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Nur bedingt tauglich

Von Felix Grigat

Ist die Existenz der Kleinen Fächer an den Universitäten durch Sparmaßnahmen und Reformen der letzten Jahre bedroht? Was bedeutet dies für die Universität und die Wissenschaft?

Nur bedingt tauglich© agujiva - stock.xchng
Die aktuelle Finanzsituation und die Reformen an den Hochschulen bedrohen die Kleinen Fächer in besonderem Maß. Dies geht aus einer Untersuchung der Potsdamer Arbeitsstelle "Kleine Fächer" hervor, die die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) in Auftrag gegeben hat. Die hier erstmals erstellte Kartierung zeigt die Entwicklung von circa 120 Fächern der vergangenen 20 Jahre. Die Situation ist dabei sehr unterschiedlich: Neben Gewinnern wie Computerlinguistik oder Medieninformatik stehen Fächer, die Lehrstühle verloren haben, wie Arabistik, Byzantinistik, Iranistik, Latinistik, klassische Archäologie. Einige Fächer sind angesichts des großen Gebiets, das sie umfassen, erstaunlich klein besetzt, beispielsweise Afrikanistik oder Indologie. Rund die Hälfte aller Fächer gehört zu den ganz Kleinen mit bis zu zehn Lehrstühlen bundesweit.

Nach Ansicht der Autoren der Studie sind gerade kleine Institute, deren Auslastung nicht derjenigen der viel nachgefragten Fächer entsprächen, von der Schließung dann besonders bedroht, wenn es gelte, andere Bereiche der Hochschulen finanziell zu entlasten. "Nachfrage gilt oft als ein Kriterium für Wertigkeit, und nicht selten liefern Rechnungshöfe mit strikt fiskalischen Bewertungen (Auslastungen) Argumentationshilfe", heißt es in der Studie. Die Folge sei, dass Institute oder Lehrstühle geschlossen würden. Als Beispiel wird die Slavistik genannt, in der inzwischen 27 Prozent der Institute geschlossen worden seien.

Auch würden von den Hochschulen Profil- und Schwerpunktbildungen verlangt. Dazu seien die Kleinen Fächer nur "bedingt tauglich", so dass die Versuchung groß sei, deren Kapazitäten für Fächer umzuwidmen, die öffentliche Aufmerksamkeit versprächen.

Probleme sehen die Autoren der Studie weiter aufgrund der aktuellen Bolognareform. Diese verlange eine Ausrichtung der Studiengänge an Berufen bzw. Berufsfeldern und eine Vermittlung zertifizierter berufsbefähigender Fähigkeiten in der relativ kurzen Zeit eines Bachelor-Studiums. Damit würden die Kleinen Fächer, die auch deshalb weniger nachgefragt würden, weil kein klares Berufsbild im Hintergrund stehe, unter Rechtfertigungsdruck gesetzt. Auch bedeute die Studienreform für diese Fächer einen höheren Betreuungsaufwand. Dieser habe zur Folge, dass Kleine Fächer nicht mehr vom Studieneintritt bis zur Promotion den ganzen Ausbildungsweg garantieren könnten, sondern nur noch einzelne Stufen. In Einzelfällen könne selbst der Bachelor-Studiengang nicht mehr in identifizierbarer Form angeboten werden, sondern nur noch Service- Leistungen bzw. Module für ein größeres Fach.

Zudem gefährde der Bologna-Prozess Kleine Fächer durch die Bildung von zahlreichen neuen Studiengängen an den Universitäten. So entstehe eine Konkurrenz zwischen alten und neuen Kleinen Fächern, bei der das Profilbildungsbestreben der neuen, in der Regel "hybriden Fächer" dem Streben nach Bestandserhalt der klassischen, in ihrer Vielfalt und Einteilung historisch gewachsenen Kleinen Fächer gegenüberstehe. Dabei hänge nicht nur die Qualität der Forschung und Lehre, sondern auch das weitere Schicksal der Hybridfächer "in hohem Maße" von der Voraussetzung ab, dass die Fächer weiterhin ihren eigenen Nachwuchs selbst und in einem ausreichenden Umfang ausbilden könnten. "Das aber wird bei einer derartigen Entwicklung zunehmend in Frage gestellt." Dabei trügen nach Ansicht der Autoren Kleine Fächer zum Reformprozess erheblich bei, da sie den Forschungsauftrag der Universität in besonders hohem Maße erfüllten und stark an interdisziplinärer Forschungsarbeit beteiligt seien.

Viele Kleine Fächer gehörten zu den ersten an den nach dem Humboldtschen Bildungsprinzip zu Beginn des 19. Jahrhunderts umgestalteten Universitäten. Die Geschichte der modernen Universität wäre ohne Alte Sprachen und Philologien nicht denkbar. Sie begründeten vielfach das Renommee deutscher Universitäten im Ausland und trügen dazu bei, dass Deutsch weiterhin Wissenschaftssprache sei. So hätten z.B. viele der Regionalstudien eine politische Relevanz. Von den Studien der Islamwissenschaften der letzten Jahrzehnte profitiere die Gesellschaft heute. Kleine Fächer hätten über den Gegenwartsbezug hinaus eine große wissenschaftliche Relevanz, weil sie als Reservoir für gesellschaftliches Wissen dienten, das bei Bedarf abgerufen werden könne. Ihre eigentliche Bedeutung sei deshalb nicht tagespolitisch zu begründen. Sie trügen auch zur Bildung ihrer Absolventen bei und vermittelten nützliche kulturelle Kenntnisse.

Ungeachtet dieser Vorzüge Kleiner Fächer sei zu befürchten, dass die Hochschulen derzeit zu ihren Ungunsten umstrukturiert würden. "Wo sich die weitere Existenz einer Professur an der Zahl der Studierenden orientiere, droht die Streichung der Stelle und somit der Verlust des Faches. Wo das zahlenmäßig geringe Personal keinen eigenen Studiengang mehr betreuen kann, droht der Verlust des eigenen Nachwuchses und somit auch der Verlust des Faches selbst."

Aus Forschung und Lehre :: Januar 2008

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