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Operation Bachelor

Von Jan-Martin Wiarda

Kein Fach kämpft so verbissen gegen die Studienreform wie die Medizin. Wer aus der Front ausbricht, bekommt den Zorn der Kollegen zu spüren.

Operation Bachelor© Adivin - iStockphoto.com
Es gibt von dieser Geschichte zwei Versionen. Die erste stammt von Hans-Rudolf Raab, Klinikdirektor. Sie wird in begeisterter Tonlage vorgetragen und lautet: Wir hier in Oldenburg machen etwas völlig Neues. Wir wollen die ersten europäischen Ärzte ausbilden - keine deutschen, keine holländischen, sondern europäische. Die zweite Version der Geschichte stammt von Volker Hildebrandt, Generalsekretär des Medizinischen Fakultätentages (MFT), aus ihr spricht die Entrüstung, und sie lautet: Die Oldenburger wollen die Approbationsordnung unterlaufen, all die bewährten Standards, die festlegen, wer wie in Deutschland Arzt werden darf. Ihr Modell läuft darauf hinaus, dass deutsche Steuergelder die Ausbildung niederländischer Ärzte finanzieren. Wer Raab und Hildebrandt zuhört, vergisst schnell, dass sie vom selben Vorhaben reden: von der Gründung einer neuen medizinischen Fakultät, der ersten im äußersten Nordwesten der Republik. Raab sagt: Wer einen neuen Weg gehen will, der muss vom Mainstream abweichen. Hildebrandt, dessen MFT die bereits bestehenden Fakultäten im Land vertritt, sagt: Die Oldenburger wollen unbedingt Volluniversität werden. Das ist ihr Kalkül.

Die Bachelorgegner warnen vor dem Discount-Mediziner

Längst hat der Streit um die Oldenburger Universitätsmedizin die Sachebene hinter sich gelassen. Denn eigentlich geht es um etwas ganz anderes: Die Niedersachsen wollen die Ersten sein, die das Medizinstudium komplett über die neuen Bachelor- und Masterabschlüsse laufen lassen. So wird die mittelmäßig spannende Auseinandersetzung eini ger Ärztefunktionäre zum bundesweiten Bildungspolitikum - und zum Inbegriff des tiefen Risses, der sich durch die deutsche Medizin insgesamt zieht. Denn die Mehrheit der Ärzte ist strikt gegen die unter dem Stichwort »Bologna-Prozess« bekannte europäische Studienreform und will das traditionelle Staatsexamen als Zugang in den Arztberuf verteidigen. Bachelor-Mediziner wären im Grunde nichts anderes als die mittelalterlichen Bader, schimpfen Ärztefunktionäre, die Pläne liefen auf »Discount-Mediziner« hinaus. Die Reformer werfen ihren Gegnern Standesdünkel und ideologische Verbohrtheit vor.

Der Streit um den Oldenburger Medizin-Bachelor ist so heftig, dass manch ausländischer Beobachter verwirrt daneben steht. Jan Borleffs von der Groninger Reichsuniversität zum Beispiel, die von den Oldenburgern als Partner für ihr Vorhaben an Bord geholt wurde. »Was soll ich sagen?«, murmelt der Medizin-Dekan. »Es ist wohl eine typisch deutsche Eigenart, alles so ausführlich zu diskutieren - während wir Holländer immer als Klassenbeste vorne weg laufen wollen.« Rückblick. Vor drei Jahren sitzt Raab mit dem damaligen Vizepräsidenten der Uni Oldenburg, Reto Weiler, zusammen. Mit dabei ist auch Sibrand Poppema, mittlerweile Präsident der Groninger Reichsuniversität. Die Männer haben einen Plan, der für alle Seiten seinen Reiz hat: Oldenburg bekommt endlich eine eigene Medizinerausbildung, drei Kliniken in der Stadt werden in den Status eines Universitätsklinikums erhoben, und Groningen kann den bereits ausgezeichneten Ruf seiner medizinischen Fakultät um eine weitere internationale Partnerschaft bereichern.

Das Zauberwort heißt Doppelabschluss. An der European Medical School Oldenburg-Groningen (EMS), die Deutsche und Niederländer gemeinsam gründen wollen, sollen 80 Studenten pro Jahrgang einen deutschen Master in Humanmedizin und einen niederländischen Master in Geneeskunde machen. »Eine wegweisende internationale Partnerschaft«, jubelt Raab.

Volker Hildebrandt vom Fakultätentag würde allerdings eher von einem Umgehungstatbestand sprechen. Denn erst der niederländische Titel wird es den Oldenburger Absolventen ermöglichen, in Deutschland ihre Zulassung als Ärzte zu beantragen. Die Approbationsordnung sieht das Bachelor- Master-System als Weg in den Ärzteberuf nicht vor, während der niederländische Abschluss laut EU-Recht als dem deutschen Staatsexamen gleichwertig anerkannt werden muss. »Die Oldenburger nehmen die Hintertür, um in Deutschland den Bachelor in der Medizin zu etablieren, einen Abschluss, den die überwiegende Mehrheit der deutschen Mediziner nicht will«, kritisiert Hildebrandt. Und während der Tumorexperte Hans-Rudolf Raab das »absolut innovative Curriculum« lobt und einen »längst überfälligen Systemwechsel« ankündigt, »weg von einer Grundstruktur aus dem 19. Jahrhundert hin zu einem Studium für das 21. Jahrhundert«, vermutet der MFT-Funktionär ganz andere Ziele hinter der Medical School: Die Niederländer hätten ins be son de re deshalb Interesse an einer Zusammenarbeit, weil ihre eigenen Lehrkrankenhäuser nicht mehr ausreichten, um alle Medizinstudenten unterbringen zu können.

