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Mustergültig - über die Empfehlungen des Wissenschaftsrates zu Theologien an Universitäten

Von Felix Grigat

Der Wissenschaftsrat hat mit seinen "Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen" eine bemerkenswerte Studie veröffentlicht, die auch über die Universitäten hinaus für Aufsehen sorgte. Wie hält es eines der wichtigsten Gremien der deutschen Wissenschaft mit der Religion?

Mustergültig - über die Empfehlungen des Wissenschaftsrates zu Theologien an Universitäten© Dan Moore - iStockphoto.comReligion und Wissenschaft schließen sich nicht aus
Der Wissenschaftsrat hat die Religion entdeckt. Das ist bemerkenswert, bekennt sich doch die Mehrheit der Wissenschaftler dazu, religiös unmusikalisch zu sein. Dabei zählen sich die meisten der Gebildeten noch nicht einmal mehr zu den Verächtern der Religion. Sie haben schon vergessen, dass sie den Glauben vergessen haben. Gut eingerichtet in einer funktional differenzierten Welt ist man damit zufrieden, nur noch für den eigenen Code zuständig zu sein. Was soll die Religion auch inmitten von Exzellenzinitiativen, anwendungsorientierter Forschung und Studienreformen? So etwas wie "metaphysische Unbehaustheit", die nach dem "Sinn und Geschmack für das Unendliche" riefe, ist da nirgends zu entdecken. Es ist gelungen, "das irdische Leben so reich und vielseitig zu machen" (Schleiermacher), dass man der Religion nicht mehr bedarf. Inmitten dieser selbstgewissen Religionslosigkeit nun empfiehlt der Wissenschaftsrat, die Theologien als für die Universität notwendige Wissenschaften zu stärken. Von einer "(relativen) Erfolgsgeschichte" der Theologien ist gar die Rede, ja, man habe ein "vitales Interesse" an ihnen.

Woher der neue Ton? "Die lange gängige These, in modernen Gesellschaften werde Religion bedeutungslos, hat sich als nicht haltbar erwiesen", konstatiert der Wissenschaftsrat auf die ihm eigene nüchterne Weise. Nicht haltbar sei die These, weil "religiöse Bindungen nach wie vor Lebenswelten" prägten, Religion einen wesentlichen Bezugspunkt kollektiver Zugehörigkeit darstelle und einen wichtigen Aspekt globaler Konflikte ausmachen könne. Die Gründe für diese Neubewertung sind nicht das Resultat eines Streits der Fakultäten. Der Wissenschaftsrat hat gesellschaftlichen Bodenkontakt aufgenommen, sich über die weltweite Präsenz der Religionen verwundert und Relevanz signalisiert. Die reine praktische Vernunft scheint sich dabei nicht mehr so sicher zu sein, allein mit einer Theorie der Gerechtigkeit einer "entgleisenden Modernisierung" entgegenwirken zu können. Man hat, ein wenig erstaunt und wohl auch stirnrunzelnd, festgestellt, dass "etwas fehlt". Wurde der Hain doch zulange als Hölzer gesehen? Die metaphysisch obdachlos gewordene Wissenschaft vermisst die "Kreativität der sprachlichen Welterschließung, um ein ringsum verkümmerndes normatives Bewusstsein aus sich heraus zu regenerieren" (Habermas).

