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Peanuts: Deutsche Universitäten, von Amerika aus betrachtet

Von Jeffrey Hamburger

Der gegenwärtige Umbau der deutschen Universitäten wird von vielen als Amerikanisierung betrachtet. Das mag dem US-Amerikaner schmeicheln, es überrascht aber auch angesichts des weitverbreiteten Antiamerikanismus, der, zumindest auf den ersten Blick, unter vielen deutschen Intellektuellen vorzuherrschen scheint.

Deutsche Universitäten, von Amerika aus betrachtet© woodsy - stock.xchng
Die deutschen Universitäten sind bestenfalls an der Oberfläche amerikanisiert. Die Feststellung, dass ihnen vor allem ein unverzichtbares Element - das Geld - fehlt, wäre indes zu einfach. Die lauthals propagierte Exzellenzinitiative, die in den letzten Jahren die Tatkraft zahlloser deutscher Universitätsangehöriger in Anspruch genommen und eine Unzahl von Arbeitsstunden verbraucht hat, die produktiver in Forschung und Lehre hätten investiert werden können, diese Initiative könnte man wohl nur als ein Mittel betrachten, einige wenige Universitäten auf Kosten vieler anderer etwas aufzupeppen. Der ökonomische Kahlschlag, dem die Universitäten unterzogen waren, wird kunstvoll unter dem schmucken Kostüm einer Reform versteckt.

Trotz des enormen Wirbels und der geradezu verrückt anmutenden Katzbalgereien, die der Verleihung des Elitestatus an eine Handvoll von Einrichtungen vorangingen: Nur das Geld zählt. Zweifellos sind die ausgeteilten 1,9 Milliarden Euro erstmal eine eindrucksvolle Summe. Im größeren Rahmen betrachtet indes ist ein solcher Betrag, um einen gängigen Ausdruck zu benutzen, Peanuts.

Natürlich wurden und werden einige dieser Gelder sinnvoll ausgegeben. Der Wettstreit um Forschungsmittel ist an sich schon eine gesunde Angelegenheit. Ob ein solch zentralisierter Wettbewerb jedoch wirklich zukunftsweisend sein kann, das ist eine völlig andere Frage. Wie sinnvoll mag eine Investition in Projekte sein, die manchmal kaum mehr darstellen als eine Wundertüte privater Professoren-Steckenpferde, wenn zugleich allerorten die Haushalte für Langzeitprioritäten wie etwa Bibliotheken und Mitarbeiter drastisch zusammengekürzt werden? Deutschland investiert im Vergleich mit anderen Industrienationen noch immer einen viel zu geringen prozentualen Anteil seines Bruttosozialprodukts in Bildung. Gemäß der jüngsten verfügbaren Statistik der Organization for Economic Co- Operation and Development (2004) geben die USA etwa 4,1 Prozent ihres Bruttosozialprodukts für Bildung auf allen Ebenen aus. Im Gegensatz dazu belaufen sich die deutschen Bildungsausgaben auf 3,5 Prozent.

Die Schweiz liegt bei 4,5 Prozent, Ungarn bei 3,5 Prozent. Aussagekräftiger ist aber, dass für die höhere, die akademische Bildung in den USA 2,9 Prozent des Sozialprodukts ausgegeben werden - in Deutschland beläuft sich diese Zahl auf 1,1 Prozent, genauso viel wie in der Slovakei und Griechenland. Kein Wunder, dass die deutschen Universitäten leiden.

Die Verleihung des Elitestatus bringt einer glücklichen Universität, die davon betroffen ist, 20 bis 80 Millionen Euro. Sicher zunächst keine "schäbige" Summe, über die man sich lustig machen darf. Aber wenn man bedenkt, dass dieses Geld über den langen Zeitraum von fünf Jahren hinweg an zahlreiche Institute verteilt wird, erscheint der Betrag sehr schnell nicht mehr gar so bedeutsam. Harvard verfügt inzwischen über 35 Milliarden Dollar. Allein im Jahr 2007 erhielt die Universität 615 Millionen Dollar durch Stiftungen von Freunden und Alumni.

