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Paul Krugman erhält den Nobelpreis für Wirtschaft

Von Thomas Fischermann und Uwe Jean Heuser

Obwohl der so begnadete wie schwierige Professor kaum noch forscht, erhält er den Nobelpreis für Wirtschaft. Stattdessen wettert er lieber gegen George W. Bush.

Paul Krugman erhält den Nobelpreis für Wirtschaft© Brian Wilson - Princeton University
Er ist bitter, er ist ein Zyniker, und manchmal ist er herrlich lustig. Als Paul Krugman vor wenigen Wochen in der Fernsehshow Real Time with Bill Maher zugeschaltet war, als adrett gekleideter und fast schüchtern dreinblickender Akademiker mit hoher Stimme, kam das Gespräch recht bald auch auf den Handel mit China. Und Krugman blieb ganz ernst. "Fair und balanciert" sei der Handel mit den Chinesen. "Die schicken uns vergiftetes Spielzeug, wir revanchieren uns mit betrügerischen Wertpapieren."

Paul R. Krugman, 55 Jahre alt, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Princeton und seit Montagmittag Ökonomie-Nobelpreisträger, muss so nicht reden. Schließlich ist er einer der besten Handelstheoretiker auf dem Planeten. Er hat die "neue Handelstheorie" in den späten siebziger Jahren mitbegründet. Darin wird trefflich erklärt, warum moderne Volkswirtschaften so ausgiebig und so gewinnbringend miteinander Waren und Dienstleistungen tauschen. Ganz realistisch berücksichtigt Krugman dabei, dass im modernen Rennen um Technologieführerschaft und Monopole keineswegs überall perfekter Wettbewerb herrsche. Krugman ist kein Marktgläubiger, sondern ein Marktforscher und steht damit für eine ganze Generation junger Ökonomen. Mit diesem Ansatz hat er auch neue Denkweisen in die Wirtschaftsgeografie eingeführt und das Verständnis von Währungskrisen erweitert.

In diesen wissenschaftlichen Texten bleibt Krugman pointenfrei, er drückt sich über weite Strecken gar in mathematischen Formeln aus, und in seiner Zunft hat ihm dies tiefe Verehrung eingebracht. "Paul entdeckt ein wichtiges wirtschaftliches Problem, Monate oder Jahre vor allen anderen", hat der Ökonom Avanash Dixit einmal den Modus Operandi des Preisträgers beschrieben. "Dann konstruiert er ein kleines Modell davon. Die Reaktion (der anderen Ökonomen) ist eine Mischung aus Bewunderung und Verärgerung. Das Modell ist so klar und einfach. Es lässt zwar so viel aus, hängt von so vielen Annahmen ab. Doch es geht ans Herz des Problems wie ein schmales und scharfes Stilett."

Grundlagen der Handelstheorie

Die Stockholmer Jury hob in ihrer am Montag veröffentlichten Begründung bewundernd hervor, dass Krugmans bahnbrechendes erstes Papier aus dem Jahr 1979 Grundlagen für die neue Handelstheorie gelegt habe - aber "bemerkenswert: Das Papier schafft all dies auf bloß zehn Seiten"!

Das ist die eine Seite des Paul Krugman. Die unbekanntere. Die ältere. Denn seit Jahren schon hat sich der Professor ein ganz anderes Metier gesucht: Er veröffentlicht kaum noch wissenschaftliche Beiträge und hält wenige Vorlesungen, dafür ist er ein viel gelesener, hoch polemischer Kolumnist bei der New York Times geworden. Ein Autor regierungskritischer Bücher und ein humorvollkämpferischer Teilnehmer an Fernsehdebatten. Eine wundersame Wandlung, die sich Schritt für Schritt vollzog.

Krugmans erstes populäres Buch aus dem Jahr 1990, "Das Zeitalter der reduzierten Erwartungen", hatte noch vordringlich der Volksaufklärung gedient: ein glasklar geschriebenes Werk über die ökonomischen Probleme der USA gegen Ende der achtziger Jahre, das der Professor auf seine streitbare Art gleich gegen die Kritik durch Kollegen verteidigte: Ja, Volkswirte sollten sich auch mit solchen allgemein verständlichen Schriften an die Öffentlichkeit wagen. Sonst seien sie an der schlechten Qualität der Wirtschaftspolitik, an der Dummheit der Medienmacher und der Stammtischdebatten mit schuldig!

