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Nieder mit Bologna!

Von ADAM SOBOCZYNSKI

Eine so genannte Reform hat die deutschen Universitäten zerstört. Sie können nur gerettet werden, wenn der kontrollierte Student wieder Bummelstudent werden darf.

Nieder mit Bologna!© Robert Bocian - iStockphoto.comDer deutsche Student will wieder bummeln.
Ist der Bummelstudent wieder da? Seit Jahren versucht man aus dem deutschen Studenten einen besseren, einen effizienteren Menschen zu machen. Ihm wurde das lästige Studium gestrafft, kontrolliert werden jetzt minutiös seine Leistungen, dicht gedrängt ist sein Stundenplan. Der Nichtsnutz aber blockiert neuerdings den Hörsaal und geht mit allerlei bunten Forderungen auf die Straße: Er will keine Studiengebühren zahlen. Er sagt, die neuen Studiengänge seien überreguliert, sie sollten wieder abgeschafft werden. Er sagt, er könne sich nicht frei entfalten. Kurzum: Der deutsche Student will wieder bummeln.

Und zwar völlig zu Recht. Das ungerichtete Herumstudieren an der deutschen Universität, vorzugsweise in geisteswissenschaftlichen Disziplinen, hat eine ehrwürdige Tradition. Sie reicht im Übrigen auch viel zu lange zurück, um sie in wenigen Jahren zu beseitigen. Als der amerikanische Schriftsteller Mark Twain 1878 Heidelberg besuchte, wunderte er sich sehr über die »wenigen Vorschriften« an den deutschen Hochschulen. Der Student »wird nicht für eine bestimmte Zeitspanne an der Universität aufgenommen«, notierte er, »deshalb ist es auch wahrscheinlich, dass er mal wechselt. Er braucht zur Aufnahme an der Hochschule keine Prüfungen abzulegen ... Er zahlt gerade mal eine Aufnahmegebühr von fünf oder zehn Dollar, erhält einen Ausweis, der ihm Zugang zu den Einrichtungen der Universität verschafft, und das war es auch schon ... Er wählt das Fach, das er studieren will, und trägt sich für das Studium ein, aber er kann beim Besuch der Vorlesungen auch mal aussetzen.«

Noch vor zehn Jahren wären diese vor über 130 Jahren gemachten Beobachtungen eine exakte Charakterisierung des deutschen Studenten gewesen. Das Bummeln war, modisch gesprochen, sein Alleinstellungsmerkmal. Und mit Bummeln war, recht besehen, keineswegs Faulheit gemeint (die es zweifelsohne auch gab), sondern eine den Sozialneid nachgerade heraufbeschwörende Lebensweise: Seminare, von uninspirierten Professoren abgehalten, brach der deutsche Student gerne ab. Er gab sich in einer jede Vernunft überschreitenden Emsigkeit eigenen Vorlieben hin, besuchte Veranstaltungen (die man sich damals noch weitgehend frei auswählen konnte) vorzugsweise von charismatischen Dozenten, las in kurioser Hingabe Kafkas Erzählungen, um zwei Semester verspätet eine viel zu lange, sechzigseitige Seminararbeit abzugeben, die nicht nur klaglos angenommen, sondern auch noch bestens benotet wurde - ein Vorgang, der heute schon aus formalen Gründen verunmöglicht wird.


Waren von den wenigen Pflichtscheinen, die der Bummelstudent absolvieren musste, ein paar unliebsame dabei, so saß er derlei Veranstaltungen mit höhnischem Desinteresse ab - die Beurteilung am Ende des Semesters war für die spätere Examensleistung belanglos. Er war fleißig auf eine Weise, die man tatsächlich nur als bummelnd im Sinne von spazierend oder herumstreunend bezeichnen kann. Und es machten bisweilen ausgerechnet jene Karriere, die zum verwilderten, zum absichtslosen, zum ungezwungenen Denken, zur störrischen Individualisierung, zu Eigenständigkeit neigten. Die eben das verabscheuten, was den Universitäten heute ihr Heiligstes ist: verschulte Studiengänge mit Studienzeiten und Studienkonten, berufspraktische Übungen, Kontrollen und Vergleichbarkeitskriterien, eine Verwaltung, die durch Evaluierungs- und Akkreditierungswahnsinn um sich selbst kreist; das mechanische Einwerben von Drittmitteln anhand zeitvernichtender Anträge; eine kolchosenhaft-interdisziplinäre Umtriebigkeit, die das Gegenteil ist von intellektueller Einsamkeit und gelehrter Ausstrahlung, die keinen messbaren Marktwert innehaben und auch deshalb verspottet werden.

Es gab, mit anderen Worten, an den Universitäten einen Grad an Eigensinn, an Unordnung und an verrauchter Unspießigkeit, der den unternehmensberaterisch geschulten Reformer, der in den späten neunziger Jahren verbreitet aufkam und der sich um die Wettbewerbsfähigkeit der Deutschen sorgte, nur heillos empören konnte. Es wurde häufig angemerkt, dass der Reformeifer dem allerneuesten Marktradikalismus entsprang. Und man hat sich tatsächlich nicht einmal die Mühe gemacht, dies begrifflich zu vertuschen: Studienleistungen werden in den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen nach »Workloads« berechnet, also nach Arbeitsaufwand, man sammelt »Credit Points«, Zielvorgaben von Universitäten werden mit den Plastikwörtern Mobilität, Flexibilität, Praxisbezug und Wettbewerb umrissen.