Die Religion, so setzt man es nun auf die Agenda, soll den normativen Grundlagen der modernen Gesellschaft Beine machen. Das ist des Pudels Kern: Die Religion soll wie im 18. Jahrhundert als Moralverstärker dienen und wird deshalb gerne als Kitt der Gesellschaft akzeptiert. Aber schon damals war Kritikern eines reinen Moralglaubens klar, dass diese Funktionalisierung der Religion "die größte Verachtung" gegen sie bewies, nämlich "sie in ein anderes Gebiet verpflanzen zu wollen, daß sie da diene und arbeite". Dass Religion um ihrer selbst willen interessant sei, dass sie keine Funktionen erfüllt außer der, den Menschen wahrhaft zu sich selbst zu bringen, komme so nicht in den Blick. Was aber "nur um eines außer ihm liegenden Vorteils willen geliebt und geschätzt wird, das mag wohl not tun, aber es ist nicht in sich notwendig". Dabei weiß sich der Wissenschaftsrat in jener besten Gesellschaft, für die die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen und Religionen unter dem Leitbegriff der Integration steht. Es geht vor allem darum, den Islam in Deutschland zu modernisieren. Und dazu sieht der Wissenschaftsrat den besten Weg in einer Akademisierung der Ausbildung von Imamen und Religionslehrern. So wird neben Religion und Theologie auch die Wissenschaft funktionalisiert. Die Theologien sollen zwar ihren Gegenstand kritisch reflektieren und so Ungewissheit und Distanz produzieren, zugleich aber Kompatibilität mit dem demokratischen Rechtsstaat erzeugen.


Es gehe, so der Rat, um "Sozialisation" und darum, dem Fundamentalismus zu wehren. Ob diese Rechnung überhaupt, aber insbesondere für den Islam aufgeht? Die größte muslimische Organisation in Deutschland, die türkische Ditib, zeigt sich wenig beeindruckt. Sie will auf jeden Fall ihre Imame weiter in der Türkei ausbilden. So wird man nicht sagen können: "Wissenschaftsrat locuta, causa finita!". Dennoch sind seine Einsichten über die wichtige Rolle der Theologien für Universität und Gesellschaft bemerkenswert. Eine Zusammenfassung der wichtigsten Thesen:

Die Empfehlungen des Wissenschaftsrates

Der Wissenschaftsrat hat mit seinen Empfehlungen die Rolle der christlichen und nichtchristlichen Theologien an den deutschen Hochschulen gestärkt. Der zentrale Ort dieser Theologien ist nach Überzeugung des Rates das staatliche Hochschulsystem. Die Universität habe ein "genuines Interesse" an wissenschaftlicher Theologie. Das Wissenschaftssystem müsse auf die "weiter wachsende Pluralität der religiösen Bekenntnisse in Deutschland" langfristig und institutionell reagieren.

Als Organisationszentren des Wissenschaftssystems seien Universitäten zunehmend mit all jenen ethischen Konflikten konfrontiert, die aus der Dynamik des Forschungsprozesses und seiner gesellschaftlichen Anwendungen beispielsweise in den Lebenswissenschaften resultierten. Im Wissenschaftssystem selbst treten nach Ansicht des Rates normative Probleme auf, für deren konstruktive Bearbeitung auch - aber nicht allein - die jeweiligen Theologien und ihre seit langem entwickelten ethischen Reflexionsformen hilfreich seien. Obwohl der Wissenschaftsrat das Schwergewicht seiner Argumentation auf den Nutzen der Theologien für Staat, Kirche und Gesellschaft legt, erkennt er auch das Selbstverständnis der christlichen Theologien an: "In ihrem Selbstverständnis definiert sich christliche Theologie zum einen durch einen Bezug auf Transzendenz, das heißt durch einen für sie spezifischen Erkenntnisgegenstand, und zum anderen durch das praktische kirchliche und öffentliche Interesse, eine Funktionselite auszubilden, welche die überlieferten christlich-religiösen Gehalte vernünftig zu übersetzen und zu kommunizieren versteht." Zudem reflektierten Theologien im Wissenschaftssystem die Grenzen einer rein wissenschaftsförmigen Selbstdeutung des erkennenden Menschen. Dies täten sie, indem sie ein Bewusstsein von der Kontingenz menschlichen Handelns aufrechterhielten und der Frage nach den Bedingungen für ein Gelingen oder Scheitern menschlicher Existenz einen Ort gäben. "So fördern Theologien in Universitäten die kritische Reflexivität der wissenschaftlichen Weltsicht und bieten Deutungsmöglichkeiten menschlicher Existenz", heißt es in den Empfehlungen. Die historisch gewachsene Verankerung der christlichen Theologien an staatlichen Universitäten sei "als (relative) Erfolgsgeschichte" zu beschreiben.

