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Mendels Kinder

Von Judith Scholter

Junge Pflanzenforscher haben es oft mit Gentechnik zu tun, aber nur wenige bauen transgene Pflanzen.

Mendels Kinder© schnerpf - Photocase.comGentechnik ist in Deutschland stark umstritten
Der Weg zu seinen Schützlingen führt Tilo Guse durch eine schwere Tür. Ein wenig sieht sie aus wie der Eingang zu einem Bunker. Guse, 29, Strickjacke und Turnschuhe, zieht am Griff, die Tür schwingt auf. Seine Babys stehen in gleißendem Licht. »Der Tag müsste gerade begonnen haben«, sagt er. Um 15 Uhr sind die Lampen in der Phytokam mer des Instituts für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenkunde (IPK) in Gatersleben in Sachsen-Anhalt angegangen. Die Schützlinge des Doktoranden sind Weizenpflanzen, die Temperatur beträgt nur 14 Grad in ihrer Kammer. Auf einem Blatt Papier an der Tür zeigt eine grüne Kurve an, wann für sie Tag herrscht und wann Nacht. Es ist nicht irgendwelcher Weizen, der hier wächst, es sind zwei Sorten, die am IPK schon einmal gentechnisch verändert werden konnten. Bei Weizen ist das relativ schwierig. Warum die anderen Sorten - und warum vor allem die wirtschaftlich interessanten, die besonders ertragreichen - so widerspenstig sind, wenn es um die Veränderung ihres Erbgutes geht, weiß man nicht genau. Auch Tilo Guse weiß es nicht. Aber er will an dieser Situation etwas ändern. Guse sucht nach einer Methode, mit der irgendwann einmal möglichst jeder Weizen gentechnisch verändert werden kann.

Der Klimawandel, die Vermehrung der Weltbevölkerung bei vermutlich kaum größerer landwirtschaftlich nutzbarer Anbaufläche, überhaupt die Forderung nach mehr Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft und der Energieversorgung und der Schutz der Kulturpflanzen - es gibt viele Gründe für die Bedeutung der Pflanzenforschung. Dafür zum Beispiel, Pflanzen besser an Trockenheit anzupassen, sie stressresistenter zu machen. Tilo Guse hat in diesem großen Feld eine Richtung gewählt, die eine Mehrheit der Deutschen kritisch sieht. Einer Forsa-Umfrage für den Verein Slowfood aus dem Jahr 2009 zufolge würden 78 Prozent der Bevölkerung gentechnisch veränderten Lebensmittel ablehnen. Greenpeace führte dieses Jahr eine Umfrage durch, nach der 79 Prozent der Befragten dafür sind, das Anbauverbot für Genmais in Deutschland beizubehalten. »Man hat es in dieser Hinsicht wesentlich einfacher, wenn man ins Ausland geht«, sagt Joachim Rinder vom Max-Planck-Institut für molekulare Pflanzenphysiologie in Potsdam-Golm. »Wer damit rechnen muss, dass die Ergebnisse seiner Arbeit am Ende im Feldversuch zerstört werden, wird eine wissenschaftliche Laufbahn in der Grünen Gentechnik risikoreich und damit wenig attraktiv finden«, sagt Andreas Graner, der Direktor des IPK.

Ganz in der Nähe des IPK in Gatersleben befindet sich noch ein weiteres Forschungsinstitut, das Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen in Quedlinburg. Hier arbeitet der Doktorand Thomas Lüpken daran, zwei Gene, die für Virusresistenz bei der Gerste verantwortlich sind, zu kartieren. Dafür analysiert er momentan unter anderem mehrere Hundert Gerstenpflänzchen, um die zu identifizieren, bei denen sich der Ort der Resistenzgene feststellen lässt. »Ich möchte Ergebnisse erzielen, die einen Züchtungsfortschritt bedeuten - besseres Pflanzenmaterial«, sagt Lüpken. Er arbeitet mit der Erbsubstanz der Pflanzen - aber mit Gentechnik, bei der fremde Gene in Pflanzen eingeschleust werden, hat das nichts zu tun. Lüpken hat sich während seines Studiums der Agrarwissenschaften für die Pflanzenzüchtung als Spezialgebiet entschieden, auch weil er sie im Gegensatz zur Arbeit mit Tieren als unproblematisch empfindet. Bei Geflügel zum Beispiel kann man das Wachstum über eine Bestimmung des Schlachtkörpergewichts feststellen. Das aber wollte er nicht. »Mit Pflanzen kann ich ohne die Skrupel arbeiten, die ich vielleicht bei der Arbeit mit Tieren hätte«, sagt er. »Ich könnte mir vorstellen, auch Methoden der Gentechnik zu nutzen.«