Allein in diesem Jahr gab Harvard 596 Millionen Dollar für Investitionen und nochmals 340 Millionen an finanzieller Unterstützung für Studenten aus, dazu kamen 61 Millionen für studentische Jobs und 30 Millionen Darlehen für Studierende. In den vergangenen zehn Jahren hat die Universität fast 100 neue Fakultätsmitglieder angestellt.

Aber natürlich sind solche Vergleiche überflüssig. Wo auch immer das Modell Eliteuniversität diskutiert wird, erklingt die unvermeidbare Litanei von Harvard, Yale und Princeton. Angemessener wäre es aber, den Standard deutscher öffentlicher Universitäten eher mit den besten öffentlichen Universitäten der USA zu vergleichen, etwa mit der University of California in Berkeley, der UCLA, der Indiana University (Bloomington) und Texas (Austin). Diese Einrichtungen werden großteils durch Steuergelder finanziert, und sie sind alle, von welcher Seite man es auch betrachtet, Exzellenz-Zentren, ausgestattet mit Scharen von Lehrkräften, riesigen Bibliotheken und führenden Programmen für die fortgeschrittenen und natürlich auch für die "exzellenten" Studierenden.

Aber öffentliche Universitäten in den USA profitieren auch von einer Kultur der Philanthropie, die in dieser Form in Deutschland nicht existiert. Die staatliche University of Michigan in Ann Arbor hat von 2004 bis 2007 nicht weniger als 2,5 Milliarden Dollar aus privaten Quellen eingenommen, einschließlich einer Summe von mehr als 300 Millionen Dollar von über 120 000 Einzelpersonen allein in 2007. Es ist nicht so, dass die Deutschen nicht großzügig wären; die Öffentlichkeit reagiert im allgemeinen sehr regelmäßig auf diesen oder jenen Spendenaufruf. Das Hauptproblem liegt darin, dass das Steuersystem nicht so gestaltet ist, dass Philanthropie und Spendenfreudigkeit, die sich auf Institutionen der höheren Bildung richten würden, belohnt und angemessen gewürdigt werden.

Ein weiterer relevanter Punkt dürfte vor dem Hintergrund des deutschen Diskurses zu diesem Thema befremdlich erscheinen. Was in den USA eine Eliteuniversität elitär macht, ist nicht ihre finanzielle Stellung oder das Forschungsprofil ihrer Mitglieder, sondern ganz einfach die Qualität ihrer Studierenden. Das ganze System der staatlichen wie privaten Einrichtungen freilich fußt auf Zulassungsprozeduren, die auf der Basis von Eignung und Befähigung eine strenge Auswahl treffen - nicht aber, wie es oft vereinfachend heißt, auf der Basis der Zahlungsfähigkeit: Viele Studenten erhalten von der Universität volle finanzielle Unterstützung und viele andere erhebliche Kredite und Stipendien. Auch an öffentlichen Einrichtungen können die Studiengebühren wesentlich höher ausfallen als die jetzt vielerorts in Deutschland erhobenen. Die Ansicht, öffentliche Erziehung gäbe es "umsonst", ist illusorisch. Labore und Bibliotheken fallen nicht vom Himmel, und auf einem gewissen Niveau bekommt man eben das, wofür man zu zahlen bereit ist.

Vielleicht gehen alle solche Vergleiche am Ziel vorbei. Man sollte in Deutschland zur Kenntnis nehmen, dass das hiesige Universitätssystem eben einfach anders ist, und dass man diese Unterschiede nicht leichtfertig liquidieren darf. Welch eine Ironie, wenn Deutschland im Drang nach Amerikanisierung seines Hochschulwesens genau die Charakteristika seines Systems aufgäbe, die die amerikanischen Universitäten im 19. Jahrhundert nachzueifern suchten. Die deutschen Universitäten führen neue Bachelor- und Masterprogramme ein, doch diese haben kaum eine Ähnlichkeit mit ihren sogenannten Namensvettern in den USA. Es fehlt die Freiheit, die es den Studenten gestattet, den eigenen Studienverlauf selbst zu bestimmen.