Womöglich soll derlei Vokabular ohnehin nur darüber hinwegtäuschen, dass die von oben herab verordneten Universitätsreformen deutlich Züge planwirtschaftlicher Leninisierung annehmen und Wettbewerb häufig nur simuliert wird. Nicht nur das unproduktive Anwachsen der Überwachungsapparate und die Erhöhung des Betriebsfaktors sprechen hierfür, sondern die Förderung ausgesprochen spezifischer Charaktere an den Hochschulen: Der deutsche Professor soll heute kein intellektueller Individualist mit nach außen strahlender Gelehrsamkeit mehr sein, der mit seinen Büchern vor gar nicht allzu langer Zeit durchaus eine breitere Öffentlichkeit erreichen konnte. Der deutsche Professor nach neuem Wunschbild ist ein apparatschikhaft vernetzter Großorganisator von Studiengängen, Graduiertenkollegs und Sonderforschungsbereichen, der pflichtgemäß allerlei uninspirierte Sammelbände herausgibt, um seinen Brotgelehrtenfleiß zu dokumentieren. Ihm entspricht der Student, der sich nicht mehr um zwei Uhr nachts noch in Nabokovs Romane vertieft, sondern der um acht Uhr morgens frisch rasiert den Hörsaal betritt, um seinem Workload gerecht zu werden. Der auch nicht mehr - sofern er engagiert und begabt ist - das Privileg genießt, von einem Dozenten frühzeitig in ein Oberseminar eingeladen zu werden, sondern der lemminghaft die für seine Alterskohorte vorgesehenen Pünktchen sammelt.

Die genaue Messbarkeit, Planung und Steigerung der Arbeitsleistung war stets der Blütentraum des sozialistischen Idealfunktionärs gewesen, der die Individualisierung im Westen als »dekadent« und als »elitär« brandmarkte. Dieselben Kampfbegriffe werden heute von den Reformbefürwortern wieder völlig geschichtsvergessen angeführt, um die alte Ordinarienherrlichkeit zu denunzieren. Ihre Argumentation mündet zumeist in den Vorwurf, die Professoren seien faul und an der Lehre desinteressiert gewesen - deshalb sei man zu den umfassenden Kontrollmechanismen übergegangen, die nebenbei den schönen Vorzug hätten, gleich noch den trägen und orientierungslosen Langzeitstudenten mitzubeseitigen.


Gustav Seibt hat in der Süddeutschen Zeitung vor Kurzem treffend angemerkt, dass der sogenannte Bologna-Prozess, die Idee eines europaweit vereinheitlichten, durch Modularisierung vergleichbar gemachten Studierens, in seinem negativen Menschenbild den Hartz-IV-Maßnahmen überraschend ähnelt. Man setzt auf Zwang statt auf Anreize: So wie Hartz IV auf Arbeitsscheue und Transferleistungsabgreifer starre, richte sich das bürokratisierte Bologna-Studium an den angeblich zu Faulheit neigenden Studenten.

Es sei überdies kein Zufall, dass die Reform ihre Befürworter »vor allem auf den "Beruf und Chance"-Seiten der großen Zeitungen findet«. Keine Missentwicklung der alten Universität (der bisweilen unschöne Paternalismus, die männerbündische Verfilzung, die Unkoordiniertheit der Lehre, die Orientierungslosigkeit der Massen) reicht an die Verheerungen heran, die durch die fatale Entbürgerlichung an den Universitäten mit ihren neuen Studiengängen angerichtet wird. Gedemütigt werden die begabteren Studenten, die sich einst, dem Eros des Wissens verpflichtet, bereits als Erstsemester still und heimlich in die letzte Reihe eines Hauptseminars setzen konnten - heute dürfen sie sich frustriert an den Schwächsten ihres Jahrgangs messen. Beseitigt wird jede Charakterbildung, die der Stromlinie trotzt. Befördert wird auf breiter Front die »Verfälschung des Schöpfergeistes in Berufsgeist«, wie es Walter Benjamin in seinem Aufsatz Das Leben der Studenten formulierte, der ganz im Sinne Friedrich Schillers vor der »Erstarrung des Studiums zu einem Haufen von Wissen« warnte.

Fast überflüssig zu erwähnen, dass die planwirtschaftlich betriebene Umstrukturierung der Universitäten auch nach Maßgabe der selbst gesteckten Ziele gescheitert ist. Das frei gewählte Wechseln des Studienortes ist noch schwieriger geworden als zuvor, da die Studiengänge oftmals derart spezialisierte Profile haben, dass sie sich als inkompatibel erweisen. Ob ein stärkerer Bezug zur Arbeitswelt geschaffen ist, gilt als höchst fraglich. Die Studienabbrecherquote ist eklatant hoch. Man spricht nun allenthalben von »handwerklichen Fehlern«, die beseitigt werden müssten, und mahnt eine Reform der Reform an. Verständnis wird auch großherzig den Demonstrationen entgegengebracht. Wünschenswert aber wäre vielleicht, dialektisch gedacht, das Gegenteil: eine noch weitaus stärkere Gängelung, Einengung, Normierung des deutschen Studenten. Nur damit ließe sich seine Wut noch und hoffentlich endlich zu politischer Wirksamkeit steigern. Es ist die berechtigte Wut einer Jugend, die deutlich erkennt, dass sie um ihre Entwicklungschance betrogen wird.

Aus DIE ZEIT :: 26.11.2009

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