Systematische Begründung und geschichtliche Entwicklung legten es daher nahe, eine solche Verankerung auf andere Religionslehren auszuweiten, welche wie das Judentum und der Islam eine vergleichbare Tradition gelehrter Auslegung heiliger Schriften und religiöser Praktiken kennen und damit in den Prozess wissenschaftsförmiger Reflexion und Begründung religiöser Normativität einbezogen seien. Die christlichen Theologien werden so mustergültig. Neben der Universität habe auch die Gesellschaft ein "Interesse daran, die Religionsgemeinschaften in den universitären Diskurs auch institutionell einzubinden".

Einer Auslagerung von Teilen der theologischen Ausbildung solle daher vorgebeugt werden. Religiöse Orientierungen und Bindungen bleiben auch in westlichen Gesellschaften eine wesentliche Quelle kollektiver Wertvorstellungen und von Regeln individueller Lebensführung. Der moderne demokratische Rechtsstaat habe deshalb ein vitales Interesse daran, religiöse Orientierungen seiner Bürger für die Stabilität und Weiterentwicklung des Gemeinwesens fruchtbar zu machen. Die wachsende Pluralität religiöser Zugehörigkeiten in Deutschland und der steigende Bedarf an wissenschaftlicher Expertise in Fragen der Religion stellen neue Anforderungen an Organisation und Leistungsfähigkeit der damit befassten Wissenschaften.

Die christlichen Theologien

Den christlichen Theologien empfiehlt der Wissenschaftsrat, eine stärkere Profilbildung der Fakultäten anzustreben und sich intensiver als bislang an fakultätsübergreifenden interdisziplinären Forschungsprojekten zu beteiligen. Religionslehrer bedürften angesichts der neuen Pluralität der religiösen Bekenntnisse wachsende fachliche Kompetenzen. Um diesen steigenden Anforderungen gerecht zu werden, sollten theologische Institute, die für Gymnasien beziehungsweise Sekundarstufen I und II ausbilden, über eine angemessene fachliche Ausstattung von mindestens fünf Professuren verfügen. Da es sich bei der Habilitation um eine rein akademische Angelegenheit handele, richtet der Wissenschaftsrat die "dringende Bitte" insbesondere an die Katholische Kirche, sich aus dem Habilitationsverfahren zurückzuziehen. Bei Berufungen sollten die Kirchen für ein rasches und für alle Beteiligten verlässliches und transparentes Verfahren der kirchlichen Beteiligung Sorge tragen. Der Katholisch-Theologische Fakultätentag begrüßt in einer Stellungnahme "ausdrücklich" die Empfehlung an die Katholische Kirche, im Rahmen des "nihil obstat"-Verfahrens Zügigkeit und Transparenz zu sichern.

Judaistik und Jüdische Studien

Für die Judaistik/Jüdischen Studien sowie für die Religionswissenschaft empfiehlt der Wissenschaftsrat die institutionelle Ausgliederung aus theologischen Fakultäten. Ihre fachliche Weiterentwicklung sollte durch den Auf- und Ausbau von Instituten sichergestellt werden, die auch personell vier bis fünf Schwerpunkte des jeweiligen Fachs abdecken. Dies seien institutionelle Voraussetzungen für die eigenständige fachliche Weiterentwicklung und die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses.