Natürlich gibt es auch rein praktische Probleme. Gemeinsam mit dem Drang, einige wenige Institutionen zur "Elite" zu erklären, erklang der Ruf, die Lehre von der Forschung zu trennen. Eine solche Trennung wäre nicht weniger als ein Desaster. Schon jetzt herrscht an deutschen Universitäten eine tiefe Abneigung und Desillusionierung. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, auch die Juniorprofessoren, brauchen und verdienen mindestens ein paar Möglichkeiten, sich ganz und gar mit ihren Forschungsaufgaben beschäftigen zu können und sich in dieser Zeit nicht um die Belange des Hörsaals kümmern zu müssen. Aber es gibt kaum einen Ort, an dem nicht der Kontakt mit Studierenden und jüngeren Kollegen das konzeptionelle Überdenken komplexer Forschungsprobleme erheblich fördern würde. Forschung ohne Kontakt zu den Herausforderungen des Hörsaals versteinert. Forschungsbasierte Lehre bleibt dagegen die beste Vorsorge gegen akademischen Solipsismus und ist überdies der geeignete Weg, hochspezialisierten Fächern das Überleben zu sichern. Zur Zeit sieht eine Reihe akademischer Spezialgebiete, in denen Deutschland einstmals führend war, zumindest in den Geisteswissenschaften einem langsamen, aber sicheren Aussterben entgegen.
Ein derzeit viel propagiertes Konzept, dessen Bezeichnung wohl auch aus dem amerikanischen Wörterbuch stammt, ist das "Sponsoring". Aber dieses Wort hört man auf keinem amerikanischen Campus, und wenn doch, dann höchstens in Verbindung mit dem Sport (auch dies ein Skandal, aber das steht auf einem anderen Blatt). Der Begriff riecht nach Reklame und nach kommerzieller Unterstützung von Athleten - eigentlich ganz passend, wenn man den Wettlauf um die Drittmittel betrachtet, der heutzutage den Alltag der meisten deutschen Akademiker zu bestimmen scheint. Zuwendungen dieser Art sind enorm wichtig, natürlich auch in den USA, dort aber vor allem in den Naturwissenschaften. Auch hier gibt es wichtige Unterschiede zwischen unseren beiden Systemen. Amerikanische Universitäten stützten sich schon immer auf Studiengebühren und auf die Grundausstattung, um ihre fortgeschrittenen Studenten zu unterstützen. Während Naturwissenschaftler im Team arbeiten, forschen geisteswissenschaftliche Doktoranden meist allein. Im Gegensatz dazu wird der Nachwuchs in Deutschland in großen Sonderforschungsbereichen and Graduiertenkollegs zusammengetrieben. Im Idealfall leiten diese Gruppierungen an zur Interdisziplinarität. Außerdem sind sie natürlich eine wichtige Quelle für Stipendien. Die unerbittliche Hetzjagd nach Drittmitteln aber bedroht die Unabhängigkeit solcher Projekte, besonders wenn das Sirenenheulen der akademischen Moden erklingt, die wirkliche Innovation hervorbringen, aber auch zu einer Verminderung der intellektuellen Differenziertheit führen können. Niemals werde ich die Ansprache eines Dekans einer prominenten deutschen Universität aus Anlass der Eröffnung eines Sonderforschungsbereichs vergessen, der meinte erklären zu müssen: "Das Zeitalter des Einzelforschers ist vorbei!" Ich war versucht, auszurufen: "Bei mir nicht!"