Krugman fand offenbar Geschmack am Streit. Etliche Wirtschaftsberater der Reagan-Ära schalt er im Rückblick als eine Bande zweifelhafter Ideologen, denen "schlicht die Grundkenntnisse" der Volkswirtschaftslehre fehlten. Die Maastrichter Beschlüsse über die Schuldenbegrenzung in der Euro-Region schienen ihm ein Beweis dafür zu sein, dass eine "Runde ernsthafter Menschen in Anzügen zusammensitzen kann und trotzdem keine Ahnung hat, wovon sie da redet". Die Apostel der Standortdebatte, die ohne theoretische Untermauerung von der Wettbewerbsfähigkeit von Nationen redeten, erklärte er zu "Pop-Ökonomen", denen "ganz offenkundig die grundlegendsten Kenntnisse fehlen".

Im Jahr 2000 begann er seine regelmäßige Kolumne in der New York Times und wurde dabei einer der großen Widersacher der republikanischen Regierung. Krugmans ausgewogenere Beiträge - seine wohl überlegte Kritik am chinesischen Wachstumsmodell etwa oder seine frühen Warnungen vor der Immobilien- und Finanz krise in Amerika - gingen dabei fast unter.

Krugman spitzte zu, Krugman übertrieb. Die Ungleichheit in den USA werde durch Bushs Steuerpolitik absurd groß, wetterte er in Vorträgen und Artikeln. Jetzt sei es so weit, dass nur noch das oberste Promille der Amerikaner den großen Reibach mache und die anderen immer weiter abfielen, erklärte er Mitte dieses Jahrzehnts - der Graben ginge schon mitten durch die Konzernvorstände, weil die Chefs auf Kosten der anderen Topmanager reicher würden. Mehr müsse man gar nicht sagen, um Bush zu verstehen.
So etwas sorgt für Ärger in Amerika, und Krugman genießt ihn. Schelmisch grinsend, saß der Professor vor einiger Zeit im Studio der rechtslastigen amerikanischen Talkshow O'Reilly Factor, wo er als "der größte Bush-Hasser der New York Times" vorgestellt wurde und dann tapfer gegen den brüllenden Moderator ankämpfte. In seinem neuesten Buch vergleicht Krugman an einer Stelle das US-Gesundheitssystem (schlecht) mit dem französischen (gut) - und beantwortete der Frankfurter Rundschau im Mai auch artig die Frage, warum das deutsche System keine Erwähnung finde: "Der Vergleich mit Frankreich ist einfach besser geeignet, um die Amerikaner zu ärgern."

Schon in akademischen Debatten galt der Professor als barsch und ungeduldig. Vielleicht war er auch nur gelangweilt, wie ein Bekannter Krugmans aus Princeton spekuliert: "Irgendwann kommt der Punkt, da merkt man, man schreibt nur noch Fachaufsätze, die von den Kollegen gelesen werden." Der clevere Harvard-Ökonom Ed Glaeser begrüßte den Nobelpreis am Montag denn auch hinterhältig: "Krugmans Ruhm als ein öffentlicher Intellektueller sollte niemanden glauben lassen, er verstünde seine Beiträge zur ökonomischen Forschung, nur weil er seine Zeitungskolumnen gelesen habe."

"Sogar in der Ökonomenzunft werden nun einige meckern, weil sie Krugman womöglich mit einer Mischung aus Neid und Abneigung sehen", sagt Uwe E. Reinhardt, ein deutscher Kollege in Princeton. "Neid, weil er auch bei 'gewöhnlichen Sterblichen' außerhalb unseres Ordens bekannt ist, und Ablehnung, weil er zumindest vorübergehend die Welt unserer mathematischen Modelle verlassen hat."

Der Nobelpreisträger als Mann der zwei Gesichter?

Krugmans Neigung zur Effekthascherei hat schon früh auch seine akademische Arbeit erreicht. So ließ er sich 1987 in einem Fachaufsatz hinreißen, die eigene Handelstheorie indirekt anzupreisen, indem er die Zunft kritisierte. "Ist der freie Handel passé?", fragte er. Antwort: "Wenn es irgendein Credo der Ökonomenzunft gibt, gehört sicherlich der Satz dazu: Ich unterstütze den freien Handel." Das sei aber "heute zweifelhafter als jemals, seit 1817 Ricardos Werk über die Grundlagen der politischen Ökonomie publiziert wurde".