Islamische Studien

Islamische Studien sind bisher an deutschen Hochschulen noch nicht etabliert. Dieser Zustand wird nach Ansicht des Rates der Bedeutung der größten nichtchristlichen Glaubensgemeinschaft in Deutschland nicht gerecht. Daher empfiehlt er, über die Einrichtung von Einzelprofessuren mit islamisch- religionspädagogischer Ausrichtung hinaus künftig an zwei bis drei Standorten im staatlichen Hochschulsystem "größere, autonome Organisationseinheiten für Islamische Studien" zu etablieren. Neben Lehrkräften für den islamischen Religionsunterricht sollen dort auch islamische Religionsgelehrte, Fachpersonal für Sozial- und Gemeindearbeit sowie insbesondere der wissenschaftliche Nachwuchs für Islamische Studien ausgebildet werden. Im Hinblick auf die institutionellen Erfordernisse, die sich aus dem verfassungsrechtlich garantierten Selbstbestimmungs- und Mitwirkungsrecht der Religionsgemeinschaften ergeben, schlägt der Wissenschaftsrat vor, an den entsprechenden Hochschulen theologisch kompetente Beiräte für Islamische Studien einzurichten. Sie sollen an der Einrichtung, Änderung und Aufhebung von theologischen Studiengängen sowie bei der Einstellung des wissenschaftlichen Personals beteiligt werden.

Die Mitwirkung bei Berufungen erstrecke sich nicht auf die wissenschaftliche und pädagogische Qualifikation der Kandidaten, sondern allein auf die Prüfung, ob aus religiösen Gründen Einwände gegen die von der Universität ausgewählten Personen geltend gemacht werden können. Im Beirat sollten muslimische Verbände und Religionsgelehrte sowie muslimische Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens vertreten sein. Beobachter kritisierten, dass es ungewiss sei, woher die unabhängigen und aufgeklärten Islamwissenschaftler kommen sollten, künftige Religionslehrer in deutscher Sprache islamische Theologie zu lehren. Auch müssten diese noch die Zustimmung der muslimischen Beiräte finden. Den muslimischen Verbänden in Deutschland stehe eine harte Bewährungsprobe bevor. Sollten sie nicht in der Lage sein, in den unabhängigen Beiräten einen Konsens über die religiöse Glaubwürdigkeit eines Kandidaten zu finden, verspielten sie ihre Einflussmöglichkeiten auf die Besetzung der Lehrstühle.

Reaktionen

Die Empfehlungen des Wissenschaftsrates wurden von Kirchen, Theologie, islamischen Verbänden und Politik begrüßt. Nach Ansicht des Katholisch- Theologischen Fakultätentages zeichne sich die Denkschrift sowohl in der Beschreibung der Ausgangslage wie in der Analyse und den Empfehlungen durch Differenzierung und Objektivierung aus. Der Evangelisch-Theologische Fakultätentag und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) begrüßten die "nachdrückliche Verortung" der Evangelischen Theologie an der Universität, die Bejahung der Bekenntnisgebundenheit und die positive Würdigung ihres Beitrags zu religiöser Reflexion in Wissenschaft und Gesellschaft.

Auch Vertreter der deutschen Muslime stimmten grundsätzlich den Empfehlungen des Wissenschaftsrats zum Aufbau islamischer Theologie an deutschen Universitäten zu. Ali Kizilkaya vom Islamrat sagte der "Süddeutschen Zeitung", seine Organisation habe großes Interesse an Imamen, die in Deutschland ausgebildet wurden. Die türkisch-islamische Ditib, die größte muslimische Organisation in Deutschland, schränkte ihre Zustimmung allerdings ein: Man begrüße die Empfehlungen zwar, sehe aber zur Zeit keinen Bedarf für die Imamausbildung, da Imame von der türkischen Religionsbehörde aus der Türkei entsendet würden. Bundesbildungsministerin Annette Schavan sagte, sie werde die Universitäten bei der Umsetzung der Empfehlungen des Wissenschaftsrates unterstützen. Die Ausbildung von islamischen Religionslehrern und von Islamwissenschaftlern gehöre zu einer überzeugenden Integrationspolitik in modernen Gesellschaften.


Über den Autor
Felix Grigat, M.A., ist verantwortlicher Redakteur von Forschung & Lehre.


Aus Forschung und Lehre :: März 2010

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