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Mit Multikulti zur Elite

Von Martin Spiewak

Die Diskriminierung farbiger Studenten in den USA hat sich ins Gegenteil verkehrt: Nun wetteifern die Hochschulen um nichtweißen Nachwuchs.

Mit Multikulti zur Elite: Diskriminierung an Hochschulen© Chris Schmidt - iStockphoto.com
Als Frances Harris sich um einen Studienplatz bewarb, wusste sie nicht, wie gut ihre Chancen stehen. Mehr als ein Dutzend Anfragen schickte die farbige Highschool-Absolventin aus Sacramento in Kalifornien quer durchs Land. Doch ihre Sorgen waren unbegründet. Elf Zusageschreiben hatte die Schülerin ein paar Monate später im Briefkasten, einige trugen die Wappen der besten Hochschulen des Landes. Sie alle warben darum, dass die Schülerin ihre Collegejahre bei ihnen verbringen möge. Am Ende entschied sich Harris für die University of California in Los Angeles. Ein üppiges Stipendium, ein Besuch an der Universität samt Gratisflug nach L.A. sowie der Anruf eines hochrangigen Uni-Mitarbeiters hatten sie überzeugt.

Neben ihren guten Zeugnissen zeichnet Harris vor allem ihre Herkunft aus. Sie stammt aus einer Brennpunktschule, wuchs in schwierigen familiären Umständen auf und ist schwarz.

Unterschicht, nichtweiß und intelligent: Diese drei Attribute machen die Bewerberin gerade für Spitzenuniversitäten in den USA zu einer perfekten Kandidatin. Denn das oberste akademische Gebot der Stunde heißt diversity. Zum guten Ruf einer US-Hochschule gehört es, Vielfalt zu fördern und Minderheiten besondere Chancen zu geben.

Die Unis suchen gezielt nach Talenten aus Migrantenfamilien

Während deutsche Universitäten das intellektuelle Potenzial von Kindern aus Migrantenfamilien bislang brachliegen lassen, unternehmen amerikanische Hochschulen enorme Anstrengungen, um Studenten aus möglichst allen Bevölkerungsgruppen anzuziehen. Sie fahnden nach Talenten in Schulen, die hauptsächlich von Schwarzen besucht werden, vergeben Stipendien für Studenten aus Latinofamilien oder schalten Anzeigen, die Professoren mit spanischen oder chinesischen Namen zeigen. Spezielle Studienprogramme wie African Studies oder Hispanic Studies sollen unterrepräsentierte Zielgruppen anlocken.

Damit sich wirklich alle - Weiße und Farbige, Schwule und Lesben, Christen und Muslime - angesprochen fühlen, stehen Geld und Räume für eine Vielzahl von Studentenorganisationen bereit. So gibt es an der Harvard University eine Half Asian People's Association, eine Latino Business Connection, eine Black Acapella Experience.

Mithilfe von Arbeit und Bildung kann jeder den Aufstieg schaffen, egal welche Herkunft er hat - dieser Glaube treibt die amerikanische Gesellschaft an. In diesem Idealbild hat das College eine wichtige Funktion. "Jede Hochschule will traditionell ein Abbild Amerikas sein", sagt Bernd Widdig, Direktor des International Program am Boston College. Da das Land bunter geworden sei, müsse sich dies auch in den Bildungsinstitutionen widerspiegeln. Gerade unter Highschool-Absolventen gilt ethnische Vielfalt mittlerweile als wichtiges Argument bei der Wahl des Studienorts. Wer nicht wenigstens einige schwarze, asiatische oder lateinamerikanische Gesichter in den Vorlesungen und Seminaren vorzuweisen hat, gilt als spießig, intellektuell langweilig, ja unamerikanisch.

Anna Friedman, Politikstudentin in Harvard, hätte auch nach Yale gehen können. Die Bestnoten in der Highschool sowie ihr mit Praktika gespickter Lebenslauf gaben ihr die freie Auswahl. Doch ein Besuch in Yale schreckte sie ab. Sie empfand die Uni als zu elitär, ethnisch zu eintönig. "Als Weiße wollte ich keine Universität, wo ich nur hauptsächlich unter Weißen bin. Da hätte ich mich nicht wohlgefühlt."

Weltweit wird nun gefeiert, dass mit Barack Obama zum ersten Mal ein Schwarzer ins Weiße Haus einzieht. Für viele amerikanische Studenten dagegen ist die Hautfarbe des neuen Präsidenten fast eine Nebensächlichkeit, musste Ted Gup von der Case Western Reserve University in Ohio feststellen. Immer wieder sprach der Journalistikprofessor in seinen Seminaren vom "historischen Moment" der Kandidatur Obamas, ohne dass seine Studenten groß reagierten. Was er anfangs für politische Apathie hielt, entpuppte sich als ein Zeichen dafür, wie sehr sich Amerika verändert hat. "Die fanden es ganz normal, dass ein Afroamerikaner Präsident wird", schreibt Gup im Chronicle of Higher Education.
Begeistert gewählt haben die Studenten Obama aus anderen Gründen: seiner Jugend wegen, seiner Rhetorik, die Einheit und Aufbruch verspricht, sowie seiner Intellektualität. In Umfragen vor der Wahl gaben mehr als zwei Drittel an, für den "Professorpräsidenten" zu stimmen, wie ihn in akademischen Kreisen viele nennen. Obama selbst hat Verfassungsrecht an der University of Chicago gelehrt und an der Harvard Law School studiert. Hier war er der erste schwarze Herausgeber der renommierten Harvard Law Review.