Es sind winzige Unterschiede, die darüber entscheiden, warum der eine fürchten muss, dass die Ergebnisse seiner Arbeit am Ende im Feld zerstört werden, und der andere nicht. Ein Großteil der Arbeiten am IPK nutzt gentechnische Methoden, etwa um die Struktur und Funktion einzelner Gene aufzuklären. Hierbei arbeiten zwei Gruppen mit der Herstellung transgener Nutzpflanzen, bringen also fremdes Erbgut in deren Genome ein. Tilo Guse fand die Verbindung aus Biologie und Technik schon immer faszinierend. Im Biotechnologiestudium kam das System Pflanze aber kaum vor. Viele Biotechnologen arbeiten im pharmazeutisch-technischen Bereich, stellen künstliche Knorpel, Haut oder Insulin her. Guse ging schon für seine Diplomarbeit nach Gatersleben. »Ich nutze die Pflanze als Bioreaktor - das habe ich mir bewusst ausgesucht, damit wollte ich arbeiten«, erzählt er. Ob er sein erstes Mikroskop mit fünf oder erst mit sechs Jahren bekam, weiß er nicht mehr genau, nur dass er sich für die Naturwissenschaften schon als Kind begeistert hat. »Weil die Naturgesetze überall gelten.«

Sie gelten in China, sie gelten in Schweden, sie gelten in Deutschland. Doch die grüne Gentechnik ist in Europa umstritten. 13 Jahre lang wurde über die Zulassung der gentechnisch veränderten Stärkekartoffel Amflora des BASF-Konzerns verhandelt, bis die EU-Kommission den Anbau für industrielle Zwecke schließlich erlaubte. Anbau von gentechnisch verändertem Mais findet in Deutschland nicht statt, seit Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner im vergangenen Jahr die Maissorte Mon 810 des amerikanischen Saatgutriesen Monsanto verbot. Susanne Benner spricht für BASF Plant Science, die Firma, die nun die Stärkekartoffel Amflora anbauen darf. Sie sagt, dass es ohne diese positive Entscheidung für eine Tochterfirma in Gatersleben vermutlich nicht rosig ausgesehen hätte. »Als Unternehmen brauchen wir Märkte, in denen wir auch verkaufen können.«

Tilo Guse geht davon aus, dass er irgendwann einmal im Ausland arbeiten wird. Er läuft an den tresorartigen Minus-80-Grad-Kühlschränken des Instituts vorbei, in denen unter anderem DNA gelagert wird, Guse bewahrt hier seine Bakterien auf. Im Labor gegenüber dem Gewächshaus liegen in Petrischalen Gewebeteile seines Weizens, die noch nie für die gentechnische Transformation benutzt worden sind. Acht oder neun Stunden lang sitzt er manchmal daran, sie zu isolieren, eine Fleißarbeit. Dann aber kommt das, was er spannend findet: Er versucht mit Mikroinjektion ein Gen in sie einzuschleusen, das grün fluoreszierende Proteine codiert und eigentlich in Quallen vorkommt. Er versucht es zuerst mit den beiden Weizensorten, von denen schon bekannt ist, dass sie sich verändern lassen. Wenn sich herausstellt, dass seine neue Methode funktioniert, wird er sie an anderen Sorten ausprobieren. Er ist sich ziemlich sicher. Sollte es klappen, ist das auch für die Industrie interessant. An Guses Projekt ist ein Saatgutunternehmen finanziell beteiligt.

Nebenan am Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen in Quedlinburg ist auch Anja Hühnlein Doktorandin. Schon während ihres Masterstudiums Horticultural Science interessierte sich die 26-Jährige für Viren, fand sie faszinierende Gebilde, »weil sie die Pflanzen brauchen, um sich zu vermehren«. Weil es keine richtigen Lebewesen sind. Sie schrieb ihre Masterarbeit über die Übertragbarkeit des Pflaumenpockenvirus mithilfe einer parasitischen Pflanze. Und dann war am Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, genauer am Institutsbereich für Sicherheit in der Gentechnik bei Pflanzen, ihre Stelle ausgeschrieben. Es ging unter anderem um die Frage, ob gentechnisch veränderte Kartoffeln anders auf Viren reagieren als ihre nicht veränderten Geschwister. »Das Wort "Virus" hat mich sofort elektrisiert«, sagt Hühnlein mit leuchtenden Augen. Sie untersucht, was die Gentechnik eigentlich noch in den Pflanzen verändert als nur das, was ursprünglich einmal angedacht war. Ihre Stelle wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung bezahlt. Dass sie jetzt etwas mit Gentechnik zu tun hat, ist eher Zufall. »Natürlich hat die öffentliche Meinung einen Einfluss«, sagt sie. »Schon allein, weil es für Freilandversuche Hürden gibt, die nur schwer zu überwinden sind.«

Tilo Guse erzählt, dass er manchmal im erweiterten Freundeskreis gefragt werde, ob er die Gentechnik denn nun für gefährlich halte oder nicht. »Ich versuche dann nicht, die Leute von meinem Standpunkt zu überzeugen«, sagt er. »Gerade weil ich in der Branche arbeite, würde das unglaubwürdig wirken.« Aus unsachlichen Diskussionen will er sich sowieso raushalten. Er geht von einem ähnlichen Effekt aus, wie es ihn einst bei gentechnisch gewonnenem Insulin gegeben habe: »Wenn der Stoff besser und billiger wird, sind die Leute irgendwann dafür.« Das sei eine Abwägung zwischen Nutzen und Gefahr. »Kritik ist gut«, findet er, man brauche sachliche Diskussion, sowohl in der Wissenschaft als auch in der Gesellschaft. Irgendwann einmal, das hofft er, wird er Ansprechpartner für Weizentransformation sein. »Ich freue mich darauf, meine Pflanzen wachsen zu sehen.«

Aus DIE ZEIT :: 22.04.2010

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