Bis in die siebziger Jahre hinein hatten Ökonomen meist zur 200 Jahre alten Erklärung von David Ricardo gestanden: Jedes Land stellt das her, was es mit seiner Ausstattung am besten kann. Deshalb schicken arme Länder uns ihre Kakaobohnen und wir ihnen unsere Maschinen. Lange schon hatten aber viele Fakten dieser Sicht widersprochen, zum Beispiel blühte der Handel zwischen Ländern mit ziemlich gleicher Ausstattung an Kapital, Rohstoffen und Menschen. Deutschland lieferte Autos nach Frankreich, Frankreich lieferte Autos nach Deutschland.

Krugman fand Wege, das modellhaft zu begründen; unter anderem nahm er die uralte Erkenntnis auf, dass große Industrieunternehmen umso wirtschaftlicher arbeiten, je größer die Märkte sind, die sie beliefern. Also lohnt es sich für Renault, ein bestimmtes Automodell für einen bestimmten Käufertyp in Deutschland und in Frankreich zu produzieren - auf den Bau eines anderen Modells aber zu verzichten und es den Kollegen bei BMW zu überlassen. Die Autokäufer haben vom Handel gleich zweierlei: mehr Auswahl und preiswertere Autos dank der internationalen Massenproduktion.

Krugmans Art, über den Handel nachzudenken, ließ auch Fälle zu, in denen man die Grenzen protektionistisch verschließen sollte. Auf Märkten nämlich, wo stets der Größere gewinnt, kann es sinnvoll sein, ausländische Wettbewerber vom eigenen Markt fernzuhalten oder die eigenen Unternehmen im Ausland zu subventionieren. "Strategische Handelspolitik" hieß die Idee. Krugman machte sich damit viele Freunde bei Handelsgegnern in seiner demokratischen Partei und viele Feinde im marktliberalen Lager. Mancher Freund war falsch, mancher Feind auch, aber Gegnerschaft schien Krugman immer anzutreiben.

Also: Ist freier Handel "passé", wie Krugman fragte? In Wahrheit fand sich in dem Artikel recht bald der verschämte Hinweis: "Der freie Handel ist nicht passé, aber er ist eine Idee, die ihre Unschuld verloren hat." Später im Text ist dann von "empirischen Schwierigkeiten" die Rede und von uninformierten Politikern, die über die richtigen protektionistischen Maßnahmen gar nicht kompetent entscheiden könnten. Noch etwas später folgt die Schlussfeststellung: Man könne "zugleich glauben", dass die alten Handelstheorien "inkomplett" seien und "dass freier Handel dennoch die richtige Politik ist". Manche würden es eine Mogelpackung nennen. Gegen den medienwirksamen Eindruck, er sei ein Kämpfer gegen den freien Handel, tat Krugman außerhalb seiner Fachartikel und Lehrbücher wenig.

So kommt es, dass Krugmans Nobelpreis in Amerika auch als ein Signal verstanden wird. Als eine Einmischung in den Wahlkampf gar. Mitglieder des Komitees beschwören zwar stets, sie hätten mit politischen Fragen nichts zu tun, doch von praktischen Erwägungen ist das Komitee sicher nicht frei: Mit dem Nobelpreis für den libertären Ökonomen Friedrich August von Hayek etwa läutete es vor 34 Jahren den Siegeszug des Liberalismus ein. Will es jetzt die Ökonomen zum Grenzgängertum auffordern?


Paul R. Krugman

1953 wird er in New York City geboren. Er wächst auf Long Island als Sohn einer Mittelschichtfamilie auf.
In den siebziger Jahren studiert Krugman Ökonomie und promoviert 1977 am renommierten Massachusetts Institute of Technology. Danach lehrt er an der Yale- Universität.
1982 wird der Ökonom Mitarbeiter der konservativen Regierung von Ronald Reagan, die seiner Kritik nach eigenen Angaben wenig Gehör schenkte.
1991 berät er den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Bill Clinton. Hoffnungen, nach dessen Sieg mit ins Weiße Haus zu kommen, erfüllt sich nicht. Fortan verstärkt Krugman seine Arbeit als Kommentator und Kolumnist. Nach Zwischenstationen unter anderem in Stanford beginnt er 2000 als Professor an der Princeton-Universität und nimmt seine Arbeit als Kolumnist der New York Times auf.
2008: Nobelpreis für Wirtschaft.

Aus DIE ZEIT :: 16.10.2008

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