Um solche Unternehmungen am Laufen zu halten, müssen die Mitarbeiter immer mehr Zeit für das "Fundraising" investieren und im Erfolgsfall noch mehr Zeit für die Verwaltung der eingeworbenen Gelder. Da solche Aufgaben dann gerade den neuberufenen Juniorprofessoren - noch ein Amerikanismus, der durch die Übersetzung viel von seiner Bedeutung verloren hat - übertragen werden, haben diese jüngeren Kollegen weniger Zeit für die Forschung. An den besseren amerikanischen Universitäten werden gerade die jüngeren Mitarbeiter für die Forschung freigestellt, damit sie ihre Festanstellung vorantreiben können. Selbstverständlich spielt dabei auch ihre Fähigkeit zur effizienten Lehre eine Rolle.

Die Jagd nach den Drittmitteln führt zu einer weiteren inflationären Spirale. Anders als in den USA, werden in Deutschland enorme Energien und Geldmengen in Kolloquien investiert, deren Hauptzweck darin zu bestehen scheint, neue Mittel zu beschaffen, um damit die nächste Runde von Kolloquien finanzieren zu können. Manche dieser Treffen bringen nützliche Ergebnisse, aber die meisten eben nicht. Solche Versammlungen sollen das "Networking" fördern, heißt es, als wäre dies an sich schon ein erstrebenswertes Ziel.

Zwar ist dieser Begriff von deutschen Akademikern begeistert adaptiert worden, im Englischen hat er aber durchaus negative Konnotationen, die an das wechselseitige Zuschanzen von Gefälligkeiten denken lassen. Die Endlosschleife von Kolloquien, auf denen alle reden, aber kaum einer zuhört, lädt wiederum ein zur Jagd auf die nächste, die neueste, die aktuellste Methode, oder besser auf das, was wiederum mit einem englischen Begriff als "turn" bezeichnet wird. Diese "turns" kommen inzwischen so zahlreich und so schnell, dass einem der Kopf schwirrt, dass man zumindest das Gefühl bekommt, man drehe sich im Kreise. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft und Einrichtungen wie die Gerda-Henkel-Stiftung, die genau diese Spirale unterstützen und Heerscharen von Akademikern auf einen Dauertrip von einem Hörsaal zum nächsten schicken (gerne auch in südlichen, sonnigeren Gefilden), sollten erwägen, ob die für solche Zwecke verteilte massive Unterstützung, auf die viele amerikanische Akademiker nur neidisch sein können (besonders, wenn dadurch wissenschaftliche Wälzer zustande kommen, die aus Gründen des verlegerischen Kommerzes niemals das Licht der Welt erblickt hätten, wäre ihre Drucklegung nicht mit öffentlichen Geldern bezahlt worden), nicht besser für dauerhafte Infrastrukturmaßnahmen und für die Einrichtung oder Unterstützung zusätzlicher, abgesicherter Mitarbeiterstellen verwendet werden könnte. Das könnte unter anderem dazu beitragen, die schreckenerregenden Zahlenverhältnisse von Dozenten und Studenten zu verbessern, die an den meisten amerikanischen Universitäten einfach nicht geduldet würden. In den USA gibt es kaum Seminare mit mehr als 12 bis 15 Studierenden. In Deutschland umfasst manche Teilnehmerliste hunderte von Namen, und die Kommilitonen müssen oftmals ihre Studienzeit nur deshalb um mehrere Semester verlängern, weil sie schon in den Pflichtveranstaltungen für Anfänger keinen Platz gefunden haben.

Zweifellos müssen die deutschen Universitäten reformiert werden - die amerikanischen übrigens ebenso. Aber machen wir uns nichts vor. Was wir brauchen, ist weniger Rauch, mehr Feuer - und mehr Geld.

Autor: Jeffrey Hamburger
Der Kunsthistoriker Jeffrey Hamburger ist der Kuno Francke Professor für Deutsche Kunst und Kultur an der Harvard Universität. Er war Stipendiat der Humboldt-Stiftung und ist Mitglied des Beirats der deutschen Handschriftenzentren. (Der Artikel wurde von Falk Eisermann übersetzt )

Aus Forschung und Lehre :: Juni 2008

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