Zwar wolle er mit seiner Kritik keineswegs die wissenschaftliche Qualität der Groninger Medizin infrage stellen, betont Hildebrandt dann schnell noch zur Sicherheit. »Doch es ist ein Trugschluss für die Oldenburger Naturwissenschaften, zu denken, dass sie gute Mediziner ausbilden können, weil ihr niederländischer Partner gut ist.« Trotz dieser Beschwichtigung ist Jan Borleffs empört, als er von Hildebrandts Vermutung erfährt. »Es ist Unsinn, dass wir in Groningen nicht die nötigen Klinikkapazitäten haben. Wir haben jedes Jahr über 400 Studienanfänger, die EMS würde maximal 20 bis 40 davon aufnehmen.« Dann wird Borleffs Ton wieder gnädiger. Viele Deutsche hätten noch nicht erfahren, welche enormen Vorteile die europäischen Abschlüsse auch der Medizin böten, von der europäischen Vernetzung bis zur besseren Studierbarkeit. »Die Sorge, Bachelor und Master würden weniger forschungsbasiertes Lernen bedeuten, ist unbegründet.«

Die Reformer beklagen sich über die "polemische Stimmungsmache"

Volker Hildebrandt hat jedoch noch ganz andere Sorgen. Er bezweifelt, dass genug Geld vom Land kommen wird, um in Oldenburg ernst zu nehmende Forschung zu betreiben. »Es darf nicht auf eine Fakultät light hinauslaufen, die hauptsächlich aus nebenberuflichen Lehrbeauftragten besteht - anstatt von hauptamtlichen Hochschullehrern mit eigenem Lehrstuhl.« Tatsächlich ist es so, dass die Professoren am neuen Uniklinikum teilweise mit den bisherigen Krankenhausärzten identisch sein werden. Sie tragen häufig schon jetzt einen Professorentitel, doch den verdanken sie meist Lehraufträgen an anderen Universitäten, die sie nebenbei versehen. Hildebrandt sagt: »Lehrbeauftragte können zwar gute Klinikärzte sein, werden aber nur selten den hohen Ansprüchen der Medizinerausbildung gerecht.«

Klinikdirektor Hans-Rudolf Raab sagt, er diskutiere gern über Sachfragen, sehe sich aber stattdessen einer polemischen Stimmungsmache gegenüber. Die Kostenrechnung sei solide, die Summe von gut 11 Millionen Euro jährlich sehe nur geringer aus, »weil wir in vorbildlicher Weise eine Trennungsrechnung ermöglichen zwischen der steuerfinanzierten Forschung und Lehre auf der einen Seite und der Krankenversorgung auf der anderen«. Selbstverständlich werde es keinen Bachelor-Arzt geben, und natürlich würden alle Professoren in strengen Berufungsverfahren ihre wissenschaftliche Qualität beweisen müssen. »Im Übrigen kann man nicht erwarten, dass schon jedes i-Tüpfelchen unverrückbar feststeht.« Das Konzept der Medical School befinde sich in der Entwicklung. Tatsächlich steht erst im Herbst die Begutachtung durch Experten des Wissenschaftsrats an. Die Idee an sich, Bachelor und Master in der Medizin, wird aber von Hochschulrektorenkonferenz und Bildungs politik weitgehend unterstützt. »Offenbar geht es den Kritikern aber genau darum, die Idee als solche kaputt zu machen«, sagt Raab.

Die Idee als solche - genau die hält Volker Hildebrandt für überflüssig. »In den Niederlanden machen 95 Prozent der Studenten ihren Masterabschluss. Das zeigt, dass keiner den Bachelor braucht.« Doch ausgerechnet die zusätzlichen Möglichkeiten nach dem Bachelor sind es, von denen der Chirurg Raab so begeistert ist: »Natürlich machen die allermeisten ihren Master. Aber erst der Bachelor als Scharnier macht sie beweglich.« Die Absolventen könnten dann überall in Europa weiterstudieren, schwärmt Raab, sie wären nicht mehr allein auf die Medizin festgelegt. »Sie könnten zwischen vielen Fächern wählen, von der Molekularbiologie bis zur Biochemie. Das ist doch ein Gewinn an Flexibilität.« Die Gründung der Medical School Oldenburg- Groningen wird, so scheint es, wohl noch eine ganze Weile eine Geschichte bleiben mit zwei Versionen, die nicht zusammenpassen.

Aus DIE ZEIT :: 10.06.2009

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