Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Mehr Ideen, mehr Geld

Von Jan-Martin Wiarda

Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner hat im Ringen um die Hochschulfinanzierung einen Erfolg gelandet: noch nie war Leistung so viel wert.

Mehr Ideen, mehr Geld: Hochschulfinanzierung© Vasiliki Varvaki - iStockphoto.com
Es war die Erfolgsmeldung, die Jürgen Zöllner so dringend brauchte. Gerade erst hatte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit seinem Bildungssenator die Budgetverhandlungen mit den Hochschulen entzogen und damit dessen Ruf als Star seines Kabinetts endgültig ramponiert, da verkündete Zöllner erleichtert den Durchbruch: Die lange störrischen Rektoren wollen seinem Vorschlag über die künftige Finanzierung der elf Berliner Hochschulen zustimmen. Unklar blieb, ob Nachbesserungen in letzter Sekunde den Ausschlug gaben oder doch die Angst, es künftig mit einem an Bildungsfragen mäßig interessierten Wowereit zu tun zu bekommen, an dessen Seite der als Sparkommissar gestartete neue Finanzsenator Ulrich Nußbaum lauerte.

Das Ergebnis der Verhandlungen: Die Hochschulen werden in den kommenden vier Jahren mindestens 333,7 Millionen Euro zusätzlich erhalten, das entspricht einer jährlichen Steigerung von durchschnittlich 3,5 Prozent und bleibt damit deutlich hinter den Forderungen der Hochschulrektoren zurück. Entsprechend nüchtern fiel der Kommentar des Berliner TU-Präsidenten Kurt Kutzler aus, der zugleich Vorsitzender der Landeskonferenz der Rektoren und Präsidenten (LKRP) ist: »Diese Einigung gibt uns Planungssicherheit. Der große Wurf aber ist sie nicht, mit ihr lässt sich gerade mal der Staus quo halten.« Für den einst als bester deutscher Bildungspolitiker gefeierten Zöllner bedeutet der Verhandlungserfolg, dass er nach zwischenzeitlichen Rücktrittsgerüchten zumindest vorläufig aufatmen kann. Seit seinem Wechsel aus Rheinland-Pfalz hatte er zwar Berlins Bildungslandschaft wie kaum einer seiner Vorgänger umgekrempelt, allerdings auch Prügel bezogen für sein Schulreformkonzept. Gleichzeitig waren einige von ihm angekündigte Projekte wie der Aufbau einer Super-Uni am Ende doch eine Nummer kleiner ausgefallen. Dass der erleichterte Senator jetzt gleich wieder in eine Mischung aus neuem Hochgefühl und alter Starmanier verfällt und die neue Berliner Hochschulfinanzierung zum »lange angestrebten Systemwechsel« mit bundesweiter Signalwirkung erklärt, wundert insofern - zumindest auf den ersten Blick.

Auf den zweiten könnte Zöllner sogar recht haben. Denn was die Hochschulrektoren fast nebenbei abgenickt haben, ist in dieser Form einzigartig: Vorgesehen ist, dass von 2012 an zwei Drittel des Staatszuschusses an die Hochschulen nur noch auf der Grundlage vorher vereinbarter Leistungskriterien fließen sollen, und zwar zu gleichen Anteilen in der Forschung und in der Lehre. Endlich befänden sich damit gute Forscher und gute Dozenten im inneruniversitären Vergleich auf Augenhöhe, jubelt Zöllner. Würde es nach dem Bildungssenator gehen, könnten einige neue Anreize entstehen: Das verstärkte Werben um Studienanfänger aus Einwandererfamilien und die Einschreibung männlicher Studenten in Studiengängen für das Grundschullehramt (vorgeschlagene Prämie jeweils 50 000 Euro pro Kopf) würden sich dann ebenso bezahlt machen wie bislang schon das Einwerben von Drittmitteln oder die nachhaltige Senkung der Studienabbrecherquoten.