27 Prozent der Studenten, 13 Prozent der Professoren gehören in Harvard einer ethnischen Minderheit an, wie die Hochschule stolz auf ihrer Homepage verkündet. Lange Zeit bezog die Universität ihre Studenten aus den privaten Highschools der Ostküste, wohin die weiße Oberschicht ihre Kinder schickt. Heute rekrutiert Harvard den Nachwuchs nicht nur im ganzen Land, sondern auch in allen Bevölkerungsgruppen, sagt Robin Worth vom Zulassungsbüro. Studenten aus asiatischen Familien zu finden ist dabei am einfachsten, ihre Zahl wächst jährlich. Unter chinesischstämmigen Jugendlichen ist die Akademikerquote im Schnitt landesweit höher als bei Weißen. Schwieriger ist die Suche nach Bewerbern aus schwarzen oder Latino-Familien. Harvard schreibt dafür gezielt Lehrer an, schickt afroamerikanische Alumni in Schulen und Ferienlager, kooperiert in armen innerstädtischen Vierteln mit Sozialarbeitern.

Eine Quote oder einen Bonus bei den Noten gebe es nicht, versichert Worth. Bei ähnlichen Zensuren jedoch haben Studieninteressenten aus ethnischen Minderheiten inzwischen bessere Chancen als ihre weißen und asiatischen Konkurrenten. Das ergab eine Studie des ehemaligen Präsidenten der Princeton University, William Bowen, der die Bewerbungsunterlagen an einem Dutzend Elitecolleges untersuchte.

Das Völkergemisch zahlt sich auch intellektuell aus

Anders als die privaten Hochschulen können sich staatliche Einrichtungen diese Bevorzugung nicht mehr erlauben. Jahrelang hatten die State Universities insbesondere für Afroamerikaner Studienplätze freigehalten. Doch diese aktive Antidiskriminierungspolitik (affirmative action) haben Gerichte und Volksentscheide in verschiedenen Bundesstaaten untersagt.

Geklagt hatten meist weiße Studenten, die sich durch die Förderprogramme benachteiligt fühlten. Selbst Stipendienprogramme für spezielle Bevölkerungsgruppen sind heute in Kalifornien oder Michigan nicht mehr erlaubt. Hochschulen wie die University of California umgehen das Verbot, indem sie die Beihilfen durch ihre privaten Alumnivereinigungen verteilen lassen.

Dabei argumentieren die diversity-Verfechter nicht mehr wie früher mit historischen Ungerechtigkeiten oder sozialen Schieflagen, welche die gezielte Förderung benachteiligter Gruppen wiedergutmachen soll. Ihr Blick richtet sich auf die Zukunft. Denn die Zusammensetzung der US-Bevölkerung ändert sich dramatisch. 2050 wird die Mehrheit der jungen Amerikaner zwischen 18 und 24 aus schwarzen, lateinamerikanischen oder asiatischen Familien stammen. Diesen Talentpool zu ignorieren wäre dumm.

Hinzu kommt die Überzeugung, dass sich ein Völkergemisch sowohl in der Forschung wie in der Lehre intellektuell auszahlt. In einer globalisierten Welt müssen die Studenten möglichst viele Kulturen kennenlernen, unterschiedliche Sichtweisen erfahren, schreibt der Präsident der Columbia-University, Lee C. Bollinger. Nur was sie herausfordere, bringe sie weiter. "There is no excellence without diversity", lautet das Motto, ohne Multikulti keine akademische Qualität.

Allerdings klaffen Anspruch und Wirklichkeit noch weit auseinander. Auch im amerikanischen Universitätssystem sind weiterhin Rassen- und vor allem Klassenunterschiede spürbar. Latinos und Schwarze schaffen seltener den Sprung aufs College, haben enorm hohe Abbruchquoten und im Schnitt schlechtere Noten. Und viele der jungen Afroamerikaner, auf die Harvard und Co. so stolz sind, stammen nicht aus den Ghettos, sondern aus der Mittel- und Oberschicht.

Dennoch streben die Hochschulen stärker als jemals zuvor das Ideal an, ganz Amerika auf den Campus zu holen. Der neue Präsident wird dem Streben nach Vielfalt einen kräftigen Schub verleihen.


Die Monokultur
Die Universität Duisburg-Essen hat kürzlich als erste Hochschule eine Prorektorin für Diversity Management berufen. Was in den USA ein normales Amt ist (Provost for Diversity), hört sich für deutsche Ohren ungewohnt an. Bisher sehen es hiesige Universitäten nicht als ihre Aufgabe an, Minderheiten besondere Chancen zu geben. Dementsprechend gering ist die Zahl der Studenten aus Einwandererfamilien. "Die deutsche Universität ist eine monokulturelle Einrichtung geblieben", sagt Claus Leggewie, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen. Zwar bemühen sich etwa die Exzellenzhochschulen um Starprofessoren aus dem Ausland. Spezielle Anstrengungen, um deutsche Studenten, Doktoranden oder Professoren mit Migrationsgeschichte zu rekrutieren, fehlen jedoch. Dabei seien unsere Hochschulen schon heute auf diese Gruppen angewiesen, sagt Leggewie.


Ein Interview mit dem Politikwissenschaftler Claus Leggewie zum Thema auf ZEIT ONLINE: www.zeit.de/migranten-studenten»

Aus DIE ZEIT :: 13.11.2008

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