die aus dem Ausland besetzt werden?

SCHAVAN: Woher denn sonst? Führende muslimische Religionsgelehrte gibt es in Deutschland nur sehr wenige. Die Einrichtung ganzer Fachbereiche kann deshalb nur gelingen, wenn wir uns bei der Suche nach Wissenschaftlern international ausrichten.

ZEIT: Sie stoßen mit Ihren Initiativen wiederholt in die Grauzonen der Bund-Länder-Zuständigkeiten vor. Kann das gut gehen?

SCHAVAN: Vier Jahre nach der Föderalismusreform sind wir in einer politischen Situation, die damals nicht absehbar war. Die Finanzlage der Kommunen und Länder ist durch die Wirtschaftskrise schwierig und wird nach Einführung der Schuldenbremse noch schwieriger. Ich bestreite nicht im Geringsten die Hauptverantwortung der Länder im Bereich Bildung und Hochschulen. Ich zweifle aber, dass das Kooperationsverbot zwingend ist. In föderalen Systemen gibt es Bereiche, die von nationaler Bedeutung sind. Wir müssen einen Weg finden, wie der Bund auf diesen Feldern tätig werden kann, ohne in besagte Grauzone zu kommen.

ZEIT: Also eine erneute Grundgesetzänderung?

SCHAVAN: Wenn eine Grundgesetzänderung nötig ist, sollten wir sie nicht scheuen. Alles andere schadet der Glaubwürdigkeit der Politik. Allerdings zeigen Exzellenzinitiative und Hochschulpakt, dass wir auch jetzt wichtige Initiativen gemeinsam schaffen können.

ZEIT: Was genau wollen Sie mit einer Änderung erreichen?

SCHAVAN: Eine bessere Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Nehmen wir kommunale Bildungsprojekte. Die darf der Bund zum Beispiel bislang nicht fördern. Dabei etablieren sich die Kommunen zunehmend als Bildungsstandort und vernetzen Schulen mit der Jugendhilfe und der Familienhilfe. Es muss möglich sein, dass der Bund diese Netzwerke finanziell unterstützt, etwa indem er Nachhilfe anbietet oder Sprachkurse für Jugendliche aus Migrantenfamilien.

ZEIT: Zwei Milliarden Euro mehr für die Lehre: Ist das der größte Erfolg des Bildungsstreiks?

SCHAVAN: Es ist die verspätete Antwort auf die Einführung von Bologna. Es war falsch, die Umstellung der Studiengänge nicht von Anfang an mit zusätzlichen Ausgaben für die Verbesserung der Lehre zu flankieren. Ich will nicht auf Fehlern der Vergangenheit herumreiten. Aber für die Zukunft sollten wir lernen: Wer eine so große Reform angeht, muss die Finanzierung sicherstellen und mit den Betroffenen eine konzeptionelle Grundlage erarbeiten. Beides ist damals ausgeblieben. Übrigens: Als ich 2006, ein halbes Jahr nach der Föderalismusreform, den Hochschulpakt vorgeschlagen habe, wurde meine Forderung nach der Einrichtung von Lehrprofessuren energisch abgelehnt. Die Bologna-Krise und der Bildungsstreik haben gezeigt: Immer nur zu sagen, was nicht geht, führt nicht weiter. Deshalb lasse ich mich kein zweites Mal abwimmeln.

Aus DIE ZEIT :: 25.02.2010