Auch das Engagement der Hochschulen im weitgehend brachliegenden Weiterbildungsmarkt könnte erstmals wirklich belohnt werden: Hier will Zöllner pro 1000 Euro Einnahmen 200 Euro drauflegen. Umgekehrt würde nur noch ein Drittel des Landeszuschusses den Hochschulen als Sockelbetrag gewährt werden - das wäre deutscher Rekord. Allerdings: Wie spektakulär Zöllners Finanzierungsmodell am Ende tatsächlich wird, hängt vom Ergebnis weiterer Verhandlungen bis Jahresende ab.
Denn die einzelnen Indikatoren müssen noch zwischen Landesregierung und Hochschulen vereinbart werden. Ob sich der Senator mit seinen Prämienideen dann gegenüber den in der Vergangenheit so widerspenstigen Rektoren wird durchsetzen können, ist fraglich. Dafür spricht, dass er sich die stärkere Leistungsorientierung mit mehr Geld für alle erkauft, sodass am Ende keine Hochschule schlechter als zuvor dastehen dürfte. Dagegen spricht, dass TU-Präsident Kutzler bereits mitteilte, Zöllners bisherige Vorschläge ließen sich »nicht ohne Weiteres mit den internen finanziellen Steuerungsmechanismen der Hochschulen in Einklang bringen«. Eine reichlich verklausulierte Absage, der Kutzler sicherheitshalber noch hinterherschickt, man stehe erst ganz am Anfang der Verhandlungen.

Zöllner muss also fürchten, dass der Anteil seines Prämienmodells an der Gesamtfinanzierung noch gehörig zusammengestrichen wird. Der Senator selbst hat bereits zwei Prozent des Budgets fest für die Sicherung kleiner Fächer reserviert, um Befürchtungen zu zerstreuen, das neue Modell könnte für sie das Aus bedeuten oder gar die freie Forschung zugunsten einer reinen Effizienzorientierung verdrängen. »Am Ende wäre die Leistungsorientierung dann möglicherweise gar nicht mehr viel höher als anderswo«, vermutet Karsten König vom Wittenberger Institut für Hochschulforschung (HOF). So vergeben laut HOF mittlerweile fast alle Bundesländer einen Teil ihrer Gelder nach Leistungsprinzipien, meist zwischen 5 und 20 Prozent der Hochschulbudgets, in Berlin waren es bereits bislang 30 Prozent. König warnt vor allzu großen Erwartungen an hohe Leistungsanteile: »Es ist noch nirgendwo der Nachweis erbracht worden, dass eine stärkere Steuerung über Erfolgsprämien wirklich einen Mehrwert für die Hochschulbildung bringt.«

Ein wesentliches Element des von Zöllner verkündeten Systemwechsels dürfte erhalten bleiben, Frank Ziegele vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) bezeichnet es gar als das »wirklich Tolle und Neue«: Denn je nach ihrer Performance können die Hochschulen künftig ihr Budget um noch mal bis zu zehn Prozent steigern, umgekehrt würde es im schlimmsten Fall um bis zu fünf Prozent geringer ausfallen. »Alle bisherigen Leistungssystemen waren Nullsummenspiele: Bekamen die einen mehr, verloren die anderen«, sagt Ziegele. »Wenn sie in Berlin diese Öffnung des Systems nach oben durchhalten, wäre das bewundernswert.« Und möglicherweise teuer für den Landeshaushalt: Statt der angekündigten 333,7 Millionen bis 2013 wären für die Hochschulen bis zu 406 Millionen mehr drin, wobei das Geld auch aus dem größtenteils vom Bund getragenen Hochschulpakt stammen würde. Hier könnte es für Zöllner ein Vorteil sein, dass sich Bürgermeister und Finanzsenator in die Verhandlungen eingemischt haben. Denn sie müssen das Ergebnis nun mittragen. Was es für Wowereit erschweren dürfte, seinen Bildungssenator erneut auf die Abschussliste zu setzen.

Aus DIE ZEIT :: 09.07.2009

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote